DenverAmerika nach Amoklauf im Selbstzweifel

Nach dem Anschlag von Denver suchen die USA nach Erklärungen. Eine Diskussion über schärfere Waffengesetze wollen die Wahlkämpfer aber nicht führen. von 

Menschen Gedenken der Opfer des Amoklaufs in Aurora, Colorado

Menschen Gedenken der Opfer des Amoklaufs in Aurora, Colorado.  |  © Kevork Djansezian/Getty Images

Schock, Trauer, Verzweiflung – erwachsene Männer in Tränen, fassungslose Polizisten, sprachlose Politiker: Der Anschlag in Aurora ist für Amerika ein nationales Trauma. Zwölf Tote, fast 60 Verletzte, das jüngste Opfer ein drei Monate altes Baby; der 24-jährige Täter ist festgenommen, aber noch weiß keiner, was ihn antrieb . Bekannt ist nur das Schreckliche, das er getan hat: In der Nacht zu Freitag betrat er um Mitternacht ein vollbesetztes Kino in einem Vorort von Denver , Colorado , in dem The Dark Knight Rises Premiere hatte, der neueste Batman-Film. Holmes war in schwarz gekleidet, er trug eine schusssichere Weste, Halsschutz, einen langen Mantel und eine Gasmaske, dazu ein AR-15-Sturmgewehr, ein Remington-Gewehr und eine Glock-Pistole.

Er sagte, er sei der Joker – einer der Bösewichter der Batman-Saga. Sein Haar hatte er, wie dieser, rotgefärbt . Manche Kinobesucher hielten ihn zunächst für einen Teil der Show. Dann aber stellte er sich vor die Leinwand und schoss wahllos und wortlos in den dunklen Kinosaal, in die Menge hinein. Panik brach aus, Menschen versuchten zu fliehen, schrien, bluteten, stürzten zu Boden. Der Täter warf eine Rauchbombe und als er die erste Waffe leergeschossen hatte, griff er zur nächsten. Nur Minuten nach seiner Tat wurde er hinter dem Kino festgenommen. Seine Wohnung wird nun von der Polizei leergeräumt, vorsichtig. Er hatte sie zu einer gigantischen Sprengstofffalle ausgebaut.

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Ausgerechnet Colorado: Hier, an der Schule von Columbine, erschossen 1999 zwei schwerbewaffnete Schüler ein Dutzend Mitschüler und dann sich selbst. Sie hatten die Tat lange geplant. Michael Moore drehte einen Film über diesen Amoklauf. Massaker dieser Art geschehen immer wieder in den USA : Virgina Tech, der Anschlag auf die Kongressabgeordnete Gabrielle Gifford , bei dem sechs Menschen starben. Aber die Tat von Aurora ist noch paranoider: Ein Mittelklasse-Student der Neurowissenschaften aus einer intakten Familie, keine Vorstrafen, kein Neonazi-Hintergrund, kein Terrorist, kein traumatisierter Veteran, kein stadtbekannter Waffennarr, kein Drogensüchtiger – nichts, absolut gar nichts, was die Tat erklären könnte. Das einzige war, dass er sich stundenlang am Computer mit Online-Rollenspielen beschäftigte. Aber das tun viele. Außerdem hatte er seine Pläne aufgegeben, eine Doktorarbeit zu schreiben.

Wahlkampf ist ausgesetzt

Für dieses Wochenende steht Amerika still. US-Präsident Barack Obama hat seinen Wahlkampf unterbrochen, ebenso sein Herausforderer Mitt Romney . Obama erklärte, die Tat sei herzzerreißend, eine Tragödie. Er rief zum Gebet und einem Moment des Schweigens auf. Auch Romney forderte dazu auf, zu beten. Er stehe dem Präsidenten zur Seite, sagte er.

