Leben mit RassismusAngekommen in Sachsen-Anhalt

Sie kamen aus Mali, Dagestan, Sierra Leone und dem Jemen – und landeten in der ostdeutschen Provinz. Vier Migranten erzählen, wie sie die Opferfalle vermieden haben.

Stendal in Sachsen-Anhalt; eine beschauliche Kleinstadt mit mittelalterlichem Kern, knapp zwei Prozent Ausländeranteil. Hier gibt es seit 2008 eine Initiative von Migranten, die während einer interkulturellen Woche zueinander gefunden haben. Ihr Ziel: Verständnis und Toleranz fördern.

 

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Leben mit Rassismus

Viele Migranten in Deutschland erleben Vorurteile und Rassismus. Wie gehen sie damit um? Mit diesen Blicken, Worten, Rangeleien oder sogar Gewalttaten? In unserer Themenwoche Leben mit Rassismus berichten ganz unterschiedliche Menschen, welche Rolle Rassismus in ihrem Leben in Deutschland spielt – und wie sie sich dagegen wappnen. Ihre Erfahrungen und ihre Sichten auf die Deutschen sind so individuell wie sie selbst.

Wir entwickeln keine neuen Theorien und hantieren nicht mit abstrakten Begriffen. Wir zeigen keine Prototypen – weder Opfer noch Täter. Stattdessen lassen wir Individuen zu Wort kommen.

Auch Ihre Berichte können Teil der Woche werden: Wie leben Sie mit Rassismus in Deutschland? Schreiben Sie einen Leserartikel.

Die Beiträge zur Themenwoche

Migranten – Trotzdem zu Hause

Bayrischer Wald – Der bayerische Inder

Sachsen-Anhalt – Angekommen in Stendal

Rassismus in Sachsen-Anhalt – "Wer aus dem Senegal kommt, wird als Neger beschimpft"

Berlin – Bouba Kabas Weg aus der Wut

Berlin – Fotos von Tatorten von Sabine Schründer

Brandenburg – Ich war schon immer da. Zwei türkischstämmige Berlinerinnen studieren in Frankfurt/Oder

Brandenburg – Herrn Chans Kampf in Cottbus

Thüringen – Zeca Schall: "Wir dulden keinen Rechtsextremismus mehr"

Leben mit Rassismus – Was ist ein Erfolg gegen Rechts?

Leserartikel – Beunruhigende Sprüche am Stammtisch

Leserartikel – Der Russe kommt

Leserartikel - Überfall an der Bushaltestelle

Bilanz - Hochachtung vor menschlicher Größe

Die rund 20 Menschen aus Afrika, Amerika, Asien und Europa gehen dazu unter anderem in Schulen und Kitas, um den Kindern die Angst vor dem Fremden zu nehmen. Außerdem helfen sie einander und sind Teil des Netzwerks für die Integration von Migranten in Sachsen-Anhalt. Vier von ihnen erzählen, warum sie trotz Diskriminierung gern im Osten Deutschlands leben.

Aida Beye hat sich in die Stadt Stendal verliebt

Alle haben mir gesagt: Wie kannst du als Schwarze in Ostdeutschland leben? Andere gehen weg – und du gehst freiwillig hin! Aber ich habe es ganz anders erlebt. 

Aida Beye
Aida Beye

Aida Beye (45) kommt aus Mali in Westafrika. Seit 2003 lebt sie in Stendal, hat dort ihre Facharztprüfung abgelegt und arbeitet seither als Anästhesistin in Dannenberg in der Nähe von Stendal. Zuvor war sie schon einmal in Deutschland. Sie hat in Homburg Medizin studiert und in Gießen die Facharztausbildung abgelegt. Sie hat eine 11-jährige Tochter, die in Mali lebt.

Ich habe in Westdeutschland studiert und gearbeitet und den Eindruck gewonnen, dass man als Afrikanerin in der westdeutschen Elite schwer ankommt. Patienten haben gesagt: Von einer Schwarzen will ich mich nicht behandeln lassen. Oft wurde ich von Kollegen oder Patienten gefragt: Wann gehen Sie wieder nach Hause?

Ich bin dann erst mal wieder zurück nach Mali gezogen. Als ich wieder in Deutschland war, diesmal in Stendal, war alles einfacher. Ich habe mich sofort in die Stadt verliebt und wurde sehr freundlich aufgenommen.

Vorurteile haben die Menschen hier allerdings schon. Sie kennen oft überhaupt keine Ausländer. Neulich bin ich in Salzwedel einer Schülergruppe begegnet. Die Kinder haben Angst vor mir gehabt, manche sind sogar weggelaufen. Ich habe der Lehrerin vorgeschlagen, dass ich in die Schule komme und den Kindern erkläre, woher ich komme und was ich mache.

