Haftbedingungen : Pussy Riot büßen im Straflager

Die drei Aktivistinnen von Pussy Riot erwartet nach ihrer Verurteilung kein herkömmliches Gefängnis. Sie müssen in eines der 50 Frauen-Straflager in Russland.
Pussy-Riot-Mitglied Maria Aljochina wird von Sicherheitsbeamten zum Gericht in Moskau geführt. © Tatyana Makeyeva/Reuters

Das Urteil gegen die drei Musikerinnen der Punkband Pussy Riot , die wegen "Rowdytums" zu jeweils zwei Jahren Lagerhaft verurteilt wurden, bedeutet für die drei Frauen nicht eine herkömmliche Gefängnisstrafe: Nadeschda Tolokonnikowa , Maria Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch werden sich bei einer Vollstreckung des Urteils mit Mörderinnen und Diebinnen in Baracken mit bis zu 120 Frauen wiederfinden.

Während es für verurteilte Männer in Russland eine ganze Reihe von Straflagern und Gefängnistypen gibt, sieht der russische Strafvollzug für Frauen nur eine Art von Straflager vor: Die Frauenlager bestehen aus Verwaltungsgebäuden, Schlafräumen für die Gefangenen und einem Arbeitsbereich. Die Komplexe sind mit Zäunen, Stacheldraht und Wachtürmen von der Außenwelt abgeriegelt. Wiederholungstäterinnen und erstmals Verurteilte werden in unterschiedlichen Lagern festgehalten.

Etwa 50 von diesen Straflagern für Frauen gibt es in Russland. Derzeit sitzen dort ungefähr 60.000 weibliche Häftlinge ein. Der Vollzug ist unterschiedlich streng. Die drei Frauen von Pussy Riot sind zu "normaler" Unterbringungsform verurteilt. Damit dürfen sie sich frei bewegen und das Lager mit Genehmigung auch kurzzeitig verlassen. Jeder Verurteilten stehen mindestens drei Quadratmeter Platz zu.

Von Kindern seit Monaten getrennt

Zudem dürfen sie monatlich umgerechnet etwa 300 Euro aus ihrem persönlichen Vermögen ausgeben. Im Jahr stehen ihnen sechs kurze und vier lange Besuche zu. Zudem darf jede Frau jährlich sechs Pakete empfangen. Nach einem halben Jahr können die Insassen wegen guter Führung in den "erleichterten" Vollzug verlegt werden und damit öfter Besuch oder Pakete empfangen. Tolokonnikowa und Alechina haben kleine Kinder, von denen sie seit Monaten wegen der Untersuchungshaft getrennt sind.

Untergebracht sind die Frauen in den meisten Fällen in Baracken mit 100 bis 120 Gefangenen. Der Tag beginnt um 6.00 Uhr, anschließend müssen sich die Häftlinge draußen zum Durchzählen versammeln. Nur wenn die Temperaturen unter minus 30 Grad fallen, findet die Zählung drinnen statt.

Weniger als die Hälfte der Frauen geht im Lager einer Arbeit nach. Wer arbeitet, kann zwischen 25 und 50 Euro im Monat verdienen. Die Arbeit besteht in der Regel darin, Uniformen für die Gefängnisverwaltung, die Armee oder das Innenministerium zu nähen.

Strafe für Ungehorsam

Die strenge Unterbringungsform wird drei Monate lang für die Frauen verhängt, die gegen Regeln verstoßen haben. Dazu zählt etwa der Konsum von Alkohol und Drogen, Ungehorsam oder Beleidigung von Gefängnisbeamten. Die Frauen werden dann isoliert, dürfen nur einmal pro Tag für anderthalb Stunden nach draußen und keine Telefonate führen oder Besuche empfangen.

