IntegrationViele Deutschtürken planen Rückkehr in Türkei

Leben zwischen zwei Heimaten: Viele Deutschtürken wollen laut einer aktuellen Umfrage zurück in die Türkei. Sie schätzen aber auch das Leben in Deutschland sehr. von afp und dpa

45 Prozent der in Deutschland lebenden Türken planen laut einer aktuellen Studie eine Rückkehr in die Türkei . Der Befragung zufolge spielen außerdem traditionelle und religiöse Werte für türkischstämmige Menschen in Deutschland eine wichtige Rolle: 55 Prozent der Türken in Deutschland wünschen sich den Bau von mehr Moscheen, 39 Prozent bezeichnen sich als streng religiös. 

Die Studie zeigt allerdings auch, dass viele vermeintlich Religiöse den Glauben gar nicht praktizieren. Außerdem hat sich der Wille zur Integration insgesamt verstärkt.

Für die Befragung wurden in diesem Sommer 1.011 Menschen mit türkischem Migrationshintergrund im gesamten Bundesgebiet interviewt. Die Untersuchung zum Thema deutschtürkische Lebens- und Wertewelten ist die dritte ihrer Art, die die Berliner Info GmbH und das Meinungsforschungsinstitut Liljeberg Research mit Sitz im türkischen Antalya seit 2009 vorgelegt haben.

Der Umfrage zufolge leben zwar 39 Prozent der Türkischstämmigen schon seit mindestens 30 Jahren in Deutschland. 45 Prozent der Befragten betrachten sowohl Deutschland als auch die Türkei als ihre Heimat. Nur 15 Prozent sehen Deutschland eher als ihre Heimat als die Türkei. 2009 waren dies noch 21 Prozent, 2010 noch 18 Prozent.

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Heimat, Ruhestand und besseres Wetter in der Türkei

Als Gründe für eine angestrebte Rückkehr in die Türkei nannten viele Türkischstämmige den Heimataspekt, das Genießen des Ruhestandes und das bessere Wetter dort. Zehn Prozent gaben als Grund an, dass sie mit Deutschland und den Deutschen nicht zurechtkämen. Von den 45 Prozent Rückkehrwilligen planen nur fünf Prozent eine Heimkehr in den nächsten zwei Jahren und weitere zwölf Prozent in den nächsten zehn Jahren. Die häufigsten Rückkehrabsichten finden sich mit 55 Prozent in der Altersgruppe von 30 bis 49 Jahren. 2009 wollten noch 42 der Befragten in die Türkei zurückkehren.

Barbara Johnn, Vorsitzende des Beirats der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, weist darauf hin, dass auch viele Deutsche Auswanderungspläne hegen und rät zur Vorsicht bei der Interpretation der Studienergebnisse: "Dass es eine starke Verbundenheit unter Eingewanderten gibt, ist nicht neu." Die Studie zeige auch, dass viele Türken, die sich als religiös bezeichnen, den Glauben gar nicht praktizieren.

Die umstrittene Verteilung von Gratis-Koranen in deutscher Sprache befürworteten vor allem junge Türkischstämmige: 63 Prozent der 15- bis 29-Jährigen finden die Aktion "Lies" sehr gut oder eher gut. Der Info-Geschäftsführer Holger Liljeberg sagte: "Dies könnte auf eine verstärkte Rückbesinnung gerade der jungen Generation auf religiöse Werte der Heimat ihrer Eltern zurückzuführen sein – ohne dass sich daraus bereits ein unmittelbarer Trend zum politischen Islamismus ableiten ließe." Dagegen sprachen sich knapp 70 Prozent der über 50-Jährigen gegen die Koranverteilung aus.

Johnn sieht bei den jungen Deutsch-Türken den Wunsch nach einer Abgrenzung von den Deutschen: "Der Wunsch nach Eigenständigkeit im jungen Alter ist vollkommen normal." Es gebe nicht mehr vieles, in dem junge Türken sich von Deutschen unterscheiden, die Religion sei eine Möglichkeit zur Identitätsgenerierung.

Mehrheit findet es immer noch richtig, nach Deutschland gekommen zu sein

Der Studie zufolge ist die überwiegende Mehrheit der Türken in Deutschland weiter davon überzeugt, dass es richtig gewesen sei, in die Bundesrepublik zu kommen, und dass es in Deutschland jeder, unabhängig von der Herkunft, zu etwas bringen könne. Für 84 Prozent ist demnach auch klar, dass dabei nur die deutsche Sprache zum Erfolg führen könne. Im Jahr 2010 waren dies noch 89 Prozent.

Auffallend zugenommen haben den Autoren der Untersuchung zufolge der Integrationswille sowie der unbedingte Wunsch, ohne Abstriche zur deutschen Gesellschaft dazuzugehören. Zugleich meinen aber auch 87 Prozent, dass die deutsche Gesellschaft stärker auf die Gewohnheiten und Besonderheiten der türkischen Einwanderer Rücksicht nehmen solle.

