BeschneidungEin Ritual unter Verdacht

Deutschland diskutiert seit dem Landgerichtsurteil zur Beschneidung von Jungen über Kindeswohl und Religionsfreiheit. Wie aber gehen betroffene Eltern damit um? Drei Beispiele von Deniz Baspinar

Der fünfjährige Ekin

Der fünfjährige Ekin  |  © privat

Der fünfjährige Ekin tollt durch den Garten seines Elternhauses in der Nähe von Bonn . Er ahnt nicht, dass seine Eltern sich den Kopf zerbrechen, weil sie eine wichtige Entscheidung treffen müssen. Das einzige Kind des Ehepaars Filiz und Ahmet Kara* nähert sich dem Alter, in dem islamische Jungen traditionell beschnitten werden. Aber nicht erst seit dem Landgerichtsurteil von Köln , das die Beschneidung von Jungen als Körperverletzung gewertet hat, wägen die Lehrerin und der IT-Fachmann das Für und Wider eines solchen Schritts ab.

Die Mutter des Jungen, Grundschullehrerin für türkischen muttersprachlichen Unterricht, möchte nicht, dass ihr wirklicher Name genannt wird. Sie befürchtet, dass eine Äußerung zu einem derart sensiblen Thema das Vertrauensverhältnis zu den Eltern ihrer Schüler gefährden könnte. Es geht offensichtlich um mehr als bloß ein Zipfelchen Haut.

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Filiz meint, dass der religiöse Ursprung des Beschneidungsrituals gar nicht mehr bewusst wahrgenommen werde. Die Beschneidung sei zu einer Tradition geworden , die gesellschaftliche und kulturelle Zugehörigkeit markiere – nur zu welcher Kultur?

Die Pädagogin möchte nicht, dass ihr Sohn Ausgrenzungserfahrungen macht, weder in der türkischen Community noch im deutschen Kindergarten und später in der Schule. Sie hat von beschnittenen Jungen gehört, die nicht mehr in den Schwimmunterricht wollen, weil sie von ihren Mitschülern im Umkleideraum gehänselt werden. Aber wenn sie ihren Sohn nicht beschneiden lässt, wird er dann von anderen muslimischen Jungs akzeptiert werden?

Die Eltern von Ekin möchten nichts tun, was ihrem Kind schaden könnte. Das Beschneiden ohne Betäubung, wie es früher in der Türkei üblicherweise praktiziert wurde, finden sie ohnehin grausam. Sie überlegen aber, ob der Eingriff unter örtlicher Betäubung und von einem Mediziner vorgenommen auch eine traumatisierende Wirkung auf den Sohn haben könnte. "Das Kind erlebt ja, dass ihm etwas vom Körper genommen wird."

Die Großeltern von Ekin fragen jedoch immer wieder nach, wann man denn die Beschneidung vornehmen lassen wolle. Für sie geht es um eine Selbstverständlichkeit. Filiz, die als Studentin nach Deutschland gekommen ist, nimmt an, dass sie die Beschneidung längst hätte vornehmen lassen, würde sie mit ihrer Familie in der Türkei leben. Jetzt aber erlebt sie einen Zwiespalt, den sie nicht auflösen kann. Denn egal was sie macht, sie trifft eine Entscheidung für ihr Kind, von der sie nicht weiß, welche Auswirkungen sie mit sich bringt.

Leserkommentare
  1. Daher muss die Indikation streng sein, also eine medizinische. Alles andere kann in einem aufgeklärten Staat keine Geltung haben.

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    • joG
    • 06. August 2012 15:28 Uhr

    ....denn medizinisch gesprochen hat ohne Berücksichtigung der präventiven Wirkung bei Geschlechtskrankheiten die Beschneidung eine leicht positive auf Lebenserwartung und Gesundheit. Diese liegen in Summe genügend höher als die Kosten des Eingriffs um staatlich Maßnahmen im sozialen Bereich der USA zu rechtfertigen.

