Leben mit Rassismus : Übergriff an der Bushaltestelle

Als Nazis vor 13 Jahren den kleinen Bruder von Leser Trung H. Le angriffen, fühlte der Wut und Angst. Den Umgang mit diesen Emotionen hat er zum Beruf gemacht.

Es war am 20. April 1999. Mein letztes Schuljahr, kurz vor dem Abitur. Die Prüfungen hatten noch nicht begonnen. Ich saß auf einer Bank vor dem Neubau der Schule und träume davon, mich an der Humboldt-Universität zu Berlin in Philosophie einzuschreiben, um endlich den Mief der Provinz zu verlassen.

Mein Mathelehrer und zwei Freunde kommen auf mich zu. Mein Lehrer redet langsamer und behutsamer, als es sonst seine Art ist. Ich höre nur noch die Satzfetzen "Nazis", "du musst jetzt ruhig bleiben" und "dein Bruder". Ich renne los, blind vor Wut und bereit, den Feind zu töten.

Aber unten an der Bushaltestelle ist kein Feind mehr. Die Wut, die in meinen Fäusten und Knochen steckt, entlädt sich am Fahrradständer. Dann Erschöpfung, Hilflosigkeit und Verwirrung. Ich heule.

Nach einer Weile drängt sich die unerträgliche Frage auf: Wie soll ich es nur der Mutter erklären, dass der Kleine verletzt wurde? Ich kann und will jetzt nicht nach Hause fahren! Mit meinen Freunden fahre ich orientierungslos in der Gegend herum. Ich bitte einen von ihnen, meiner Mutter von dem Vorfall zu berichten. Ich habe nicht den Mut dazu.

Zu einer Tatsache verdichtet

Alle meine Ängste und Befürchtungen haben sich damals zu einer Tatsache verdichtet. Den permanenten psychischen Druck kannte ich bereits. In der S-Bahn, wenn einer in Bomberjacke das Butterfly-Messer demonstrativ kreisen lässt. In der Kreisliga, wenn Trainer und Spieler der gegnerischen Mannschaft ihre Ressentiments nicht mehr zurückhalten wollen. Beim Besuch eines Mitschülers, wenn die Mutter einen anbrüllt, man habe als "Fidschi" das Grundstück nicht zu betreten.

Diese Erfahrungen konnte ich einigermaßen verdrängen. Doch wie verdrängt man eine unerträgliche Tatsache? Wie verleugnet man eine Realität, die es in diesem Land und in einem Menschenleben nicht geben dürfte?

Zeichen der Verwirrung

Inzwischen arbeite ich als Psychologe im Maßregelvollzug, einer Art von Unterbringungseinrichtung für straffällig gewordene Jugendliche. Einige meiner Patienten haben eine rechtsextreme Vergangenheit. Ihre Tattoos sind unauslöschliche Brandmale ihrer Vergangenheit. Sie erzählen von Zeiten der Verwirrung, des Hasses und der Gewalt. Sie erzählen von Wut und Verzweiflung und der Suche nach Geborgenheit, Sicherheit und Orientierung. Junge Männer, die heute noch zweifeln, ob eine Welt ohne Feind existieren kann. 

Wut, Hass und Angst sind keine abstrakten Konstruktionen, wie es einem im Psychologiestudium vermittelt wird. Es sind Realitäten. Mir scheint, viele Menschen verleugnen, dass sie diese Gefühle in sich tragen. Sie glauben, Hass und Wut seien kein Teil ihrer selbst.

Die professionellen Hasser wissen, wie sie die Verwirrung und den Selbsthass vor allem junger Männer ausnutzen können. Sie wollen erreichen, dass sich dieses Land in Feindeslager spaltet.

Die Nazis von damals traf ich übrigens vor Gericht wieder, den Prozess habe ich als Zuschauer verfolgt. Mit einem von ihnen hatte ich in der D-Jugend in derselben Fußballmannschaft gespielt.

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Kommentare

13 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Herzlichen Dank

fuer diesen Artikel und die gesamte Reihe. Endlich wird Betroffenen von Rassismus und Diskriminierung ein Rahmen gegeben, in dem sie, einem breitem Publikum, ihre Erfahrungen mitteilen koennen. Es bleibt zu hoffen, dass ein Umdenken innerhalb der Gesellschaft stattfindet und Rassismus endlich aus der Mitte der Gesellschaft verschwindet.

Andere Leserartikel zu dem Thema

Wir freuen uns sehr über die Leserartikel, die uns bisher zu dieser Serie erreicht haben. Bisher sind erschienen:

http://www.zeit.de/gesell...
http://www.zeit.de/gesell...

Außerdem noch dieser Rückblick auf die Reaktionen in den Debatten: http://www.zeit.de/gesell...

Danke für die Debattenbeiträge und Leserartikel. Auch wenn unsere Themenwoche vorbei ist, können Sie natürlich jederzeit einen Text zum Thema Rassismus und Diskriminierung einreichen: http://community.zeit.de/...

Beste Grüße
Sebastian Horn

Ihre Wut und Verzweiflung

nahe einer Ohnmacht kann ich aus dem was ihren Bruder geschehen ist gut nachempfinden.

Zwei meiner Geschwister waren schwer Herzkrank und Blaulippe war noch eins der „netten“ Schimpfwörter an die ich mich erinnere.

Sie wurden auch geschubst oder der Rollstuhl meiner Schwester wurde versteckt usw.

Ich bekam dann immer eine Stink Wut und ich wollte es denen Heim zahlen.

Doch was hätte ich dann gewonnen? Gar nichts, weil so hätten sie nie etwas über die Krankheit meiner Geschwister erfahren.

Also habe ich Aufklärungsarbeit geleistet.

Und es hörte auf.

Als meine Schwester( die bei einer ihrer vielen OP’s verstarb) beerdigt wurde waren sie alle da und mir gegenüber dankbar, dass ich sie damals „aufgeklärt“ habe.

Und sie lieber Trung Hoang Le werden nicht Philosoph sondern Psychologe im Maßregelvollzug und versuchen diesen jungen Männern ein Bild vom Leben ohne Feind zu zeigen.

Ich wünsche Ihnen weiterhin für Ihre Arbeit Kraft und den Mut nie aufzugeben.

Ich will es denen Heimzahlen...

„Gewalt ist die Waffe des Schwachen.“
Mahatma Gandhi

Eine Arbeit ist nie umsonst

und schon gar nicht wenn man es mit Kinder/Jugendlichen zu tun hat.

Oder kommt hier das alte Sprichwort zum tragen:

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.

Und gerade dies:

Wegsehen
Weghören
Nichts sagen

verleiht dem Rechtsextremismus Macht.

DIE ICH ABER NICHT WILL!

Und von daher ist die Arbeit die Herr Trug Hoang Le leistet wichtig für unsere Gesellschaft.

Hinsehen
Hinhören
Alles sagen!