Der fünfjährige Ekin © privat

Der fünfjährige Ekin tollt durch den Garten seines Elternhauses in der Nähe von Bonn . Er ahnt nicht, dass seine Eltern sich den Kopf zerbrechen, weil sie eine wichtige Entscheidung treffen müssen. Das einzige Kind des Ehepaars Filiz und Ahmet Kara* nähert sich dem Alter, in dem islamische Jungen traditionell beschnitten werden. Aber nicht erst seit dem Landgerichtsurteil von Köln , das die Beschneidung von Jungen als Körperverletzung gewertet hat, wägen die Lehrerin und der IT-Fachmann das Für und Wider eines solchen Schritts ab.

Die Mutter des Jungen, Grundschullehrerin für türkischen muttersprachlichen Unterricht, möchte nicht, dass ihr wirklicher Name genannt wird. Sie befürchtet, dass eine Äußerung zu einem derart sensiblen Thema das Vertrauensverhältnis zu den Eltern ihrer Schüler gefährden könnte. Es geht offensichtlich um mehr als bloß ein Zipfelchen Haut.

Filiz meint, dass der religiöse Ursprung des Beschneidungsrituals gar nicht mehr bewusst wahrgenommen werde. Die Beschneidung sei zu einer Tradition geworden , die gesellschaftliche und kulturelle Zugehörigkeit markiere – nur zu welcher Kultur?

Die Pädagogin möchte nicht, dass ihr Sohn Ausgrenzungserfahrungen macht, weder in der türkischen Community noch im deutschen Kindergarten und später in der Schule. Sie hat von beschnittenen Jungen gehört, die nicht mehr in den Schwimmunterricht wollen, weil sie von ihren Mitschülern im Umkleideraum gehänselt werden. Aber wenn sie ihren Sohn nicht beschneiden lässt, wird er dann von anderen muslimischen Jungs akzeptiert werden?

Die Eltern von Ekin möchten nichts tun, was ihrem Kind schaden könnte. Das Beschneiden ohne Betäubung, wie es früher in der Türkei üblicherweise praktiziert wurde, finden sie ohnehin grausam. Sie überlegen aber, ob der Eingriff unter örtlicher Betäubung und von einem Mediziner vorgenommen auch eine traumatisierende Wirkung auf den Sohn haben könnte. "Das Kind erlebt ja, dass ihm etwas vom Körper genommen wird."

Die Großeltern von Ekin fragen jedoch immer wieder nach, wann man denn die Beschneidung vornehmen lassen wolle. Für sie geht es um eine Selbstverständlichkeit. Filiz, die als Studentin nach Deutschland gekommen ist, nimmt an, dass sie die Beschneidung längst hätte vornehmen lassen, würde sie mit ihrer Familie in der Türkei leben. Jetzt aber erlebt sie einen Zwiespalt, den sie nicht auflösen kann. Denn egal was sie macht, sie trifft eine Entscheidung für ihr Kind, von der sie nicht weiß, welche Auswirkungen sie mit sich bringt.