KirchensteuerEin Privileg von Staates Gnaden

In Deutschland treibt der Staat die Kirchensteuer ein. Das wurde eben noch einmal gerichtlich bestätigt. Warum eigentlich?, fragt Wenke Husmann im Kommentar. von 

Da ist ein Mann gläubiger Katholik, will aber keine Kirchensteuer mehr zahlen. Geht nicht, hat an diesem Mittwoch das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig entschieden . Ähnliche Klagen sind schon mehrfach gescheitert, denn: In Deutschland hat, wer glaubt, zu zahlen.

Was nach einem schlichten Grundsatz klingt, ist so nicht ganz korrekt. Denn in Deutschland hat nur, wer an den christlichen oder jüdischen Gott glaubt, zu zahlen. Alle anderen dürfen glauben, an wen sie wollen, beispielsweise an Allah – ohne dafür zahlen zu müssen.

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Auch diese Gläubigen gehen in ihre Gemeinden und Gotteshäuser, suchen Rat, bekommen Hilfe. Dafür spenden Sie. Freiwillig. So viel sie wollen oder auch so viel, wie es der Gemeinschaftsdruck oder eine Mitgliederordnung nahelegt. Aber sie zahlen eben keine Steuern, nicht diesen festgelegten Betrag, den der Staat (gegen eine Gebühr) jeden Monat direkt vom Lohn oder vom Gehalt einbehält und an die Kirchen weiterleitet. Diese Regelung ist ein Grund dafür, dass die zwei großen christlichen Kirchen in Deutschland die reichsten der Welt sind.

Dass das Einziehen der Mitgliederbeiträge einer Organisation vom Finanzamt organisiert wird, ist ein riesiges Privileg. Erstaunlicherweise findet kaum einer das merkwürdig. Natürlich leisten die Kirchen mit dem vielen Geld, das der Staat für sie eintreibt, eine Menge Gutes für die Gemeinschaft: Diakonien, Kitas, Schulen, Hospize. Nur haben auch Sportvereine oder politische Parteien einen wichtigen Anteil am gesellschaftlichen Leben und müssen dennoch auf dieses Privileg verzichten.

Nun könnte man sehr einfach sagen: Wer die Kirchensteuer nicht zahlen will, kann ja austreten. Warum die Säkularisierung weiter vorantreiben, wo uns der Status quo, das partnerschaftliche Miteinander von Staat und Kirche, kaum Probleme bereitet? Weil wir an einen Punkt gelangen, an dem das Gerechtigkeitsprinzip berührt wird. Muslimische Institutionen beispielsweise und andere Religionsgemeinschaften, die nicht den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts haben, sorgen selbst dafür, wie sie sich über ihre Anhänger finanzieren. Das können auch die hinbekommen, die es bisher als Dienstleistung vom Staat erledigen lassen.

Oder aber der Staat stellt diese Dienstleistung grundsätzlich allen zur Verfügung, die sich ums Gemeinwohl verdient machen. Dann könnte auch der örtliche Turnverein die Beiträge seiner Mitglieder über den Staat kassieren.

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Leserkommentare
    • WhoIAm
    • 26. September 2012 15:20 Uhr
    1. [...]

    Entfernt. Kein konstruktiver Kommentar. Die Redaktion/kvk

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    • eeQ
    • 26. September 2012 16:08 Uhr

    Genau richtig!

    Ich bin auch aus diesem Grunde aus der katholischen Kirche vor langem ausgetreten. Es wiederspricht der Trennung von Kirche und Staat und ist in jeder Hinsicht ungerecht und hippokratisch weil es ja auch nur bestimmte Glaubensrichtungen umfaßt und nicht alle - Körperschaft (eingetragenes Geschäft)ist wohl das Stichwort und das ist wohl was es auch ist: Es ist was es ist, es geht um Geld und damit Macht!

    Zur Zeit in 1985 war mein montatlicher Betrag mehr als 170 DM und ich sah es nicht ein, daß der Staat diese Zwangsabgabe eintrieb, es hat nichts mit freier Entfaltung der Persöhnlichkeit zu tun und ist damit undemokratisch.

    Es ist sozusagen Staat-Theismus und eine karitative Abgabe sollte nur freiwillig erfolgen, und das wäre im Sinne dann auch demokratisch.

    1919 wurde die Kirchensteuer in der Weimarer Reichsverfassung verankert und das hat weitreichende geschichtliche Hintergründe - bitte lesen Sie doch mal nach und Sie werden vielleicht staunen.

    Unsere Nachbarn, das laizistische Frankreich zyum Beispiel ist da schon ganz schön geschickter.

