Katholikentag: "Wir brauchen Kirchen-Piraten"
Wie kann die Katholische Kirche aus ihrer Krise herauskommen? Indem die Mitglieder die Sache selbst in die Hand nehmen, sagt der Theologe Hengsbach im Interview.
ZEIT ONLINE: Am Mittwoch beginnt in Mannheim der Katholikentag. Sie beteiligen sich an dem von Kirchenkritikern initiierten Alternativprogramm. Warum ist ein solches Alternativprogramm überhaupt notwendig?
Friedhelm Hengsbach: Der offizielle Katholikentag bietet mit 1.200 Veranstaltungen einen kunterbunten Bauchladen, bei dem am Ende niemand mehr weiß, worum es eigentlich geht. Das Alternativprogramm will Akzente setzen. Wir wollen innerkirchliche und politische Konfliktthemen ansprechen.
Die Bischöfe wollen dagegen ein Fest des Glaubens veranstalten, ein großes Event, keine strukturelle Auseinandersetzung.
ZEIT ONLINE: Das Motto des Kirchentages lautet "den Aufbruch wagen". Klingt da denn nicht an, dass man sich mit Reformen beschäftigen will?

Friedhelm Hengsbach, Jahrgang 1937, ist Jesuiten-Pater. Er studierte katholische Theologie und Wirtschaftswissenschaften. Bis 2005 war er Professor für Christliche Sozialwissenschaft bzw. Wirtschafts- und Gesellschaftsethik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main. Von 1992 bis 2006 leitete der das Nell-Breuning-Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik.
Hengsbach: Das ist mir viel zu unkonkret. Unklar ist zum Beispiel, ob die Kirchenleitung sich an diesem Aufbruch beteiligen will oder ob sie ihn verhindern will. Dem Aufbruch fehlt auch das Ziel. Jeder Bergsteiger muss doch wissen, auf welchen Berg er eigentlich will. Doch wohin der Aufbruch der Kirche gehen soll, bleibt in der Schwebe.
ZEIT ONLINE: "Den Aufbruch wagen", das bezieht sich auch auf den innerkirchlichen Gesprächsprozess, den die Bischöfe vor einiger Zeit angestoßen haben. Sie haben gesagt, dieser Gesprächsprozess sei kabarettreif. Wieso?
Hengsbach: Das kann man an einem Punkt sehr deutlich machen. Bei der ersten Veranstaltung im Rahmen dieses Dialogs gab es sehr viele Eingaben, auch zum Priestertum für Frauen. Deswegen hat das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken die Bischöfe aufgefordert, wenigstens über ein Diakonat für Frauen zu sprechen. Diakone stehen eine Stufe unter den Priestern. Daraufhin hat die Deutsche Bischofskonferenz erklärt, dieses Thema belaste den Dialogprozess, es verschwand in der Versenkung.
Das meine ich mit kabarettreif. Dass man einen Dialogprozess ankündigt, aber zugleich sagt: Bestimmte Fragen beantworten wir nicht oder lassen wir gar nicht erst zu.
ZEIT ONLINE: Auf Katholikentagen wird immer viel geredet, auch über kritische Themen. Doch entschieden wird in Rom. Ist das nicht frustrierend?
Hengsbach: Natürlich. Das ist ja eines unserer Hauptprobleme: Diese fossile hierarchische Organisationsstruktur. Meine Schlussfolgerung daraus ist: Das Volk Gottes muss sich die Kirche wieder aneignen.
Jesus hat gesagt, wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen. Das heißt das erste Subjekt der Kirche ist die Gemeinde. Und nicht der Papst oder ein Bischof oder sonstige Kirchenfürsten.
Die Gemeindemitglieder müssen die Sache selbst in die Hand nehmen. Wenn also keine Priester da sind, dann sollte sich eine Gruppe in der Gemeinde finden und sagen, wir machen jetzt die Gottesdienste. Wir organisieren jetzt unsere Gemeinde. Im Extremfall sogar: Wir treten aus der Kirche, aus dem Steuersystem aus und finanzieren unsere Gemeinde selbst. Was wir brauchen, sind so eine Art Kirchen-Piraten.





