Für Abweichler war das Leben in der Katholischen Kirche nie ein Zuckerschlecken. Früher, als die Zeiten noch rauer und die Strafen drakonischer waren, wurden sie mit Schimpf und Schande verbannt oder gar verbrannt. Heute, da die Kirche milder geworden ist, tut's die Exkommunikation. Allerdings wurde  die Spezies der Abweichler immer eindeutig und von höchster Stelle definiert: Wer nicht mitzog, der war draußen; wer die Lehrmeinung nicht vertrat, der gehörte nicht dazu. Soweit so klar. Dachte man.

Aber nachdem jetzt das Unerhörte geschehen ist und ein päpstlicher Kammerherr vatikanische Geheimnisse ausplauderte , verschieben sich die Fronten. Es scheint kein römisches, sondern ein europäisches Phänomen zu sein. Neulich auf dem Katholikentag in Mannheim gab es eine ganz andere, geradezu inverse Spezies von Abweichlern zu entdecken: Nämlich die, die die Lehrmeinung der Katholischen Kirche voll vertrat – und gerade deswegen ausgebootet wurde. Eine Spezies, die nicht gegen die Amtskirche ankämpfte, sondern gegen die Hardcore-Toleranten. Denn diese hielten das Mantra der Toleranz derart hoch, dass sie abweichende Meinungen nicht tolerieren konnten.

Der paradigmatische Konflikt spielte sich in einer Mannheimer Schule ab. Das Thema der Diskussion: Homosexualität – eines der großen Reizthemen der Katholischen Kirche, das auf dem Katholikentag gleich in mehreren Veranstaltungen sehr progressiv debattiert wurde. Zu Beginn sprach der Seminarleiter, ein Pater mit Rauschebart und Jesuslatschen: Homosexualität, sagte er, sei überhaupt kein Problem! "Gott hat uns geschaffen wie wir sind und er liebt uns wie wir sind, egal ob homo oder hetero." Es meldete sich die konservative Abweichlerin, eine ältere Frau mit schlohweißem Haar: "Aber wenn ich an Gott glaube", sagte sie, "muss ich Gottes Wort folgen, und Gott ist gegen die gelebte Homosexualität."

Dann ging der Tumult los. Ein Mann mit gestreiftem Hemd und Sandalen rief: "Im Evangelium steht kein einziges Wort über Homosexualität!" Die Frau wehrte sich und sagte: "Aber das Alte Testament will keine Homosexualität!" Sie sprach weiter, doch die Hardcore-Toleranten unterbrachen sie, der Mann mit dem gestreiften Hemd keifte: "Lassen Sie uns so lange reden, wie Sie geredet haben!" Eine andere Frau sagte: "Gehen Sie doch in eine Runde der Antis", und der Pater wiederholte ständig: "Das ist Ihre Sicht der Dinge, aber das stimmt so nicht!" Von da an schwieg die Abweichlerin und als Beobachter des Schauspiels fragte man sich: Ist es in der Katholischen Kirche schon so weit gekommen, dass man mittlerweile Mitleid mit den Hardlinern haben muss?