Rechtsextremismus : Gute Mitte, böse Nazis

Seit der Aufdeckung der NSU befassen sich Medien und Politik wieder verstärkt mit Neonazis. Der Rassismus der Mehrheit bleibt dabei unbeachtet, kommentiert P. Gensing.
Anhänger der rechtspopulistischen Vereinigung Pro NRW protestieren gegen ein muslimisches Gemeindezentrum im Dortmunder Stadtteil Hörde. © Roland Geisheimer/attenzione

Die NPD ist gefährlich; nicht politisch, sie spielt in den meisten Bundesländern keine Rolle, dafür als legaler Arm einer gewalttätigen völkischen Bewegung, die sich über die Partei mit Geld versorgen kann. Diese Gefahr darf nicht kleingeredet werden, es braucht fundierte und unaufgeregte Berichterstattung über die NPD und die rechtsextreme Bewegung. Daher ist der Ansatz der ZEIT-ONLINE-Serie, unter der Überschrift Neue deutsche Nazis genau hinzuschauen – und zwar kontinuierlich – richtig.

Damit ist es aber nicht getan. Christian Bangel schrieb , Neonazis seien "uns näher, als wir denken. Mit wachsendem Erfolg buhlen sie um die Mitte der Gesellschaft. Wissenschaftler warnen schon länger davor, dass rassistische und autoritäre Ideen dort auf wachsendes Wohlwollen stoßen".

Ich glaube, dass nicht Neonazis diese Ideen in die Mitte der Gesellschaft tragen. Es sind vielmehr Teile der selbst ernannten Mitte, die sich radikalisieren. Ein zunehmend entsichertes Bürgertum wirft zivilisatorische Errungenschaften leichtfertig über Bord; Hetze gegen Arme, Ausländer, Migranten und andere Minderheiten sowie gegen den Staat Israel gehören mittlerweile wieder zum guten Ton. Wer solche Auswüchse kritisiert, wird entweder zum Gutmenschen, Gegner der Meinungsfreiheit oder Kriegstreiber erklärt. 

Literaturnobelpreisträger und ehemalige Bundesbanker verbreiten neuen Antisemitismus sowie rassistische Thesen über die Leitmedien – eine Wirkmacht, die die Schreihälse von der NPD nie erreichen werden.

Die wahre Funktion der NPD: Ablenkung

Patrick Gensing

Patrick Gensing ist Journalist und Betreiber des Blogs Publikative.org. Im Herbst erscheint sein Buch "Terror von rechts – die Nazi-Morde und das Versagen der Politik".

Nach dem Bekanntwerden der NSU-Morde standen die staatlichen Stellen so heftig in der Kritik wie wahrscheinlich nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. Von autonomer Antifa bis FAZ-Feuilleton wurde offen über das Ende des Inlandsgeheimdienstes mit dem hübschen Namen "Verfassungsschutz" debattiert. Die Politik musste handeln – und sie handelte. Innenminister Friedrich kündigte eine Neonazi-Verbunddatei an und das Thema NPD-Verbot wurde wieder auf die Agenda gesetzt . Viele Medien waren zufrieden, der Staat hatte das Ruder wieder übernommen. 

Ob es aber sinnvoll ist, Sicherheitsbehörden, die ein gefährliches Eigenleben geführt und komplett versagt haben, mit noch mehr Kompetenzen auszustatten, wurde bald nicht mehr thematisiert. Nun beherrschten stattdessen Meldungen zum NPD-Verbot die Medien. Selten zuvor war so deutlich geworden, welche Funktion die NPD hat: Mit dem Kampf gegen die Neonazi-Partei lässt sich effektiv vom Versagen der Behörden und dem Rassismus der sogenannten Mitte ablenken. 

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Kommentare

409 Kommentare Seite 1 von 47 Kommentieren

Bild und Thema

Lieber Herr Horn,

sie beschäftigen sich in ihrem Text mit Nazis und setzen oben extra ein Bild mit PRO-NRW Demonstranten ein. Sie wissen genau, warum sie den Text zum jetzigen Zeitpunkt gebracht haben und das Bild war auch berechnet. Tun sie also bitte nicht so ahnungslos.

Ich warte auf den Artikel über die Salafisten. Wahrscheinlich wird dann oben im Artikel das selbe Bild zu sehen sein wie in diesem.

Rechte Zündler und böse Nazis?

- "Hallo xajija, bitte beachten Sie das Thema des Artikels. Es geht hier nicht um Salafisten." -

Hallo Sebastian, ist das Ihr Ernst?

