Prozess in Oslo: Im Breivik-Puzzle klafft eine große Lücke
Der Prozess gegen Anders Behring Breivik zeichnet ein detailliertes Bild des Attentäters. Doch die Frage nach dem Warum lösen auch die Psychiater nicht.
© Solum, Stian Lysberg/AFP/Getty Images

Anders Behring Breivik vor Gericht
"Wir gaben ihm ein Puzzle mit 1.000 Teilen", sagte die Psychiaterin Arnhild Flikke, als sie in dieser Woche im Prozess gegen den Attentäter Anders Behring Breivik in Oslo sprach. Sie wollten sehen, wie er damit zurecht kam, erklärte sie. Wie sich herausstellte, war Breivik ein Ass im Lösen von Puzzles. Er stellte sich der Aufgabe mit großer Begeisterung, im Nu war das Puzzle gelöst. "Die Aufgabe war eine Art kognitiver Test, er war sehr gut darin", sagte Flikke.
Wie ein Puzzle mit 1.000 Teilen ist auch Breivik selbst. Vor Gericht wurden die Teile zusammengesetzt, Stück für Stück, und langsam wurde daraus ein Bild. Bis ins kleinste Detail wissen wir nun, was er getan hat. Seine Lebensgeschichte kennen wir von Geburt an. Wir wissen mehr als genug. Dennoch bleibt eine große Lücke. Wir wissen nicht, warum er es getan hat.
Das zu verstehen, genau darum ging es in der letzten Phase des Prozesses. Und dieser Versuch ist zu einem erbitterten Kampf geworden. Konkurrierende Deutungen stehen sich unversöhnlich gegenüber. Eine Auflösung ist nicht in Sicht.
Breivik selbst sagt, er sei ein politischer Extremist, nicht mehr und nicht weniger. Mit der Waffe in der Hand habe er gegen eine "unerträgliche Ungerechtigkeit" gekämpft. Vor Gericht haben Experten für Rechtsextremismus und auch rechte Extremisten selbst diese Sichtweise unterstützt. Breiviks Gedanken, sagen sie, seien in keiner Weise einzigartig. Im Gegenteil: In der Gesellschaft brodele und gäre der Hass. Auch die Idee, dass Europa im Krieg ist mit der muslimischen Welt, teilt Breivik mit vielen.
Keine Kontakte, nur noch die Computerspiele
Und doch ist der Attentäter nicht wie sie, die er Sofageneräle und Tastaturkrieger genannt hat. Diese Menschen gingen nicht an einem verregneten Tag im vergangenen Jahr auf der Insel Utøya an Land, um eiskalt und wie eine Maschine wehrlose Teenager zu töten, als sei es dasselbe wie Kirschen zu pflücken.
Die extreme Gewalt bleibt unerklärt. Der Größenwahn, das komplette Fehlen von Mitgefühl für die Opfer, der Zusammenbruch seines geordneten Lebens im Jahr 2006 – politische Ideen können nichts davon erklären.
Breiviks Freunde erzählten vor Gericht von einer völligen Veränderung seines Verhaltens vor sechs Jahren. Vorher sei er ein guter Freund gewesen, gesellig und engagiert bei seiner Arbeit. Dann sei alles auseinander gefallen. Immer tiefer habe er sich in Computerspiele vertieft. Am Ende sei er wieder zurück zu seiner Mutter gezogen, habe jeden anderen Kontakt abgebrochen. Da saß er dann und spielte – allein. Die wenigen Male, wenn seine Freunde es schafften, ihn aus dem Schlafzimmer herauszulocken, habe er einen geknickten Eindruck gemacht, ohne Schwung und Freude. "Ich dachte, dass er in einer tiefen Depression war, dass er in einem Sumpf steckte", sagte einer seiner Freunde.
