Es war am 20. April 1999. Mein letztes Schuljahr, kurz vor dem Abitur. Die Prüfungen hatten noch nicht begonnen. Ich saß auf einer Bank vor dem Neubau der Schule und träume davon, mich an der Humboldt-Universität zu Berlin in Philosophie einzuschreiben, um endlich den Mief der Provinz zu verlassen.

Mein Mathelehrer und zwei Freunde kommen auf mich zu. Mein Lehrer redet langsamer und behutsamer, als es sonst seine Art ist. Ich höre nur noch die Satzfetzen "Nazis", "du musst jetzt ruhig bleiben" und "dein Bruder". Ich renne los, blind vor Wut und bereit, den Feind zu töten.

Aber unten an der Bushaltestelle ist kein Feind mehr. Die Wut, die in meinen Fäusten und Knochen steckt, entlädt sich am Fahrradständer. Dann Erschöpfung, Hilflosigkeit und Verwirrung. Ich heule.

Nach einer Weile drängt sich die unerträgliche Frage auf: Wie soll ich es nur der Mutter erklären, dass der Kleine verletzt wurde? Ich kann und will jetzt nicht nach Hause fahren! Mit meinen Freunden fahre ich orientierungslos in der Gegend herum. Ich bitte einen von ihnen, meiner Mutter von dem Vorfall zu berichten. Ich habe nicht den Mut dazu.

Zu einer Tatsache verdichtet

Alle meine Ängste und Befürchtungen haben sich damals zu einer Tatsache verdichtet. Den permanenten psychischen Druck kannte ich bereits. In der S-Bahn, wenn einer in Bomberjacke das Butterfly-Messer demonstrativ kreisen lässt. In der Kreisliga, wenn Trainer und Spieler der gegnerischen Mannschaft ihre Ressentiments nicht mehr zurückhalten wollen. Beim Besuch eines Mitschülers, wenn die Mutter einen anbrüllt, man habe als "Fidschi" das Grundstück nicht zu betreten.

Diese Erfahrungen konnte ich einigermaßen verdrängen. Doch wie verdrängt man eine unerträgliche Tatsache? Wie verleugnet man eine Realität, die es in diesem Land und in einem Menschenleben nicht geben dürfte?

Zeichen der Verwirrung

Inzwischen arbeite ich als Psychologe im Maßregelvollzug, einer Art von Unterbringungseinrichtung für straffällig gewordene Jugendliche. Einige meiner Patienten haben eine rechtsextreme Vergangenheit. Ihre Tattoos sind unauslöschliche Brandmale ihrer Vergangenheit. Sie erzählen von Zeiten der Verwirrung, des Hasses und der Gewalt. Sie erzählen von Wut und Verzweiflung und der Suche nach Geborgenheit, Sicherheit und Orientierung. Junge Männer, die heute noch zweifeln, ob eine Welt ohne Feind existieren kann. 

Wut, Hass und Angst sind keine abstrakten Konstruktionen, wie es einem im Psychologiestudium vermittelt wird. Es sind Realitäten. Mir scheint, viele Menschen verleugnen, dass sie diese Gefühle in sich tragen. Sie glauben, Hass und Wut seien kein Teil ihrer selbst.

Die professionellen Hasser wissen, wie sie die Verwirrung und den Selbsthass vor allem junger Männer ausnutzen können. Sie wollen erreichen, dass sich dieses Land in Feindeslager spaltet.

Die Nazis von damals traf ich übrigens vor Gericht wieder, den Prozess habe ich als Zuschauer verfolgt. Mit einem von ihnen hatte ich in der D-Jugend in derselben Fußballmannschaft gespielt.