Ein anderes Mal wollte ich eine Matratze kaufen, da sagte die Verkäuferin ganz laut: "Wo sind Ihre Papiere als Sozialhilfeempfängerin?" Das ärgert mich schon, dass viele Menschen denken: Ausländer sind automatisch ungebildet und arm, ihre Kinder brauchen kein Abitur. Ich habe die Hoffnung, dass in 20 Jahren alle Menschen gleich behandelt werden. Deshalb engagiere ich mich auch in der Migranteninitiative.

Als ich gehört habe, dass Neonazis aus Zwickau zehn Menschen in Deutschland ermordet haben, hatte ich erst Angst, jeder Ausländer in Deutschland könnte umgebracht werden, einfach weil er anders ist. Dann war ich sauer, weil man gesagt hatte, die Ermordeten seien Kriminelle gewesen. Wieder die Vorurteile der Deutschen, dachte ich. Aber ich habe das Vertrauen nicht verloren. Ich hoffe, dass das deutsche Volk und vor allem die Politiker aus diesem Desaster lernen und weniger Vorurteile haben werden.

Manchmal begegne ich auch Rassisten. Aber ich gehe inzwischen auch mit denen offensiv um. Wenn Patienten mich wegen meiner Hautfarbe ablehnen, spreche ich sie nach der Behandlung darauf an. Ich sage Ihnen: Sie haben Angst und kein Vertrauen gehabt. Aber ich habe dieselbe Ausbildung wie die deutschen Kollegen. Nach einer Operation haben sich dann schon einige von ihnen für die gute Arbeit bedankt.

Meiner Tochter ging es hier zuerst sehr gut. Ich bin alleinerziehend. Sie konnte immer im Familienzentrum Färberhof sein, auch mal über Nacht, wenn ich 24 Stunden Dienst hatte. Dort hatte sie viele Freunde – bis sie in die Schule kam. Die Kinder hatten gerade ein Unicef-Projekt gemacht und überlegt, wie man den hungernden Kindern in Afrika helfen könnte. Sie konnten mit einem selbstbewussten, klugen schwarzen Mädchen nichts anfangen. Meine Tochter hat keine Freunde gefunden und war sehr unglücklich und erschöpft. Ich wollte, dass sie eine so glückliche Kindheit haben sollte wie ich. Deshalb lebt sie jetzt bei meiner Familie und ihrem Vater in Mali. Leider hat mein Land gerade Probleme und ich mache mir viele Sorgen.

Leserkommentare
  1. in der Realitaet der Tatsachen bleibt es ein lebensunfaehiger Traum.

    Antwort auf "Nominalismus"
  2. im Artikel schliesse ich, dass Rassismus in Sachaen-Anhalt gegen Minderheiten auch nicht "auf der Tagesordnung steht".

    3 Leserempfehlungen
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    • YMB
    • 22.05.2012 um 17:33 Uhr

    Ich bin vor 2 Jahren aus dem Westen nach Brandenburg gezogen und mir sieht man den Migrationshintergrund zwar nicht an, aber ich kenne einige Ausländer hier (ich meine tatsächlich Menschen ohne deutschen Pass). Die erzählen auf der einen Seite wie freundlich einige Behörden und die Caritas sind und dass sie es generell hier mögen, aber es gibt eben auch rassistische Übergriffe auf somalische Flüchtlinge, schiefe Blicke auf der Straße und blöde Sprüche. Nicht täglich, aber es gibt sie. Und darüber muss man sprechen, man muss offenen Rassismus, Alltagsrassismus, latenten Rassismus bloßstellen und Maßnahmen dagegen ergreifen.
    In den frühen 1990ern, nach den Pogromen gegen Asylbewerber, da hat die Politik mit einer Verschärfung des Asylgesetzes geantwortet. Ich hoffe so eine hilflose Reaktion folgt nicht wieder.

    • YMB
    • 22.05.2012 um 17:33 Uhr

    Ich bin vor 2 Jahren aus dem Westen nach Brandenburg gezogen und mir sieht man den Migrationshintergrund zwar nicht an, aber ich kenne einige Ausländer hier (ich meine tatsächlich Menschen ohne deutschen Pass). Die erzählen auf der einen Seite wie freundlich einige Behörden und die Caritas sind und dass sie es generell hier mögen, aber es gibt eben auch rassistische Übergriffe auf somalische Flüchtlinge, schiefe Blicke auf der Straße und blöde Sprüche. Nicht täglich, aber es gibt sie. Und darüber muss man sprechen, man muss offenen Rassismus, Alltagsrassismus, latenten Rassismus bloßstellen und Maßnahmen dagegen ergreifen.
    In den frühen 1990ern, nach den Pogromen gegen Asylbewerber, da hat die Politik mit einer Verschärfung des Asylgesetzes geantwortet. Ich hoffe so eine hilflose Reaktion folgt nicht wieder.