Für die Angehörigen der Pussy-Riot-Mitglieder könnte es zudem weitere Hürden für Besuche geben: Frauen aus Moskau werden nicht zwangsläufig in Lagern nahe der Hauptstadt inhaftiert, sondern können Hunderte Kilometer entfernt inhaftiert werden.

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Kommentare

101 Kommentare Seite 1 von 10
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Die Haftbedingungen sind...

.. eine Schande für jede Justiz.

Gleichwohl möchte ich das Argument mit den Kindern nicht gelten lassen: Letztlich war es ein freier Willensentschluss der drei Damen sich durch ihren Auftritt in die Fänge der Russischen Justiz zu begeben. Die Demonstrationen auf dem Roten Platz und in der Moskauer U-Bahn blieben auf einige kurze Arreste (keine Freiheitsstrafe!) ohne Konsequenzen. Es war hingegen absehbar, dass es nicht folgenlos bleiben würde in dieser Weise in einer Kirche zu "demonstrieren".

Wer kinderlos ist kann diesen Entschluss für sich treffen - wer Kinder hat, der trägt für sie die Sorge und muss gegebenenfalls sein Handeln überdenken. Das nun dem russischen Staat anzurechnen halte ich für falsch.

...verschieden Maßstäbe

...hier regt man sich ständig darüber auf, dass Verurteilte zuviel Luxus im Gefängnis vorfinden würden...
...mh, aber es ist halt menschlich mit verschiedenen Maßstäben zu messen.

...im Übrigen haben die Madels doch die Gefängnisstrafe gefordert und ein Gnade-ersuchen abgelehnt, oder habe ich etwas falsch verstanden?
...die Freiheitskämpfer und Staatsfeinde haben es halt nicht immer leicht.
Siehe Bradley Manning oder Julian Assange, oh - die...

gekürzt, bitte bleiben Sie beim Thema "Vier (äh 3) gegen Putin" - ihr Kom.

Wir Deutschen blicken von oben herab...

Ich kann kein Russisch, hatte aber mal eine Freundin aus Weißrussland.
Ihr Vater war Dissident - einer schrecklichen Tyrannei...

Ich empfinde natürlich Sympathie für den Freiheitskampf der Mädels.
Möchte aber doch auch zu ein wenig Geduld aufrufen. Eine Demokratie aus dem Nichts, kann keine stabile sein.
Wir Deutschen blicken von oben herab und rufen, wo bleibt ihr denn?
Ohne dass wir uns daran erinnern, wie lange der Kampf für Demokratie in Deutschland gedauert hat
(es wird ja auch verschwiegen - anders als z.B. in Frankreich).
In einigen Teilen 'Teutschlands' hat sich die Demokratie sehr früh durchgesetzt (z.B. in der Schweiz), aber in Österreich oder im jetzigen Bundesdeutschen Raum dauerte es sehr viel länger.
Die ersten nennenswerten Versuche gab es erst 1848 mit einhergehender Revolution... man bedenke was anschließend noch alles kam/kommt!
Welche Rückschläge und Neuanfänge...
...und jetzt soll Russland nach knapp 25 Jahren перестройка (Perestroika) zur Demokratie finden - wir Deutschen verlangen mächtig viel,
vielleicht zu viel!

Geschichtsgelehrte mögen mich gerne verbessern...
(ausgelassen habe ich die frühe Demokratie der Germanen/ siehe Edda)

Ich rufe nicht

wo die bleiben, sondern möchte denen in meinem bescheidenen Rahmen helfen, die Veränderungen in Russland herbei führen wollen. Ich halte vom Aufruf, einfach mal die fresse zu halten und vor der eigenen Haustüre zu Kehren für unnütz oder sogar gefährlich. Es ist selten und gut, dass eine so große Öffentlichkeit diesen Prozess beobachtet und verurteilt hat. Das ist im Sinne der Frauen, die nichts weiter getan haben, als auf die Macht der Kirche in einer russischen Autokratie hinzuweisen. Dafür hat niemand Gefängnis verdient.

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