Rechtsextremismus : Das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen

Rechtsradikale Randalierer, applaudierende Anwohner, Migranten in Todesangst: das war Rostock-Lichtenhagen vor 20 Jahren. Der Fotograf Martin Langer war dabei.

Im August 1992 herrschen in der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber in Rostock katastrophale Zustände. Flüchtlinge müssen im Freien campieren, von den Behörden allein gelassen. Am 22.8. versammeln sich Tausende Rechtsradikale und Anwohner vor dem Haus, skandieren Nazi-Parolen. Zwei Tage später wird die Aufnahmestelle geräumt, jetzt werden die nebenan lebenden ehemaligen DDR-Vertragsarbeiter aus Vietnam zum Ziel der Rassisten. Brandsätze fliegen, die Polizei schaut zu, es ist reines Glück, dass niemand stirbt. Vier Tage dauern die Ausschreitungen.

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Ein Schnäppchen namens DDR

Ich zitiere Günter Grass: "Vierzig Jahre gelebte Einengung und notdürftig bescheidene Existenz; vierzig Jahre starrsinniger Glaube an die eine und einzig herrschende Wahrheit; vierzig Jahre lang gewünschte oder ertragene Gewissheit, die anderen, besseren oder die zu kurz gekommenen Deutschen zu sein, diese vielschichtige Anhäufung von Erfahrung gewollter oder erzwungener Eigenständigkeit lässt sich nicht vom Konsum verdecken, selbst wenn die Absicht vorherrschen sollte, alles, was querliegt oder schmerzhaft ins Gedächtnis ragt oder als enttäuschte Hoffnung immer noch tickt, einfach zu verschütten."

Skandalös...

...war vor allem das Verhalten der Behörden, regional wie bundesweit. Die völlig unzureichende Unterbringung der Asylbewerber, die Verlegung eines Großteils der Polizeikräfte nach Schwerin, ein Polizeichef in den Ferien, ohne den offenbar nichts entschieden werden konnte, und nicht zuletzt die Bundespolitik, die sich auf die Seite des Mobs stellte und entsprechende populistische Gesetze erließ. Ein übles Kapitel deutscher Geschichte!

Allerdings: der Herr auf Bild 19 hebt doch wohl eindeutig den linken Arm? Das würde ich ja nicht unbedingt als Hitlergruß durchgehen lassen.. (Oder fällt das noch in den Toleranzbereich bei alkoholbedingter Verwirrung?)

Unvergessen

Wie Studienkollegen von mir von einem Taxifahrer in Wien zu hören bekamen (sie haben ihn pakistanisch eingeschätzt):

"Ach aus Rostock seid ihr. Da hat doch tagelang das Asylbewerberheim gebrannt. Das haben wir nicht vergessen und das werden wir auch in 100 Jahren nicht vergessen haben." (aus der Nacherzählung zitiert)

Das war 2006!

Rostock Lichtenhagen steht für eine der dunkelsten Stunden Deutschlands nach dem Ende des sog. Zweiten Weltkriegs. Viele Deutsche mögen sagen, es sei genug erinnert, es sei genug gemahnt, es sei genug gedacht. Sie seien vergewissert, dass man es andernorts nicht vergessen hat und nicht vergessen wird. Und dass man andernorts die Verdrängungssucht vieler Deutscher ebenfalls zur Kenntnis nimmt.

Für alles was nicht zur weißen Mehrheitsgesellschaft gehört wird Lichtenhagen für immer im Gedächtnis bleiben; egal wie gerne viele Deutsche vergessen möchten.

Unterschied Mölln/Solingen vs. Rostock

Die Geschehnisse in Rostock hatten eine ganz andere Qualität als die Anschläge z. B. Solingen oder Mölln: Während es sich bei den letzteren um Taten kleiner Gruppen von 2-5 Neonazis handelte, die klandestin handelten und keine Unterstützung durch die Bevölkerung erhielten, die sich ganz im Gegenteil bestürzt und schockiert zeigte, wurden die Taten in Rostock durch eine große Zahl der dortigen Bevölkerung begangen, die Täter erhielten zudem, wie die Fernsehbilder zeigten, eine breite, lautstarke Unterstützung durch die umstehenden Anwohner.
Dieses Ausmaß an Unmenschlichkeit, der offenkundige breite Konsens der damaligen Rostocker Bevölkerung im Vernichtungswillen, erzeugt einen Grad der Abscheulichkeit, den die Ereignisse in Mölln oder Solingen nicht besaßen.

Hier geht es nicht um eine Ost-West-Problematik

Daher sollte es wohl nicht darum gehen, ob nun Rostock Lichtenhagen oder Mölln oder Solingen schlimmer war. Lichtenhagen aufgrund der Masse an Menschen oder Mölln/Solingen, weil dort Menschen gestorben sind.

Es geht hier nicht darum, ob Ost oder West schlimmer ist und genau diese Debatte sollte Lichtenhagen nicht hervorrufen. Wir haben noch immer ein GESAMTDEUTSCHES Problem mit Rassismus und Ausländerfeindlichkeit und als besondere Unterart letzteren auch mit dem generellen Hass auf Muslime. Darum sollte es gehen, wenn wir über Lichtenhagen reden und nicht darum, ob Ost oder West schlimmer ist.

In Deutschland ist man noch lange nicht so weit, dass man die Hände in den Schoß legen und mit dem Finger auf andere zeigen kann...weder in Ost noch in West...