TunesienDie islamistische Variante des Feminismus

Tunesiens islamistische Mehrheitspartei Ennahda verärgert Frauenrechtlerinnen. Dabei hat die Partei zahlreiche weibliche Mitglieder. Wer sind diese Frauen?

Demonstration für Frauenrechte in Tunis am 13. August 2012

Demonstration für Frauenrechte in Tunis am 13. August 2012

Meriem Bourguiba-Laouiti ist zufrieden. "Die Proteste waren ein Erfolg, das Medienecho ist groß." Bourguiba-Laouiti, die Enkelin von Tunesiens erstem Staatspräsidenten Habib Bourguiba und Mitglied der säkularen Joumhouria-Partei, gehört zu den Koordinatorinnen der Proteste, die am vergangenen Montag in ganz Tunesien stattfanden. "Gleichheit in der Verfassung!" und "Frauenrechte sind nicht verhandelbar!" war auf den Straßen zu hören.

Ihr Ärger richtet sich gegen einen Entwurf für Artikel 28 der künftigen Verfassung Tunesiens. Vor allem die Abgeordneten der islamistischen Ennahda-Partei hatten wenige Tage zuvor dafür gestimmt, Frauen in der Verfassung als "Ergänzung des Mannes" zu bezeichnen. Das Datum der Proteste war kein Zufall: Am 13. August 1956 wurde das tunesische Familienstandgesetz verabschiedet, das bis heute eines der fortschrittlichsten in der islamischen Welt ist. Seitdem wird der 13. August in Tunesien als nationaler "Tag der Frau" gefeiert. "Genau das richtige Datum, um die Gleichheit zwischen den Geschlechtern zu betonen", findet Meriem Bourguiba-Laouiti.

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Mehrezia Labidi hingegen versteht die Aufregung nicht. Sie behauptet: "Ergänzung bedeutet nicht zwangsläufig Ungleichheit". Die 49-jährige Vize-Präsidentin der verfassungsgebenden Versammlung Tunesiens ist eines der bekanntesten Ennahda-Mitglieder. Dass die konservative Partei eine Frau für dieses Amt nominierte, überraschte Kritiker im vergangenen November. Auf den ersten Blick wirkt die kopftuchtragende Labidi sanft und geduldig. Wenn es aber um ihre Mitstreiterinnen geht, wird sie energisch: "Die Frauen in meiner Partei sind nicht nur hübsches Beiwerk", erklärt Labidi, "es sind Frauen, die gegen ein despotisches Regime kämpften. Nun kämpfen sie für die Neuordnung unseres Landes." 41 der insgesamt 89 Ennahda-Abgeordneten in der Verfassungsgebenden Versammlung sind Frauen, damit stellt die Partei die meisten weiblichen Abgeordneten.

Ursache dafür ist, dass die Unterdrückung von Ennahda-Mitgliedern und deren Angehörigen der Bewegung auch in der weiblichen Bevölkerung viel Solidarität verschaffte. "Viele dieser Frauen haben ihr politisches Bewusstsein als Ehefrau, Mutter oder Schwester unter dem Ben-Ali-Regime entdeckt", erklärt Monica Marks, die Nahost-Expertin von der Universität Oxford, die seit der Revolution regelmäßig weibliche Ennahda-Mitglieder befragt hat. Sie sagt: "Sie stammen aus religiösen Familien, in denen die Männer aufgrund ihres Glaubens drangsaliert und inhaftiert wurden." Während der Abwesenheit ihrer Männer, Brüder und Väter hätten die Frauen die Führung übernommen – zu Hause, aber auch in Familienbetrieben. Dieses Engagement schlug sich bei den Wahlen im Oktober 2011 zugunsten der Ennahda-Partei nieder.

Leserkommentare
    • TDU
    • 20.08.2012 um 14:25 Uhr

    Frauen und Männer sind. Das müsste eigentlich reichen, um sie als gleichberechtigt anzusehen. Das Problem ist, dass sich immer Welche anmassen zu bestimmen, was und wie sie sein sollen.

  1. Abhängig davon, wie sich die Lage in den Ländern des sog. arabischen Frühlings entwickelt, werden wir hierzulande lernen, wie wir mit islamischen Fundamentalisten umzugehen haben!

    Ich wünsche den Frauen in Tunesien viel Erfolg!

  2. Sie ist die Grundlage allen Rechts.
    Deswegen gehört keine schwammige, in alle Richtungen auslegbare Formulierung wie "ergänzen sich" dort hinein, sondern die weltweit gebräuchliche "haben die gleichen Rechte".
    Es ist ein Unterschied, ob ich zwischengeschlechtliche Beziehungen als gegenseitige Ergänzung romantisiere, oder ob ich einklagbare Rechte definiere.

    k.