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Leserkommentare
  1. Bitte verzichten Sie auf haltlose Spekulationen und polemische Äußerungen, die nicht zu einer konstruktiven Diskussion beitragen. Danke, die Redaktion/fk.

  2. 2. [...]

    Wenn Sie Tatsachenbehauptungen aufstellen untermauern Sie diese bitte mit entsprechenden Quellen. Danke, die Redaktion/mo.

    • kerle51
    • 17. August 2012 17:27 Uhr

    Mir stellt sich folgende Frage: in Deutschland kann man es zu etwas bringen, aber in der Türkei nicht? Wenn es so ist, sollten sich die Damen und Herren Türken in der Türkei mal fragen, wie man das ändern könnte.
    Ich finde es nicht zeitgemäß, seine Heimat zu verlassen, weil man dort keine Existenz aufbauen zu können glaubt. Aus Spaß, aus Lernbegierde, aus Abenteuerlust ja, aber nicht weil man dort nicht leben kann. Dann stimmt mit einem Land grundsätzlich etwas nicht.

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    • em-y
    • 18. August 2012 3:25 Uhr

    weil sie meinen, in Deutschland bringe man es zu nichts. Also muss sich wohl auch Deutschland fragen, was mit dem Land nicht stimmt.

    • Puki
    • 18. August 2012 8:34 Uhr

    Das Heimatland zu verlassen, weil man dort nichts aufbauen kann ist sehr zeitgemäß, es ist ein Symptom der Globalisierung. Was glauben sie, warum ich, aber auch viele andere Studenten, nach ihrem Studium Deutschland verlassen? Aus genau dem gleichen Grund. Wenn jemand das Gefühl hat, er kann mit seinen Möglichkeiten in einem anderen Land mehr erreichen, einen besseren Lebensstandard erwirtschaften, dann wäre diese Person doch dumm, diese Möglichkeit nicht zu nutzen.

  3. Haben das nicht auch die damaligen "Gastarbeiter"?
    Viele Menschen planen irgendwas für Ihr Rentnerleben, doch wie relevant ist dieses Planen denn dann tatsächlich.

    Für das "Zusammenleben" relevanter finde ich allemal
    "bei den jungen Deutsch-Türken den Wunsch nach einer Abgrenzung von den Deutschen".
    Ein Deutsch-Türke, der sich vom "Deutsch" abgrenzt, was lässt das für das Thema Integration oder Paralellgesellschaft erwarten?

  4. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke. Die Redaktion/kvk

    • Biljana
    • 17. August 2012 17:35 Uhr

    "63 Prozent der 15- bis 29-Jährigen finden die Aktion "Lies" sehr gut oder eher gut. Der Info-Geschäftsführer Holger Liljeberg sagte: "Dies könnte auf eine verstärkte Rückbesinnung gerade der jungen Generation auf religiöse Werte der Heimat ihrer Eltern zurückzuführen sein – ohne dass sich daraus bereits ein unmittelbarer Trend zum politischen Islamismus ableiten ließe."

    Und warum läßt sich daraus kein Trend zum politischen Islamismus ableiten? Herr Liljeberg hat sicherlich andere Fakten aus der Studie parat, mit denen er seine Vermutung begründen kann. Schade, daß darüber nichts im Artikel zu finden ist.

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    • Lupina
    • 17. August 2012 17:52 Uhr

    Ja, das ist doch interessant, was statistische Daten so alles an Deutungsmöglichkeiten hergeben können – selbst wenn eine ganz andere Deutung offensichtlich ist. Was wohl soll man davon halten, wenn eine Aktion gewaltbereiter Extremisten von einer so deutlichen Mehrheit befürwortet wird?

    • bayro79
    • 17. August 2012 19:55 Uhr

    man ist Staatsfeind Nr. 1 wenn man Bücher verteilt, alles klar... *applaus

    Eine sehr berechtigte Frage. Brava!

  5. es nutzt nichts, den kritischen Teil der Befragung zu Unterschlagen. Man dürfte von der Zeit erwarten, daß nicht nur die dem Autor genehmen Teile der Befragung kommentiert werden, sondern auch die Teile, die auf zukünftige Probleme einen Hinweis geben. Was ich meine ?

    Zitat:

    Im direkten Vergleich wird Deutschland hinsichtlich der sozialen Absicherung, bei Lebensstandard, Bildung, Gesetzgebung besser eingeschätzt als die Türkei, während die Türkei insgesamt lebenswerter, attraktiver, toleranter freizügiger und sympathischer empfunden wird. Der Anteil derjenigen, die irgendwann in die Türkei "zurückkehren" wollen, steigt auf 45 Prozent.

    "Die sozialen Sicherungssysteme verhindern eine verstärkte Abwanderungswelle", sagt Liljeberg. "Dies könnte sich mit einem weiteren wirtschaftlichen Aufschwung der Türkei ändern."

