Gewaltausbrüche"Salafismus ist eine maximale Protesthaltung"

Salafisten verteilen Korane und werden gewalttätig. Der Islamwissenschaftler Jochen Müller über die Spaltung der Szene und die Ziele der radikalen Salafisten

ZEIT ONLINE: Salafisten prügeln in Bonn auf Polizisten ein. Vorher haben sie in Fußgängerzonen Korane verteilt. Was passiert da gerade? Ist das eine gut organisierte Kampagne?

Jochen Müller

Jochen Müller ist Islamwissenschaftler, Mitbegründer des Berliner Vereins ufuq.de und Mitarbeiter im Zentrum Demokratische Kultur (ZDK). Er arbeitet als Berater für Kommunen sowie mit Jugendlichen und Multiplikatoren zum Thema Islam und Islamismus. Zuletzt machte er mit ufuq.de und in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Angewandte Wissenschaft Hamburg (HAW ) die Kurzfilmreihe Islam, Islamismus und Demokratie für die pädagogische Arbeit mit Jugendlichen. Dazu bieten ufuq.de und die HAW derzeit Schulungen in Schulen und Jugendeinrichtungen an. Müller ist Mitautor der Broschüre "Ich lebe nur für Allah". Argument und Anziehungskraft des Salafismus.

Jochen Müller: Die Gewaltausbrüche machen eher die Differenzierung innerhalb der salafistischen Szene deutlich. Diese spaltet sich in einen moderaten und einen radikalen, teilweise sogar militanten Teil. Der letztere setzt sich gerade in Szene. Das  wird aber vermutlich eher zu einer Schwächung der Salafisten insgesamt führen, denn der radikale Teil hat nur wenige Anhänger. Die meisten muslimischen Jugendlichen, die ja eine Hauptzielgruppe der Salafisten sind, finden diese Leute peinlich. Die radikalen Salafisten überziehen ihre Kampagne derzeit so stark, dass sie auch die moderaten lächerlich machen.

ZEIT ONLINE: Wie viele Salafisten gibt es in Deutschland und wie viele von ihnen sind radikal?

Müller: Der Verfassungsschutz spricht von etwa 4.000 Anhängern. Militant  mögen vielleicht ein paar Hundert bis tausend sein – das ist etwa die Szene, die jetzt zu den Demonstrationen mobilisiert werden konnte. Dann gibt es noch die, die der Verfassungsschutz Gefährder nennt, also Menschen, die tatsächlich zu Attentätern werden könnten. Das sind bundesweit etwa 100 bis 150.

ZEIT ONLINE: Was wollen Salafisten in Deutschland erreichen?

Müller: Sie wollen missionieren. Ihr Ziel ist es, die Menschen – Muslime wie Nichtmuslime – von einem Islam zu überzeugen, wie sie ihn vertreten und Deutschland in diesem Sinn zu islamisieren. Der Islam gilt ihnen als einzig wahre Religion und diese Wahrheit beanspruchen sie allein für sich. Dabei ist ihr Islamverständnis und ihr Weltbild von einer extremen Unterscheidung von gut und böse, richtig und falsch geprägt.

ZEIT ONLINE: Was sind das für Menschen, die sich den Salafisten anschließen?

Müller: Die Aktivisten unter den Salafisten sind meistens Jugendliche und junge Männer zwischen 15 und 35 Jahren. Einzelne Prediger sind älter und aktive Frauen gibt es auch. Attraktiv sind sie sowohl für muslimische, aber auch für andersgläubige junge Erwachsene. So finden sich überproportional viele Konvertiten in dieser Strömung.

ZEIT ONLINE: Wie missionieren sie?

Müller: In ihren Videobeiträgen präsentieren sich die Salafisten immer wieder als Vertreter aller Muslime in Deutschland, die – so die Propaganda – diskriminiert und diffamiert würden. Dagegen müsse man sich und den Islam verteidigen. Tatsächlich werden ja auch viele Muslime diskriminiert. Das wird von den Salafisten ideologisch instrumentalisiert, um zur Abgrenzung aufzurufen. Die Gefahr dabei ist, dass Jugendliche nicht erkennen, dass es sich hier um eine kleine Strömung innerhalb des Islam in Deutschland handelt. Denn die Salafisten tun so, als ob ihre klaren Ordnungsvorstellungen "der Islam" seien: So legen sie unter Berufung auf religiöse Quellen genauestens fest, wie man sich kleiden muss, was man essen, trinken und was man sagen und denken darf und was nicht. Wer sich daran hält und gehorcht, wird mit dem Paradies belohnt. Allen anderen wird mit der Hölle gedroht.