Bei jeder Form von Kritik an Salafisten (oder anderen radikalen Muslimen) kommen zielsicher die "und was ist mit den Neonazis" Kommentare. Ich habe noch keine Redaktionseinmischung gelesen mit dem Tenor "bitte beachten Sie, es geht hier nicht um Neonazis". Wenn man dabei die Aktualität der Gewalt der Salafisten (und eben nicht irgendwelcher Nazis - Neo oder Mitte) bedenkt, dann ist der Einwand von xajija verständlich. Mit dem Einwand der Redaktion tue ich mich dabei schwerer.

Woran ich gerne die Frage anschliessen würde, warum die Zeit direkt anschliessend an die Gewalt der Salafisten Artikeln mit Titeln wie "rechte Zündler" und "böse Nazis" publiziert? Zufall? Ich kann mich xajija nur anschliessen: Wo bleiben die Artikel über "muslimische Zündler" und "böse Salafisten"? Ich nehme an, die sind noch in Vorbereitung und werden in Kürze erscheinen. Im Voraus vielen Dank.

Herr Sebastian

Sicher geht es vordergründig nicht um Salafisten. Was ich jedoch in Ihrem Beitrag vermisse, sind die Hintergründe und eine
differenzierte Darstellung der sog. Mitterassisten. Sie sind sehr schnell bei der Hand, eine ganze " Mitte" zu etikettieren und zu verurteilen. Man könnte sagen, bitte nicht Pauschalisieren. Sehen Sie denn nicht, dass auch in unseren Nachbarländern die gleichen Probleme des Zusammenlebens zu beobachten sind? Warum negieren Sie die Probleme ( zumindest erwähnen Sie sie nicht) Sie schreiben genauseo wie zig Artikel vor Ihnen gegen die Leser, erzieherisch und aburteilend. Sie verlangen, dass die Menschen nicht ausländerfeindlich etc sind... warum werden sie es denn, haben Sie darüber auch schon nachgedacht? Ihr Arikel zieht nicht, ich fühle mich nur wieder gemaßregelt und abqualifiziert, wie üblich, nichts neues. Wir sind mal wieder alle Nazis...klingt irgendwie bekannt.
Gruß masterin

Bringt doch nichts,

diese ewigen Aufrechnungen. Kann man nicht einmal über das eine reden ohne das andere zu nennen?

Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, dass die Kritiker von NPD, ProNRW, NSU, Rassisten, Fremdenfeinden und sonstigen rechten Brandstiftern

gleichzeitig auch Fans von messerstechenden Salafisten sind und verletzte Polizisten befürworten,

was hier in schöner Regelmäßigkeit (aber ohne Erfolg) den Leuten weisgemacht werden soll.

Ismen und Religion

ist das Gleiche. Beide bedienen die sinngebende Suche nach Halt in einer Gruppe.
Der Wohlstand, die Sicherheit und die Sicherheit einer eigenen Zukunftsplanung wirkte wie ein Korken auf einer Sektflasche. Der sinngebende Moment war die Geborgenheit in der Gewissheit bald sein verdienten Lebensabend genießen zu können - wie ein kollektives Trauma. Durch das Wegbrechen dieses Korkens fehlt vielen die Identifikation mit der Gesellschaft. Der Traum von eigener Identität in der Geborgenheit der Gemeinschaft ist für viele ausgeträumt. Diese Geborgenheit wird nun in Ismen oder und Religionen gesucht, konservativ oder liberal.

Begründung:

Schlecht ist der Artikel, weil er pauschalisiert: "Die Mitte" gibt es so nicht.

Und "Der Mehrheitsgesellschaft" stellt eine heterogene Gruppe da, der man daher als ganzes auch keinen Rassismus und Antisemitismus unterstellen sollte. Das tut der Autor aber mit einem Satz wie:
"Wer ausschließlich über die NPD reden will, schweigt über den Rassismus und Antisemitismus der Mehrheitsgesellschaft."

Korrekter wäre es "in der Mehrheitsgesellschaft" statt "der Mehrheitsgesellschaft" zu schreiben.

Pauschaliesierende Artikel sind m.A.n überflüssig, da sie keinen Informationsgehalt haben.

Die Verhöhnung der Mittelschicht – Teil 1

„Warum werden Migranten in Deutschland vor allem als potenzielle Islamisten oder Kriminelle wahrgenommen?“

Ganz einfach: Weil unsere Einwanderung LEIDER hauptsächlich eine Einwanderung in die Sozialsysteme ist. Hätten wir eine Einwanderung wie nach Australien, Kanada oder Irland, würden rassistische Vorurteile auch hierzulande rasch verschwinden. Zur Integration gehören immer zwei Seiten…

„Wie kann es sein, dass neun Menschen ermordet werden – und Ermittler und Medien verbreiten die Mär von Morden im Drogenmilieu?“

Unter anderem wegen irreführender Hinweise seitens der türkischen Polizei in Ankara:

http://www.zeit.de/gesell...

