Ausgrenzung : Die Tigerwitwen von Bangladesch

Die Männer sind Jäger und Fischer in den Mangrovenwäldern Bangladeschs. Mancher wird vom Tiger gerissen. Die Schuld an ihrem Tod wird ihren Ehefrauen gegeben.
Mütter stehen in einem Dorf südwestlich der Sundarbans © Munir Uz Zaman/AFP/Getty Images

Ihr einziges Vergehen: Der Ehemann von Bilkis Akther Moynas wurde vor fünf Jahren beim Fischen in den Mangrovenwäldern von einem Tiger getötet. Die Konsequenz: Sie und ihre beiden Kinder wurden von der Großfamilie verstoßen und aus ihrem Dorf vertrieben. Die Witwen der Tigeropfer werden in Bangladesch als "Unglückliche" bezeichnet – ihr Glaube besagt, der Tod des Mannes ist die Strafe für ein Vergehen seiner Ehefrau. Moyna durfte nicht einmal die Leiche ihres Mannes sehen. "Das ist ein Schmerz, den ich nicht in Worte fassen kann."

Nun lebt Moyna in einer provisorischen Hütte aus Stroh und Bambus auf einem Stück Brachland am Rande der Mangrovenwälder im Südwesten Bangladeschs. Manchmal arbeitet sie als Tagelöhnerin im Reisfeld oder auf einer Garnelen-Farm, um sich und die Kinder zu ernähren. Ihre Verwandten ignorieren sie ebenso wie die Familie ihres verstorbenen Mannes. Vom Staat erhält sie keine Hilfe, und manchen "Unglücklichen" ist es untersagt, am Tag eines religiösen Fests eine Geldspende anzunehmen.

Frauen müssen Geister besänftigen

Moynas Ehemann musste wie viele Arme der Gegend in die Wälder gehen, um seine Familie zu versorgen. Dort fischte er im Brackwasser, das die küstennahen Tropenwaldböden bedeckt, sammelte Honig und Feuerholz. Bis zu zehn Tage ziehen die Männer in Kleingruppen in die Wildnis, nur mit Macheten und Bambusstöcken bewaffnet. Jederzeit besteht die Gefahr eines Tigerangriffs.

Sind die Männer im Wald unterwegs, sehen die Frauen von vielen alltäglichen Arbeiten ab, etwa Wäschewaschen und dem Kochen einiger Speisen. Sie dürfen mittags nicht die Tür schließen, nicht ihre Eltern besuchen und an keinen Feierlichkeiten teilnehmen. So sollen böse Geister, vor allem der Dämonenkönig Dakkhin Rai, besänftigt werden. Dieser tritt in Tigergestalt auf und greift die Menschen in den Sundarbans an. Seine Gegenspielerin ist Banbibi, die "Dame des Waldes", zu der die Männer beten, bevor sie in die Wildnis ziehen.

Der Glaube ist tief verwurzelt in diesen Dörfern am Rande der Sundarbans – was auf bengalisch "schöner Wald" heißt. Die weltgrößten Mangrovenwälder sind ein wichtiger Lebensraum für den vom Aussterben bedrohten Bengalischen Tiger. Über eine Million Menschen leben am Rande der 6.000 Quadratkilometer großen Wälder.

Tigerwitwen suchen Halt

Doch die Tigerwitwen wehren sich. Einmal in der Woche trifft sich Moyna mit 21 anderen Witwen, um sich gegenseitig Mut zuzusprechen. Zudem arbeiten die Frauen mit einer Nichtregierungsorganisation in der Region zusammen, der lokalen Umweltentwicklungs- und Landwirtschaftsgesellschaft. "Wir haben uns das Elend dieser Frauen angeschaut und entschieden, sie aus ihrem Aberglauben zu befreien, damit sie wie Menschen leben können und etwas Würde zurückerhalten", sagt Projektkoordinator Ranjit Mandol. Es gebe zwar keine genauen Statistiken, schätzungsweise gebe es aber mehrere Tausend Tigerwitwen.

Die Zentralregierung in der Hauptstadt Dhaka hat 2010 damit begonnen, die Hinterbliebenen von Wildtierangriffen zu entschädigen. Umwelt- und Forstminister Hasan Mahmud sagt, sein Ministerium habe bisher umgerechnet knapp 50.000 Euro an die Angehörigen von Tiger- oder Elefantenangriffen ausgezahlt. Doch Moyna sagt, an ihr sei die finanzielle Unterstützung bisher vorbeigegangen: Ihr Mann wurde getötet, lange bevor die Regierung das neue Hilfsgesetz verabschiedet hat.

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Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Ich denke,

der finanzielle Ausgleich ist hier der richtige Weg. Denn, so würde ich annehmen, entstand diese Form der Religion aus dem einfachen Prinzip heraus, dass eine arme Familie nicht weitere Familienmitglieder versorgen kann, weshalb diese dann verstoßen wurden/werden.
Neben dem finanziellen Ausgleich wäre eine kontinuierliche Veränderung der Inhalte von Nöten, so dass die Religion irgendwann vorschreibt, dass Witwen und deren Kinder durch die Gemeinschaft, die finanziell bedacht wird, mitversorgt wird und schließlich, dass Frauen- und Männerarbeit weniger gefährlich zum einen werden und auch nicht mehr diese harte Trennung erfahren, so dass Frauen alleine für den Unterhalt sorgen können, ohne zugleich soziale Ausgrenzung zu erfahren.
Dieser Teufelskreis kann also mit gutem Willen auf Dauer durchbrochen werden.

Das ist Ausdruck des Urpatriarchats

Das Böse, der Satan steckt in der Frau.

Dies wird letztlich auch heute noch von Anthropologen des Westens vertreten, z.B. von einem Herrn Cirard.

Das erse Ziel sollte sein, diesen Irrglauben zu beseitigen. Die Hilfe für die raenund Familien ist ja nur ein Herumdoktorn an den Symptonen der Krankheit, wie wichtig dies bis auf Weiteres auch ist.

Wobei: es handelt sich nicht wirklich um eine Krankheit, sondern um ein Beherschungsintrument, um das Patriarchat fortsetzen zu können. Krankheit ist noch zu milde ausgedrückt. Es ist Krieg.

Glaube und Aberglaube

sind eben doch Geschwister.

Die gegenwärtig zu beobachtende Aufwertung der Religionen ist daher durchaus bedrohlich.
Die erbittertesten Debatten der letzten Tage drehen sich um religiöse Themen: Beschneidung, islamistische Radikalisierung, mehr Ökumene als Gegengewicht, Anerkennung muslimischer Feiertage und Islamlehre an Schulen.

Gleichzeitig gibt es Straßenschlachten in Belfast zwischen Protestanten und Katholiken, Bürgerkriege zwischen Sunniten und Schiiten, Kriege zwischen Christen und Muslimen und drohende atomare Erstschläge zwischen Muslimen und Juden.

Die Errungenschaften der Aufklärung drohen verloren zu gehen, wo es sie gegeben hat. In den Teilen der Welt, wo diese nicht waren, scheinen sie nie ankommen zu können.

Ein demokratischer Staat darf die Renaissance der Religiosität nicht unkritisch zulassen, sondern mit dem Maßstab der Rechtstaatlichkeit, Demokratie und Verfassung messen und, wo nötig, begrenzen.

k.