FlüchtlingslagerDreck, Krach und Hoffnungslosigkeit

Schon jetzt leben 100.000 Asylbewerber in oft heruntergekommenen Sammellagern – und ihre Zahl steigt. Die Unterbringung in Wohnungen wäre menschlicher und billiger. von Frank Brunner

Im bayerischen Augsburg wartet Akin Okoye* vor der Tür seines winzigen Zimmers. Er zeigt erst das mit Exkrementen beschmierte Klo gegenüber, dann auf die schimmligen Wände im Duschraum, geht zu den vier verschmutzten Kochplatten, die sich die 30 Bewohner der Etage teilen müssen und sagt: "Ich habe eigentlich Glück gehabt". Er wohnt in einer Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber in dem heruntergekommenen Backsteinbau in der Calmbergstraße; 130 Männer leben hier.

Okoye, 32, der vor vier Jahren aus Somalia geflohen ist, teilt sich ein winziges Zimmer mit einem Mitbewohner. Ein Privileg. Nebenan leben nämlich acht Männer auf 20 Quadratmetern. Okoye will nicht, dass sein richtiger Name bekannt wird.

Anzeige

Augsburg ist die letzte Station einer Reise in über zwanzig Gemeinschaftsunterkünften Thüringens und Bayerns . Die Proteste gegen diese Einrichtungen waren in den vergangenen Jahren hier besonders massiv. In Thüringen hatte die SPD vor der Landtagswahl 2009 versprochen, die Lage von Asylbewerbern zu verbessern und die bayerische FDP-Fraktion erklärte im selben Jahr: "Gemeinschaftsunterkünfte sind nach unserer Meinung keine menschliche Form der dauerhaften Unterbringung".

In Erfurt koaliert die SPD seit über zwei Jahren mit der CDU . In Bayern ist die FDP mehr als drei Jahre in der Regierung. Trotzdem gibt es in Thüringen noch immer über 20 Gemeinschaftsunterkünfte, in Bayern sind es 124. Knapp tausend solcher Massenquartiere existieren bundesweit. Die Lager liegen in tristen Vorstädten, abgelegenen Industriegebieten, ehemaligen Feriencamps oder verlassenen Kasernen. Dort warten die Menschen darauf, dass die Behörden über ihre Asylanträge entscheiden. Rund 46.000 Menschen beantragten 2011 Asyl – elf Prozent mehr als 2010.

Auch Rashno Khadem* möchte seinen richtigen Namen nicht in den Medien sehen. "Es gibt Ärger mit der Heimleitung, wenn bekannt wird, dass ich mit Ihnen spreche", erklärt der 33-jährige Iraner. Khadem wohnt auf einem früheren Kasernengelände am Rande von Würzburg . Etwa 500 Menschen, darunter viele Kinder, sind hinter Stacheldraht in alten Armeegebäuden untergebracht. Es ist das größte Flüchtlingslager in Bayern.

Die Gesundheit leidet

Khadem sitzt in einem Zimmer, dass er sich mit vier anderen Männern teilt. Es gibt einen Tisch, zwei Kühlschränke, fünf Feldbetten und für jeden einen schmalen Metallspind. Was es nicht gibt, ist ein Platz, um sich zurückzuziehen. Der Gesundheitszustand der Bewohner sei "wesentlich schlechter als es aufgrund der Altersstruktur zu erwarten wäre", so August Stich, Chefarzt der Missionsärztlichen Klinik Würzburg schon vor zwei Jahren. Notwendige medizinische Behandlungen würden nicht genehmigt; es entstehe der Eindruck, dass "systematisch gegen das Anliegen der Flüchtlinge entschieden wird", sagt der Mediziner.

Die Vorwürfe seien in der pauschalen Form nicht gerechtfertigt, erklärt eine Sprecherin des Sozialministeriums. Doch dass mit den Quartieren Asylbewerber abgeschreckt werden sollen, steht sogar im Bayerischen Asylgesetz. Die Unterbringung soll die "Bereitschaft zur Rückkehr in das Heimatland fördern", heißt es dort.