  1. Die Kirchensteuer widerspricht dem sakulärem Staat. Ich finde sie falsch und denke sie gehört nicht in das 21. Jahrhundert. Muslime müssen die Kirchensteuer zurecht als Diskriminierung betrachten, genauso wie andere Religionsangehörige. Für Atheisten ist sie sowieso untragbar. Bitte abschaffen, welche Partei möchte meine Stimme?

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    Wenn einmal die Atheisten eine Hilfsorganisation ins Leben rufen können, ähnlich wie Caritas, Diakonie, oder Hospitze, wo sich Menschen wegen ihrer atheistischen Einstellung für andere aufopfern und helfen und dadurch eine wichtige Aufgabe des Staates übernehmen oder eine Person wie die Muther Theresa zeigen könnten, die wegen ihrem Atheismus tausenden hilft, dann könnten sie über Diskriminierung klagen. Aber so ist das nur heiße Luft, was sie von sich geben.
    Atheismus - auch dann, wenn sie als eine Religion verstanden wird - ist und war nie ein Gewinn für die Gesellschaft.

    Nichts desto trotz - das Kirchensteuersystem in Deutschland finde ich auch zum kotzen.

    • lxththf
    • 26. September 2012 16:15 Uhr

    betrifft doch theoretisch Atheisten überhaupt nicht. Worüber beschweren Sie sich?

    • seschu
    • 26. September 2012 16:30 Uhr

    nicht religiöse Wohltätigkeitsvereine:

    zum Beispiel: http://www.awo.org/
    oder auch http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_Rotes_Kreuz

    Warum treten Sie nicht einfach aus der Kirche aus? Wozu die ganze Aufregung?

    Niemand zwingt in Deutschland Atheisten, Kirchensteuern zu zahlen. Es ist folglich eigene Schuld, wenn sie sich daran stören, dass Mitglieder einer Kirche Abgaben an ihre Kirche leisten.

    In einem saekularen Staat hat sowas wie Kirchensteuer ueberhaupt nichts zu suchen! Religion ist Privatsache, deshalb sollte auch das religioese Entertainment von denen finanziert werden, die das wollen.

  2. alle zahlen die gleichen Steuern, ohne explizit Kirchensteuern auszuweisen (so rund 30-35% insgesamt).

    Die Kichen und Glaubensrichtungen sowie bspw. die Human-Ethische Vereinigung (also Nicht-Gläubige) erhalten danach aus dem Steuerpott entsprechend ihren Mitgliedszahlen.

    Einfach. Praktisch. Fair.

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    • smarp
    • 26. September 2012 15:35 Uhr

    Daran ist nix fair. Ich hab keinerlei Ineresse an einer Religion oder an einer humanistisch-ethischen Vereinigung - weshalb sollten die Geld aus dem Pott bekommen, in den ich engezahlt habe? Absurd.

    Kirchensteuer gehört abgeschafft. Sollen sich die Kirchen selbst überlegen, wie sie ihr Geld eintreiben.

    • dcrabs
    • 26. September 2012 16:43 Uhr

    Sobald man Mitglied einer Kirche zahlt man auch hier 0.99% Kirchensteuer zusätzlich zur Kommunalsteuer. Was man immer zahlt ist eine Begräbnissteuer.

    was einfach und fair ist. Egal ob nun Bildung, "Soziales", Gesundtheit oder Besteuerung.
    Wer hat den kompliziertesten Vorschlag? -> So machen wir´s.

  3. Was ist ein "katholischer Glaube", wenn es um Gott geht?

  4. Liebe Redaktion, wo ist denn mein Kommentar hin?

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    ...und meiner?

  5. Wieso müssen auch Protestanten und Juden Kirchensteuer bezahlen, wenn ohnehin ein Großteil der römisch-katholischen Kirche zukommt?

    Und warum muss der Staat die Rolle des Geldeintreibers übernehmen, man könnte doch genausogut der Katholischen und evangelischen Kirche ebenfalls auf den Status der muslimischen oder hinduistischen angleichen, das wäre einfacher und würde den Menschen eine Menge Geld sparen.

    Die Kirchen sollten sich endlich mal das Armutsgebot Jesu zu Herzen nehmen und nicht in Gold und Seide rumlaufen, denn wäre man auch nicht mehr auf die Tributzahlungen angewiesen.

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    Der katholischen Kirche kommt natürlich nur der Teil der Steuer zu, der von Katholiken gezahlt wird ...

    Redaktion

    Hallo Humanist, die Kirchen sollte man da nicht in einen Topf werfen. Die Evangelische Kirche hat sich (durch ihre Entstehung) von vatikanischem Prunk gelöst und distanziert.

    Ich persönlich meine, dass man jedem Kirchenmitglied hoch anrechnen muss, dass es sich zur Kirchensteuer verpflichtet - und somit auch einen Zusatzbeitrag zum Gemeinwesen leistet, den Nichtmitglieder nicht leisten (sofern sie dies nicht durch anderes Engagement bzw. Selbstverprflichtung kompensieren).