  3. streichen wir das Wort „total“ im quantitativen Sinne und werfen es in den Mülleimer der Rhetorik. Bleibt aber dennoch das Versagen. Ich würde Migranten nicht empfehlen, sich als „Übungsmaterial für Toleranz“ dort niederzulassen, wo es eine ausländerfeindliche Grundstimmung gibt, auch wenn es überall einzelne Oasen des Anstands gibt. Somit bleibe ich dabei, dass eine Gesellschaft, in der es ein intelligentes Kind mit dunkler Hautfarbe nicht aushält, versagt. Dort, wo man sich Afrikaner/innen lediglich als Hungerleider in fernen Ländern, aber nicht als Gleichgestellte vorstellen kann, würde ich nicht leben wollen.

    8 Leserempfehlungen
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    ZITAT: "Dort, wo man sich Afrikaner/innen lediglich als Hungerleider in fernen Ländern, aber nicht als Gleichgestellte vorstellen kann, würde ich nicht leben wollen." ZITATENDE

    Besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können. Und um das zu beseitigen, müssen wir unbedingt gegen diese Hilfsindustrie ankämpfen, die ein gewaltiges Interesse an der Verbreitung eines möglichst negativen Afrikabildes hat. Man kann nicht etwa als Ergebnis seiner Arbeit präsentieren, dass es Menschen gut geht und Kinder glücklich sind; nein, es müssen stets Kinder mit Blähbäuchen und Fliegen im Gesicht sowie ausgemergelte Menschen sein.

    ZITAT: "Dort, wo man sich Afrikaner/innen lediglich als Hungerleider in fernen Ländern, aber nicht als Gleichgestellte vorstellen kann, würde ich nicht leben wollen." ZITATENDE

    Besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können. Und um das zu beseitigen, müssen wir unbedingt gegen diese Hilfsindustrie ankämpfen, die ein gewaltiges Interesse an der Verbreitung eines möglichst negativen Afrikabildes hat. Man kann nicht etwa als Ergebnis seiner Arbeit präsentieren, dass es Menschen gut geht und Kinder glücklich sind; nein, es müssen stets Kinder mit Blähbäuchen und Fliegen im Gesicht sowie ausgemergelte Menschen sein.

    • 42317
    • 22.05.2012 um 18:20 Uhr

    Mit der jemenitischen Ärztin würde ich schon gern Kontakt aufnehmen... als Naturwissenschaftlerin könnte sie meinem islamgläubigen marokkanischen Kollegen darlegen, dass die Evolutionstheorie nicht seit 20 Jahren "vernichtet" ist, und als gläubige Muslima das wohl in einem Jargon, den er versteht.

    Eine Leserempfehlung
  4. wurde mir ganz demütig zumute und ich fragte mich, ob ich wohl diese seelische Stärke hätte aufbringen können, in einem fremden Land mit fremder Kultur und auch noch den Vorbehalten gegen mich als nicht dazugehörig, mich trotzdem durchzusetzen und trotz der Vorbehalte anderer gegen mich immer weiter offen auf die Menschen um mich herum zuzugehen!
    Aber diesen Menschen bleibt ja infolge ihres Schicksals wohl garkeine Wahl und da gilt dann der Nietzsche -Spruch: "Was mich nicht umbringt, macht mich stärker!" Was mich bei Fremdenfeindlichkeit immer am meisten zornig macht, ist der Vorbehalt gegen eine dunklere Hautfarbe! Das finde ich den Gipfel der Gemeinheit, sich heute, nach allem, was den Farbigen von den Weißen in der Welt angetan wurde, sich auch noch auf seine hellere Hautfarbe etwas einzubilden!

    2 Leserempfehlungen
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    als man denkt. Man sollte nur nicht zu hohe Ansprüche an sich und die anderen stellen.

    als man denkt. Man sollte nur nicht zu hohe Ansprüche an sich und die anderen stellen.

  5. als man denkt. Man sollte nur nicht zu hohe Ansprüche an sich und die anderen stellen.

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    Dann hätten Sie es mal näher erläutern sollen. So sagt mir das nichts, außer, daß Sie anscheinend zu wissen glauben, daß Ich zu hohe Ansprüche an mich und die anderen stelle. Und was das nun wieder heißen soll, steht auch nur in den sternen.

    Dann hätten Sie es mal näher erläutern sollen. So sagt mir das nichts, außer, daß Sie anscheinend zu wissen glauben, daß Ich zu hohe Ansprüche an mich und die anderen stelle. Und was das nun wieder heißen soll, steht auch nur in den sternen.

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