ZwangsarbeitDie Akte Ikea

DDR-Zwangsarbeiter bauten für den Konzern Möbel. Bei Ikea ahnte man etwas und wollte die Werke besichtigen – doch man ließ sich damals belügen. von Matthias Meisner

Es war einer der größten Brände in der Geschichte Hessens: Im März 1984 brannte die Deutschlandzentrale von Ikea in Hofheim-Wallau bei Wiesbaden völlig aus, 550 Feuerwehrleute aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet waren insgesamt 49 Stunden im Einsatz, der Sachschaden wurde auf 70 Millionen D-Mark geschätzt.

Als Täter ermittelt wurde ein "frustrierter Mitarbeiter" des Möbelhauses, wie sich Thomas Wild erinnert, der Wehrführer der Freiwilligen Feuerwehr Wallau. Ein zunächst nicht ausgeschlossenes politisches Motiv habe sich damals nicht bestätigt, berichtet Wild.

Anzeige

Das heißt aber nicht, dass es keines gegeben hat. Denn ausweislich jetzt aufgefundener Stasi-Dokumente gibt es möglicherweise einen Zusammenhang zwischen dem Großbrand 1984 und der Produktion von Möbeln für Ikea in der DDR. Denn ebenfalls 1984 begann der schwedische Konzern, sich intensiv nach Produktionsbedingungen in der DDR zu erkundigen, den Verzicht auf die Herstellung von Waren in Gefängnissen zu verlangen, die Besichtigung von Produktionsstandorten zu fordern.

"Ikea ist belogen worden"

Das belegt die mehrere hundert Seiten starke Akte zum Ikea-Komplex, die dem Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin vorliegt. Die Stasi registrierte zudem, dass 1984 bei Ikea mehrere Drohbriefe eingegangen waren, in denen die Produktion von Ikea-Möbeln – darunter waren das Sofa Klippan und auch Billy-Regale – von Gefangenen angeprangert wurde.

Ikea hatte damals eine Repräsentanz im Internationalen Handelszentrum in Ost-Berlin, der Leiter hieß Wolfgang Rudolph. Er bekam 1984, wie die Inoffizielle Stasi-Mitarbeiterin "Ilona Henke" protokollierte die Bestätigung, dass etwa im Gefängnis Waldheim bei Leipzig nicht mehr für Ikea gefertigt wird. Ausdrücklich wird auf einen "Skandal" im selben Jahr Bezug genommen – offenkundig der Brand in Hofheim-Wallau. "Ikea ist belogen worden", sagt der Politologe Steffen Alisch vom Forschungsverbund SED-Staat dazu dem Tagesspiegel .

Auch zwei Jahre später sei für die schwedische Möbelhauskette noch immer in Waldheim gefertigt worden. 1986 dann habe Ikea über Rudolph versucht, Produktionsstätten zu besichtigen, auch dies hat die Stasi den Dokumenten zufolge abgebogen. Wie viele politische Häftlinge für Ikea schufteten, vermag Alisch nicht zu sagen. Es ist für ihn zweitrangig: "Egal welchen Haftgrund es gab, es musste unter schlechtesten Bedingungen Zwangsarbeit geleistet werden." Rudolph, längst Rentner, will sich laut Ikea nicht äußern.

Leserkommentare
  1. Wir könnten Ikea boykottieren, wie wir das mit Schlecker auf Wunsch der Schlecker-Frauen gemacht haben.

    Fairerweise müsste man dann aber komplett auflisten, was alles in Gefängnissen hergestellt wird. Meines Wissens ist das eine ganze Menge.

    Das verbieten wir dann. Und die Häftlinge sehen den ganzen Tag fern.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Kelhim
    • 05. Mai 2012 0:39 Uhr

    Das wäre eine Verharmlosung des Umstandes, dass politische Gefangene von ihrem Staat aus wirtschaftlicher Motivation missbraucht wurden.

  2. ...ich dachte bis dato,daß es in der DDR auschließlich politische Häftlinge gab.

    Woher kommen die Produkte oder Vorprodukte eigentlich, die heute z.B. jedes Süßwarenunternehmen oder Textilhandelskonzern benötigt?
    Unter welchen Bedingungen müssen z.B.Kindersklaven Kakaobohnen pflücken und unter welchen Bedingungen müssen Textilarbeiterinnen in Bangladesh oder Indien Kleidung nähen?

