Tarcisio BertoneMachtspiele hinter den Mauern des Vatikans

Tarcisio Bertone kommt im Vatikan gleich nach dem Papst. Sein gewaltiger Einfluss bringt die Kurie gegen ihn auf. Noch stützt der Papst den Staatssekretär.

Tarcisio Bertone, Kardinalstaatssekretär des Vatikans (Archivbild)

Tarcisio Bertone, Kardinalstaatssekretär des Vatikans (Archivbild)

Gestohlene Briefe, Ächtungen, Machtspiele und sogar Mordkomplotte – die Berichterstattung über die Vatikan-Krise übertrifft fast schon die Fantasien reißerischer Thriller-Autoren. Ein Name taucht in jeder neuen Geschichte auf: Tarcisio Bertone.

Auch der jüngste "Vatikanleaks"-Skandal um das Buch Sua Eminenza des Journalisten Gianluigi Nuzzi ist aus Sicht von Beobachtern nur eine Offensive im langjährigen Kampf zwischen dem vatikanischen Kardinalstaatssekretär und seinen Gegnern. Die Veröffentlichung der privaten Korrespondenz des Papstes – sagen Vatikan-Insider – soll das Ziel haben, die Machtspiele in der Kurie publik zu machen, um Bertone zum Rücktritt zu zwingen. Sicher ist, dass der 78-Jährige immer weniger Freunde in Rom hat.

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Auf den ersten Blick ist der Kardinal, um den sich so viele Verschwörungstheorien ranken, alles andere als eine düstere Figur. In Interviews gibt er sich entspannt und geschwätzig. Am liebsten spricht er über seine größte Leidenschaft: Fußball. Jede Woche, sagt er, lasse er sich die Spielergebnisse der Serie A per SMS zuschicken.

Die Leidenschaft für den Fußball geht auf Bertones Zeit im Salesianerkolleg in Turin zurück. Damals spielte er als Außenverteidiger in einer lokalen Mannschaft. Die Zeit bei den Salesianern habe ihn stark geprägt, sagt er oft.

Wie der Gründer der Ordensgemeinschaft, Don Giovanni Bosco, ist Bertone ein Tatmensch. Und wie Don Bosco neigt er dazu, hart gegen die "Feinde des Glaubens" vorzugehen. Auch deshalb mischt er sich gern in politische Angelegenheiten ein.

Vorwürfe wegen des Umgangs mit einem Missbrauchsfall

Nach einer Promotion im kanonischen Recht unterrichtete Bertone zwanzig Jahre lang theologische Ethik an der Università Salesiana in Rom. 1991 wurde er dann zum Erzbischof von Vercelli ernannt. Als Sekretär kam er vier Jahre später in die Kongregation für die Glaubenslehre. Dort arbeitete er Schulter an Schulter mit dem damaligen Präfekten der Kongregation, dem Erzbischof von München-Freising Joseph Ratzinger.

In dieser Zeit traf Bertone auch eine umstrittene Entscheidung, die für den künftigen Papst Benedikt XVI. schwerwiegende Konsequenzen haben sollte. 1998 riet er der Diözese von Milwaukee davon ab, ein kanonisches Verfahren gegen Lawrence Murphy einzuleiten – einen Priester der bis zu zweihundert behinderte Kinder missbraucht hatte. Zwölf Jahre später löste die Veröffentlichung der Murphy-Akten eine der dramatischsten Krisen der Kirchengeschichte aus.

Doch das war nicht die einzige Kontroverse, in die Bertone als Sekretär der Kongregation verwickelt war. Im Jahr 2000 etwa koordinierte er die Veröffentlichung des dritten Geheimnisses von Fatima und sah sich Vorwürfen ausgesetzt, er habe nur einen Teil der berühmten Maria-Weissagung freigegeben. 2001 vermittelte er zwischen Johannes Paul II. und dem abtrünnigen Bischof Emmanuel Milingo, der wegen einer Polemik über den Zölibat der Geistlichen aus der Kirche geschieden war. Der Annäherungsprozess erwies sich als erfolgreich, doch nicht von Dauer: 2006 trat Milingo erneut aus der Kirche.

Die Kongregation verließ Bertone 2002, er ging als Metropolit nach Genua und wurde ein Jahr später zum Kardinal ernannt.

In Rom spielte sich unterdessen der letzte Akt des Pontifikats von Johannes Paul II. ab. "Mit der vatikanischen Regierung hatte der 'reisende Papst' immer wenig am Hut", sagt der italienische Vatikan-Experte Sandro Magister. "Das führte dazu, dass sich in der Kurie mehrere verfeindete Gruppen bildeten. Als Johannes Paul krank wurde, verschlimmerte sich die Lage noch."

Leserkommentare
  1. Verhalten aller Beteiligten könnte die Situation positiv verändern, mal schauen wann das in diesem machtbessenen Führungsgremium ankommt.

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    Die Saurier sind vor Million Jahrenen auch ausgestorben - die haben von Subventionen nichts gewußt?

    • Moika
    • 03.06.2012 um 11:21 Uhr

    Was verlangen Sie da von der kath. Kirche? Demokratie? Wie kommen Sie denn darauf, schließlich leitet sich der Chef dieser Kirche von und als der Nachfolger Petrus ab. Die stehen doch in direkter Verbindung zu Gott - und dessen Entscheidungen wollen Sie demokratisch zue Abstimmung stellen?

