Roma-FlüchtlingeIn dauernder Angst vor Abschiebung

13 Jahre haben sie in Deutschland gelebt. Aber Marija Kurtic und ihre Familie sollen nach Serbien abgeschoben werden. Ob sie integriert sind, interessiert Behörden wenig. von Susanna Andrick

Demonstrieren für das Bleiberecht von Roma: Muci, Marija, Salijana, Trajko und Marija Kurtic (v.l.)

Demonstrieren für das Bleiberecht von Roma: Muci, Marija, Salijana, Trajko und Marija Kurtic (v.l.)  |  © Maxi Schele

Marija Kurtic tigert in der Empfangshalle des Hamburger Rathauses hin und her. Sie will dem Innensenator begegnen. Die Bürgerschaftssitzung ist beendet, erste Abgeordnete strömen durch die schweren Flügeltüren. Marija starrt auf den Durchgang, wirft den anderen Flüchtlingen einen kurzen Blick zu. Dann ist es so weit: Michael Neumann tritt in den Saal, flankiert von drei Bodyguards mit stählerner Miene. "Herr Neumann, bitte schieben Sie uns nicht ab!", schleudert Marija ihm entgegen.

Der Hamburger Innensenator verlangsamt seinen Schritt. Wenige Wochen zuvor hatte er versprochen, alle Einzelfälle zu prüfen. "Meine Kinder sprechen perfekt Deutsch, sie haben nur gute Noten!", ruft sie. "Wollen Sie allen Ernstes hier Ihre Familiengeschichte diskutieren?", fragt Neumann. "Ich würde sogar ohne meine Kinder zurückgehen", sagt sie mit Tränen in den Augen. Der Senator wendet den Blick ab.

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Ein paar Tage zuvor hatte der Flüchtlingsrat zu einer Pressekonferenz am Rathausmarkt geladen. Die Roma wollten ein weiteres Mal auf ihre Lage aufmerksam machen – aber nur ein halbes Dutzend Journalisten hörte zu. Marija erzählte ihre Geschichte. Wie zehn anderen Roma-Familien droht ihrer Familie die Abschiebung aus Deutschland. Der Flüchtlingsrat reichte dagegen Petitionen im Hamburger Senat ein, acht davon wurden bereits abgelehnt. Als größte Minderheit Europas werden Roma auch in Serbien diskriminiert – doch aus deutscher Behördensicht nicht stark genug für ein Aufenthaltsrecht.

Ihre Haare sind rostbraun gefärbt, eine Sorgenfalte durchzieht ihre Stirn. Obwohl Marija keine 40 Jahre alt ist, verrät ihr Gesicht, dass sie schon viel durchgemacht hat. 1991 floh sie mit ihrem Mann vor dem Bosnien-Krieg nach Deutschland. Hier kamen ihre drei Kinder zur Welt, hier lernte auch Marija lesen und schreiben.

In Serbien konnten die Kinder nicht zur Schule gehen

2003 gingen sie zurück nach Serbien. Das Leben, das sie dort erwartete, schildert sie als Albtraum: Sie mussten ständig umziehen, jede noch so würdelose Arbeit tun und die Kinder konnten nicht mehr zur Schule gehen. Die ganze Familie schlief in einem Zimmer, ohne Bett, in Armut. Eines Tages klopfte es an der Tür. Zwei Männer kamen herein und wollten Marijas Töchter kaufen. Wahrscheinlich, um sie zur Prostitution zu zwingen – so wie viele andere Roma-Frauen in ihrer Heimat.

Um die Töchter zu schützen, kehrte die Familie 2010 zurück nach Deutschland. Heute steht Marijas jüngere Tochter kurz vor dem Hauptschulabschluss, ihre ältere Schwester macht eine Ausbildung zur Köchin. Eine erfolgreiche Integration. Doch Marija hat Angst, abgeschoben zu werden. Seit mehr als einem Jahr ist sie wegen einer Depression in psychologischer Behandlung.