Was geschah mit Breivik im Jahr 2006? Er selbst sagt, es sei das "Geschenk für sein Martyrium" gewesen, ein Sabbatjahr mit intensivem Spielen als Belohnung für das Opfer, das er später bringen würde. Aber diese Erklärung ist nicht glaubwürdig, sagen Torgeir Husby und Synne Sørheim, die beiden Psychiater, die das Gericht im vergangenen Jahr beauftragte, um Breiviks Geisteszustand zu beurteilen.





Die Uneinigkeit der Psychater in der Beurteilung Breiviks zeigen doch ganz deutlich, wo das Problem steckt. In den Psycahtern bzw. deren Beurteilungen, die ja offensichtlich so weit divergieren, das man an der Wissenschaftlichkeit des ganzen Prozesses der Erstellung solcher Gutachten zweifeln muss.
Eines der Hauptprinzipien wissenschaftlichen Arbeitens ist Nachvollziehbarkeit; man sollte auch meinen, die Herren Psychater sollten wisssenschaftlich das Phänomen Breivik relativ eindeutig definieren können. Abweichungen sind sicher auch möglich: aber komplett auseinenandergehende Klassifizierungen??
Das ist der Fall Breivik: man frage nach all den anderen Verfahren weltweit, in denen Psychater ihre Einschätzungen abliefern und durchaus großen Einfluß auf die Urteilsfindung nehmen (man denke an Fälle von pädophilen Tätern, die aufgrund psychatrischer Gutachten auf freien Fuß gesetzt werden, nur um dann wieder rückfällig zu werden). Da werden die Einschätzungen der Psychater oft nicht so kontrovers diskutiert wie bei Breivik. Es macht die psychatrischen Gutachten aber nicht zuverlässiger, das nicht zwei oder drei Gutachten miteinander konkurrieren, sondern meist eines ausreicht.
Wenn Psychologen und Psychater bei einem Menschen wie Breivik nicht zu einer eindeutigen und klaren Diagnose kommen können - bei wem können sie es?
Das Ganze zeigt doch, auf welchen wackeligen Beinen psychatrische Gutachten in Verfahren stehen.
Vollkommen richtig. Das zeigt nur, dass das gesamte Thema viel zu komplex für Wissenschaftlichkeit ist. Wobei ich ihr Argument mit der Nachvollziehbarkeit nicht stehen lassen kann. Leben wir (und alle Lebewesen) nicht ständig mit Nachvollzug von Taten und Motiven anderer, ohne es wissenschaftlich erklären zu können? Deshalb entscheiden ja auch nicht Wissenschaftler, sondern Richter und Geschworene. Die Wissenschaftler liefern zur Beurteilung nur Detailbetrachtungen. Und oft genug widersprüchliche. Das ist ganz normal. Wer sich anderes wünscht, überschätzt die Wissenschaft an sich. Sprache, Denken, die Ratio überhaupt, ist komplexeren Phänomenen meist nicht gewachsen. Dazu ist die Rechenleistung unseres Neokortex einfach nicht hoch genug. Richter und Geschworene müssen also noch mehr als ihr Großhirn einsetzen.
... stellen nicht ihre Wissenschaftlichkeit in frage, wie Sie das vermuten. Da steht die Wissensschaft doch wenigstene schon mal nicht nur auf einem Bein. Wissenschaftler sind weder Richter noch Orakel, sie sagen ihre begründbare Meinung zu einem Fall, so wie er sich ihnen darbietet; und je komplexere Überlegungen jemand anstellt, je weniger sicher ist er sich seiner Schlüsse. Breivik zu lynchen hätte keine 5 Minuten gebraucht. Der Versuch, Breivik zu verstehen, dient weniger Breivik als dass er uns allen dient.