Das brisanteste Thema tasteten alle beide allerdings nicht an: Eine Einschränkung der Waffenfreiheit. Für Obama wäre es wahlkampftaktisch eine Katastrophe, das zu thematisieren: Ein schwarzer Mann, der den Weißen die Waffen wegnehmen will, hätte keine Chancen. Und Romney hat ohnehin einen schlechten Ruf als Flip-Flopper . Er hat sich schon einmal in die Nesseln gesetzt, als er fälschlicherweise behauptet hatte, er sei sein ganzes Leben Mitglied der NRA, der Waffenlobby National Rifle Association gewesen. Daran will er nicht wieder erinnern.

New Yorks parteiloser Bürgermeister Michael Bloomberg erklärte dagegen , beide Präsidentschaftskandidaten müssten sich gemeinsam für eine verstärkte Waffenkontrolle einsetzen. Bloomberg ist seit Langem ein entschiedener Waffengegner und einer der wenigen Politiker, der keine Angst vor der Waffenlobby hat. Auch Mark Kelly, der Ehemann von Giffords, sprach sich für Waffenkontrollen aus. Tatsächlich formiert sich in den USA langsam so etwas wie eine Anti-Waffenlobby. Zum Beispiel die Brady-Campaign, ein Verein, der sich nach James Brady benannt hat, ein Leibwächter von Ronald Reagan , der seit einer Schussverletzung invalide ist.

Die Amerikaner wollen durchaus darüber reden, warum in keinem anderen westlichen Land mit großem Abstand so viele Menschen durch Schusswaffen ums Leben kommen wie in den USA. Und warum in keinem anderen Land das Recht, Waffen zu tragen, so erbittert verteidigt wird, nicht nur von der NRA. Das Second Amendment, der zweite Verfassungszusatz, der das Recht, Waffen zu tragen, garantiert, ist vielen Konservativen heilig. Obwohl die Verfassungsväter bei der Formulierung damals sicher nicht davon ausgegangen sind, dass Privatleute vollautomatische Maschinengewehre mit sich tragen.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen sachlichen Diskussionsbeitrag leisten möchten. Danke. Die Redaktion/ag

  2. es sind die Menschen die nicht mehr damit Klar kommen,in einer Welt des Scheins leben zu müssen

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    [...] Bereits Kinder werden durch die Medien täglich mit Gewalt konfrontiert (und bevor Sie behaupten, dass wäre bei und genauso, dann empfehle ich Ihnen mal amerikanische Fernsehen anzusehen. Da herrschen ganz andere Qualitäten, als hier!)
    Das schlimme ist, dass den Amerikanern, von Kinderbeinen an, weiss gemacht wird, dass es auch "gute" Gewalt gibt. Solange man auf der "richtigen Seite" ist darf man, ohne Folgen, Gewalt, bis zum Tod des Gegenübers, sogar ohne Folgen, ausüben (siehe auch Trevor Martin-Fall).

    Besonders pervers wird es, wenn das zeigen von Nacktheit eher und mehr sanktioniert wird, als die Ausübung von Gewalt. Ein schönes Beispiel ist YouTube, sobald eine weibliche Brustwarze oder, Gott bewahre, eine stillende Mutter zu sehen ist, wird sofort zensiert, werden Verursacher zur Verantwortung gezogen.
    Gleichzeitig können Sie dort tausende von Videos ansehen, welche, den realen Tod von Menschen zeigen. YouTube wimmelt nur so von Exekutionen, live dokumentierten tödlichen Unfällen, Tierquälereien etc.

    [...]
    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf pauschale Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/ag

    Erfahrung Umwelt also wegen dem vorherrschenden System

    Diejenigen, die vom aktuellen Wirtschafts-"System" profitieren, können u.U. viel gefährlicher werden, als ein einzelner Amokläufer: schon für ein paar lumpige Dollars lassen sich Killer anheuern oder Privatarmeen rekrutieren. Und für eine Handvoll Dollars oder EUROs oder aber mal für einen großzügigen "Gratis-Urlaub" soll auch schon so mancher "Ehrenmann" in der Politik sehr, sehr handzahm geworden:

    http://www.welt.de/politi...