Auf dem gläsernen Tisch von Marijas Anwältin Cornelia Ganten-Lange türmen sich Akten. Wirres, hellgraues Haar fällt in ihre Stirn. "Die Hamburger SPD duldet Abschiebungen im Morgengrauen", sagt Ganten-Lange. Die Polizei holt die Menschen aus ihren Betten und bringt sie direkt zum Flughafen. Das sei unmenschlich. Ksenija Bekeris, sozialpolitische Sprecherin der SPD Hamburg, sagt jedoch, sie habe davon noch nichts gehört: "Diese Praxis lehnen wir ab. Wir setzen uns ein für humane Umstände von Rückführungen". Doch Anwältin Ganten-Lange meint, einen Trend zu erkennen: "Die deutsche Politik und Gesellschaft werden immer feindlicher gegenüber Flüchtlingen."

Leserkommentare
  1. fällt mir bei diesem Thema immer ein.
    Und wir werden jeden Jugendliche brauche.
    Sagt jedenfalls die Wirtschaft.
    Vielleicht könnten sie das ja mal den Abschiebern deutlich machen.
    Die schieben Deutschlands Zukunft ab.

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    Es gibt nicht wenige Länder, die ihre auf Grund von Verurteilungen zu Haftstrafen von mehr als drei Jahren zwingend Abzuschiebende NICHT zurück nehmen. Die Türkei gehört dazu, der Libanon sowie zahlreiche nordafrikanische Staaten. Oft tauchen dann quasi aus dem Nichts Probleme mit der Staatsbürgerschaft auf. Bei den anderen gilt es, Quoten einzuhalten - schließlich will man auch als Ageordneter einer der beiden großen Parteien bei der kommenden Wahl wiedergewählt werden. Derjenige, der dem Antrag zugestimmt hätte, hätte seinem politischen Gegner im nächsten Wahlkampf eine kapitale Steilvorlage geliefert.

  2. Naja man muss dazu sagen, dass dieser Artikel schon arg einseitig ist und darauf ausgelegt, auf die Tränendrüse zu drücken.

    Eine Leserempfehlung
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    Hallo Creedinger,

    da Sie die Einseitigkeit des Artikels bemängeln, wäre ich gern an Fakten aus Sicht der zweiten Seite interessiert. Können Sie die liefern?
    Das der Artikel auf die Tränendrüse drückt liegt m.E. einfach daran, dass die Faktenlage einfach zum heulen ist. Da kommen schwerreiche Politiker, die sich selbst nicht soweit integrieren können, um sich auch mal in die Lage anderer hineinzuversetzen und handeln einen Fall nach ANtragsnummer 1676 ab. Das ist schwer zu begreifen. Es handelt sich hier um verfolgte Minderheiten. In anderen Fällen von Minderheiten wurden schon Staaten für deren Schutz gegründet. In diesem Fall zeigt sich, dass es sich um arbeitsfähige Mitbürger handelt, soll Deutschland doch froh sein, sie zu haben.

    • Bus-x
    • 19. Juni 2012 21:12 Uhr

    Dieser Artikel ist korrekt. Hoffentlich kommen Sie einmal in solch eine Situation und haben dann Richter mit ihrer Grundeinstellung.

  3. Wenn dem so wäre, sollten wir Menschen, denen es in anderen Ländern schlecht geht, aufnehmen und nicht nur die hier lassen, die tricky genug sind, sich durch Kontrollen zu mogeln oder Sitzfleisch haben.

    Ich sehe hier ausgesprochene Ungerechtigkeiten und das kann doch wohl kaum Sinn der Aktion sein.

    Oder gelten Gesetze nur, wenn sie jemanden bevorzugen, den die Mehrheit sympathisch findet?

    Und zur Abschiebung am Morgen: wenn die Betroffenen das Datum kennen, an dem sie in ihre Ursprungsländer oder in die Länder, die für sie zuständig sind, reisen sollen, wird in der überwiegenden Zahl der Fälle kaum jemand mit gepackten Koffern aufs Taxi warten, da sie einfach verschwunden sind. Das wird wohl kaum die Absicht der Aktion sein.

  4. "Die Polizei holt die Menschen aus ihren Betten und bringt sie direkt zum Flughafen. Das sei unmenschlich."

    soweit ich weiss (ich mag mich irren), werden doch die menschen lange vorher dazu aufgefordert, freiwillig das land zu verlassen. und irgendwann muß es halt die polizei dafür sorgen. was isr daran verkehrt?

