Breivik-ProzessDie Kraft der Überlebenden von Utøya

Im Breivik-Prozess hat heute der letzte Zeuge seine Aussage gemacht. Die Erzählungen der Opfer waren stärker als die Propaganda des Attentäters. von Johan Falnes

Tonje Brenna, Generalsekretärin der Jugendorganisation AUF. Vor Gericht schilderte Brenna, wie sie Breivik entkam.

Tonje Brenna, Generalsekretärin der Jugendorganisation AUF. Vor Gericht schilderte Brenna, wie sie Breivik entkam.  |  © Fredrik Varfjell/Reuters

Eine Stunde und 17 Minuten vergingen von dem Zeitpunkt an, als Anders Behring Breivik auf der Insel Utøya ankam bis zu seiner Festnahme. Fast vier Wochen dauerte es, im Gerichtssaal in Oslo das Massaker des Attentäters vom 22. Juli 2011 nachzuvollziehen. Das Gericht folgte Breiviks Bewegungen auf der Insel Schritt für Schritt.

Detailliert beschrieben Rechtsmediziner jeden einzelnen Todesfall. Am Steg: drei Tote. Im Zeltlager: sieben Tote. Im Café-Gebäude: 13 Tote. Auf dem Liebespfad: zehn Tote. Insgesamt wurden an diesem Tag auf Utøya 69 Menschen ermordet und weitere 33 angeschossen. Jeder, der mit ihm zusammentraf und überlebte, hatte vor Gericht seine eigene Geschichte zu erzählen. Mehr als 40 Überlebende haben ausgesagt, von ihrem Schmerz berichtet, aber auch von Gemeinschaft und starkem Zusammenhalt zwischen Freunden. An diesem Freitag hat der letzte Zeuge seine Aussage gemacht.

Anzeige

Als Breivik auf Utøya ankam, befanden sich 564 Menschen auf der Insel. Die Stimmung war schlecht. Es hatte den ganzen Tag geregnet, die Zelte waren nass, und die Nachricht von dem Bombenattentat in Oslo war gerade eingetroffen. Teenager riefen verzweifelt ihre Eltern an. Sie wollten nach Hause.

"Ich verstand nicht, was passierte"

Lars Grønnestad stand in der Mitte des Campinggeländes, als die ersten Schüsse fielen. Der 20-Jährige telefonierte gerade mit seinem Vater, erzählte ihm, dass er auf Utøya sei und dass es ihm gut gehe. "Während ich dort stand und am Telefon sprach, kam eine Gruppe junger Leute auf mich zu gerannt", erzählte er während seiner Aussage vor Gericht. Kurz danach hörte er hinter sich eine Stimme: "Stopp! Es ist die Polizei. Beruhigt euch." Er drehte sich um und sah Breivik neben dem Café-Gebäude stehen. "Dann hob er plötzlich seine Waffe und begann auf die Gruppe zu feuern, in der ich stand."

Grønnestad rannte auf den Wald zu, aber kurz bevor er die Bäume erreichte, fühlte er einen Schlag gegen seinen Rücken. Er rannte weiter. "Doch dann brach ich im Wald zusammen, ohne Vorwarnung. Ich verstand nicht, was passierte, aber ich bemerkte, dass ich Schwierigkeiten hatte zu atmen." Grønnestad war angeschossen worden. Unter einem Baum fand er Deckung. Er hörte Schüsse, Schreie, den Regen, der auf das Gras prasselte. Er versuchte aufzustehen, es gelang ihm aber nicht. Alles, was er tun konnte, war warten.

Ungeheure Kraft

Vom Campinggelände bewegte sich Breivik auf das Café-Gebäude zu. Die 22-jährige Ina Rangønes Libak hatte sich dort hinter einem Klavier versteckt. Vor Angst erstarrt, hatte sie nicht einmal gemerkt, dass Breivik im Gebäude war, als die Kugeln sie trafen. In Wahrheit beugte er sich über sie, die Waffe nur Zentimeter von ihr entfernt. Die Kugeln trafen ihren Arm, ihr Kinn und ihren Brustkorb.