    Absolut zutreffend.

  3. ... Einlasskontrollen im Kino geben?

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    • joG
    • 21. Juli 2012 10:23 Uhr

    ....wie in den Schulen, wo man nun auch beginnt nach Waffen zu untersuchen Drogenpolizei vorbei schaut. Wir sind dreißig Jahre später dran, aber es entwickelt sich erwartungsgemäß.

    • Sven88
    • 21. Juli 2012 10:13 Uhr

    ...das so etwas krasses passiert. Und dann grade bei der Batmanpremiere. Man denke nur an den 2. Teil zurück. Der Grund, warum es den Joker überhaupt gab, war ja die Überlegenheit von Batman selbst. Wenn unsere Welt immer extremer wird, wird man es nicht verhindern können, dass so etwas passiert. Neben extremer Freude und Spaß, wird es ebenso Wut und Hass geben. Grade von den Verlierern, die daran nicht teilhaben können.
    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/ag

  4. Also doch Onlinespiel.

    endlich ist der schuldige gefunden und wor können damit anfangen in Talkshows zu ertzählen wie blutig und brutal diese doch sind, und uns sorgen machen ob nen alle Kinder die diese Spielen bald Amok laufen ....

    --------- SATIRE -----------

    Mal erhrlich ZEIT war es nötig die Sätze:

    "Ein Mittelklasse-Student der Neurowissenschaften aus einer intakten Familie, keine Vorstrafen, kein Neonazi-Hintergrund, kein Terrorist, kein traumatisierter Veteran, kein stadtbekannter Waffennarr, kein Drogensüchtiger – nichts, absolut gar nichts, was die Tat erklären könnte. Das einzige war, dass er sich stundenlang am Computer mit Online-Rollenspielen beschäftigte. Aber das tun viele."

    So zu schreib als ob grad das Computerspielen das besendere gewesen sei ? Warum nicht das Autofahren was ja auch viele tun, oder die abgebrochene Doktorarbeit, die villeicht frust auslösen könnte ? Aber es stehe nicht einmal fest warum er es getahn hat schon werden Schuldige gesucht.

    Bitte haltet euch etwas zurück, lasst die behörden dort ihre Arbeit tun, und redet dann darüber warum er es getahn hat, wenn er selbst dazu Stellung genmmen hat. Grade undere Nordischen Länder haben uns doch gezeigt das Amokläufe aus Gründen passeren können die wir alle nicht verstehen und auch nicht als real ansehen können.

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    das hätte man auch mit Redaktiontypischen Stilmitteln sagen können

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Liebe Redaktion

    Es ist durchaus bemerkenswert, dass er keine offensichtlichen Gründe hatte sich zu einer solchen Tat zu bewegen. Es ist auch nicht fehl am Platz, das Computerspielen, eine viel diskutierte mutmaßliche Quelle solcher Taten, als Erklärungsversuch zu erwähnen.

    Problem ist die Formulierung "Das EINZIGE war, dass er ...", weil es dem Leser suggeriert, alleine als Ursach in Frage zu kommen.

    • pakZ
    • 22. Juli 2012 20:31 Uhr

    Ich liebe MMORPG und FPS.

    Aber man muß den Tatsachen einfach mal ins Auge blicken.
    Diese Spiele verändern den Charakter dieser Gesellschaft als *Teil* eines gewaltigen Werteverfalls.
    Ich habe an mir selbst gemerkt, wie sehr man in dieser medialen Überflußgesellscahft verrohen kann.

    Natürlich ist die Tat schrecklich. Natürlich habe ich irgendwo Mitleid mit den Opfern und ihren Angehörigen.
    Aber auf der anderen Seite: Es ist auch nur wieder eine neue Meldung, die durch die Medien gepeitscht wird; so wie Breivik, so wie Homs, so wie die nächste Horrormeldung, die morgen oder übermorgen auf den Titelblättern steht.