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  3. Vielleicht sollte man richtige Nahost-Expertinnen befragen, Frau Monica Marks, laut linkedin eine "graduierte Studentin" ist mir da noch nicht untergekommen. Ihr Zeugnis über den angeblichen Feminismus a la Enahda ist mehr als zweifelhaft. Schaut man sich die bewegenden Bilder der Massendemonstrationen des Januars 2011, die mit zum Sturz der Regimes führten, an, wo waren da die kopftuchtragenden Enahda-Frauen mit ihren bärtigen Begleitern? Im Anbetracht der wachsenden Übergriffe und Anfeindungen die tunesische Frauen, Dozentinnen, Lehrerinnen, Künstlerinnen, Journalistinnen oder Menschenrechts-Aktivistinnen täglich ausgesetzt sind, ist es schon grotesk, frauenrechtliche Errungenschaften aus der Unabhängigkeitszeit von 1957 als regimtreue Fassade zu defamieren. Frau Leila Trabelsi war im übrigen weithin als ehemalige Friseurin populär, niemand hat ihr frauenrechtliches Engagement ernst genommen, schwarze Ganzkörperverschleierung, wird aus dem Ausland importiert.
    Im übrigen ist es auch eine Unverschämtheit, dass Sie, Frau Pfannkuch, ohne jegliche Anführung recherchierter Fakten in Ihrem Artikel, den ATFD - die Organisation demokratischer Frauen Tunesien - in die Nähe des Ben-Ali-Regimes rücken, wie dies ansonsten in der innertunesischen Dabatte seitens der Islamisten von Enahda und Co gern defamierend angeführt wird.

    Zu einem seriösen Artikel gehören gut recherchierte Fakten, außer der Wiedergabe von Propaganda wird dies hier leider nicht geliefert.

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    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    aber nicht der Autorin ankreiden, es werden "positive" Berichte aus dem arabischen Frühling gebraucht, habe hier heute schon drei online gezählt.

    Auch ist nicht klar ob die Autorin je da war oder wie ihre männlichen Kollegen (Istanbul, Zamalek) aus der Ferne die Lage beurteilt, dann muss man ihr dies nachsehen.

    aber nicht der Autorin ankreiden, es werden "positive" Berichte aus dem arabischen Frühling gebraucht, habe hier heute schon drei online gezählt.

    Auch ist nicht klar ob die Autorin je da war oder wie ihre männlichen Kollegen (Istanbul, Zamalek) aus der Ferne die Lage beurteilt, dann muss man ihr dies nachsehen.

  4. aber nicht der Autorin ankreiden, es werden "positive" Berichte aus dem arabischen Frühling gebraucht, habe hier heute schon drei online gezählt.

    Auch ist nicht klar ob die Autorin je da war oder wie ihre männlichen Kollegen (Istanbul, Zamalek) aus der Ferne die Lage beurteilt, dann muss man ihr dies nachsehen.

    Eine Leserempfehlung
  5. Bin ich immer wieder verwundert, wieviele tiefschürfende Kommentare hier sogar auf Seite Eins erscheinen, die mehr Hntergründe und Perspektiven beleuchten, als es der vorangegangene Artikel geschafft hat.

    Warum rufen Journalisten nicht bei den betreffenden Insitutionen und Forschenden an und besorgen sich mehr Informationen? Oder lassen mehr Gastkommentare schreiben.

    3 Leserempfehlungen
  6. Die Autorin hat den Status von Monica Marks etwas "aufgehübscht".

    Diese ist nicht "die Nahost-Expertin von der Universität Oxford", sondern eine normale Studentin dort, die in letzten Wochen gerade ihren Master-Abschluss gemacht haben dürfte. Das war jedenfalls der Plan, als sie vor knapp zwei Jahren von ihrer amerikanischen Heimat-Uni zu ihrem England-Stipendium interviewt wurde:

    http://louisville.edu/uof...

    Die Dame, die noch nichtmal mit einer Doktorarbeit begonnen hat, als "die Nahost-Expertin" Oxfords zu bezeichnen, ist schon ziemlich dreist.

    2 Leserempfehlungen
  7. 1.Zur Stärkung der Rechte der Frauen hat ‚Der Hohe Rat zur Durchführung der Ziele der Revolution und zur Vorbereitung der Wahlen‘ im Frühjahr 2011 im neuen tunesischen Wahlrecht Parität (50% Frauen und 50% Männer) und der Alternanz (Abwechseln) zwischen männlichen und weiblichen Kandidaten auf den Wahllisten der Parteien für die Verfassungsgebende Versammlung festgelegt und alle Parteien auf die Befolgung dieser Regel verpflichtet. Der hohe Anteil von weiblichen Parlamentarierinnen bei der Wahlsiegerin Ennahdha (ca. 44% der Stimmen) steht in enger Verbindung mit dieser Regelung sowie mit der besonderen Form des angewandten Mehrheitswahlrechts.
    2.Die „Association Tunisienne des Femmes Démocrates“, wurde seit ihrer Gründung 1989 von den Schergen der Ben Ali-Diktatur in ihrer Arbeit überwacht, behindert, Aktionen wurden verboten. Dieser feministischen Organisation „eine enge Bindung an das ehemalige Regime“ vorzuwerfen, grenzt an Diffamierung. Das frauenrechtliche und zivilgesellschaftliche Engagement der ATFD in den Jahren der Ben Ali-Diktatur und seit dem revolutionären Umbruch wurde kürzlich mit dem „Simone de Beauvoir-Preis 2012 „ gewürdigt.

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