RitusWie eine jüdische Familie mit dem Beschneidungsurteil umgeht

Sie können es nicht glauben: Beschneidung gilt plötzlich als Körperverletzung. Das jüdische Ehepaar Rubin wird trotzdem tun, was die Thora befiehlt. von Sidney Gennies

Jüdische Beschneidungszeremonie (Archivfoto)

Jüdische Beschneidungszeremonie (Archivfoto)  |  © François Lenoir/Reuters

Zwischen seinen Spielsachen sitzt Samuel auf dem Fußboden und schreit. Er will nicht mehr spielen. Den großen grünen Hüpfball neben sich ignoriert er. Er will jetzt auf den Arm genommen werden.

Sein Vater steht nach kurzem Zögern vom Küchentisch auf und hebt den Kleinen vom Boden. Er wiegt den 15 Monate alten Samuel hin und her bis er aufhört zu schreien. Doron Rubin ist Jude. Seine kurzen schwarzen Haare sind am Hinterkopf von einer runden Kippa bedeckt. Samuel legt seinen Kopf an das hellblaue Hemd des Vaters und hört auf zu schreien.

Anzeige

"Es ist absurd", sagt Doron Rubin, als er sich zu seiner Frau Hannah zurück an den Küchentisch in ihrer Berliner Wohnung setzt. "Wir sind von einer Straftat so weit entfernt, wie es nur geht."

Und doch soll er für seinen Sohn vor etwas mehr als einem Jahr eine strafbare Körperverletzung angeordnet haben. So steht es in einem Urteil des Kölner Landgerichts. Denn Samuel ist nach jüdischer Tradition beschnitten.

Das Klima sei rauer geworden, sagen sie

Doron Rubin und seine Frau sind Juristen. Beide arbeiten als wissenschaftliche Mitarbeiter an verschiedenen Fakultäten. Wo, wollen sie nicht sagen. Es gebe schon genug rechte Spinner, die sie wegen ihrer Religion anfeindeten. Nach dem Urteil empfinden sie nun das Klima auch im Rest der Gesellschaft als rauer. Hannah Rubin deutet auf einen Stapel Zeitungen, der neben ihrem Mann auf dem Stuhl liegt. Auch die 28-Jährige ist gläubige Jüdin. Das bunt gemusterte Tuch, mit dem sie ihre Haare verdeckt, verrät, dass die alten Traditionen ihr wichtig sind. Doron Rubin blättert kurz in den Zeitungen. Er findet nicht, was er sucht. Aber einige Artikel, einige Kommentare sind ihm im Gedächtnis geblieben. Wenn seine religiöse Überzeugung "lächerlich" und "überholt" genannt wird, wenn von "Verstümmelung" die Rede ist – das verletzt ihn. Das Urteil verletzt ihn.

Das Gericht bewertete die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen als "rechtswidrige Körperverletzung". Hannah Rubin hat als Wissenschaftlerin gelernt, Dinge nüchtern zu betrachten. Es ist ja nur ein Landgericht, hat sie sich gesagt. "Wir sind davon ausgegangen, dass das nicht viel Rückhalt haben wird." Hatte es doch. Die Debatte über das Beschneidungsverbot nimmt von Tag zu Tag an Intensität zu. Trotzdem ist auch ihr Mann bemüht, nicht allzu emotional zu werden. Für ihn ist die Beschneidung ein jahrtausendealtes Ritual, Teil der jüdischen Identität.

In der Anklageschrift liest sich das anders: "Die Staatsanwaltschaft Köln wirft dem Angeklagten vor, am 04.11.2010 in Köln eine andere Person mittels eines gefährlichen Werkzeugs körperlich misshandelt und an der Gesundheit geschädigt zu haben." Sie hatte bereits im November 2010 gegen einen muslimischen Arzt geklagt, der auf Wunsch der Eltern deren vierjährigen Sohn beschnitten hatte, denn auch in der islamischen Tradition ist die Beschneidung weit verbreitet.

