Kirchentag : Massive Kritik an katholischen Bischöfen

Die Katholiken hadern mit ihrer Kirchenführung. Südwest-Regierungschef Kretschmann nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Auch Kritik am Umgang mit Frauen wird laut.
Der evangelische Landesbischof Ulrich Fischer, die evangelische Bischöfin Rosemarie Wenner, die katholischen Bischöfe Matthias Ring und Robert Zollitsch sowie der griechisch-orthodoxe Metropolit Augoustinos (v.l.n.r.) © Uwe Anspach/dpa

Prominente Katholiken haben massive Kritik an den deutschen Bischöfen geübt und dabei Unterstützung aus der evangelischen Kirche erhalten. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hielt den Oberhirten beim Katholikentag in Mannheim mangelnde Dialogbereitschaft vor. "Streit und Kritik sind kein Ausdruck von Illoyalität, sondern von Besorgnis um wichtige Fragen", sagte Kretschmann .

Es könne nicht sein, dass Bischöfe wie Franz-Josef Overbeck aus Essen es als "wenig förderlich" bezeichneten, dass die Laien erneut über strittige Themen wie das Diakonat der Frau sprechen wollten. Zugleich rief der katholische Ministerpräsident die Laien auf, zu Kompromissen bereit zu sein. Die Katholiken an der Basis müssten die Sorge der Bischöfe ernst nehmen, dass Streit die Kirche zerreißen könne. Allerdings müssten die Bischöfe auch akzeptieren, dass viele Laien sich eine offenere Kirche wünschten. "Wir sollten uns dann nicht gegenseitig gleich den rechten Glauben abstreiten."

Kritik am Umgang der katholischen Kirche mit Frauen

Der sogenannte Priester-Rebell Schüller warf der Kirchenführung Reformunfähigkeit vor. "Wir haben keine Glaubenskrise und wir haben auch keine Kirchenkrise. Wir habe eine Krise der Kirchenleitung", sagte er. Schüller steht einer Pfarrerinitiative vor, die sich für Reformen einsetzt, unter anderem für die Priester-Zulassung von Verheirateten und Frauen. Der katholischen Kirche fehlten "Grundrechte für Getaufte", die einen Dialog mit der Kirchenführung erst ermöglichten. "Im Moment ist der Dialog ein Gnadenakt von einer Seite, der jederzeit unterbrochen werden kann."

Der badische evangelische Landesbischof Ulrich Fischer warf der katholischen Kirche vor, beim Umgang mit Frauen gegen die Botschaft der Bibel zu verstoßen. "Eine Kirche, die für sich in Anspruch nimmt, sich in Lehre und Ordnung an den biblischen Texten zu orientieren, kann jedenfalls nicht auf Dauer Frauen von allen Ämtern der Kirche ausschließen", sagte er.

Jesus habe sich Männern und Frauen ohne jeden Unterschied zugewandt. Doch dann seien die Frauen durch ein männliches Dominanzstreben nach und nach zurückgedrängt worden.

Zollitsch: Katholiken sollen Deutschland mitgestalten

Das fünftägige Laienforum, das am Sonntag zu Ende geht und insgesamt rund 60.000 Besucher zählte, war geprägt von der tiefen Krise in der katholischen Kirche. Viele Gläubige forderten auf den Veranstaltungen unter dem Motto "Einen neuen Aufbruch wagen" vehement Reformen. Dazu gehören mehr Mitwirkungsrechte für Frauen und Laien auch in der Seelsorge, Verbesserungen für wiederverheirate Menschen und Paare unterschiedlicher Konfession oder ein Überdenken der rigiden Sexualmoral der Kirche. Etliche Bischöfe stehen dem ablehnend oder abwartend gegenüber.

In der Debatte um Veränderungen berufen sich viele auf das Zweite Vatikanische Konzil von 1962 bis 1965, mit dem wichtige Reformen und eine Modernisierung der katholischen Kirche angestoßen worden waren. So wird der Gottesdienst seither überwiegend in den Landessprachen statt auf Latein gehalten, Priester feiern die Messe nicht mehr mit dem Rücken zum Kirchenvolk. Der Katholikentag widmete dem 50-jährigen Konzilsjubiläum eine Gala. "Jetzt ist die Zeit neuer Weichenstellungen", sagte der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück , vor Tausenden Gästen.

Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch , rief die Katholiken in einem Gottesdienst auf, "die Zukunft der Kirche in unserem Land" aktiv zu gestalten. "Wir haben keine Zeit damit zu verlieren, nostalgisch oder gar gelähmt zurückzuschauen und unsere Kraft mit Klagen und Jammern zu vergeuden", sagte er.

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Kommentare

95 Kommentare Seite 1 von 12 Kommentieren

Umsonst gestorben

Der Mann aus Nazareth war antihierarchisch, antidogmatisch, frauenfreundlich und jedem Pomp abhold.

So wie er die Pharisäser und Schriftgelehrten als Schlangen, Heuchler und Otterngezücht bezeichnet hat, gehe ich davon aus, dass er auch "massive Kritik an den katholischen Bischöfen" üben würde.

[...]

Gekürzt. Verzichten Sie auf Äußerungen, die als antisemitische Stereotype gedeutet werden können. Die Redaktion/mak

Die Kirche wird geprägt...

von Leuten die um die 80 sind und in den 50gern sozialisiert worden sind.
So dachten die Leute leider damals, lange ist's her.

Mir ist sie schon lange egal.
Die Bereiche die mir wichtig sind, wie
Gleichheit von Mann und Frau
Tier/Umweltschutz und
Rechte der Homosexuellen
versagt sie völlig.

Auch interessant war das Interview mit Thomas Gottschalk im Spiegel. Er fand den alten Gottesdienst auf Lateinisch mit abgewandten Pfarrer toll. O.o

Angst essen Seele auf

Die Kirchenleitung hat Angst: vor der Moderne, dem Ungewissen, vor den Menschen. Wer Angst hat, handelt hochgradig irrational. Wer Angst hat, redet nicht mehr, sondern verteidigt und gräbt sich ein. Wer Angst hat, schlägt nicht nur Angebote aus, sondern auch mal unbarmherzig zu.

Ein würdeloses Bild modernen Pharisäertums - und ganz weit weg von den Menschen in der realen Welt. Eine Schande und Schmach für alle engagierten Katholiken, die den Glauben wahrhaft leben.

@jp aussant & TomFynn: Unbequeme Wahrheiten

Ich stimme Ihren - sich nur scheinbar widersprechenden - Argumenten zu: Allerdings hatten unbequeme, wahre Rufer in der Wüste(!) nie bequeme, karrieren- & pensionssichere Posten, sondern waren - und sind heute noch - in Lebensgefahr, s. Rotchina, Russland u.a. Die Kirchenleitung - nicht die Kirche an sich - diskreditiert sich selbst, da sie unbequeme Wahrheiten selektiv aus unlauteren Beweggründen (z.B. Erhalt von Macht und Ansehen) dogmatisch vertritt & sich selbst nicht an sie hält. "Alles andere" ist zwar auch nicht immer aufrichtige Kritik, doch wo stünden wir heute, wenn Wyclif, Huss, Tyndale, Luther u.v.a. klein beigegeben hätten?