Zu viele Ungereimtheiten in diesem Satz machen die Kirche von unten genauso suspekt wie die Kirche von oben.
Für mich ist dieses Interview eine schöne Darstellung dessen, dass in der angeblich so verkrusteten katholischen Kirche auch für Querköppe Platz ist. Insofern widerlegt sich Herr Hengsbach, wenn er fodert, dass das" Volk sich die Kirche wieder aneignen" muss. Denn er selbst ist ja das beste Beispiel dafür, dass diesbezüglich eigentlich kein Reformbedarf herrscht. Kirchenpiraten gibt es noch und nöcher, von Leuten wie ihm bis zur Piusbruderschaft.
Mit der Forderung, dass "die Gemeindemitglieder die Sache selbst in die Hand nehmen müssen", rennt er ebenfalls offene Türen ein. Das ist doch bereits Realität, auch wenn natürlich die Einschränkung besteht, dass gewisse Sakramente nur von Priestern gespendet werden können. Nur, solche Basics will Herr Hengsbach sicher ebenfalls nicht zur Disposition stellen, ansonsten wäre er längst woanders.
Übrigens herrschen in den Gremien der Gemeinden, und die sind ja sein Hauptanliegen, demokratische Verfahren vor. Mir wäre nicht bekannt, dass Pfarrgemeinderäte oder Kirchenvorstände irgendwo von den Priester ernannt würden.
@Kleinempfaenger: In welchem Teil Deutschlands leben Sie denn? Welchen Teil der (katholischen) Kirche kennen Sie denn?
Wenn an der Schlagzeile nur ein Fünkchen Möglichkeit dran sein sollte, dann erleben wir bereits seit einigen Jahrzehnten die Zeit NACH den "Kirchen-Piraten".
Die römische Administration hat den Aufbruch des Zweiten Vatikanischen Konzils, der in den ersten beiden Konstitutionen GAUDIUM ET SPES (Glaube und Hoffnung der Menschen) und LUMEN GENTIUM (Von der Aufgabe der Kirche in der Welt von heute) erfolgreich niedergerungen. Dass Herr "Wir sind Papst" mit der separatistischen Piusbruderschaft zusammengehen will, ist der jüngste Beleg dafür.
Auch die frischen Winde durch deutsche Bistümer, man mag verführt sein, deren Beschlußtext aus den 70ern von Würzburg "Unsere Hoffnung" gleichsam prophetische Qualitäten zuzubilligen, warten engagierte Katholiken seit Jahrzehnten. Um im Gedankengang von "Unsere Hoffnung" zu bleiben, wäre es besser, weniger Aufbrüche medial auszuloben, als mehr stummen Protesten von Menschen kirchlich und gesellschaftlich Geltung zu verschaffen. Das kommt aber nicht so gut, ist leiser bis medial unauffällig.
Der Vatikan hat es geschafft, das Engagement von Basisgemeinden und Befreiungstheologen als prinzipiell marxistisch zu verunglimpfen. Damit hat die Kirche aus dem Ringen um Zukunft und Werte herausgeholt, um sich als Bewahrer von Bestandsmächten "bewähren" zu können.
Herr Hengsbach: Der Kirchen-Piraten-Traum ist schon ausgeträumt.
Das ist ja Protestantismus, was hier gefordert wird.
Gut so, weiter so :)
@Kleinempfaenger: In welchem Teil Deutschlands leben Sie denn? Welchen Teil der (katholischen) Kirche kennen Sie denn?
Wenn an der Schlagzeile nur ein Fünkchen Möglichkeit dran sein sollte, dann erleben wir bereits seit einigen Jahrzehnten die Zeit NACH den "Kirchen-Piraten".
Die römische Administration hat den Aufbruch des Zweiten Vatikanischen Konzils, der in den ersten beiden Konstitutionen GAUDIUM ET SPES (Glaube und Hoffnung der Menschen) und LUMEN GENTIUM (Von der Aufgabe der Kirche in der Welt von heute) erfolgreich niedergerungen. Dass Herr "Wir sind Papst" mit der separatistischen Piusbruderschaft zusammengehen will, ist der jüngste Beleg dafür.
