Mit einem Großaufgebot sind Staatsanwaltschaft und Polizei in Schleswig-Holstein , Hamburg und Niedersachsen gegen Mitglieder des verbotenen Kieler Ablegers der Rockergruppe Hells Angels vorgegangen. 1.200 Polizisten waren an der Durchsuchung von etwa 80 Objekten beteiligt – vor allem Bordelle, Gaststätten und Wohnungen.

Anlass der Razzia sind Ermittlungen wegen Körperverletzung, Erpressung, Waffen- und Menschenhandel sowie Korruption, sagte eine Sprecherin des Landeskriminalamtes Schleswig-Holstein. Schwerpunkt der Razzia war ihren Angaben zufolge das Rotlichtviertel in der Landeshauptstadt Kiel . Der Kieler Ableger der Hells Angels war am 31. Januar vom Landesinnenministerium verboten worden.

Bei der Razzia gab es nach Angaben der Ermittler fünf Festnahmen. Darunter soll auch der Chef der Kieler Gruppe sein. Insgesamt führt die Staatsanwaltschaft 194 Ermittlungsverfahren gegen 69 Beschuldigte.

Durchsuchung in Hannover

Ein Mitarbeiter des Justizvollzugsdienstes, einer der Stadt Kiel und ein Polizist sollen zudem gegen Geld Informationen an Hells Angels in Kiel herausgegeben haben. Die Ermittler bestätigten, dass bei der Razzia auch nach dem seit zwei Jahren vermissten Türken Tekin Bicer (47) aus Kiel-Gaarden gesucht wurde. Die Polizei geht von einem Verbrechen aus. In einer Lagerhalle in Altenholz wurde mit Spürhunden nach Bicer gesucht.

In Niedersachsen wurde zudem das Haus eines führenden Mitglieds der Hells Angels in Hannover durchsucht. Am frühen Morgen seilten sich GSG-9-Beamte von einem Hubschrauber auf das Gelände des Hauses von Hannovers Rocker-Boss Hanebuth ab. Ihm wird vorgeworfen, von den Delikten gewusst oder sie sogar angestiftet zu haben. Sein Mandant habe damit nichts zu tun, er kenne die Leute gar nicht, sagte dagegen Hanebuths Anwalt Götz von Fromberg. "Der erste Zugriff war sehr massiv und unverhältnismäßig", sagte von Fromberg. So sei auch Hanebuths Hund erschossen worden. Der hannoversche Hells-Angels-Chef gilt in Ermittlerkreisen als einer der einflussreichsten Rocker-Bosse bundesweit.

Hells-Angels-Verbot in Niedersachsen

Die Polizei will ein Verbot der Hells Angels in der niedersächsischen Landeshauptstadt erreichen. "Wir arbeiten daran, Erkenntnisse zu einem Verbot der Angels in Niedersachsen beizutragen. Es ist auch erklärtes Ziel des Innenministers, zu einem Verbot zu kommen, wenn die rechtlichen Voraussetzungen dafür gegeben sind", sagte Hannovers Polizei-Vizepräsident Thomas Rochell.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich ( CSU ) zeigte sich skeptisch gegenüber einem generellen Verbot der Hells Angels oder vergleichbarer Rockerbanden. "Wenn man eine Vereinigung verbieten will, muss es eine hinreichend verfestigte Struktur geben. Man kann ja nicht einfach Menschen verbieten", sagte Friedrich den Kieler Nachrichten . Der Innenminister erinnerte aber daran, dass örtliche Verbote von Rockerbanden "im großen Stil" in Deutschland stattfänden.

Erpressung, Gewalt, Drogenhandel

Mitglieder der Hells Angels und konkurrierender Rockergruppen wie den Bandidos gehören nach Angaben deutscher Ermittlungsbehörden zur Organisierten Kriminalität. Nach Angaben des Bundeskriminalamts richtete sich 2010 in Deutschland fast jedes zehnte polizeiliche Ermittlungsverfahren bei der Organisierten Kriminalität gegen Rockerklubs oder mit diesen zumindest lose verbundenen Gruppen.

Hauptaktivitätsfelder der Rocker waren demnach Erpressungs- und Gewaltdelikte sowie Drogenhandel und -schmuggel. Zudem kommt es immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern verschiedener Motorradklubs.

Mehrfach wurden bereits regionale Ableger in den Bundesländern verboten, weil sie nur zum Zweck der Begehung von Straftaten bestanden. In Schleswig-Holstein wurden bisher drei Klubs aufgelöst.