Der erste Amoklauf an einer Schule in Deutschland, in Erfurt , ist inzwischen zehn Jahre her. Seither ist Gewaltprävention ein wichtiges Thema an Schulen. Trotzdem sind weit über die Hälfte der Lehrer und Lehrerinnen nicht darauf vorbereitet, mit Gewaltandrohungen und Eskalationen umzugehen. Das hat eine Studie des Krisenpräventionsprojektes Networks Against School Shootings (NETWASS) der Freien Universität Berlin ergeben. Es wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Laut Herbert Scheithauer, dem Leiter der Studie, haben über 60 Prozent der Pädagogen noch nie an Gewaltpräventionsschulungen teilgenommen.

Scheithauers Team hatte mehr als 3.500 Lehrer an über 100 Schulen in Berlin , Brandenburg und Baden-Württemberg befragt.  Christa Schäfer vom MediationsZentrum Berlin e.V. . kann aus der Praxis bestätigen, dass Lehrer mit Gewaltandrohungen überfordert sind. Sie leitet Seminare für Lehramtsstudierende zum Thema Konfliktberatung und Gewaltprävention. Immer wieder höre sie von den Studenten und Studentinnen, dass ihnen dieses Thema außerordentlich wichtig sei, aber weder im Studium noch im Referendariat Thema wäre.

Dabei hatten laut der NETWASS-Studie innerhalb eines Jahres sieben Prozent der Lehrer von Amokdrohungen erfahren. Außerdem wusste jeder fünfte Pädagoge, dass Schüler über einen Suizid nachdachten. Mehr als viermal pro Jahr wurden die Lehrer mit Mobbingfällen konfrontiert und zwei bis dreimal fiel ihnen auf, dass sich das Verhalten einzelner Schüler auf besorgniserregende Weise veränderte.

"Die Häufigkeit verwundert nicht, sondern bestätigt unsere Eindrücke aus der Zusammenarbeit mit Schulen", sagt Vincenz Leuschner, der Projektkoordinator von NETWASS. Bisherige Präventionsmaßnahmen zielen laut Leuschner vor allem darauf ab, im Krisenfall handlungssicher zu sein.

In dieser Hinsicht hat sich seit den Amokanschlägen von Erfurt und Winnenden auch viel getan. Alle Bundesländer haben ihr Notfallmanagement verbessert. Es gibt seit 2005 verbindliche Notfallpläne und Krisenteams und in vielen Schulen auch Alarm- und Schließsysteme. Berlin habe sich laut Studienleiter Scheithauer hier besonders hervorgetan – mit ersten Erfolgen. Die Berliner Bildungsverwaltung berichtet, dass Gewaltvorfälle an Berliner Schulen insgesamt zurückgegangen seien: 1.576 seien im Schuljahr 2009/2010 gemeldet worden, im Schuljahr 2010/2011 seien es nur noch 1.468 gewesen.

Laut Leuschner besteht aber noch lange kein Grund, sich zurückzulehnen. "Unsere Erfahrungen zeigen", sagt er, "dass die Anwendung von Notfallplänen sich in nicht wenigen Schulen darauf beschränkt, einen Ordner im Schrank stehen zu haben". Letztlich könne man auch nie ausschließen, dass sich potenzielle Täter auf die jeweiligen Notfallmaßnahmen der Schule einstellten, wenn sie ihre Tat planen.

Darüber hinaus kommt die präventive Arbeit noch viel zu kurz. Untersuchungen haben gezeigt, dass schwere zielgerichtete Gewalt an Schulen selten plötzlich und unvorhersehbar auftritt. Meist gibt es Hinweise auf eine kritische Entwicklung. Rache- und Gewaltfantasien werden geäußert, manche kündigen die Tat direkt an. So schrieb zum Beispiel der Täter von Emsdetten bereits rund zwei Jahre vor seiner Tat im Internet : "Für die, die es noch nicht genau verstanden haben: Ja, es geht hier um Amoklauf!"

Das Projekt NETWASS, das im Herbst 2009 ins Leben gerufen wurde, schult Lehrer unter anderem in der sogenannten Bedrohungsanalyse , einer Methode, die entwickelt wurde, um mögliche Terroranschläge besser einschätzen zu können. Schulen in den USA haben gute Erfahrungen damit gemacht. Die Krisenteams der Schulen, aber auch ganze Lehrerkollegien werden von Mitarbeitern des NETWASS-Programms, Schulpsychologen oder Jugendsachbearbeitern der Polizei unterrichtet.

Sie sollen erkennen, an welcher Stelle die Krise eines Schülers oder Hinweise auf eine Gewaltandrohung durchsickern. Leaking nennt man dieses Durchsickern, erklärt Leuschner. Anhand von Fallbeispielen, Videofilmen und Modellen lernen die Teams systematisch, was eine Gewaltandrohung genau bedeutet und wie sie sensibel damit umgehen können. Die Lehrer sollen nach der Schulung auch besser zusammenarbeiten und Netzwerke etablieren.

Lange Zeit sei die Krisenprävention vor allem Sache der Schulpsychologie der Bezirke gewesen, erklärt Christa Schäfer. Doch die, die täglich im Kontakt mit den Schülern stehen, also die Lehrer, sollten ihrer Ansicht nach mehr Verantwortung bekommen.