Bis heute ist die Ehe zwischen Verwandten dritten Grades – also zwischen Cousin und Cousine – in Deutschland nicht verboten, aber eher selten. Am weitesten verbreitet sind Verwandtenehen in Ländern, in denen der Islam praktiziert wird. Mehr als die Hälfte der Ehen wird dort innerhalb einer Familie geschlossen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung des australischen Centre for Comparative Genomics . Eine Gesamtübersicht für Deutschland gibt es nicht. Aber etwa jede vierte türkischstämmige Frau hierzulande ist mit einem Verwandten verheiratet, ergab 2010 eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Seyran wurde vor 40 Jahren in einem anatolischen Dorf geboren. Dem Leben dort brachte sie vor allem Duldsamkeit entgegen. Eine Schule beendete sie nicht, mit 20 Jahren heiratete sie und folgte ihrem Mann nach Deutschland. Sie ließen sich schließlich im Ruhrgebiet nieder.

Als Seyrans erste Tochter zur Welt kam, sah zunächst alles gut aus. Erst nach einigen Monaten bemerkte die Mutter, dass mit ihrem Baby etwas nicht stimmte. Erst sehr viel später war klar, dass Azize lernbehindert ist. Bei der zweiten Schwangerschaft hofften die Eltern, es werde diesmal gutgehen – doch  das Kind kam mit einer Behinderung zur Welt, ebenso die dritte Tochter. Natürlich stoße sie oft an die Grenzen ihrer Kraft, sagt Seyran. Aber was solle man tun, "eine Mutter gibt ihr Kind nicht ab".

Drohungen von religiösen Fundamentalisten

Die Duisburger Sozialwissenschaftlerin Yasemin Yadigaroglu engagiert sich seit Jahren gegen Verwandtschaftsehen. 2005 wollte sie mit einer Postkartenaktion auf das Problem aufmerksam machen: "Kinder wünsche ich mir, aber nicht von meiner Cousine" oder ähnliche Slogans standen auf den Karten, die sie in Schulen und Moscheen verteilte. Dort hält sie auch Vorträge über die gesundheitlichen Risiken einer Verwandtschaftsehe.

Doch nicht überall ist Yadigaroglu willkommen, die Gemeinde der Merkez-Moschee in Duisburg werfe ihr Nestbeschmutzung vor und verwehre ihr den Zutritt in die Vereinsräume. Sie erhalte Drohungen, meist von religiösen Fundamentalisten. Aber auch von Kollegen deutscher Herkunft bekomme sie zu hören, sie stigmatisiere Migranten. Die Verwandtschaftsehe unter Migranten ist politisch ein heikles Thema. Wer es anspricht, wird schnell als Rassist gehandelt. Weil Yadigaroglus Projektanträge für ihre Kampagnen abgelehnt wurden, will sie nun mit Gynäkologen zusammenarbeiten.

Trotz aller Mühen weiß die Soziologin, dass sich die Tradition so schnell kaum ändern wird. Nicht umsonst heißt ein Sprichwort in der Türkei . "Gute Mädchen heiraten Verwandte, schlechte Mädchen gibt man einem Fremden."

*Namen der Familie von der Redaktion geändert