Leserkommentare
  1. Menschen verfahren wird, das ist einfach skandalös! Wie hartherzig muss eine Gesellschaft sein, die so etwas duldet?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Nicht hartherzig. Es ist durch verschiedene Studien belegt, das Menschen je mehr Geld sie haben, umso weniger hilfbereit werden. Geld macht unabhängig von anderen. Diese Solidarität gibt man dann anderen auch nicht mehr.

    http://www.zeit.de/wissen...

    Je reicher, desto schlimmer. Wenn die Leute dann zweistellige Milliardäre sind, scheint teils eine Umkehr einzutreten, aber nicht bei allen.

  2. ursprünglich einmal die aus humanistischen Überlegungen heraus grundgesetzlich garantierte Konsequenz aus den 12 Jahren des finstersten Kapitels deutscher Geschichte, bekommt hier den Beigeschmack des krsaasen Gegenteils: Inhumanität! Wie verträgt sich das mit dem Artikel 1 des GG ("Die Würde des Menschen ist unantastbar!...")?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... steht schon in der Bibel und ist keine Konsequenz aus den besgten 12 Jahren.
    Besser gesagt, wurden damit die Rückzugsstätten der, durch den Pharao, verfolgten Israeliten bezeichnet.

    Ich habe schon des öfteren Asyl- und Flüchtlingsunterkünfte repariert und renoviert.
    Der schlechte Zustand ist keine Schuld des Staates oder der Gesellschaft, sondern der Bewohner, der Staat stellt ihnen die Unterkunft zur verfügung Elektrizität, Wasser, Heizung, Lebensmittel, Medikamente, und Putz- sowie Hygeniemittel.

    Ich darf an das Auffanglager Lampedusa erinnern, das wurde in so einen schlechten Zustand versetzt das Seuchengefahr bestand, selbst in Brand gesteckt wurde es.

    "Wie würde Jesus wohl als Asylbewerber hierzulande behandelt werden?"

    Vielleicht wie jeder andere, da ein Prophet, Messias, Heiland, und Sohn Gottes sich vor dem Gesetz nicht unterscheidet.

  3. Dass keine Luxusunterkünfte zur Verfügung gestellt werden, das kann man nachvollziehen. Aber zugesch.. Toiletten u.a. anbieten, das geht gar nicht
    "Er zeigt erst das mit Exkrementen beschmierte Klo gegenüber, dann auf die schimmligen Wände im Duschraum, geht zu den vier verschmutzten Kochplatten, die sich die 30 Bewohner der Etage teilen müssen und sagt: "Ich habe eigentlich Glück gehabt"."

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Bitte lesen Sie nochmals den Artikel. Die Toiletten wurden nicht in dem beschriebenen Zustand "angeboten", sondern von den Nutzern in diesen versetzt.

    Ich halte es nicht für fair, Toiletten mit Exkrementen vollzuschmieren, und dann zu erwarten, daß es irgendjemand anderes saubermacht.
    Es handelt sich doch um erwachsene Menschen, die leider so bestehende Vorbehalte gegen Asylanten verstärken, und nicht um Kleinkinder oder Geisteskranke!

    In einer Massenunterkunft müssen die Insassen eben einen Putzdienst organisieren und sich gegenseitig zur Sauberkeit anhalten.

    Wenn ich meine Toilette zusaue, im Badezimmer nicht genügend lüfte, so daß es schimmelt, und die Kochplatten verdrecke, kann ich mich schwerlich beim Vermieter über "menschenunwürdige Zustände" beschweren.

    Hotel, und das sieht dort so aus weil die Bewohner sich einen Dreck darum kümmern, genug Zeit sollte ja zur Verfügung stehen, das man das sauber hält.
    Und ich kann nur sagen, was hier Immigranten und Asylanten gesagt wird, wenn es einem nicht in Canada passt, dann kann man auch nach Hause oder woanders hingehen.
    Umsonst werden hier jetzt nicht solche Pamphlete verteilt.
    http://www.theglobeandmai...