    Als bedenklich empfindet der Leiter der Studie die Zunahme religiöser Vorurteile. Der Aussage "Ich wünsche mir, dass in Deutschland irgendwann mehr Muslime als Christen wohnen" stimmten 46 Prozent der befragten Migranten zu. 2010 waren es nur 33 Prozent gewesen. 25 Prozent sind der Meinung Atheisten seien minderwertige Menschen. 18 Prozent empfinden Juden als minderwertig.

    Sie werden die Probleme mit den türkischen Einwanderern nicht lösen, indem sie diese negieren. Sorgen Sie lieber für eine aufgeklärte Diskussion. Alles andere ist nutzlos und wird bei der Lösung nicht helfen.

    Eine Leserempfehlung
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    • Bashu
    • 17. August 2012 18:34 Uhr

    dass es auch in Zukunft mehr Christen als Muslime in Deutschland gibt?
    Wieviele Atheisten wünschen sich, dass sich der Atheismus ausbreitet?

    Man muss Befragungen von Juden, Christen, Atheisten daneben stellen. Ohne Vergleichsgröße sind diese Statistiken ohne Aussage.

    Man stelle sich vor eine Umfrage stellt fest das junge Deutsche zunehmend nichts mit Türken zu tun haben wollen. Würde da auch auch "Experte" sagen: "Der Wunsch nach Eigenständigkeit im jungen Alter ist vollkommen normal." ?
    Kaum vorstellbar.

    • FranL.
    • 17. August 2012 20:12 Uhr

    "...Immer häufiger findet sich die Aussage, der Islam sei die einzig wahre Religion. 62 Prozent der Türken in Deutschland sagen, dass sie am liebsten nur mit Türken zusammen sind. . Der Aussage "Ich wünsche mir, dass in Deutschland irgendwann mehr Muslime als Christen wohnen" stimmten 46 Prozent der befragten Migranten zu. 25 Prozent sind der Meinung, Atheisten seien minderwertige Menschen. 18 Prozent empfinden Juden als minderwertig..

    "Zehn Prozent gaben als Grund an, dass sie mit Deutschland und den Deutschen nicht zurechtkämen."

    während die Türkei insgesamt lebenswerter, attraktiver, toleranter freizügiger und sympathischer empfunden wird.

    Die türkischen Einwanderer schätzen die Türkei auch, weil sie als tolerant empfunden wird, aber Christentum, Judentum und Atheisten halten sie für minderwertig, sie kommen nicht mit den Deutschen und Deutschland zurecht? Merken sie nicht, daß sie sich widersprechen?

    • Effbeh
    • 17. August 2012 23:39 Uhr

    wie kommt es zu solchen Unterschlagungen ? Soll hier berichtet werden, oder doch Politik gemacht werden ?
    Es sind beunruhigende Ergebnisse, die aber wohl nicht ins Bild des guten Immigranten passen... Es wird ignoriert, was nicht sein darf.

    Mir schwante doch, daß das nur die halbe Info war.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und diskriminierende Äußerungen. Danke, die Redaktion/au.

    • Biljana
    • 17. August 2012 17:41 Uhr

    Zitat:
    "Die Intoleranz und Verachtung gegenüber anderen Religionen hat zugenommen. 18 Prozent (2010: 14 Prozent) gaben an, dass sie Juden als "minderwertige Menschen" empfinden, 25 Prozent stimmten der gleichen Aussage für Atheisten zu, acht Prozent für Christen. 70 Prozent der unter 30-jährigen Deutsch-Türken finden, dass es mehr Moscheen in Deutschland geben sollte - insgesamt ist dieser Wert von 49 auf 55 Prozent gestiegen. Gleichzeitig erklärten 72 Prozent, der Islam sei "die einzig wahre Religion" - das sind drei Prozent mehr als 2010."

    Über den Artikel diskutieren darf man bei SpOn aber auch nicht (mehr?). Mal sehen, wie lange die ZEIT durchält.

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    Genau diesen Artikel von SpOn wollte ich auch heranziehen.

    Etwas, das nämlich sehr ungerne eingesehen wird: Solange man für die eigene Religion einen Überlegenheitsanspruch gegenüber anderen Bekenntnissen formuliert und dieser offenbar auch eine Dreiviertelmehrheit der Gläubigen hinter sich versammeln kann ist es auch kein Wunder, dass auch die Distanzierung zu Missionierungsmaßnahmen der Fundamentalisten zu wünschen übrig lässt (was solls, wenn es Salafisten sind, die Korane verteilen, ist ja schließlich für die Wahre Religion(TM)).

    Für ein einvernehmliches Miteinander mit der Mehrheitsgesellschaft ist das jedenfalls nicht gerade sehr produktiv.

  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, dpa
  • Schlagworte Türkei | Glaube | Heimat | Islamismus | Moschee | Ruhestand
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