Mitglieder einer Homosexuellen-Organisation demonstrieren vor der Iranischen Botschaft gegen die Verfolgung Homosexueller in Iran (Archivbild von 2009) ©  Susana Vera/Reuters

Samira Ghorbani Danesh hat Angst. Deshalb will sie nicht selbst über ihr Schicksal sprechen, schon gar nicht mit Journalisten. Samira fürchtet, dass die deutschen Behörden sie dann vielleicht doch in den nächsten Flieger nach Teheran setzen. Dort warten auf Frauen wie sie Peitschenhiebe oder ein qualvoller Tod durch Steinigung. In Deutschland ist Samira jetzt sicher vor den Bassidji, den Schergen der iranischen Geheimpolizei. Erst einmal.

Seit vergangener Woche besitzt Samira eine Aufenthaltserlaubnis. Fast hätte die 24-Jährige das Papier nicht bekommen. Vor zwei Jahren floh die Architekturstudentin über die Türkei nach Deutschland. Eine Party in Teheran, auf der sie mit ihrer Freundin und anderen Homosexuellen gefeiert hatte, war von der Polizei gestürmt worden . Sie konnte sich verstecken und ist seither auf der Flucht. Im Oktober 2010 beantragte sie beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) Asyl, aber ihr Antrag wurde abgewiesen. Man glaubte ihr zwar, dass sie lesbisch ist. Nicht aber die Geschichte von der Party und dass sie ins Visier der Bassidji geraten ist. Da es aus Sicht der Asylwächter keine konkrete Verfolgungssituation gab, war Samira auch nicht schutzbedürftig.

"Die Veranlagung ist im Iran nicht strafbar"

Im Gottesstaat Iran steht auf homosexuelle Handlungen die Todesstrafe. Zwischen 1979 und 2009 wurden mehr als 4.000 Homosexuelle hingerichtet, zumeist gesteinigt . 2005 wurden zwei Teenager wegen "Lavat", der sexuellen Handlung zwischen Männern, aufgehängt. Vor der Vollstreckung peitschte sie ihr Henker vor einer johlenden Menschenmenge aus . Dass Samira allein wegen der Rechtslage im Iran "konkret" gefährdet sein könnte, leuchtete dem Amt nicht ein. Denn "die Veranlagung als solche ist im Iran in keiner Weise strafbar oder illegal", wie es im Bescheid des BAMF heißt. Solange sich Samira beim Lesbisch-Sein nicht erwischen lässt, passiert ihr auch nichts.

Ähnlich argumentierte das Verwaltungsgericht Bayreuth , das Samiras Klage gegen den abgelehnten Asylbescheid im März 2012 zurückwies. Für die zuständige Richterin gibt es "keine Hinweise darauf, dass die iranischen Behörden aggressiv gegen Homosexuelle vorgehen". Bei einer Rückkehr in den Iran habe Samira "bei entsprechend zurückhaltendem Lebenswandel, den alle Homosexuellen im Iran praktizieren, die unbehelligt leben wollen, keine Verfolgungsmaßnahmen zu befürchten ." Eine Gerichtssprecherin verteidigte die Begründung auf Nachfrage. Samira habe ihre Homosexualität schließlich seit dem 15. Lebensjahr problemlos leben können.

Lesbische Frauen müssen einen Mann heiraten

Samiras Anwältin, Gisela Seidler, nennt das Urteil hingegen "vollkommen absurd". Auch der engste Bereich des Privatlebens ist für gleichgeschlechtlich Liebende im Iran nicht sicher. Selbst bei größter Vorsicht könne die verbotene Liebe auffliegen. Homosexualität gilt als gefährliche Krankheit, vor der auch die Familie nicht erfahren darf. Junge Frauen wie Samira müssen einen Mann heiraten, um gesellschaftlich akzeptiert zu sein, "was zu einem Zustand permanenter Vergewaltigung führt" sagt Seidler.

Nicht nur im Iran, in 76 Ländern der Welt werden Homosexuelle verfolgt. Auch wenn viele von ihnen versuchen, möglichst unauffällig zu leben: Unter Druck kann selbst der eigene Partner zum Verräter werden. Um sich selbst zu schützen, erklärte ein Verfolgter in Nigeria , er sei von seinem Freund verhext worden. Dieser wurde daraufhin von einem Mob gelyncht. In Uganda eröffnete die Zeitung Rolling Stone zur Jagd auf Homosexuelle. Sie bildete die "Top-100-Homos" des Landes ab – mit Namen, Wohnort und der Aufforderung "Hang them". Wenig später wurde der Schwulenaktivist David Kato in seinem Haus bei Kampala mit einem Hammer erschlagen. Andere Geoutete erhielten Morddrohungen .

Trotzdem haben es homosexuelle Asylbewerber in Deutschland nach wie vor besonders schwer. Sie müssen nicht nur glaubhaft machen, dass sie Menschen des eigenen Geschlechts lieben, wofür sich viele schämen. Sie sollen das BAMF auch davon überzeugen, dass sie unmittelbar bedroht sind, selbst dann, wenn in ihrer Heimat Homosexualität unter drakonischer Strafe steht. Ohne einen schriftlichen Haftbefehl im Koffer oder einer Fatwa, die die Verfolgung belegt, lautet das Urteil unter dem Asylantrag hierzulande schnell "unglaubwürdig".