    „Jeder chirurgisch unnötige Eingriff, stellt ein Risiko für den Patienten dar !“

    (Dr. Hartwig Bauer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie in der Sendung:
    "Operation schneller Schnitt"
    Wie überflüssige Eingriffe vermieden werden können" rbb, kulturradio,6.8.2012)

  2. Es ist natürlich zu erwarten, dass von den "Betroffenen" hier keine neue Impulse zu erwarten waren. Erwachsene Männer, die als Jungen beschnitten wurden, kennen die Unterschied zwischen "mit" und "ohne" nicht, und der hygienische Aspekt ist in Deutschland nicht maßgebend. Dass insbesondere Frauen die Beschneidung ihrer männlichen Kinder befürworten, wird mir wohl ewig ein Rätsel bleiben.

    Zum Thema selbst: Leider ist in ZEIT oder ZEIT online bisher nicht ein einziger Artikel erschienen, der sich kritisch mit der Beschneidungsfrage auseinandersetzt. Schade - die FAZ hat hier viel bessere Arbeit geleistet.

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    • joG
    • 06. August 2012 15:36 Uhr

    ....auseinanderzusetzen", das eine reine Sache der individuellen Bewertung ist. Der Zeitgeschmack sagt der Eingriff wäre genügend Körperverletzung um die gesellschaftlichen Vorteile in der Gruppe und die Religionsfreiheit auszustechen. Die Angehörigen der Religionen sehen das anders. Die Statistik besagt, dass Gesundheit und Lebenserwartung Beschnittener geringfügig besser sind als die Unbeschnittener. Aber das alles ist ungenügend um eine wirkliche Abwägung zu erlauben. Jedenfalls ist der Eingriff wesentlich geringfügiger als das Kind abzutreiben, was man kurz vorher noch aus geringfügigen Gründen darf, solange man sie nicht nennt.

    • Nitec
    • 06. August 2012 17:35 Uhr

    In Afrika lassen sich jetzt Millonen Männer aufgrund einer WHO-Empfehlung beschneiden - und die wissen sehr wohl, wie es vorher war und wie es nachher ist. Bislang kamen keine Klagen, jeder Beschnittene ist zufrieden. Sollte das den Beschneidungsgegnern nicht zu denken geben?

    "Erwachsene Männer, die als Jungen beschnitten wurden, kennen die Unterschied zwischen "mit" und "ohne" nicht"

    Frage mich, woher erwachsene Männer, die nicht beschnitten wurden, den Unterschied kennen können.

  3. Nach den gefühlten 3000 Kommentaren, greift die Zeit als einzige das Thema erneut auf.

    Die Beschneidung widerspricht der körperlichen Unversehrtheit und wird dennoch legalisiert. Skandal, ach nein, Wayne?

    Warten wir doch erst einmal ab, wie das Gesetz aussehen wird.

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    Es sind weit mehr als 3000 Kommentare geschrieben worden, und das reicht immer noch nicht. Das Thema ist zu wichtig und muss in seiner ganzen Komplexität öffentlich diskutiert werden, um zu verhindern, dass weiterhin die Würde und die körperliche Unversehrtheit von Kindern verletzt werden. An dieser Stelle grosser Dank an alle sachlichen Kommentare.

  4. Und wer kann den bitteschön definieren? Leider habe ich in der Präambel des GG nichts dazu gefunden...

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    ...es gibt nur aufgeklärte Bürger. Aufgeklärte Bürger machen sich die Mühe, aus der "selbst verschuldeten Unmündigkeit" (Kant) heraus zu kommen. Sie lassen sich nichts mehr vordenken, sie denken selber - mit ihrem eigenen Kopf. Bei dieser Gelegenheit stellen sie fest, dass auch alle anderen Zweibeiner um sie herum eigene Köpfe zwischen den Schultern haben. Und???? Sie lassn sie denken!!! Sie schreiben ihnen nicht vor, was sie zu denken haben, und haben auch nicht die einzig richtige Meinung oder ein Urteil, das unbeschränkt und unwiderruflich gilt. Sie kennen ihre Grenzen, das heißt, sie sind nicht nur selber frei, sondern wissen auch um die die Freiheit des Anderen.