    Durch die wachsende Vernetzung und die permanente Erreichbarkeit über Internet/Radio/TV wird man regelrecht einer Reizüberflutung ausgesetzt, die unweigerlich dazu führt, daß sich die Sicht der Dinge zu wandeln beginnt.
    Es ist in meinen Augen der schleichende Beginn einer Dekadenz, den sich die Wohlstandsgesellschaften dieser Welt einfach nicht leisten können - weil die Menschheit an sich schlicht und ergreifend noch nicht so weit ist, um mit dieser Entwicklung und diesen Eindrücken umzugehen.

    Eine Mischung aus Nihilismus und Sensationsgier, die, gerade in den USA, das Faß langsam aber sicher zum Überlaufen bringen wird.

    Von daher wäre es wohl jedem geraten, sich zurückzubesinnen auf einige der Werte, die uns unsere Eltern zu vermitteln versucht haben. Und man möge mir hierbei bitte keinen Konservatismus unterstellen.

    • jlind
    • 21. Juli 2012 10:17 Uhr

    die roten Haare des Täters und der entsprechende Hinweis der New York Times scheinen dazu zu verleiten einen weiteren Bezug zum Film herzustellen, es ist allerdings so dass der Joker nie rote Haare hatte sondern immer grüne, durch alle Comics und Verfilmungen hinweg.
    Jugendliche mit rot gefärbten Haaren sind ja nicht gerade selten, deshalb ist dieser Rückschluss vielleicht etwas voreilig?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    aber wie man hier sieht hat er auch einen hauch rot darin... (falls der link zensiert wird, gebt einfach "der joker" beid er google-bildersuche ein)
    http://www.taz.de/uploads...

    • kyon
    • 21. Juli 2012 10:18 Uhr

    Da in den USA das Waffentragen bzw. -besitzen eine traditionelle, quasireligiöse, also heilige Bedeutung hat und Teil der amerikanischen Identität ist, wird es noch Generationen dauern, bis sich diesbezüglich wesentlich etwas ändern wird.

    Aber irgendjemand sollte den politischen Mut aufbringen und mit Gesetzesänderungen anfangen.

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    • Mailer
    • 21. Juli 2012 12:07 Uhr

    "Aber irgendjemand sollte den politischen Mut aufbringen und mit Gesetzesänderungen anfangen."

    Das ist der x-te Schritt vor dem ersten. Und der erste bedeutet: anerkennen, daß man völlig unauffällige Einzeltäter NIE stoppen kann. Diese (ja doch sehr, sehr seltenen) Amokläufe sind das letzte Stückchen Risiko, dem sich auch eine Vollkaskogesellschaft nicht entledigen kann. Schließlich kann niemand in Köpfe hineingucken.

    Die Sprengfallen sind mit Sicherheit nicht legal, die der Typ in seine Bude montiert hat. Aber er hat sie montiert. So ist das nun mal.

  5. In einer Leistungsgesellschaft tritt das Kollektiv in den Hintergrund und die soziale Kompetenz verkümmert mit zunehmender Individualisierung - dies ist sozio-psychologische Tatsache.

    Dieser Prozess schürt massive Unzufriedenheit, was zu Geisteskrankeit führen kann. All dies ist bekannt bei denjenigen, die sich mit dieser Thematik auseinandersetzen.

    Aber es fehlt einfach an Mut, sich vor die Kamera zu stellen, um zu sagen "Leute, diese Amokläufe sind für unsere Gesellschaft normal. Wir müssen uns damit abfinden".

    Alternativ könnte der Gedanke der Indvidualisierung in Frage gestellt werden. In einem Land wie der USA?

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    • Dakra
    • 22. Juli 2012 15:21 Uhr

    Ich denke, dass trifft den Nagel auf den Kopf. Leider greift man damit etwas an, worauf viele Amis unheimlich stolz sind.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte USA | Barack Obama | Ronald Reagan | Amoklauf | Bloomberg | Denver
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