Vollkommen richtig. Das zeigt nur, dass das gesamte Thema viel zu komplex für Wissenschaftlichkeit ist. Wobei ich ihr Argument mit der Nachvollziehbarkeit nicht stehen lassen kann. Leben wir (und alle Lebewesen) nicht ständig mit Nachvollzug von Taten und Motiven anderer, ohne es wissenschaftlich erklären zu können? Deshalb entscheiden ja auch nicht Wissenschaftler, sondern Richter und Geschworene. Die Wissenschaftler liefern zur Beurteilung nur Detailbetrachtungen. Und oft genug widersprüchliche. Das ist ganz normal. Wer sich anderes wünscht, überschätzt die Wissenschaft an sich. Sprache, Denken, die Ratio überhaupt, ist komplexeren Phänomenen meist nicht gewachsen. Dazu ist die Rechenleistung unseres Neokortex einfach nicht hoch genug. Richter und Geschworene müssen also noch mehr als ihr Großhirn einsetzen.
... stellen nicht ihre Wissenschaftlichkeit in frage, wie Sie das vermuten. Da steht die Wissensschaft doch wenigstene schon mal nicht nur auf einem Bein. Wissenschaftler sind weder Richter noch Orakel, sie sagen ihre begründbare Meinung zu einem Fall, so wie er sich ihnen darbietet; und je komplexere Überlegungen jemand anstellt, je weniger sicher ist er sich seiner Schlüsse. Breivik zu lynchen hätte keine 5 Minuten gebraucht. Der Versuch, Breivik zu verstehen, dient weniger Breivik als dass er uns allen dient.
der ABB hat ja schon einen, wenn auch untauglichen, Versuch unternommen auch "Schlüsselpersonen" anzugreifen.
Die dabei vom Täter gezeigte "Schlampigkeit" in der Tatausführung ist für sich auch bemerkenswert. Denn nach dem langen Planungsvorlauf und dabei schon skurril anmutenden Vorbereitungshandlungen ist er glücklicherweise weit hinter seinen Möglichkeiten geblieben, was die Zahl der Geschädigten angeht.
Dazu brauchte es nicht einmal die Gabčík zugänglichen Kampfmittel...
Kurz: Die Menschen auf Utoya haben eigentlich noch Glück im Unglück gehabt und dafür ist nur die sehr merkwürdige Realitätseinschätzung ( in einigen Ausführungsaspekten) des Täters verantwortlich.
MfG KM
....entdeckt. Natürlich ist nicht der einzige Grund Massentötung als terroristische Maßnahme zu wählen nicht alleine die Unfähigkeit an entsprechende Entscheider heranzukommen. Es sind auch andere Aspekte bedeutsam. Sichtbarkeit und Angst bestimmen Forderungen aus der Bevölkerung. Das wurde von mehreren Terroristen als wichtiges Argument benannt.
....entdeckt. Natürlich ist nicht der einzige Grund Massentötung als terroristische Maßnahme zu wählen nicht alleine die Unfähigkeit an entsprechende Entscheider heranzukommen. Es sind auch andere Aspekte bedeutsam. Sichtbarkeit und Angst bestimmen Forderungen aus der Bevölkerung. Das wurde von mehreren Terroristen als wichtiges Argument benannt.
Wer sich mit dem Breivik‘s Weltbild beschäftigt hat, wird feststellen müssen, dass es leider in sich schlüssig ist.
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Ich halte das Weltbild B's nicht für schlüssig.
Aber, wenn etwas in sich schlüssig ist, dann ist es m.E. auch für Außenstehende grundsätzlich nachvollziehbar und zu befürworten.
Warum sagen Sie, dass dies >>leider<< der Fall sei?
....psychologischen Konstellation mit einer sinn-gebenden Ideologie?"
Wie aber wollen Sie in einer Gesellschaft wir der unseren unterscheiden zwischen "guter" und "schlechter" Causa? Wie, wenn man sich's überlegt, wollen zwischen "gerechtfertigten" und "ungerechtfertigten" Mitteln? Wollen Sie die Mehrheit die Unterscheidung treffen lassen? Deren Vertreter? Da sind Sie rasch bei der Khmer oder den Bolschewiki. Und wäre das Mittel ungerechtfertigt gewesen, die Lutter oder Assner legitim schienen?