    ...es gibt nur aufgeklärte Bürger. Aufgeklärte Bürger machen sich die Mühe, aus der "selbst verschuldeten Unmündigkeit" (Kant) heraus zu kommen. Sie lassen sich nichts vordenken, sie denken selber - mit ihrem eigenen Kopf. Bei dieser Gelegenheit stellen sie fest, dass auch alle anderen Zweibeiner um sie herum eigene Köpfe zwischen den Schultern haben. Und sie lassen sie denken! Sie schreiben ihnen nicht vor, was sie zu denken haben, und haben auch nicht die einzig richtige Meinung oder ein Urteil, das unbeschränkt und unwiderruflich gilt. Sie kennen ihre Grenzen, das heißt, sie sind nicht nur selber frei, sondern wissen auch um die Freiheit des Anderen.

  5. Sollte es Tradition sein, so ist richtigerweise die Frage zu stellen, ob diese Tradition in Deutschland gilt.
    Sollte es die Religion sein, die die Beschneidung gebietet, so ist die Frage nach der Religion zu stellen, die sich von einem Stück Haut abhängig macht.
    Dass Menschen Ihren Körper schädigen, indem sie ihn bemalen, zerstechen, Körperteile ( ich denke an Hälse, Beine, Brüste ) verlängern, wenn Sie sich selbst Schaden zufügen wollen, sollte man dieses auch hinnehmen, solange wir mit unseren Krankenkassenbeiträgen nicht die Kosten tragen, wenn es dann die Komplikationen gibt.

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    das ist genau jene geisteshaltung über die man sich wundert.

    ein land dass ob der grundlegenden geltungsproblematik von religiösen begründungen im konflikt mit säkularen rechten kritiker hervorbringt die einen sachverhalt dermaßen übertreiben und beschnittene männer als quasi genitalverstümmelt darstellen, ist kaum noch ernstzunehmen....

    • Gehenze
    • 06. August 2012 14:36 Uhr
    6. [...]

    [...]

    Ergo: Beschneidung nur bei rechtsgültiger persönlicher Zustimmung des Betroffenen ab Religionsmündigkeit (14 Jahre) oder im Erwachsenenalter.
    Dann tritt auch nicht mehr der mögliche Verdacht einer Straftat nach der zitierten Vorschrift auf und der Staat oder ein Anderer leistet auch nicht evtl. Beihilfe dazu.

    Teil entfernt. Verzichten Sie bitte auf haltlose Spekulationen. Danke, die Redaktion/lv

    17 Leserempfehlungen
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    1. Mit 14 sind es auch Kinder!

    2. Wollen Sie jetzt auch noch in die Köpfe der Menschen reinschauen? § 176 StGB ist mit Sicherheit nicht erfüllt. Das können Sie auch in den Kommentierungen wie die von Tröndle nachschlagen!

    • WmdE
    • 06. August 2012 14:37 Uhr

    Lächerlich die "Diskussion".
    Nur weil auch Juden von dem Urteil betroffen sind, wird das Thema überhaupt so breitgetreten! Währen nur Moslems betroffen, würde man hier nur Pro Verbots-Artikel lesen.

    19 Leserempfehlungen
  6. "Den Vorwurf, dass Eltern, die ihre Söhne beschneiden lassen, nicht das Wohl der Kinder im Auge hätten, hält das Ehepaar Öcal für unberechtigt:"

    Dass sie das Wohl des Kindes im Auge haben, mag ja richtig sein. Das dürften selbst diejenigen haben, die ohne Betäubung beschneiden lassen, weil das nun mal die Tradition ist.

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    • ibsche
    • 07. August 2012 14:25 Uhr

    Mit dem sogenannten "Kindeswohl" sind schon einige Dinge in der Vergangenheit begründet worden, u.a. das Schlagen von Kindern, das Demütigen von Kindern, das Verheiraten von Kindern, zur Berufs-und Studienwahl drängen etc. etc...
    Was auch immer Eltern in der Vergangenheit an Grausamkeiten an Ihren Kindern verübt haben, es hieß immer "wir haben es doch nur gut gemeint". Häufig waren diese Sprüche immer nur Ausreden, Eltern handelten und handeln häufig immer nur in ihrem Eigeninteresse.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Körperverletzung | Religion | Eltern | Islam | Landgericht | Türkei
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