Libak stand auf und rannte. Sie gelangte nach draußen und sah überall Menschen in alle Richtungen rennen. Sie blutete stark und rief um Hilfe. Schließlich blieb Ole Martin Juul Slyngstadli stehen. Der 18-Jährige nahm sie auf die Arme und trug sie weg. "Ich habe niemals jemanden gesehen, der so schnell rennt oder so stark ist", sagte Libak vor Gericht.

Zusammen mit einigen anderen versteckten sie sich im Wald. Vor Gericht erzählte Libak von einer ergreifenden Solidarität in der kleinen Gruppe. Die anderen arbeiteten zusammen, um auf ihre Wunden zu drücken, damit ihre Blutungen aufhörten. Sie ermunterten und trösteten sich gegenseitig. Keiner floh. Selbst als Breivik ganz nah vorbeiging, blieben alle dort. "Es ist wirklich erstaunlich, dass keiner von ihnen wegrannte", sagte Libak. "Wir dachten alle, dass wir da gemeinsam drinstecken."

Später gab Libak ihren Narben Namen. Eine heißt "Solidarität", eine andere "Gemeinschaft". Über die Trauer hat ihr der Zusammenhalt der Arbeiterjugend AUF geholfen, sagt sie, jener Jugendorganisation der Sozialdemokraten, die das Ferienlager auf der Insel betrieb. "Wir haben sehr gut aufeinander aufgepasst." Der starke Zusammenhalt zwischen den Jugendlichen auf Utøya war ein wiederkehrendes Thema in den Zeugenaussagen der Überlebenden. Doch wurden an jenem 22. Juli 2011 auch viele Freundschaften auseinandergerissen.

"Ich fühle mich schuldig"

Ein 18-Jähriger erzählte vor Gericht, wie er gemeinsam mit seinem Freund Håkon Ødegaard floh, als die ersten Schüsse fielen. Wie viele andere rannten sie zum Wasser und zogen sich aus, um besser schwimmen zu können. Als sie 100 bis 150 Meter von der Küste entfernt waren, konnte Ødegaard nicht weiterschwimmen. "Er sagte, er müsse umkehren", berichtete der 18-Jährige vor Gericht. Er selbst schaffte es ans rettende Ufer. Ødegaard aber ertrank. Er war 17 Jahre alt.

Seit Utøya war die Trauer eine schwere Bürde für den 18-Jährigen, der darum gebeten hat, nicht namentlich genannt zu werden. "Ich fühle mich schuldig, weil ich von meinem Freund fortgeschwommen bin", sagte er vor Gericht.

Auch für Andrine Johansen war die Zeit nach dem Massaker schwer. Die 17-Jährige suchte Schutz am Pumpenhaus auf der Nordseite der Insel. Nach einer Weile fand Breivik ihre Gruppe und begann zu schießen. Johansen warf sich ins Wasser, wurde aber in den Brustkorb getroffen. Dann zielte Breivik erneut auf sie. "Als er sich bereit machte, den nächsten Schuss abzugeben, sprang Henrik Rasmussen vor und opferte sich für mich. Er bekam die Kugeln ab, die für mich bestimmt waren. Ich sah ihn zusammenbrechen", sagte Johansen vor Gericht. Rasmussen starb, er war 18 Jahre alt.

Johansen sah auch, wie andere aus nächster Nähe erschossen wurden, unter ihnen ihr guter Freund Margido Antonsen. Als Breivik verschwunden war, kroch sie hinüber zu ihm. "Du kannst jetzt aufhören, tot zu spielen", sagte sie. Aber der 16-Jährige spielte nicht. 14 Menschen starben am Pumpenhaus.