    Junge Junge, das ist aber Haeresie vom Übelsten!

    Die Saurier sind vor Million Jahrenen auch ausgestorben - die haben von Subventionen nichts gewußt?

    • Moika
    • 03.06.2012 um 11:21 Uhr

    Was verlangen Sie da von der kath. Kirche? Demokratie? Wie kommen Sie denn darauf, schließlich leitet sich der Chef dieser Kirche von und als der Nachfolger Petrus ab. Die stehen doch in direkter Verbindung zu Gott - und dessen Entscheidungen wollen Sie demokratisch zue Abstimmung stellen?

    Junge Junge, das ist aber Haeresie vom Übelsten!

    • E.Wald
    • 02.06.2012 um 20:08 Uhr

    Die gute Absicht über die Tat zu stellen - das ist die Methode, die ich für die meisten Fehlentscheidungen des Vatikans verantwortlich halte. Letztlich sind es die Taten, an denen sich auch der Klerus messen lassen muss - deshalb wünschte ich mir ein strengeres Vorgehen des Vatikans gegen schlecht handelnde Priester (z.B. gegen Kinder physisch und sexuell missbrauchende Priester). Auf (seelen-) zerstörerische Taten ist zu große Toleranz nicht die richtige Antwort.

    Zur Person Bertones: Ich wäre über eine baldige Ablösung froh.

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  2. deshalb wünsche ich mir ein rasches konsequentes Vorgehen des Papstes und zukünftig solle er sich eher mit Nonnen als mit Kammerdienern umgeben -

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    Nur dass wir im 21ten Jahrhundert leben und Unfug aus dem 12ten nicht mehr unwidersprochen hingenommen wird.

    Und das ist auch gut so.

    Nur dass wir im 21ten Jahrhundert leben und Unfug aus dem 12ten nicht mehr unwidersprochen hingenommen wird.

    Und das ist auch gut so.

  3. Ich weiß nicht, ob irgendjemand die 'spektakulären' Dokumente aus dem Vatikan tatsächlich mal gelesen hat, aber nichts von dem - über was hier reißerisch geschrieben wird - ist in diesen Dokumenten abgebildet. In Wirklichkeit sind das ziemlich dröge Dokumente aus einer normalen Bürokratie - aufgelockert mit vielen privaten Details, etwa das der Papst seine Buchhonorare an afrikanische Studenten für ihr Ausbildung spendet.

    Kardinal Bertone wird nächstes Jahr 80 Jahre alt und somit regulär spätestens im Herbst 2014 zurücktreten. Der Papst ist jetzt 85 Jahre alt - er möge noch viele Jahre vor sich haben - aber wer weiß, was nächstes Jahr ist. Im Vatikan ist ein Jahr nichts, wenn dort wirklich diesen Intrigen im Shakespeareschen Ausmassen herrschen würde, müssten die 'Verschwörer' nur noch ein paar Monate warten, dann wären sie eh am Ziel.

    Ich meine, dieser Artikel klingt wie ein Plot nach Dan Brown - nur irgendwie geht der Realitätsgehalt asymptotisch gegen Null.

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  4. Man sollte es nicht glauben:

    Ein Haufen Männer, die angeblich den gleichen Glauben haben, die gleichen Grundsätze, die gleichen Eide geschworen haben, 2.000 Jahre Tradition behaupten, das Zentrum der Heiligkeit und Moral der Welt darstellen wollen.

    Dagegen ist unsere schwarz-gelbe Regierung ja gold und jede andere auf der Welt auch.

    Auf Seite 28 der Print-Pfingst-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung ist folgende Äußerung des zurückgetretenen Chefs der Vatikanbank zu lesen: "Ich bin hin- und hergerissen zwischen dem Drang, die Wahrheit zu sagen, und der Angst, den Heiligen Vater zu erschüttern". "Er werde aus Liebe zum Papst nichts sagen."

    Also Liebe zum Papst vor der Wahrheit. Das könnte doch Stoff für viele Predigten geben. Jetzt darf jeder spekulieren und das Schlimmste vermuten.

    Aber neugierig hat mich der Mann schon gemacht.

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  5. sind es bloß *Macht*spiele.

    • kyon
    • 02.06.2012 um 22:59 Uhr

    Irgendwie habe ich den Eindruck, dass so mancher "hohe Herr" hinter den Mauern des Vatikans mal wieder ins Neue Testament schauen sollte, z.B. unter Markus 10,44ff:

    Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen:

    "Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.
    Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der erste sein will, der soll aller Knecht sein."

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  6. Nur dass wir im 21ten Jahrhundert leben und Unfug aus dem 12ten nicht mehr unwidersprochen hingenommen wird.

    Und das ist auch gut so.

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    werden die Menschen wiederum behaupten, dass unsere Generation ''Unfug'' geglaubt hat. Die Arroganz über Menschen aus anderen Zeiten wegen der eigenen einseitigen Perspektive zu urteilen, ist dagegen tatsächlicher Unfug.

    werden die Menschen wiederum behaupten, dass unsere Generation ''Unfug'' geglaubt hat. Die Arroganz über Menschen aus anderen Zeiten wegen der eigenen einseitigen Perspektive zu urteilen, ist dagegen tatsächlicher Unfug.

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