    @Thema
    Die Asylverfahren sollten bschleunigt werden und das Einlegen von Rechtsmitteln muss aus der eigener Tasche bezahlt werden, wer nach 6 Monaten nicht angenommen wurde ins Flugzeug und/oder ins Heimatland oder ins Land aus dem die Einreise erfolgte zurück,klingt hart nein, ist in vielen Ländern Realität und die haben nicht diese Asylprobleme.
    Auch sind es imho nicht die wirklich Bedürftigen die Asyl suchen,sondern Leute den es auch in ihren Heimatländern nicht schlecht geht, die sich aber die Anreise und/oder Schleuser leisten können.

    Und das mit den Räumen von 4 Mann und einem Tisch kenne ich noch aus Lehrzeiten in D und da hat sich auch keiner aufgeregt oder beschwert.

  4. Nicht hartherzig. Es ist durch verschiedene Studien belegt, das Menschen je mehr Geld sie haben, umso weniger hilfbereit werden. Geld macht unabhängig von anderen. Diese Solidarität gibt man dann anderen auch nicht mehr.

    http://www.zeit.de/wissen...

    Je reicher, desto schlimmer. Wenn die Leute dann zweistellige Milliardäre sind, scheint teils eine Umkehr einzutreten, aber nicht bei allen.

    Antwort auf "Wie hier mit"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wie, ich dachte Reichtum verpflichtet? Und ich hatte mich schon über die vielen neuen Millionäre in Deutschland gefreut.

  5. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Relativierungen. Danke, die Redaktion/mk

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Darüber hinaus bitten wir darum, zum konkreten Artikelthema zu diskutieren. Danke, die Redaktion/kvk

  6. Der eigentliche Skandal ist doch, dass es die Behörden offensichtlich nicht schaffen, das Asyl-Anerkennungsverfahren in zwei Jahren abzuschliessen.

    Hier sollte man dringend ansetzen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... allerdings. Zeitlimit und dann Entscheidung.

    Man kann nicht Leute hier 10, 15 oder 20 Jahre belassen und dann insbesondere die zweite Generation, die hier aufgewachsen ist, irgendwo in der dritten Welt aussetzen.

    • sharia
    • 20. Juni 2012 21:22 Uhr

    dies Ihrer Meinung nach aussehen, dieses "Ansetzen"?

  7. Bitte lesen Sie nochmals den Artikel. Die Toiletten wurden nicht in dem beschriebenen Zustand "angeboten", sondern von den Nutzern in diesen versetzt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    jedoch nicht selbst war, hat er kaum die Wahl. In einer Wohnung wie sie auch jeder andere in diesem Land für normal erachtet, müsste er sich Fäkalien außerhalb des Klos jedenfalls nicht aussetzen.

    Die meisten dieser Menschen kommen mit leeren Taschen in die Lager und werden, wie in dem Artikel dargestellt, unter unwürdigen Bedingungen wie Vieh eingepfercht.
    Ich glaube außerdem, dass bei "40 Euro Taschengeld" meine Priorität sicherlich nicht die 5-Euro teure Flasche Meister Propper wäre, mit der das Gemeinschaftsklo einmal geputzt werden kann.
    Es ist unsensibel und menschenverachtend. Vor allem sollte man auch bedenken, dass die Motivation, es sich in solch einem Lager bequem zu machen, sehr niedrig ist. Die Menschen dort leiden nicht nur gesundheitlich, sondern vor allem psychisch. Vom Regen in die Traufe, wahrlich!
    Ich les jetzt besser ein wenig Erich Fromm, bevor ich mit 23 Jahren einen Herzinfarkt erleide...

  8. ...habt getan, so habt Ihr mir getan!" sagte der Mann aus Nazareth, auf dessen Religion sich eine bestimmte politische Richtung hierzulande so gern beruft.

    Wie würde Jesus wohl als Asylbewerber hierzulande behandelt werden?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    und die Stadtmusikanten (Esel, Hund, Katze, Hahn) glaubten, dass man in Bremen reich werden könne.
    Die Asylanten hingegen glaubten in Deutschland glücklich zu werden.
    Alles so Geschichten.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte FDP-Fraktion | SPD | CDU | CSU | Euro | Flüchtling
Service