    Viele Grüße, Tilman Steffen

    Lieber Humanist.,

    jeder Kirchensteuerzahler zahlt für seine Kirche.
    Jede Körperschaft des öffentlichen Rechts kann diese (Einzugs-)Leistung für sich in Anspruch nehmen. Evangelische, Katholische und Juden tun das.
    Der Staat wird dafür von Kirchen und Synagogen auch bezahlt!

    Es handelt sich dabei um ein in der Verfassung festgeschriebenes Recht der Körperschaften, die bestimmte Aufgaben in der Gesellschaft übernommen haben. Hindus und Muslime könnten beantragen, hier gleichgestellt zu werden. Übrigens auch Atheisten.

    Dass sie das bisher nicht getan haben, ist nicht die Verantwortung von Christen und Juden.

    Apropos Gold und Seide: Ein evangelischer Talar ist aus einfacher Schurwolle und das Beffchen aus schnödem Leinen. Kein Quadratzentimeter Seide, kein Gramm Gold! Mein Wort drauf!

    Herzlichst
    am Rande

    <em>Und warum muss der Staat die Rolle des Geldeintreibers übernehmen, man könnte doch genausogut der Katholischen und evangelischen Kirche ebenfalls auf den Status der muslimischen oder hinduistischen angleichen, das wäre einfacher und würde den Menschen eine Menge Geld sparen.</em>

    ... Kirchen von dem Vorwurf des Ablasshandels freisprechen. Nicht sie ziehen ein, der Staat tut es und jeder hat auch noch die Möglichkeit, ganz "Religionsfreiheit", aus dem Verein auszutreten.

    Interessant wird der Fall erst, wenn Sie nicht in einem Kirchenverein sind, ihr(e) Partner(in) aber schon, dann spendet man eben "freiwillig" mit.

    • GDH
    • 26. September 2012 15:28 Uhr

    "Warum eigentlich?"

    Genau diese Frage sollte man bei rechtlichen Sonderstellungen öfter stellen. Tatsächlich behalten wir unhinterfragt Privilegien bei, für deren Einführung es wohl kaum eine Mehrheit gäbe.

    Gegen diese Trägheit hilft nur, immer wieder ins Bewustsein zu rufen, dass der Status Quo eben nicht logisch oder irgendwie natürlich ist sondern das Ergebnis historischer Zufälligkeiten, die keinerlei moralische Ansprüche irgendwelcher Organisationen begründen.

    Das passt auch dazu, dass die meisten religiösen Menschen der Religion ihrer Eltern anhängen und nicht komisch finden, dass das überall auf der Welt so ist, obwohl die eigene Abstammung ja ebenfalls keine Auswirkungen auf das Wesen der Welt haben kann (zumindest nicht für Leute, die ihre Religion für wahr und nicht nur für Brauchtum halten).

  6. Wir sind nunmal das Land der Glaubensspaltung und in dieser Tradition immer noch ein Kirchenstaat. In Fragen der Aufklärung vom finsteren Mittelalter haben uns Staaten wie Frankreich und die USA einiges voraus. Deshalb haben wir auch solche Probleme mit der "Integration des Islams in unsere Gesellschaft". Würden wir wie jedes aufgeklärte Land Staat und Kirche voneinander Trennen und Religion zur Privatsache erklären, würden uns diese Probleme nicht in der erlebten Heftigkeit treffen.

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    • lxththf
    • 26. September 2012 16:04 Uhr

    treffen uns, gerade weil wir "aufgeklärter" sind als alle anderen, bzw. uns dafür halten. Weil wir Religion eben nicht Privatsache sein lassen und das zeigen sehr viele Kommentare. Privatsache wäre es, wenn es mich nicht kümmert und ich die Religiösität eines Menschen achte und dieser keine Nachteile entstehen. Gesellschaftlich wird jedoch viel lieber die Religion als etwas rückständiges, dummes, dargestellt. Wer tatsächlich einer Religionsgemeinschaft angehört und seinen Glauben auslebt muss sich so oft rechtfertigen dafür.
    Kritiker sind in der Regel der Meinung, dass Vernunft und Glauben unvereinbar sind und darum stempeln sie Gläubige ab.
    Man kann und sollte Kritik an der Institution "Kirche" üben. Sicher auch an den religiösen Schriften, aber jemanden den Glauben an sich zum Vorwurf zu machen ist vermessen und genau das geschieht sehr oft und den Islam trifft es umso härter, weil hier oft die Religionskritik mit einer gewissen Form von Rassismus vermischt wird.

    Wir bräuchten auch keinen "Sektenbeauftragten" als Glaubens-FSK!

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Recht | Allah | Bundesverwaltungsgericht | Dienstleistung | Finanzamt | Gebühr
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