Herr Chan sagt, dass er häufig als Fidschi oder Kanake beschimpft wurde. Oft, wenn er mit der Straßenbahn durch Cottbus fuhr, knallten aggressive Jugendliche mit ihren Fäusten gegen die Tür. Durch das Einkaufszentrum, in dem er jahrelang putzte, liefen regelmäßig Nazis. Mal hätten sie ihn provoziert, mal missachtet. Jahre später kamen einige von ihnen in seine Imbissbude Nudeln essen.

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Hot-Wok heißt Herr Chans Imbiss. Er steht auf einem Parkplatz neben dem Alibaba-Döner, geöffnet von Montag bis Samstag. Die Cottbusser lieben Ente und süßsaures Hühnchen. Wenn Herr Chan im Wok rührt, spricht er oft übers Wetter. Wenn die Sonne scheint, freut er sich für seine Kunden. Heute nieselt es leicht. Er schaut über die Theke in die Augen eines Cottbusers und sagt, dass die Wolken sich verziehen werden.

Kampf im Einkaufszentrum

Von 1990 bis 1997 arbeitet Herr Chan im Einkaufszentrum erst als Putzmann, dann als Vorarbeiter und Betriebsleiter. Trotzdem lehnt die Stadt Cottbus seinen Antrag auf deutsche Staatsbürgerschaft ab. Weil die Situation in Kambodscha sich gewandelt hat, gilt er 1997 nicht mehr als politisch Verfolgter.

Herr Chan soll Cottbus verlassen. Er will nicht. Herr Chan widerspricht dem Gericht, stellt sich jeden Tag ins Einkaufszentrum und sammelt Unterschriften. "Unterstützt Herrn Chan" nennt er seine Initiative. Er hat ein kleines Plakat gemalt, das er im Einkaufszentrum zeigen darf. Neben der Unterschriftenliste liegen seine Gehaltszettel als Belege, dass er jahrelang Steuern gezahlt hat. Wenn Leute ihn fragen, was er da mache, lächelt Herr Chan. Er erzählt, dass er in Cottbus gearbeitet habe, dass er niemals ein Verbrechen begangen habe. Und das diese Stadt seine Heimat sei.

Auch einige Nazis kommen an seinem kleinen Stand vorbei; sie schauen weg.

Ein guter Bürger

Als der Einspruch gegen die Abschiebung Herrn Chans vor Gericht verhandelt wird, liegt dem Richter die Sammlung von Unterschriften vor. Fast einhundert Cottbusser haben ihren Namen gegeben. Der Richter nimmt das Urteil zurück, er sagt: "Herr Chan, Sie sind ein guter Bürger. Sie haben vernünftig gelebt. Sie dürfen bleiben." Herr Chan sagt, diese Worte werde er nie wieder vergessen.

Seit zwanzig Jahren lebt Herr Chan nun in Cottbus. Er wohnt nicht mehr im Wohnheim, sondern hat eine kleine Wohnung in der Nähe gemietet, sich eine gebrauchte VW-Limousine gekauft, den Cottbuser Flüchtlingsverein für Asylbewerber gegründet. Zwei Mal ist er bei der Wahl zum Cottbuser Stadtparlament angetreten, 2003 als parteiloser Kandidat und 2008 als Kandidat der Grünen in Cottbus.

Wenn er über sein politisches Engagement redet, klingt es beiläufig. Ja, Cottbus hatte mal ein Problem mit Neonazis, in den neunziger Jahren. Aber ihm sei damals nie etwas Schlimmes passiert, sagt er.

Einige Hundert Stimmen hat Herr Chan bei der vergangenen Wahl 2008 bekommen. Die NPD hatte damals fast jede Laterne in Cottbus Sachsendorf plakatiert. Es half nicht viel. Gerade mal drei Prozent aller Cottbuser wählten die Rechtsextremen.