  5. Hier werden permanent die Menschenrechte tausender, wenn nicht zehntausender Menschen verletzt! Das Thema könnte gut und gerne eine eigene Rubrik bekommen. Es könnte auch berichtet werden, wer in welcher Form diesen Menschen hilft, um als leuchtendes Beispiel zu gelten.
    Nicht im Verhältnis steht die Hochstilisierung des Selbstinszenierers mit dem Stinkefinger, der seit geraumer Zeit die rechte obere Werbeeinblendung der Zeit Online - Site *schmückt*. Die Menschenrechte dieses in den Medien so gerne als *verfolgt* bezeichneten Herrn werden in keinem Staat dieser Erde in irgendeiner Weise verletzt!

    • deDude
    • 15. Juni 2012 11:02 Uhr

    ... vor dem Verlust von Wählerstimmen, im Falle eines Einsatzes für die Flüchtlinge wird wohl die meisten Abgeordneten angetrieben haben den Antrag auf Bleiberecht abzulehnen.

    Generell scheint es mir des Öfteren so zu sein, das Flüchtlinge für ein bisschen PR beim Shake-Hands mit Politikern gerne gesehen sind, ansonsten aber eher als Last angesehen werden derer man sich per Abschiebung still und leise entledigen kann. Pro Jahr werden so über 50.000 Menschen abgeschoben, teilweise in Regionen dieser Erde die die meisten von uns nie gesehen oder betreten haben - aus guten Grund.

    Das Problem ist, das wir bspw. von den Konflikten vor denen Menschen flüchten mitunter überhaupt keine Ahnung haben, bzw. unser vermeintliches "Wissen" aus den Interpretationen der Lage durch Politik und Medien, sowie durch gefährliches Halbwissen beziehen. Hier wird nun eine Familie zurück nach ins ehemalige Jugoslawien geschickt, da dort lt. deutschen Beamten "keine Gefahr mehr droht", während wir im Fernsehen beobachten können wie dort NATO-Grenzposten angegriffen werden.

    Ich weiß ja nicht wie Sie es sehen, aber ich zahle lieber für ein paar Flüchtlinge als dafür die Verantwortung übernehmen zu müssen das diesen Menschen in ihrer Heimat etwas zustößt. Letztlich kann ich Kommentar #1 nur zustimmen, wir werden auf Dauer auf Einwanderung angewiesen sein und mann kann nur hoffen das ein Großteil unserer Mitbürger das irgendwann auch einsieht.

    Grüße
    Dude

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    ... ein moderner, anerkannter demokratischer Rechtsstaat,
    der zwar momentan wirtschaftliche Probleme hat
    (hohe Arbeitslosigkeit, etc. - aber die gibt's auch in Italien, Spanien, Griechenland),
    der aber nichtsdestotrotz Aufnahmekandidat für die EU ist.
    Außerdem können alle Serben ohne Visum in die EU reisen.
    Es herrschen in Serbien Freizügigkeit, Meinungsfreiheit, etc.
    Wo also liegt das Problem,
    diese Familie, der "Geschichte" tränendüsenreich erzählt wird,
    abzuschieben ?
    Sie kehren lediglich in ihre Heimat zurück,
    in der nun Frieden herrscht.
    Sie sind damals vor dem Krieg geflohen (verständlich!),
    warum sollen sie im Frieden nicht zurückkehren ?
    Wo also liegt das Problem ?

    • deDude
    • 18. Juni 2012 18:22 Uhr

    ... ein moderner, anerkannter demokratischer Rechtsstaat..."

    Ich kaufe ein "H" und ein "A" und löse - HAHA!

    • jomai
    • 15. Juni 2012 11:09 Uhr
    7. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/kvk

  6. @gordonbleu

    "werden doch die menschen lange vorher dazu aufgefordert, freiwillig das land zu verlassen."

    Und wie ist das, wenn sie den Status "geduldet" erhalten und erst dann entschieden wird (im Übrigen wie hier 13 oder auch 17 Jahre später)?

    "und irgendwann muß es halt die polizei dafür sorgen. was isr daran verkehrt?"

