"Ich habe Mitleid mit ihm", sagte eine Kollegin zu mir. Der zehnwöchige Prozess gegen Attentäter Anders Behring Breivik hatte gerade begonnen. Während ich in Oslo im Gerichtssaal saß, verfolgte sie das Geschehen in einem der Pressezentren. Breiviks Gesicht war dort in Nahaufnahme auf großen Bildschirmen zu sehen. Da ist irgendetwas in seinem Gesicht, sagte sie. Irgendetwas in seinen Gesten. "Ich habe Mitleid mit ihm, und ich schäme mich dafür."

Es war nicht das erste Mal, dass ich mit solchen Gedanken konfrontiert wurde. Eine der Überlebenden des Massakers auf der Insel Utøya hatte mir etwas Ähnliches gesagt, wenn auch gemischt mit einer guten Portion Wut. "Ich denke, er ist ein erbärmlicher Mensch", sagte sie mir in einem Interview. Ja, er tue ihr leid. "Wenn dein Leben so erbärmlich ist, dass du Jugendliche auf einer Insel erschießen musst, um Aufmerksamkeit zu bekommen, ist das nur traurig. Es ist schrecklich, wenn jemand zu so einem Menschen wird."

Mitgefühl für den Täter. All die Gefühle, die die Terrorattacken in Norwegen ausgelöst haben – selbst dieses gehört also dazu.

Heute wurde das Urteil gesprochen . Breivik ist schuldig. Er muss für seinen Bombenanschlag im Osloer Regierungsviertel und das Massaker auf Utøya 21 Jahre in Haft. Anschließend kommt er in Sicherungsverwahrung, so lange er weiter als eine Gefahr für die Gesellschaft gesehen wird.

Die Kraft der Opfer

Während das Urteil verlesen wurde, waren viele bekannte Gesichter wieder zurück in Raum 250 des Osloer Amtsgerichts. Hier haben wir Journalisten gemeinsam mit den Überlebenden geweint. Das gilt auch für mich.

Selten war die Stimmung so aufgeladen wie an diesem letzten Tag des Prozesses. Die Opfer hatten noch einmal das Wort, am Schluss die 17-jährige Lara Rashid. An jenem 22. Juli des vergangenen Jahres war sie mit ihrer älteren Schwester Bano auf Utøya. Bano wurde getötet.

Vor Gericht erzählte Lara, wie sie und ihre Familie als Flüchtlinge aus dem Irak nach Norwegen gekommen waren. Jahrelang verfolgten sie die Traumata aus der Vergangenheit. Sie hatte Alpträume, dass Saddam Hussein nach Norwegen kommen würde. Dass ihr Vater wieder eingesperrt würde. Aber Bano tröstete sie. "Wir sind Schwestern", hatte Bano zu ihr gesagt. "Vielleicht verlierst du andere Freunde, aber mich wirst du niemals verlieren." Lara konnte nicht wissen, dass Bano die erste sein würde, die sie verliert.

Als Bano auf Utøya getötet wurde, kamen all die Traumata zurück. Lara fühlte sich schuldig. "Ich dachte, er hätte mich stattdessen töten sollen. Dann wären nicht so viele Menschen bestürzt gewesen", sagte sie vor Gericht. Aber das Schlimmste war, dass Bano nicht mehr da war, um sie zu trösten. "Ich brauchte Bano", sagte Lara.

Nietzsche schrieb einmal, man verliere seine Kraft, wenn man mitleidet. In diesem Fall ist das Gegenteil richtig. Ich habe niemals eine stärkere Lebenskraft gesehen als bei den Überlebenden von Utøya. Ihr Leiden ergreift mich, doch ihre Kraft tut es ebenso.