"Wir haben gewonnen, Du hast verloren"

In Norwegen waren die Befürchtungen groß, dass der Prozess zu einem Podium für Breivik werden könnte. Doch seine Propaganda , seine kruden Aussagen der ersten Prozesstage verblassten, als vor Gericht die Opfer zu Wort kamen. Viele der Überlebenden hatten eine klare Botschaft an Breivik: "Wir haben gewonnen, Du hast verloren."

An diesem Freitag hat noch einmal ein Utøya-Überlebender ausgesagt. Der 22-jährige Adrian Jakob Pracon war der letzte Zeuge, der angehört wurde. Vor Gericht schilderte er, wie er knietief im Wasser am Südende der Insel stand, als Breivik direkt auf ihn zielte. Doch aus irgendeinem Grund schoss Breivik nicht. Vielleicht habe er sich selbst in Pracon erkannt, sagte der Attentäter zur Begründung, als er während seiner Vernehmung dazu befragt wurde. Pracon habe irgendwie rechts ausgesehen.

Pracon engagiert sich seither noch stärker in der Arbeiterjugend. Und er hat ein Buch über seine Erfahrungen geschrieben. Darin berichtet er über die Schuldgefühle, die ihn quälen, weil er überlebte und viele seiner Freunde getötet wurden.

Warum ausgerechnet er überlebt hat, ist auch für Grønnestad ein Mysterium. Seine Gedanken drehen sich vor allem um die Person, die er auf der Insel am besten kannte. "Wir wurden an derselben Stelle verletzt. Unsere Familien kommen aus derselben Region. Wir interessieren uns politisch für dieselben Themen. Wir waren uns in so vielen Dingen ähnlich und hatten fast dasselbe Schicksal. Aber ich hatte Glück", sagte Grønnestad ZEIT ONLINE. "Die Kugel traf mich fünf Zentimeter von der Wirbelsäule entfernt. Es war Zufall", sagt er.

Inzwischen hat Grønnestad in Trondheim ein Studium aufgenommen und konzentriert sich auf neue Freundschaften. Er versucht, nicht an Breivik zu denken. "Was er mir und meinen Freunden angetan hat, hat genug meiner Zeit und meiner Energie gekostet", sagt er. "Er ist es nicht wert."

Aus dem Englischen übersetzt von Carsten Luther

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. und mir imponiert am meisten wie ruhig, besonnen und reif diese Jugendlichen in der Öffentlichkeit wirken.

    Ich hoffe, der wochenlange Prozeß plagt Breivik, läßt ihn ermüden und peinigen, was er allen Opfern und ihren Familien - wie dem ganzen Land - Schmerzen und großen Schaden - zugefügt hat.

    Und hoffentlich kriegt er hinter Gittern in den nächsten 20-30 Jahren deutlich mit, wie gut es die Jugendlichen schaffen, sich ein glückliches Leben einzurichten. Und wie wenig seine hirnrissigen Ideen das Land aus dem Lot gebracht hat. Im Gegenteil.

    Lenge leve Norge!

    21 Leserempfehlungen
  2. Man kennt es aus schlechten Filmen, dass Menschen Verwundete unter Einsatz ihres Lebens davontragen, dass sich Menschen in die Flugbahn von Kugeln werfen, um andere, die sie vielleicht nicht mal besonders gut kannten, zu schützen. Dass es diese Menschen wirklich gibt und dass solche Menschen an diesem Tag so gehandelt haben, sollte ein Schlag ins Gesicht für Breivik sein, denn sie haben ganz recht mit dem, was sie sagen: ,,Wir haben gewonnen, du hast verloren." Unsere Gemeinschaft war stärker als dein Hass.

    Ich wünsche allen Überlebenden und Angehörigen von ganzem Herzen alles Gute auf dem Rückweg in ein möglichst normales Leben.

