ZEIT ONLINE: Am Mittwoch beginnt in Mannheim der Katholikentag. Sie beteiligen sich an dem von Kirchenkritikern initiierten Alternativprogramm. Warum ist ein solches Alternativprogramm überhaupt notwendig?

Friedhelm Hengsbach: Der offizielle Katholikentag bietet mit 1.200 Veranstaltungen einen kunterbunten Bauchladen, bei dem am Ende niemand mehr weiß, worum es eigentlich geht. Das Alternativprogramm will Akzente setzen. Wir wollen innerkirchliche und politische Konfliktthemen ansprechen.

Die Bischöfe wollen dagegen ein Fest des Glaubens veranstalten, ein großes Event, keine strukturelle Auseinandersetzung.

ZEIT ONLINE: Das Motto des Kirchentages lautet "den Aufbruch wagen". Klingt da denn nicht an, dass man sich mit Reformen beschäftigen will?

Hengsbach: Das ist mir viel zu unkonkret. Unklar ist zum Beispiel, ob die Kirchenleitung sich an diesem Aufbruch beteiligen will oder ob sie ihn verhindern will. Dem Aufbruch fehlt auch das Ziel. Jeder Bergsteiger muss doch wissen, auf welchen Berg er eigentlich will. Doch wohin der Aufbruch der Kirche gehen soll, bleibt in der Schwebe.

ZEIT ONLINE: "Den Aufbruch wagen", das bezieht sich auch auf den innerkirchlichen Gesprächsprozess , den die Bischöfe vor einiger Zeit angestoßen haben. Sie haben gesagt, dieser Gesprächsprozess sei kabarettreif. Wieso?

Hengsbach: Das kann man an einem Punkt sehr deutlich machen. Bei der ersten Veranstaltung im Rahmen dieses Dialogs gab es sehr viele Eingaben, auch zum Priestertum für Frauen. Deswegen hat das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken die Bischöfe aufgefordert, wenigstens über ein Diakonat für Frauen zu sprechen. Diakone stehen eine Stufe unter den Priestern. Daraufhin hat die Deutsche Bischofskonferenz erklärt, dieses Thema belaste den Dialogprozess, es verschwand in der Versenkung.

Das meine ich mit kabarettreif. Dass man einen Dialogprozess ankündigt, aber zugleich sagt: Bestimmte Fragen beantworten wir nicht oder lassen wir gar nicht erst zu.

ZEIT ONLINE: Auf Katholikentagen wird immer viel geredet, auch über kritische Themen. Doch entschieden wird in Rom . Ist das nicht frustrierend?

Hengsbach: Natürlich. Das ist ja eines unserer Hauptprobleme: Diese fossile hierarchische Organisationsstruktur. Meine Schlussfolgerung daraus ist: Das Volk Gottes muss sich die Kirche wieder aneignen.

Jesus hat gesagt, wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen. Das heißt das erste Subjekt der Kirche ist die Gemeinde. Und nicht der Papst oder ein Bischof oder sonstige Kirchenfürsten.

Die Gemeindemitglieder müssen die Sache selbst in die Hand nehmen. Wenn also keine Priester da sind, dann sollte sich eine Gruppe in der Gemeinde finden und sagen, wir machen jetzt die Gottesdienste. Wir organisieren jetzt unsere Gemeinde. Im Extremfall sogar: Wir treten aus der Kirche, aus dem Steuersystem aus und finanzieren unsere Gemeinde selbst. Was wir brauchen, sind so eine Art Kirchen-Piraten.