ZEIT ONLINE: In welchen Fällen kann diese eingeschränkte, strenge Lebenswelt für Jugendliche überhaupt attraktiv werden?

Müller: Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der öffentlichen Debatten über den Islam suchen viele muslimische Jugendliche nach Information und Wissen über ihren Glauben – unabhängig davon, ob sie überhaupt religiös sind oder nicht. Viele suchen auch nach Identität und Anerkennung, weil sie sich in Deutschland nicht zugehörig fühlen. Antworten darauf finden sie aber oft weder in der Familie noch beim Imam oder in der Schule. Und wenn sie dann im Internet nach Islam suchen, stoßen sie ganz schnell auf die Seiten der radikalen Salafisten mit ihren Angeboten, die Stärke, Gemeinschaft und Orientierung versprechen.  

ZEIT ONLINE: Spielt der Wunsch nach extremer Abgrenzung eine Rolle?

Müller: Ja, bei einigen sicherlich. Das zeigt sich auch daran, dass sich unter den Salafisten viele herkunftsdeutsche Jugendliche mit oftmals schwierigen Biografien finden – Brüche mit dem Elternhaus spielen da eine große Rolle. Etwas lapidar formuliert könnte man sagen, dass der Salafismus für sie ist, was für andere vielleicht einmal der Punk gewesen ist – eine Attitüde maximaler Abgrenzung. Alle schauen auf mich, halten mich für gefährlich. Auf diese Weise erfahren sie hier pädagogisch gesprochen genau das, wonach sie suchen: Aufmerksamkeit, Anerkennung und Selbstwirksamkeit. Das hat dann mit der Religion, dem Islam, im engeren Sinne gar nicht mehr viel zu tun. Vielmehr dürften ihre Motive denjenigen von Rechtsradikalen ähneln.

ZEIT ONLINE: Sind die Salafisten erfolgreich? Kann man von einer neuen Jugendbewegung sprechen?

Müller: Nein, von einer Jugendbewegung würde ich auf keinen Fall sprechen. Für einzelne Jugendliche können sie zwar attraktiv sein. Auf diese Weise, wie sie sich zuletzt in Bonn gezeigt haben, gewinnen sie vielleicht an Medienwirksamkeit. Einfluss auf die Masse von Jugendlichen verlieren sie aber eher. Trotzdem darf man die Szene nicht bagatellisieren. Weil sie antidemokratische Positionen verbreiten, weil sie das Bild vom Islam mitbestimmen und auf diese Weise Integrationsprozesse behindern, und natürlich weil wenige einzelne in ihrer ideologischen Verblendung zu Attentätern werden können.

ZEIT ONLINE: Was kann man tun? Soll man die radikalen Salafistengruppen verbieten?

Müller: Von Verboten halte ich wenig: Es gibt nur wenige Strukturen in der Szene, die sich verbieten ließen, ganz abgesehen von den juristischen Voraussetzungen, die das erfordert. Nein, man muss vor allem in der Öffentlichkeit und der pädagogischen Arbeit in Schulen und Jugendeinrichtungen für den Salafismus sensibilisieren und die Jugendlichen gegen einfache Weltsichten immunisieren. Und da können gerade auch muslimische Einrichtungen die Gelegenheit ergreifen, sich klar vom Islam der Salafisten abzugrenzen und deutlich zu machen: Ihr Salafisten seid nicht wir, ihr seid nicht der Islam. Dabei geht es nicht nur um die Abgrenzung von Gewalt. Vielmehr ginge es darum, ein wertorientiertes und demokratisches Islamverständnis zu vermitteln, das dem der Salafisten gegenüber steht. Viele junge religiöse deutsche Muslime hegen meiner Beobachtung nach noch immer eine diffuse Befürchtung, dass Demokratie und Islam irgendwie nicht zusammenpassen könnten. Hier muss man ansetzen.

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Leserkommentare
  1. es sind über hundert menschen durch den rechten straßenterror und einige staatlich gedeckte patienten(nsu) gestorben.
    eine weitere strömung die einem mit einer lebensweise welche in altvorderzeit auch nicht so war wie die es jetzt glauben kommt ist ob dieses opferaufkommens nichts begrüßenswertes.