  3. http://www.mdr.de/damals/...
    Nur werden damals beteiligte Ärzte schlauer als gewöhnliche Stasileute gewesen sein und haben zur Wendezeit sämtliche Unterlagen verschwinden lassen.

  4. ... in welchem Unrechtssystem reinsten Wassers ich doch gelebt haben muss. Dass es Produktionsverträge westlicher Konzerne mit der DDR gegeben hatte, die ihren Profit aufgrund schlechterer Lohn- und Arbeitsbedingungen in der DDR einfuhren, war mir bekannt. Auch dass (politische) Gefangene zur Arbeit angehalten wurden, was sie - einmal in dieser entsetzlichen Lage - schon aus einem Eigeninteresse annahmen, um sich >die kleine Extras des Lebens< dazu zu verdienen. Aber dass es "Zwangsarbeiter" gab, die man verhungern ließ, vielleicht sogar erschoß, wenn sie der Arbeit nicht nachkamen - eine Assoziation an den Nationalsozialismus, die sich unweigerlich aufdrängt - das war mir neu !
    Oder wird hier mal wieder alles getan, um ein oberflächliches, damonisierendes Geschichtsbild der DDR zu implementieren ??

  5. Nach den im Artikel wiedergegebenen Informationen kann nicht davon ausgegangen werden, dass IKEA wissentlich Güter in der DDR erworben hat, die dort von politischen Gefangenen hergstellt wurden. Da die Recherchen der Stasiunterlagenbehörde weitergehen, muss das noch nicht der letzte Stand der Dinge sein.

    Politische Gefangene in der DDR haben aus dem 1. SED-Unrechtsbereinigungsgesetz – Strafrechtlichen Rehabilitierungsgesetz u. a. einen Anspruch auf Entschädigung. Auch wenn die geringe Kapitalentschädigung in Höhe von 304 EUR je Haftmonat kaum als angemessene Entschädigung für die politische Haft in der DDR angesehen werden kann, stellt sich für mich die Frage, ob es für die ehemaligen politischen Gefangenen überhaupt eine Anspruchsgrundlage gegen Unternehmen außerhalb der ehemaligen DDR gibt, selbst wenn diese vom Einsatz politischer Gefangener Kenntnis gehabt hatten. Wahrscheinlich kann nur die Bundesrepublik Deutschland als Rechtsnachfolgerin der DDR diese Ansprüche gegenüber West-Unternehmen geltend machen.

    Sollten sich von der Bundesrepublik tatsächlich Ansprüche gegenüber West-Unternehmen durchsetzen lassen, sollten m.E. die ehemaligen politischen Gefangenen in der DDR davon profitieren, und diese Mittel nicht zur Finanzierung von Erinnerungsprojekten verwendet werden.

    • Kelhim
    • 05. Mai 2012 0:39 Uhr

    Das wäre eine Verharmlosung des Umstandes, dass politische Gefangene von ihrem Staat aus wirtschaftlicher Motivation missbraucht wurden.

    Antwort auf "Überschrift,"
  6. Gerade die Schweden, die ja naiverweise noch einen guten Kern im Sozialismus wähnen, konnten doch kaum ahnen, daß im "besseren Deutschland" derart ruchbare Methoden angewandt wurden. Jeder 50fach empfohlene Zeit-Kommentator weiß, daß in der DDR nur Westprovokateure und andere zersetzende Elemente im Gefängnis saßen. Denn ein "Unrechtsstaat" war diese Utopie nun wahrlich nicht.

  7. Ob Fernsehen besser ist als Arbeit?

    Hm. Ich kenne nicht allzuviele Häftlinge. Es ist aber bisher mein Kenntnisstand, dass das Arbeiten im Gefängnis eher ein Privileg ist. Niemand will 24 Stunden in seiner Zelle hocken.

    Aber ich lerne gerne dazu. Ich werde mal versuchen, herauszufinden, was alles in Gefängnissen produziert wird. Zum Beispiel weiß ich das von bestimmten Papierwaren. Bisher hieß es, es sei eine gute Tat, das zu kaufen. Es würde mir aber auch nichts ausmachen, das zu unterlassen.

    Vielleicht könnte man ein neues Gütesiegel erfinden. Garantiert "von freien Menschen" produziert. Also bitte auch nicht von 1-Euro-Jobbern und Leiharbeitern.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Ikea | Brand | D-Mark | DDR | Freie Universität Berlin | Stasi
Service