Zwei Tage nach dem Eingriff brachte die Mutter ihr Kind mit Nachblutungen in die Notaufnahme der Uniklinik. In erster Instanz sprach das Amtsgericht den Arzt noch frei, weil die Eltern das Einverständnis gegeben hatten. Doch als Berufungsgericht urteilte das Kölner Landgericht nun, die Einwilligung sei nicht wirksam, weil sie nicht dem Kindeswohl diene.

Leserkommentare
  1. dass sie wegen Kindsmißhandlung und schwerer Körperverletzung verurteilt werden. Denn dieser Eingriff in das Menschenleben des Kindes ist physische Indoktrinierung.

    46 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...denn es wird sich immer ein Arzt finden, der auch medizinische Gründe für eine Beschneidung diagnostiziert.

    Ich bin froh um meine Vorhaut!

    Ich habe es sowieso nie verstanden, warum Beschneidung bei Jungen als normal angesehen wird, während die Beschneidung weiblicher Genitalien schon lange eine (EU-)Straftat ist.

    ...damit es zu keinen Nachblutungen kommt.
    Des Weiteren an alle die weiblichen Foristen:
    Ihr habt keine Ahnung.
    An alle männlichen unbeschnittenen Foristen: Ihr habt noch weniger Ahnung.
    An alle männlichen beschnittenen Foristen (wie ich): Wir wissen, dass es nur Vorteile hat, beschnitten zu sein. Das würde sicherlich jeder Mediziner bestätigen, mal abgesehen von den vielen weiteren Vorteilen.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Polemik. Danke. Die Redaktion/kvk

  2. ... ins Bild, ...

    bald kriegen wir noch die Cola im Kino verboten weil zu viel Zucker ja auch eine Form von Körperverletzung ist. Mit diesem Argument kann man so ziemlich alles verbieten wenn man denn unbedingt möchte. Der Polizeistaat lässt grüßen.

    8 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • GDH
    • 13. Juli 2012 15:11 Uhr

    "bald kriegen wir noch die Cola im Kino verboten weil zu viel Zucker ja auch eine Form von Körperverletzung ist. Mit diesem Argument kann man so ziemlich alles verbieten wenn man denn unbedingt möchte."

    Wenn Eltern ihr Kind ohne medizinischen Grund mit Cola zwangsernähren (das wäre etwa die Entsprechung denn das Kind hatte ja nix zu entscheiden), könnte das durchaus eine Körperverletzung darstellen.
    Ansonsten ist Ihr Vergleich absurd.

    Hier wird ja eben nicht verboten, dass man sich selbst verstümmelt, sondern es wird lediglich festgelegt, dass religiöse Vorstellungen kein Rechtfertigungsgrund für die Körperverletzung des Kindes sind.

    Um Ihr Beispiel heranzuziehen: Als Erwachsener hat man weiterhin das Recht sich beschneiden zu lassen (oder soviel Cola zu trinken wie man will) und damit die Einwilligung zur zweifellos vorgenommenen Körperverletzung zu geben. Eltern haben dieses Recht nunmehr zu Recht nur dann, wenn die Beschneidung medizinisch indiziert ist.

    Wenn nun das im Artikel dargestellte Ehepaar trotzdem an diesem Ritual festhalten will, zeigt dies eine ziemlich bedenkliche Verachtung für das geltende Recht.

    Das kann doch nicht ihr ernst sein oder?

  3. 3. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mk

    25 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Kein konstruktiver Kommentar. Die Redaktion/kvk

    • hairy
    • 13. Juli 2012 16:45 Uhr

    Der alte Rechtfertigungsversuch, 'höhere Mächte befahlen' usw., womit sich bekanntlich alles ausschmücken lässt. Was hat das nicht an Leid in die Welt gebracht - und bringt es noch immer.

    • Bashu
    • 13. Juli 2012 17:26 Uhr

    Das ist kein jüdisches "Problem".

    Religiöse oder wie auch immer geartete esoterische oder okkulte Praktiken müssen in unserem Land mit dem Gesetz vereinbar sein. Alles Weitere ist Privatsache.