    Antwort auf "Liebe Islamophobe"
  2. Sie schreiben: " Darf ich äussern, dass der- oder diejenige meiner Meinung nach getötet werden sollte?"

    Nein, das dürfen Sie nicht, denn das ist Aufruf zu Mord. Außerdem Diskriminierung.

    Lesen Sie im Koran, da werden sie an vielen Seiten fündig solcher Aufrufe und Diskriminierungen.
    Und wenn Sie es gelesen haben, dann bilden Sie sich eine Meinung auf Grund dieser Information aus authentischer Quelle.

    2 Leserempfehlungen
  3. Und darauf meinen Sie:
    "Toll. Und wo wir schon dabei sind, verbannen wir auch die Meinungen von Kommunisten, Sozialisten, Neoliberalen"

    Wenn Sie die Inhalte der religiös radikal machenden Ideologie nicht kennen, dann sollten Sie auch nicht alles versuchen in einen Topf zu werfen.

    Weder bei Kommunisten, noch bei Sozialisten noch bei Neoliberalen oder anderen Weltanschauungen stehen Verletzungen der Menschenrecht im Programm. Oder halten Sie das nicht für relevant?

    Eine Meinung sollte schon auf authentischen Informationen beruhen. Sonst ist es, ohne Information, nur eine Behauptung.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Gegen alle Meinungen!"
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    • C4
    • 08.05.2012 um 15:50 Uhr

    Man kann Ihnen jedenfalls in keiner Weise vorwerfen, Sie hätten sich vorsätzlich bemüht, das Vorposting von 'Ilmarinen' inhaltlich zu verstehen.

    behaupten der komunismus, sowie der sozialismus würden ein grund-oder menschenrecht auf eigentum in abrede stellen
    etwas dem die neoliberalen eher alles unterordnen würden
    erstere behaupten wiederum es gäbe dafür ein grundrecht auf ein meschenwürdiges leben, was letztere nur bedingt acceptieren können...
    immer die frage wen man fragt

    • C4
    • 08.05.2012 um 15:50 Uhr

    Man kann Ihnen jedenfalls in keiner Weise vorwerfen, Sie hätten sich vorsätzlich bemüht, das Vorposting von 'Ilmarinen' inhaltlich zu verstehen.

    behaupten der komunismus, sowie der sozialismus würden ein grund-oder menschenrecht auf eigentum in abrede stellen
    etwas dem die neoliberalen eher alles unterordnen würden
    erstere behaupten wiederum es gäbe dafür ein grundrecht auf ein meschenwürdiges leben, was letztere nur bedingt acceptieren können...
    immer die frage wen man fragt

  4. " Ich halte es sogar für möglich, dass nicht einmal einige Gewalttäter selbst ihre Motive artikulieren können. Bei uns werden Taten bestraft, nicht Gedanken."

    Und warum will man dann unbedingt die NPD verbieten? Und warum versuchte man Sarrazin aus der Partei auszuschließen? Deren Taten waren/sind nichts als Gedanken.

    Die Gedanken der Salafisten basieren auf gehorsamer Unterwerfung dem Koran, heiliges Buch, Wort Gottes.
    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Spekulationen und Unterstellungen. Danke, die Redaktion/ls

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Und warum will man dann unbedingt die NPD verbieten? Und warum versuchte man Sarrazin aus der Partei auszuschließen? Deren Taten waren/sind nichts als Gedanken."

    Sarrazins Ausschluss hat ja nicht geklappt wegen der Freiheit der Gedanken. Dass es dennoch versucht wurde, liegt daran, dass er ein Vertreter der SPD ist, und sich Parteien gerade an der Meinungsbildung (Gedanken, Ideologie) beteiligen. Dass ist u. a. Sinn und Zweck einer Partei, und die Meinungsbildung funktioniert über Zustimmung oder Ablehnung von Ansichten der gesamten Partei und nicht einzelner Vertreter. Bei den Piraten gibt es zum Sarrazin-Thema keine Meinung, dafür aber eine zur Meinungsfreiheit und Ablehnung des Fraktionszwangs. Dazu wiederum hat die SPD keine oder eine ablehnende Meinung.

    Das gewollte NPD-Verbot ist per se auch keine Strafe, auch nicht, wenn es durchgesetzt wird. Andererseits muss man nicht damit rechnen, dass die Ideologie derer, die sich in der NPD sammeln, nach einem Verbot verschwunden ist. D. h. auf die Gedanken hat es kaum Einfluss, die können nicht verboten werden.

