Marija Kurtic tigert in der Empfangshalle des Hamburger Rathauses hin und her. Sie will dem Innensenator begegnen. Die Bürgerschaftssitzung ist beendet, erste Abgeordnete strömen durch die schweren Flügeltüren. Marija starrt auf den Durchgang, wirft den anderen Flüchtlingen einen kurzen Blick zu. Dann ist es so weit: Michael Neumann tritt in den Saal, flankiert von drei Bodyguards mit stählerner Miene. "Herr Neumann, bitte schieben Sie uns nicht ab!", schleudert Marija ihm entgegen.

Der Hamburger Innensenator verlangsamt seinen Schritt. Wenige Wochen zuvor hatte er versprochen, alle Einzelfälle zu prüfen. "Meine Kinder sprechen perfekt Deutsch, sie haben nur gute Noten!", ruft sie. "Wollen Sie allen Ernstes hier Ihre Familiengeschichte diskutieren?", fragt Neumann. "Ich würde sogar ohne meine Kinder zurückgehen", sagt sie mit Tränen in den Augen. Der Senator wendet den Blick ab.

Ein paar Tage zuvor hatte der Flüchtlingsrat zu einer Pressekonferenz am Rathausmarkt geladen. Die Roma wollten ein weiteres Mal auf ihre Lage aufmerksam machen – aber nur ein halbes Dutzend Journalisten hörte zu. Marija erzählte ihre Geschichte. Wie zehn anderen Roma-Familien droht ihrer Familie die Abschiebung aus Deutschland. Der Flüchtlingsrat reichte dagegen Petitionen im Hamburger Senat ein, acht davon wurden bereits abgelehnt. Als größte Minderheit Europas werden Roma auch in Serbien diskriminiert – doch aus deutscher Behördensicht nicht stark genug für ein Aufenthaltsrecht.

Ihre Haare sind rostbraun gefärbt, eine Sorgenfalte durchzieht ihre Stirn. Obwohl Marija keine 40 Jahre alt ist, verrät ihr Gesicht, dass sie schon viel durchgemacht hat. 1991 floh sie mit ihrem Mann vor dem Bosnien-Krieg nach Deutschland. Hier kamen ihre drei Kinder zur Welt, hier lernte auch Marija lesen und schreiben.

In Serbien konnten die Kinder nicht zur Schule gehen

2003 gingen sie zurück nach Serbien. Das Leben, das sie dort erwartete, schildert sie als Albtraum: Sie mussten ständig umziehen, jede noch so würdelose Arbeit tun und die Kinder konnten nicht mehr zur Schule gehen. Die ganze Familie schlief in einem Zimmer, ohne Bett, in Armut. Eines Tages klopfte es an der Tür. Zwei Männer kamen herein und wollten Marijas Töchter kaufen. Wahrscheinlich, um sie zur Prostitution zu zwingen – so wie viele andere Roma-Frauen in ihrer Heimat.

Um die Töchter zu schützen, kehrte die Familie 2010 zurück nach Deutschland. Heute steht Marijas jüngere Tochter kurz vor dem Hauptschulabschluss, ihre ältere Schwester macht eine Ausbildung zur Köchin. Eine erfolgreiche Integration. Doch Marija hat Angst, abgeschoben zu werden. Seit mehr als einem Jahr ist sie wegen einer Depression in psychologischer Behandlung.

Auf dem gläsernen Tisch von Marijas Anwältin Cornelia Ganten-Lange türmen sich Akten. Wirres, hellgraues Haar fällt in ihre Stirn. "Die Hamburger SPD duldet Abschiebungen im Morgengrauen", sagt Ganten-Lange. Die Polizei holt die Menschen aus ihren Betten und bringt sie direkt zum Flughafen. Das sei unmenschlich. Ksenija Bekeris, sozialpolitische Sprecherin der SPD Hamburg, sagt jedoch, sie habe davon noch nichts gehört: "Diese Praxis lehnen wir ab. Wir setzen uns ein für humane Umstände von Rückführungen". Doch Anwältin Ganten-Lange meint, einen Trend zu erkennen: "Die deutsche Politik und Gesellschaft werden immer feindlicher gegenüber Flüchtlingen."