    Darüberhinaus ist es kurzsichtig, religiöse Menschen zu dämonisieren. Es ist nun die Religion des Geldes, die Europa an den Rand der Desintegration gebracht hat... Gier, Geiz, Korruption, das Fehlen von moralischen Standards.

    Ich bin nicht gläubig, aber viele Gläubige die ich kenne schätze ich als Menschen.

    • karoo
    • 13. Juli 2012 15:06 Uhr

    Ich kann mir vorstellen, dass das Urteil für einige befremdlich wirkt. Aber es muss doch jedem klar sein, dass heutzutage niemand mehr im Namen einer Ideologie oder Religion körperlich oder seelisch verändert werden darf. Ich finde eine Beschneidung grundsätzlich wirklich sehr gut (hat viele Vorteile auch für die Sexualpartner der Beschnittenen) - wenn sich ein Erwachsener dazu entschließt.

    Wie können diese Beiden als Wissenschaftler und mitfühlende Eltern, Demokraten in einem demokratischen Land ihr eigenes Kind so bevormunden? Jeder soll religiös sein, wenn er möchte und auf die eigene Art, aber diese Freiheit hört da auf, wo man Mitmenschen Rechte nimmt oder verletzt.

    44 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Ihr Kind bevormunden"
    Eltern bevormunden Kinder, denn das ist ihre Pflicht. Darum sagt man einem Kind auch, dass es sich die Zähne putzen muss.
    In allen Religionen übernehmen Kinder gezwungener Maßen den Glauben und die Traditionen der Eltern und leben diesen, bis sie alt genug sind, selbst zu entscheiden.
    Wir reden hier von einer jahrtausende alten Tradition, die keinen körperlichen Schaden hervorruft. Auf die positiven Effekte wurde hinreichend hingewiesen.
    Wenn man viele Kommentare liest, dann wäre die logische Konsequenz die Abschaffung und Verbot der ReligionEN.
    Mal ganz nüchtern. Eine jahrtausende alte religiöse Verpflichtung steht einem ein paar Wochen altem Gesetz, bzw, Richterspruch gegenüber.

    der Leistungsgesellschaft wird Kindern Ritalin verschrieben, das im Verdacht steht, in späteren Jahren Parkinson auszulösen. Und es wird von Wissenschaftlern (!)ganz selbstverständlich und öffentlich darüber nachgedacht, wie man die Leistungsfähigkeit von Menschen durch Pharmaka steigern kann (Neuro-Enhancement). Merkwürdig, dass es da keinen Aufschrei gibt... Vielleicht, weil es die "Religion" der Mehrheitsgesellschaft ist?

    • ba-ju
    • 14. Juli 2012 1:41 Uhr

    ich bin beschnitten worden und kann nicht nachvollziehen, was ich da an Sexuellen Vorteilen haben soll. Der Verlust an Gefühl, da die Eichel über die Jahre verhornt ist und der Verlust an Schutz, da das bisschen Haut fehlt. Ich hätte gerne die Wahl gehabt! Solange es nicht medizinisch notwendig ist, sollte diese Handlung strafrechtlich verfolgt werden - zumindest in unserem Rechtsstaat.

  4. 5. Zitat

    "Wir wollen das Beste für unser Kind", sagt Doron Rubin. Er kann verstehen, dass es für Menschen, die nicht in der jüdischen Tradition stehen, archaisch wirkt, wenn da unten einfach etwas weggeschnitten wird. "Aber wir Juden glauben, die Welt ist nicht perfekt." Sie glauben, dass der Mensch verbessert wird, wenn man die Vorhaut abschneidet."

    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mk

    9 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ist auch - nun ja - fragwürdig......es impliziert, dass der Mensch durch die Beschneidung "veredelt" würde, wie Korn über Mehr zu Brot verarbeitet wird.

    Ich bin ein großer Freund der Israeliten, aber wer ohne medizinische Notwendigkeit in die körperliche Integrität Minderjähriger eingreift, oder eingreifen lässt, macht sich der Körperverletzung schuldig. Religion hin oder her, das kann der Sprößling als Erwachsener gerne für sich entscheiden, meinetwegen sogar schon mit 16, wenn man der Religionsfreiheit zusätzlich Rechnung tragen möchte.