Auch die frischen Winde durch deutsche Bistümer, man mag verführt sein, deren Beschlußtext aus den 70ern von Würzburg "Unsere Hoffnung" gleichsam prophetische Qualitäten zuzubilligen, warten engagierte Katholiken seit Jahrzehnten. Um im Gedankengang von "Unsere Hoffnung" zu bleiben, wäre es besser, weniger Aufbrüche medial auszuloben, als mehr stummen Protesten von Menschen kirchlich und gesellschaftlich Geltung zu verschaffen. Das kommt aber nicht so gut, ist leiser bis medial unauffällig.
Der Vatikan hat es geschafft, das Engagement von Basisgemeinden und Befreiungstheologen als prinzipiell marxistisch zu verunglimpfen. Damit hat die Kirche aus dem Ringen um Zukunft und Werte herausgeholt, um sich als Bewahrer von Bestandsmächten "bewähren" zu können.
Herr Hengsbach: Der Kirchen-Piraten-Traum ist schon ausgeträumt.
Das ist ja Protestantismus, was hier gefordert wird.
Gut so, weiter so :)
Ich finde es absolut infam, daß hier zwischen den Zeilen unterstellt wird, der evangelischen Kirche ginge es um "Nützlichkeit", während es katholischen Reformern um Gerechtigkeit ginge.
Der römischen Kirche geht es vorrangig um Tradition, nicht um Gerechtigkeit im umfassenden Sinne. Daran hat sich bis heute nicht sehr viel geändert.
Wenn man will, daß die Kirche wieder "etwas von dem ausstrahlt, was Jesus gewollt hat" aber gleichzeitig Angst vor der Exkommunikation - also lächerlichem, anmaßendem Machtgehabe römischer Institutionen - hat, dann ist das reichlich inkonsequent. Soviel Hasenfüßigkeit haben die "echten" Reformatoren vor 500 Jahren nicht an den Tag gelegt.
Wenn die katholische Kirche sich zu Werten anstatt zu Dogmen bekennen würde und Moral gleichbedeutend wie Gehorsam und Tradition wer bräuchte die dann noch?
Im Grunde ist der einzige Sinn dieser Kirche genau darin zu finden. Sonst wäre man evangelisch! grins
...höhlt den 'verrosteten und verschimmelten' Stein. Dank an Herrn Hengsbach für dieses Interview.
Natürlich kann man nun wieder jedes einzelne Wort auf die Waagschale (oder besser Kritikschale?) werfen, erneut katholisch und evangelisch gegen einander ausspielen; doch damit diente man nur dem bewährten Reformverzögerungsprozess aus Rom. Wieder einer aus den 'eigenen Reihen' hat klarere Worte gefunden. Wieder hat damit einen kleinen Hoffnungsschimmer in mir geweckt. Anfangen, um Dogmen auszusortieren oder lieber zurück auf Null und ganz klein bei der einfachen Botschaft Jesu beginnen? Das ist wahrhaftig schwieriger als viele denken.
Der "Verfall der Sitten", der Siegeszug der Ellenbogengesellschaft, die Kapitalisierung auch enger sozialer Bindungen, das alles sind Mißstände, wo Institutionen, welche unabhängig von Herkunft, sozialem Milieu, Bildung, Einkommen/Vermögen etc. einen groben gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern und Gutes bewirken können.
Ich für meinen Teil sehe nicht, daß Religionen heute diesen Anspruch erfüllen, da sie im 21. Jahrhundert weniger Antworten auf gesellschaftliche Fragen liefern und gar noch weniger Einfluß haben als früher, und bestenfalls Trost (Vertröstung aufs nächste Leben, den Himmel,..) spenden, und auch ein grundsätzlicher Konflikt mit modernen, gebildeten, aufgeklärten Menschen besteht.
Die Institution der Kirchen haben außerdem neben durchaus vorhandenem sozialen Engagement ja auch die eine oder andere Schattenseite, und das auch nicht nur historisch.
