Zwangsarbeit Die Akte Ikea
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Die Recherche zu Ikea ist noch nicht beendet

Dass das Verhältnis zwischen Ikea und der DDR nicht reibungsfrei war, ist seit Jahren klar. 2006 befasste sich der in Berlin lebende Historiker Christian Halbrock in einem Aufsatz für die Zeitschrift "Horch und Guck" mit der Frage, wie weit Schweden im Visier ostdeutscher Agenten war. Zu dem Möbelkonzern schrieb er: "Im Falle des Ikea-Büros im Internationalen Handelszentrum an der Friedrichstraße verließ sich das MfS nicht mehr nur auf den Informationsgewinn seiner IMs.

Wahrscheinlich 1985, der genaue Termin lässt sich nicht mehr aus den Akten rekonstruieren, erfolgte die 'konspirative Durchsuchung’ der von Ikea im Handelszentrum genutzten Räume." Eine Ikea-Sprecherin versichert, nach derzeitigem Stand habe man nichts von dem Einsatz von Häftlingen gewusst. "Ob das Jahr 1984 eine Schlüsselrolle spielt, werden unsere Untersuchungen zeigen." Noch fehle ein Gesamtbild.

Nach Angaben der Stasiunterlagenbehörde ist die Recherche zu Ikea noch nicht beendet. Sprecherin Dagmar Hovestädt sagt, das Unternehmen habe bereits vor einigen Monaten einen Forschungsantrag gestellt und mehrere hundert Seiten Akten zur Verfügung gestellt bekommen. Hovestädt weist darauf hin, dass eine ganze Reihe von Unternehmen aus dem westlichen Ausland Produktionsverträge mit der DDR hatten. Auch der Politologe Alisch sagt, Ikea sei nur die "Spitze eines Eisbergs".

Die thüringische Stasi-Beauftragte Hildigund Neubert meint, es sei möglich, dass Ikea sensibler gewesen sei als andere West-Unternehmen. Das Versandhaus Quelle etwa habe umfangreiche Handelsbeziehungen mit der DDR unterhalten, sich aber praktisch nicht darum gekümmert, von wem und unter welchen Bedingungen gefertigt werde. Für "gut und generös" würde es Neubert dennoch halten, wenn Ikea jetzt Erinnerungsprojekte unterstützen würde, etwa die Gedenkstätte im Frauengefängnis Hoheneck im früheren DDR-Bezirk Karl-Marx-Stadt.

Erschienen im Tagesspiegel

 
Leser-Kommentare
  1. Wir könnten Ikea boykottieren, wie wir das mit Schlecker auf Wunsch der Schlecker-Frauen gemacht haben.

    Fairerweise müsste man dann aber komplett auflisten, was alles in Gefängnissen hergestellt wird. Meines Wissens ist das eine ganze Menge.

    Das verbieten wir dann. Und die Häftlinge sehen den ganzen Tag fern.

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    • Kelhim
    • 05.05.2012 um 0:39 Uhr

    Das wäre eine Verharmlosung des Umstandes, dass politische Gefangene von ihrem Staat aus wirtschaftlicher Motivation missbraucht wurden.

    • Kelhim
    • 05.05.2012 um 0:39 Uhr

    Das wäre eine Verharmlosung des Umstandes, dass politische Gefangene von ihrem Staat aus wirtschaftlicher Motivation missbraucht wurden.

  2. ...ich dachte bis dato,daß es in der DDR auschließlich politische Häftlinge gab.

    Woher kommen die Produkte oder Vorprodukte eigentlich, die heute z.B. jedes Süßwarenunternehmen oder Textilhandelskonzern benötigt?
    Unter welchen Bedingungen müssen z.B.Kindersklaven Kakaobohnen pflücken und unter welchen Bedingungen müssen Textilarbeiterinnen in Bangladesh oder Indien Kleidung nähen?