    Alles andere ist aber Kulturheuchelei, wir leben in einem säkularen Staat und als gläubiger Christ finde ich das hervorragend. Alle drei abrahamitischen Religionen sind auf das Jenseits ausgerichtet oder (im Judentum) auf eine Aussöhnung des Menschen mit Gott. Wir leben aber im Diesseits und sollten uns lieber erstmal untereinander aussöhnen...dann klappts auch mit Jesus, Allah und Jahwe.

    • bukoca
    • 13. Juli 2012 16:37 Uhr

    Woher wissen Sie, dass die religiösen Glaubenssätze von dem Ehepaar nicht hinterfragt werden? Darum ging es doch in dem Artikel gar nicht. Man kann sehr wohl die eigene Religionsgemeinschaft und auch Aspekte des eigenen Glaubens kritisch hinterfragen und trotzdem nach den Vorgaben seiner Religion leben wollen. Ich kann die Bestürzung der Betroffenen verstehen. Das muss sich anfühlen, als wuerde man einem Katholiken dIe Sakramente verweigern. Ich warte nur auf den Tag, an dem Eltern verklagt werden, weil sie in Gegenwart der Kinder Rauchen, ihnen chemische Substanzen in Form von Haarfarbe auf den Kopf schmieren oder das viel zitierte Ohrloch stechen lassen. Um nicht falsch verstanden zu werden: all diese Eingriffe in die körperliche Unversehrtheit des Kindes sind nicht gut zu heißen. Sie geschehen aber täglich, ohne dass viel Aufhebens darum gemacht wird. Den Wunsch der Eltern nach Einhaltung der Vorgaben ihrer Religion kann ich jedenfalls absolut nachvollziehen.

    • GDH
    • 13. Juli 2012 15:11 Uhr

    "bald kriegen wir noch die Cola im Kino verboten weil zu viel Zucker ja auch eine Form von Körperverletzung ist. Mit diesem Argument kann man so ziemlich alles verbieten wenn man denn unbedingt möchte."

    Wenn Eltern ihr Kind ohne medizinischen Grund mit Cola zwangsernähren (das wäre etwa die Entsprechung denn das Kind hatte ja nix zu entscheiden), könnte das durchaus eine Körperverletzung darstellen.
    Ansonsten ist Ihr Vergleich absurd.

    32 Leserempfehlungen
  5. Natürlich steht da genau das über die Beschneidung drin.
    An mehreren Stellen.

    Und auch "Du sollst das Kitz einer Ziege nicht in der Milch seiner Mutter kochen" Das steht sogar an zwei Stellen. Scheint also wichtig zu sein. (Leider habe ich keine Ahnung wozu das jeweils dienen soll.)

    Andererseits stehen dort auch eine Reihe von todeswürdigen Verbrechen aufgelistet.

    Die kann man natürlich passiv befolgen, indem man sich vornimmt, keines der entsprechenden Gebote zu übertreten.

    Was aber, wenn ein Gemeindemitglied sich nicht daran hält und die Thora vorschreibt: "Du sollst ... aus der Gemeinde ausmerzen."?

    17 Leserempfehlungen
  6. Hier wird ja eben nicht verboten, dass man sich selbst verstümmelt, sondern es wird lediglich festgelegt, dass religiöse Vorstellungen kein Rechtfertigungsgrund für die Körperverletzung des Kindes sind.

    Um Ihr Beispiel heranzuziehen: Als Erwachsener hat man weiterhin das Recht sich beschneiden zu lassen (oder soviel Cola zu trinken wie man will) und damit die Einwilligung zur zweifellos vorgenommenen Körperverletzung zu geben. Eltern haben dieses Recht nunmehr zu Recht nur dann, wenn die Beschneidung medizinisch indiziert ist.

    Wenn nun das im Artikel dargestellte Ehepaar trotzdem an diesem Ritual festhalten will, zeigt dies eine ziemlich bedenkliche Verachtung für das geltende Recht.

    33 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Familie | Ritus | Arzt | Eltern | Gesundheit | Judentum
Service