Ansonsten, gebe ich zu, ist Stimmungsmache gegen Randgruppen natürlich unschön.

Nur hat die Mitte / die Mehrheit / die Mittelschicht aber auch nicht immer nur Pflichten, sondern vielleicht auch mal ein paar Rechte. Und die Verhöhnung der arbeitenden Mittelschicht, zu der weiß Gott nicht nur Angehörige des „gehobenen Bürgertums“ gehören, sondern auch Leute, die hart um einen hierzulande halbwegs menschenwürdigen Lebensstandard kämpfen, spottet mittlerweile jeder Beschreibung!

Fortsetzung folgt…

Die Verhöhnung der Mittelschicht – Teil 2

Fortsetzung:

Der Steuerzahler arbeitet nicht selbstlos fürs Gemeinwohl, sondern in erster Linie für sich selbst und seine Familie. Trotzdem besitzt er ein soziales Gewissen und ist durchaus willens, Steuern und Abgaben fürs Gemeinwohl zu leisten. Daß diese Steuern und Abgaben in zunehmendem Maße nicht dem Gemeinwohl zufließen, sondern im Endeffekt in reicher Leute Taschen landen, ist allein schon eine gigantische Verhöhnung.

Wer gegen diese Umverteilung von Fleißig zu Reich aufmuckt, dem wird von gewissen Medien dann Neid und „Reichenhaß“ vorgeworfen und belehrt, daß Steuerhinterzieher nun einmal leider mit Samthandschuhen anzufassen seien.

Vor diesem Hintergrund ist es dann vielleicht etwas zu viel des Guten, wenn man in der ZEIT ständig vorgehalten bekommt, „wir“ würden „alle“ über unsere Verhältnisse leben, auf „hohem Niveau“ jammern, hartherzig und intolerant gegenüber Bedürftigen sein etc.

Der Allgemeinheit immer größere Lasten und Pflichten aufzubürden und dann noch grenzenloses Großherzogtum und ewig belastbares soziales Pflichtgefühl gegenüber Transferleistungsempfängern von Fleißig einzufordern, während Reich seine hinterzogenen Steuern in Steueroasen deponiert, ist schon ein starkes Stück.

Die Mehrheit muß eben nicht immer nur irgendwas müssen, sie darf auch mal etwas wollen

@H.V.T

"...aber kein anderes Land in Europa hat im 20. Jahrhundert (!) einen maßlosen Völkermord an einer Minderheit verübt, die viel für die Entwicklung der Wissenschaft und Kultur in Europa gemacht hat."

Das Wissen darum könnte eine Ursache dafür sein, dass rechte Parteien im Vergleich zu z.B. Holland oder Österreich geringe Erfolge in Deutschland haben. Daraus dann einen besonders ausgeprägten Rassismus in der Mehrheitsgesellschaft zu folgern, ist perfide.

Kopfschüttel

Die deutschstämmigen Amerikaner leben hauptsächlich im Norden des Landes:

http://en.wikipedia.org/w...

http://en.wikipedia.org/w...

Hier ein Beispiel für einen Deutschamerikaner und sein Verhältnis zur Sklaverei:

http://en.wikipedia.org/w...

Das mit den Breivik-Opfern ist auch Quatsch: Sie waren nicht allesamt „blond und blauäugig“, sondern es waren auch viele Kinder von Immigranten darunter. Im Gegenzug war unter den durch den NSU Ermordeten z.B. auch eine rein deutschstämmige Polizistin. Für mich sind das sowieso weniger Terroristen als asoziale, mafiöse Kriminelle, die auf Beute auswaren.

Und wenn Sie schon darauf bestehen, daß Deutsche genetisch irgendwie zu Rassismus veranlagt seien oder so, dann liegt es vielleicht nur daran, daß Deutsche aufgrund historischer Vermischungen viel stärker mit Polen, Russen und Tschechen verwandt sind als es die Franzosen, Briten oder Holländer sind? Unsere östlichen Nachbarn haben nämlich auch ein großes Skinhead-Problem. Es kann aber auch einfach an den postkommunistischen Gesellschaften liegen…

Und fragen Sie mal Algerier in Frankreich, ob bei denen mit Polizei und Staat alles in bester staatsbürgerlicher Ordnung abläuft. In den 60er Jahren gabs da angeblich irgendwelche Massaker, die auf dubiose Weise bemäntelt wurden...