  3. Lies IKEA nicht bereits vor vielen Jahrzehnten in Polen von Staatsfirmen produzieren?
    IKEA ist so aufs sparen fixiert, dass wohl selbst beim Wissen der Produktionsumstände keinen Strategiewechsel gegeben hätte. Immerhin scheint das Unternehmen bei weiten nicht so sozial aufgestellt zu sein, wie sich die schwedischen Firmen gerne darstellen. Immerhin fühlen sich IKEA und sein Gründer so mit Schweden verbunden, dass Steuern hinterzogen wurden, Stiftungen in Luxemburg, Niederlande und anderen Steuerparadiesen liegen... und der Gründer in der Schweiz lebt (Nachzulesen u.a. in Zeitonline).

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    es gibt kein soziales unternehmen.

    es gibt kein soziales unternehmen.

  4. http://www.mdr.de/damals/...
    Nur werden damals beteiligte Ärzte schlauer als gewöhnliche Stasileute gewesen sein und haben zur Wendezeit sämtliche Unterlagen verschwinden lassen.

  5. ... in welchem Unrechtssystem reinsten Wassers ich doch gelebt haben muss. Dass es Produktionsverträge westlicher Konzerne mit der DDR gegeben hatte, die ihren Profit aufgrund schlechterer Lohn- und Arbeitsbedingungen in der DDR einfuhren, war mir bekannt. Auch dass (politische) Gefangene zur Arbeit angehalten wurden, was sie - einmal in dieser entsetzlichen Lage - schon aus einem Eigeninteresse annahmen, um sich >die kleine Extras des Lebens< dazu zu verdienen. Aber dass es "Zwangsarbeiter" gab, die man verhungern ließ, vielleicht sogar erschoß, wenn sie der Arbeit nicht nachkamen - eine Assoziation an den Nationalsozialismus, die sich unweigerlich aufdrängt - das war mir neu !
    Oder wird hier mal wieder alles getan, um ein oberflächliches, damonisierendes Geschichtsbild der DDR zu implementieren ??

    2 Leser-Empfehlungen
  6. Nach den im Artikel wiedergegebenen Informationen kann nicht davon ausgegangen werden, dass IKEA wissentlich Güter in der DDR erworben hat, die dort von politischen Gefangenen hergstellt wurden. Da die Recherchen der Stasiunterlagenbehörde weitergehen, muss das noch nicht der letzte Stand der Dinge sein.

    Politische Gefangene in der DDR haben aus dem 1. SED-Unrechtsbereinigungsgesetz – Strafrechtlichen Rehabilitierungsgesetz u. a. einen Anspruch auf Entschädigung. Auch wenn die geringe Kapitalentschädigung in Höhe von 304 EUR je Haftmonat kaum als angemessene Entschädigung für die politische Haft in der DDR angesehen werden kann, stellt sich für mich die Frage, ob es für die ehemaligen politischen Gefangenen überhaupt eine Anspruchsgrundlage gegen Unternehmen außerhalb der ehemaligen DDR gibt, selbst wenn diese vom Einsatz politischer Gefangener Kenntnis gehabt hatten. Wahrscheinlich kann nur die Bundesrepublik Deutschland als Rechtsnachfolgerin der DDR diese Ansprüche gegenüber West-Unternehmen geltend machen.

    Sollten sich von der Bundesrepublik tatsächlich Ansprüche gegenüber West-Unternehmen durchsetzen lassen, sollten m.E. die ehemaligen politischen Gefangenen in der DDR davon profitieren, und diese Mittel nicht zur Finanzierung von Erinnerungsprojekten verwendet werden.

    • Kelhim
    • 05.05.2012 um 0:39 Uhr

    Das wäre eine Verharmlosung des Umstandes, dass politische Gefangene von ihrem Staat aus wirtschaftlicher Motivation missbraucht wurden.

    Antwort auf "Überschrift,"
  7. Gerade die Schweden, die ja naiverweise noch einen guten Kern im Sozialismus wähnen, konnten doch kaum ahnen, daß im "besseren Deutschland" derart ruchbare Methoden angewandt wurden. Jeder 50fach empfohlene Zeit-Kommentator weiß, daß in der DDR nur Westprovokateure und andere zersetzende Elemente im Gefängnis saßen. Denn ein "Unrechtsstaat" war diese Utopie nun wahrlich nicht.

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