Das japanische Atomkraftwerk Oi liegt direkt am Meer. Seit dem Reaktorunglück von Fukushima stand es still, so wie alle 50 Kernkraftwerke, die einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen wurden. Doch jetzt soll in zwei Meilern von Oi, gelegen auf einer Halbinsel in der Präfektur Fuki nördlich von Osaka , wieder Kernenergie produziert werden. Nach einer monatelangen Testphase hat die Regierung grünes Licht für die Reaktivierung gegeben . Die beiden Meiler sind die ersten, die nach dem Unglück wieder ans Netz gehen.

"Japan hat keine Zukunft ohne Kernkraft"

Schon in den vergangenen Wochen war an dem Atomkraftwerk in Oi ein geschäftiges Treiben zu beobachten. Bauarbeiter vergrößerten mit Bulldozern die Wellenbrecher, um einen besseren Tsunami-Schutz zu gewährleisten. Wenn die mächtigen Maschinen ihre Arbeit stoppten, war von Ferne die Brandung des nahen Meeres zu hören. Die Kernkraft in Japan soll eine Zukunft haben, trotz Fukushima. Das jedenfalls ist der Wille der Regierung. Seit dem alle 50 Atomkraftwerke im vergangenen Sommer vorübergehend abgeschaltet wurden, hat in Oi auch der lokale Stromkonzern Kansai Denryoku eifrig daran gearbeitet, die Sicherheit der Meiler zu verbessern.

Doch um Oi hat sich in den vergangenen Monaten eine starke Anti-AKW Bewegung gebildet. "Bei einem starken Erdbeben gibt es für uns nur einen Fluchtweg – und zwar die Hauptstraße, die an der Küste entlang führt", erklärt eine Einwohnerin: "Sollte es einen Erdrutsch geben, wären wir eingesperrt".

Doch trotz mehrerer Demonstrationen in Osaka und Tokio scheint die Regierung nicht von ihren Reaktivierungsplänen abweichen zu wollen. Am 8. Juni plädierte der Premierminister Yoshihiko Noda in einer Pressekonferenz mit drastischen Worten für eine zügige Aktivierung der Reaktoren: "Um das normale Leben der Bürger zu sichern, müssen wir die Kraftwerke wieder aktivieren. Sollten wir sie endgültig ausschalten, gäbe es keine Zukunft für die japanische Gesellschaft", sagte er.

Tatsächlich scheint es keine andere Lösung zu geben. Japans Energieversorgung ist von der Atomkraft abhängig. Bis zu dem Unglück von Fukushima bezog Japan etwa ein Drittel seines Stroms aus der Kernkraft. Nach Angaben der Regierung sollen die Meiler in Oi in den nächsten zehn Jahren fünf Prozent der gesamten Energieversorgung für Zentraljapan sichern. Von ihrer Aktivität hängt außerdem auch die Stromversorgung der Metropole Osaka-Kobe ab.

Eine steigende Zahl von Japanern will das nicht mehr akzeptieren. Seit Fukushima ahnten viele, dass die Regierung die Gefahren der Atomkraft bisher vernachlässigt habe, sagt Yasunari Fujimoto, Sprecher der AKW-Gegner-Initiative Atomkraft, Sayonara! (auf Deutsch: Auf Wiedersehen, Atomkraft): "Viele denken an ihre Zukunft und an die ihrer Kinder. Plötzlich konnten sie nicht mehr still bleiben."