    Zum Psychoterror: Psychoterror ist keine Meinungsäusserung, sondern Drohung. Soweit diese wirksam ist, ist sie ja verboten. Bei Niedergestochenen besteht die Drohung z. B. in "so wird es euch auch ergehen, wenn ...". Das ist keine adäquate Entgegnung auf Karikaturen, die niemanden bedrohen.

    "Und warum will man dann unbedingt die NPD verbieten? Und warum versuchte man Sarrazin aus der Partei auszuschließen? Deren Taten waren/sind nichts als Gedanken."

    Sarrazins Ausschluss hat ja nicht geklappt wegen der Freiheit der Gedanken. Dass es dennoch versucht wurde, liegt daran, dass er ein Vertreter der SPD ist, und sich Parteien gerade an der Meinungsbildung (Gedanken, Ideologie) beteiligen. Dass ist u. a. Sinn und Zweck einer Partei, und die Meinungsbildung funktioniert über Zustimmung oder Ablehnung von Ansichten der gesamten Partei und nicht einzelner Vertreter. Bei den Piraten gibt es zum Sarrazin-Thema keine Meinung, dafür aber eine zur Meinungsfreiheit und Ablehnung des Fraktionszwangs. Dazu wiederum hat die SPD keine oder eine ablehnende Meinung.

    Das gewollte NPD-Verbot ist per se auch keine Strafe, auch nicht, wenn es durchgesetzt wird. Andererseits muss man nicht damit rechnen, dass die Ideologie derer, die sich in der NPD sammeln, nach einem Verbot verschwunden ist. D. h. auf die Gedanken hat es kaum Einfluss, die können nicht verboten werden.

    Zum Psychoterror: Psychoterror ist keine Meinungsäusserung, sondern Drohung. Soweit diese wirksam ist, ist sie ja verboten. Bei Niedergestochenen besteht die Drohung z. B. in "so wird es euch auch ergehen, wenn ...". Das ist keine adäquate Entgegnung auf Karikaturen, die niemanden bedrohen.

  5. bei den schwarzen flaggen handelt es sich um ein erkennungszeichen der mujtahideen. in weißer schrift steht das glaubensbekenntnis der muslime, die shahadah ("la ilaha illallah, muhammadun rasulullah").

    vgl. hierzu auch den informativen eintrag bei wikipedia:

    http://en.wikipedia.org/w...

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Flaggen"
    • C4
    • 08.05.2012 um 15:50 Uhr

    Man kann Ihnen jedenfalls in keiner Weise vorwerfen, Sie hätten sich vorsätzlich bemüht, das Vorposting von 'Ilmarinen' inhaltlich zu verstehen.

  6. Kenn ich. Aber hat Mann damit nicht die Toleranz gegenüber der Geisteshaltung von jenen gemeint, die mit dem Wissen um die Dreistigkeit ihrer angeblich demonstrierten Meinungsfreiheit just vor der Moschee-/Religionszentrum jene Anlässe bereiteten, die am Ende zwei Polizisten ihre Gesundheit kosteten? Ich glaube schon - und im Gegensatz zu jenen, sehe ich in den radikalsten islamischen Kräften (von 9/11 bis heute) allein den Glauben mit dem Rücken zur Wand zu stehen und gegen eine (konstruierte) Gefahr der Unterdrückung und Auflösung entwickelte Wut als menschenverachtende Antriebskraft. Gilt dafür die Mann'sche These auch? Schließlich steht hier nicht die Menschenverachtung als alleinige Antriebskraft und Ablenkung vor der eigenen Schwäche im Mittelpunkt, sondern ein ,im Angesicht des Imperialismus westlicher "Vorreiter" und Heilsbringer, leicht aufzulösender Konflikt zweier Sehnsüchte (Wohlstand und moralische Ordnung). Insofern glaube ich,, dass es große Stücke an uns selbst liegt, die Radikalität oder den Umfang ihrer Kräfte auf der einen Seite des Streits zu begrenzen. Für die Dummheit auf der anderen Seite würde ich eher zu Mann's These greifen - um nicht jenen vielleicht schon zu oft zitierten Satz von Einstein dazu zu bemühen.

    einen Gruß ins Unbekannte sendend,

    phelipe j.

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