Ja, ein konservatives (an *bewährtem* festhalten) Gegengewicht und eine Bremse zu mancher, übereilter Fehlentwicklung ist nicht verkehrt, doch nicht zeitgemäße Moralvorstellungen und die durchweg recht deutlich ausgeprägte Unfähigkeit zu Reformen treiben nicht rein zufällig die Austrittszahlen konstant in die Höhe.
Wir brauchen keine Kirchen und auch keine Kirchen-Piraten, und ganz sicher keine neue Minderheit, die ihre Moralvorstellungen allgemeingültig dem Rest aufdrücken will.
Was wir brauchen ist mehr ETHIK.
Gesellschaftliche und soziale Integrität ergeben sich dann, wenn man es richtig macht, von ganz allein.
den Dalai Lama zu lesen: Beyond Religion (Deutsche Übersetzung: Rückkehr zur Menschlichkeit). Dort wird eine konsequente Ethik unter Verzicht auf Religion beschrieben. Der Dalai lama respektiert übrigens die Religionen, ist aber durchaus der Meinung, dass es für Ethik keiner Religion bedarf.
Ansonsten sind die Ansätze der Neurobioethik soweit fortgeschritten, dass sie das Heft des Handelns und Denkens den Kirchen bereits lange entrissen haben.
Evolutionär betrachtet scheint es sich bei den Kirchen eher um auslaufende Modelle zu handeln, die mit Machtspielen und Geld beschäftigt sind.
den Dalai Lama zu lesen: Beyond Religion (Deutsche Übersetzung: Rückkehr zur Menschlichkeit). Dort wird eine konsequente Ethik unter Verzicht auf Religion beschrieben. Der Dalai lama respektiert übrigens die Religionen, ist aber durchaus der Meinung, dass es für Ethik keiner Religion bedarf.
Ansonsten sind die Ansätze der Neurobioethik soweit fortgeschritten, dass sie das Heft des Handelns und Denkens den Kirchen bereits lange entrissen haben.
Evolutionär betrachtet scheint es sich bei den Kirchen eher um auslaufende Modelle zu handeln, die mit Machtspielen und Geld beschäftigt sind.
Wir brauchen ein Ethik Verband für alle Freigläubigen und Atheisten der uns als Gegenpol zum Religiösen - Wahn egal aus welcher Richtung er kommt, eine Stimme verleiht.
@Kleinempfaenger: In welchem Teil Deutschlands leben Sie denn? Welchen Teil der (katholischen) Kirche kennen Sie denn?
Wenn an der Schlagzeile nur ein Fünkchen Möglichkeit dran sein sollte, dann erleben wir bereits seit einigen Jahrzehnten die Zeit NACH den "Kirchen-Piraten".
Die römische Administration hat den Aufbruch des Zweiten Vatikanischen Konzils, der in den ersten beiden Konstitutionen GAUDIUM ET SPES (Glaube und Hoffnung der Menschen) und LUMEN GENTIUM (Von der Aufgabe der Kirche in der Welt von heute) erfolgreich niedergerungen. Dass Herr "Wir sind Papst" mit der separatistischen Piusbruderschaft zusammengehen will, ist der jüngste Beleg dafür.
Auch die frischen Winde durch deutsche Bistümer, man mag verführt sein, deren Beschlußtext aus den 70ern von Würzburg "Unsere Hoffnung" gleichsam prophetische Qualitäten zuzubilligen, warten engagierte Katholiken seit Jahrzehnten. Um im Gedankengang von "Unsere Hoffnung" zu bleiben, wäre es besser, weniger Aufbrüche medial auszuloben, als mehr stummen Protesten von Menschen kirchlich und gesellschaftlich Geltung zu verschaffen. Das kommt aber nicht so gut, ist leiser bis medial unauffällig.
Der Vatikan hat es geschafft, das Engagement von Basisgemeinden und Befreiungstheologen als prinzipiell marxistisch zu verunglimpfen. Damit hat die Kirche aus dem Ringen um Zukunft und Werte herausgeholt, um sich als Bewahrer von Bestandsmächten "bewähren" zu können.
Herr Hengsbach: Der Kirchen-Piraten-Traum ist schon ausgeträumt.
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