Ich finde diese zwei Fragen etwas schwierig, in einer relativen Welt.
Was ist das denn für ein abstruser Vergleich?!!
Außerdem stimmt er nicht. Niemand bereitet sich jahrelang darauf vor, Obst zu pflücken.
Grüße an das Lektorat.
Warum lösen die Psychiater es nicht? Können sie nicht, wollen sie nicht, dürfen sie nicht? Wer sollte es sonst tun?
Ich empfehle den Psychiatern und auch den Politikern und den Lesern die Lektüre von Arno Gruen. Da können sie nachlesen wie alles anfängt, wie es endet und was getan werden muss.
Breiviks Tat ist nur das vorläufige Ende oder eine Zwischenstation seines Lebens. Ohne dadurch etwas zu entschuldigen, sollte man hier ganz genau hinsehen und erkunden, was dieser Mensch in seiner Entwicklung alles erlebt hat.
Denn es sollte sich etwas grundlegendes ändern in unseren Gesellschaften. Sonst wird es öfter zu solchen Taten kommen und wir müssten dann damit leben.
In anderen Ländern ist es ja schon soweit.
würden eine solche Tat nicht begehen. Es widerspricht der Schwarz und Weiß Sicht eines Autisten. Des Weiteren würde ein Autist gar nicht die Motivation entwickeln die der Beschuldigte ausgebildet hat: "Die Gesellschaft befindet sich mit Muslimen im Krieg deshalb müssen wir zurückschlagen."
Das Auseinandersetzen mit der Gesellschaft hat bei einem Autisten eine eher theoretische Natur, praktische Interaktion mit Individuen ergibt sich nur aus Zwang oder Notwendigkeit.
Das sich Asperger Autisten in einem inneren Gefängnis befinden ist auch Quatsch, ich und viele andere Autisten fühlen uns pudelwohl so wie wir sind. Für uns ergeben sich erst Problematiken wenn wir mit Nicht-Autisten interagieren müssen.
Ganz ehrlich, ich finde den Teil des Artikels wirklich beleidigend.
ist flächendeckend die Kosequenz unserer Gesellschaftsstruktur. Der ständige Wettbewerb, der ständige Druck. Wenn ich es nicht schaffe, warum dann mein Nachbar? Die Schuld daran muss in meiner Person liegen. Das Eingeständnis ein "Versager" zu sein gibt sich Niemand (was erstmal gesund ist). Der Ausgleich für dieses Defizit muss dem eigenen Ansprüchen sich selbst gegenüber entsprechend hergestellt werden (wenns geht mit mythischer Bedeutung). Ich glaube Breivik hatte sehr hohe Ansprüche an sich selbst. Er wollte etwas leisten und war in den vielleicht besten Jahren seines Lebens arbeitslos und abgeschoben. Mit ihm wurde nicht geredet, er war ein Aussortierter, ein Überflüssiger, ein Teil der produzierten grauen Masse, White Trasch.
"Wenn wir eine graue Masse permanent wegschieben, kommt sie vielleicht irgendwann als braune zurück" sagte noch Frank Castorf in den 90ern. Er redete dabei über Neonazis in Mecklenburg Vorpommern, Brandenburg, Sachsen. Diese Gesellschaft schafft immer mehr Verlierer als Gewinner. Und einer dieser "Verlierer" ist nun durchgedreht. Überrascht? Nein. "Unfälle" wie diese werden sich noch häufen. Diejenigen die daraus Konsequenzen ziehen könnten und fundamentale Entscheidungen treffen könnten (Regierungen) ducken sich ab. Menschenleben zählen eben nicht mehr als wenn man 1 zählt.Und was ist eine 1 in einer Welt die ausschließlich vom Milliardären beherrscht wird?
Breivik ist ein Symptom und nicht die Ausnahme! Ich denke er würde mir nicht zustimmen.
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