NS-WiderstandPublizist Arno Lustiger ist tot

Er überlebte den Holocaust und wurde als Kämpfer gegen das Vergessen der NS-Gräueltaten 88 Jahre alt: Weggefährten trauern um Arno Lustiger.

Arno Lustiger (Bild von 2006)

Arno Lustiger (Bild von 2006)

Der Historiker und Publizist Arno Lustiger ist am Dienstag im Alter von 88 Jahren gestorben. Lustiger hatte den Holocaust überlebt und galt als wichtige akademische Instanz für die Geschichte der Juden in dieser Zeit. "Seine größte Leistung war es, den jüdischen Widerstand während der Shoa dem Vergessen entrissen zu haben", sagte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann. "Ich habe sehr viel von ihm gelernt, er wird uns fehlen."

Lustiger, der seit einiger Zeit krank war, wird am Freitag in Frankfurt beigesetzt.

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Lustiger wurde am 7. Mai 1924 im oberschlesischen Bedzin in Polen geboren. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen ging er in den Widerstand und wurde verhaftet. Er überlebte sechs Konzentrationslager und zwei Todesmärsche. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs blieb er in Frankfurt und war maßgeblich am Aufbau der dortigen jüdischen Gemeinde beteiligt. Die Gemeinde sprach am Mittwoch von einem großen Verlust durch seinen Tod.

"Großer Schmerz"

Nicht zuletzt das eigene Schicksal hatte den einstigen Textilhändler dazu bewogen, sich wissenschaftlich mit der Geschichte des Holocaust und der Juden zu befassen. Erst im Alter entwickelte er sich trotz fehlender Hochschulbildung zu einem anerkannten Historiker. Er wollte unter anderem die These widerlegen, dass die Juden in der Nazi-Zeit willenlose Opfer waren. Bekannt wurde Lustiger mit Werken wie Zum Kampf auf Leben und Tod und Rotbuch – Stalin und die Juden.

Das Internationale Auschwitz-Komitee reagierte "mit großem Schmerz" auf die Nachricht vom Tod Lustigers. "Arno Lustiger hat als Zeuge und als Mitbürger die Wahrheit über die Geschichte von Auschwitz und den Holocaust an die Menschen in Deutschland und Europa weitergegeben", sagte Vizepräsident Christoph Heubner laut Mitteilung. Seine Arbeit habe Deutschland zur Ehre gereicht.

Als Historiker gewürdigt

Die Grünen erinnerten an die Rede Lustigers im Bundestag zum 60. Gedenktag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz im Januar 2005. Darin hatte er unter anderem auf die sogenannten Todesmärsche hingewiesen, denen Tausende KZ-Häftlinge zum Opfer fielen. "Mit Arno Lustiger verlieren wir einen aufrechten Streiter für die Menschenrechte und die Aufarbeitung der Geschichte", sagten die Grünen-Fraktionsvorsitzenden Renate Künast und Jürgen Trittin.

Die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) würdigte Lustiger als einen bedeutenden Historiker, der sich um die Erinnerungskultur in Deutschland verdient gemacht habe. An den Schulen des Rhein-Main-Gebiets habe er als Zeitzeuge über seine Kindheit in Polen, die Besetzung des Landes durch die Deutschen und die Zeit in den Arbeits- und Konzentrationslagern berichtet. Die Stadt hatte Lustiger 1998 mit der Goetheplakette ausgezeichnet.

 
Leserkommentare
  1. … ich wünsche Ihnen, dass sie im Pantheon der Humanisten weilen und dass sie in 1000 Jahren noch gelesen und erinnert werden!

    3 Leserempfehlungen
  2. Sein Tod reißt eine große Lücke.

  3. Schade, dass es Lustiger nie gelang, seinem Trauma mit Vernunft zu begegnen.

    "Entgegen der bei Lustiger aufscheinenden antiintellektuellen Attitüde gilt daher: Wir Juden können stolz sein auf die von ihm geschmähten Stimmen von Noam Chomsky, Abraham Melzer, Alfred Grosser, Hajo Meyer. Das sind Menschen, die die jüdische Tradition des kritischen Hinterfragens hochhalten. Es sind dies auch Menschen, für die Moral mehr bedeutet als das Wohlergehen des eigenen Stamms. Das Judentum sah sich einmal als ein Leuchtfeuer, das die göttliche Ethik für alle Welt sichtbar macht. Wo ist dieser Anspruch heute geblieben, wenn es egal geworden sein soll, was wir den Palästinensern angetan haben? Wenn wir das Judentum bewahren wollen, brauchen wir nicht weniger Selbstkritik, sondern noch mehr." (Rolf Verleger, 2008)

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa
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