    16 Leserempfehlungen
  3. jeden einzelnen Zeugen, der in dem Prozess ausgesagt hat. Möget Ihr alle glücklich werden!

    5 Leserempfehlungen
  4. die Sonne scheint, es ist ein wunderschöner Tag und was ich hier lese rührt mich zu Tränen. Mein Mitgefühl und mein Respekt gilt den Opfern, den Überlebenden und ihren Angehörigen. Mein Respekt gilt aber auch dieser norwegischen Gesellschaft, die, nach allem was ich bisher gelesen habe, beispielgebend im Umgang mit diesem unfassbaren Verbrechen und dem Täter ist.

    10 Leserempfehlungen
  5. Es klingt wie in einem Film...diese Aufopferung und der Zusammenhalt untereinander.

    Ich wünsche allen Überlebenden ein wundervolles Leben und das sie die Botschaft, die sie in sich tragen, an jeden weitergeben, den sie in ihrem Leben kennenlernen werden.

    Für Rassismus darf es in der Gesellschaft keinen Platz geben!

    5 Leserempfehlungen
  6. Ich spüre Trost in diesen Zeilen. Bei aller Trauer ist deutlich zu spüren, dass Unmenschlichkeit das ist und bleibt was sie ist: verachtenswert und schwach.

    3 Leserempfehlungen
    • WoodyE
    • 25. Mai 2012 15:07 Uhr

    Ich hoffe, dass es nie notwendig werden wird und es auch kein Attentäter braucht, um es unter Beweis zu stellen. Aber ich wünsche mir, dass in der deutschen Gesellschaft ein ebenso großes Maß an Solidarität, Mitgefühl, Achtsamkeit für den Nächsten (unabhängig von der Religion, der Hautfarbe, dem sozialen Stand usw.) und Hilfsbereitschaft existiert, wie es das Verhalten dieser Menschen auf der Insel zum Ausdruck gebracht hat.

    Wenn man diese Schilderungen liest, wird all das, um was in dieser Gesellschaft gezangt wird, plötzlich unwichtig und klein.

    Nicht jeder Mensch ist zum Helden geboren (geboren eigentlich keiner). Aber wenn im Kern der Mensch die Botschaft verankert ist, dass einem die Mitmenschen nicht egal sind, wäre dies die Basis für eine viel solidarische Gesellschaft.

    Hut aber vor den Norwegern.

    5 Leserempfehlungen
  7. Während ich diesen Artikel gelesen habe musste ich zum einen mit meinen Tränen kämpfen und zum anderen mich immer wieder zur Disziplin rufen.
    Es ist schon eigenartig, warum es immer solche Verlierer und kognitven Blindgänger sind, die es einem so schwer machen sich nicht gegenüber eben diesen zu vergessen.

    Aber wenn man sich die Geschehnisse dieses Tages und die Zeugnisse der Überlebenden einmal bildlich vor dem geistigen Auge ablaufen lässt, kann man nicht anders neben der vordergründigen Trauer auch die Wärme und Solidartät der Jugendlichen und Kinder zu spüren. Kinder, die andere tragen weil aufgrund eines Durchschusses in der Brust nicht mehr Laufen können. Kinder die sich in eine Kugel werfen und ihr Leben für das einer Freundin opfern.

    Außerdem ist eingetreten, was ich mir seit Prozessbeginn gewünscht habe. Breivik hat verloren. Er hat versucht den Norwegern und damit auch uns seine kranken Theorien aufzuzwingen und er ist gescheitert. Norwegen wird der Weltoffene Staat bleiben der er war und die Jugendlichen sind voller Würde aus diesem schrecklichen Tag herausgegangen und stehen nun als die Helden da, als den Breivik sich selbst gesehen hat.

    "that sense of inevitable victory over the forces of Old and Evil. Not in any mean or military sense; we didn’t need that. Our energy would simply prevail. There was no point in fighting—on our side or theirs. We had all the momentum; we were riding the crest of a high and beautiful wave." - Hunter S. Thompson

    4 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf mehreren Seiten lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Gericht | Norwegen | Wald | Oslo
Service