    Den Flüchtlingen wird eine halbe Stunde Zeit gelassen, um ihre Habseligkeiten mitzunehmen. Abgeschoben werden z.B. auch HIV-Kranke, die in ihrem Heimatland nicht überleben können. In Deutschland stirbt uU schon auch mal ein Flüchtlingskind, weil das Amt (!) eine ärztliche Behandlung genehmigen (!!!) muss. Und wenn 2 Wochen vergehen, kann das schon mal vorkommen, dass das Kind bis dahin tot ist.

    @christygoe
    Was hat jetzt diese Roma-Familie mit "tricky" zu tun? Sie kämpfen für ihr Bleiberecht, was hat das mit "mogeln" zu tun?

    Wissen Sie, aus welchen Ländern Deutschland im Moment Flüchtlinge aufnimmt? Aus Nordirak und Syrien. Es gibt faktisch kein Recht auf Asyl mehr.

    @creedinger
    Ich hoffe, dass Sie irgendwann in den zweifelhaften Genuß einer Besichtigung eines Abschiebegefängnisses kommen. Mal schauen, wie dass dann mit den Tränen ist.

    Info zu Abschiebehaft: http://www.gegenabschiebehaft.de/hfmia/abschiebehaft.html

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    weil sie nach dem Krieg in ein sicheres Gebiet zurück konnten. Genau steht das nicht im Artikel. Sie kamen zurück, weil die Armut und Chancenlosigkeit ihnen nicht gut tat. Das kann ich voll verstehen, denn es ist eine unschöne Situation.

    Allerdings ist das eine Situation, mit der dort viele Menschen leben und die kein Grund ist, diese Menschen hier leben zu lassen.

    Wenn wir dies wollen, sollten wir das klären und uns zu einem versorgenden Land für innereuropäische Armutsflüchtlinge machen und dies als Grundsatz für alle und nicht nur für die, die zäh genug sind, sich auf den Weg zu machen und sich durchzuboxen, machen.

    Das wäre ein Entscheidung, die aber so weder mehrheitsfähig wäre noch sinnvoll.

    Um Asyl geht es hier, soweit ich die Geschichte kennen, nur am Rande, denn der Asylgrund ist viele Jahre alt und schon lange nicht mehr gegeben.

    Das meiste ist leider totaler Quatsch!
    Bei solchen Beiträgen rollen sich mir die Fußnägel hoch!

    1.)Zitat checkox:
    "Und wie ist das, wenn sie den Status "geduldet" erhalten und erst dann entschieden wird?"

    Auf der Duldung, oder auch Aussetzung der Abschiebung steht gleich auf der 1. Seite:Der Inhaber ist ausreisepflichtig!

    2.)Zitat checkox:
    "In Deutschland stirbt uU schon auch mal ein Flüchtlingskind, weil das Amt (!) eine ärztliche Behandlung genehmigen (!!!) muss. Und wenn 2 Wochen vergehen, kann das schon mal vorkommen, dass das Kind bis dahin tot ist."

    Ich finde es immer furchtbar, wenn Leute ihr gefährliches Halbwissen auf die Menschheit loslassen.
    Asylbewerber bekommen sogenannte Arztbehandlungsscheine. Damit werden sie von den Ärzten wie Privatpatienten behandelt, besser als jeder Kassenpatient.
    Und ein Kind, deutsch oder nicht(toll... Tränendrüse)muss in Deutschland sicherlich nicht deswegen sterben, weil es keinen Termin bekommt. Ärzte müssen Notfälle zunächst auch ohne Behandlungsschein annehmen.(auch hier wieder; egal, ob deutsch oder nicht-deutsch)

    3.)Zitat checkox:
    "Was hat jetzt diese Roma-Familie mit "tricky" zu tun? Sie kämpfen für ihr Bleiberecht, was hat das mit "mogeln" zu tun?"
    Vielleicht ist diese Familie hier wunderbar integriert. Vielleicht sind sie nicht tricky. Doch glauben Sie mir, ich habe bereits viele trickige Romas erlebt!! (Ich bin beruflich in der Richtung tätig!)

    Bitte immer erst genau informieren, bevor man schreibt

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte SPD | Abschiebung | Coldplay | Die Linke | Flüchtling | Roma
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