Religion ist in Deutschland zum Fremdkörper geworden. Im Osten gehört nur noch eine winzige Zahl Menschen einer Kirche an. Im Westen bekennt sich ebenfalls nur noch eine Minderheit zum Glauben. Der Missbrauchskandal in christlichen Einrichtungen und die weltfremde Haltung insbesondere der katholischen Kirche in vielen Lebensfragen haben das Ihre zur religiösen Entfremdung einer einst christlich geprägten Gesellschaft beigetragen.

Umso schwerer tut sich die breite Mehrheit mit denen, die nach wie vor einem Gott, Allah oder Jaweh anhängen und dies nicht verbergen. Das wurde schon in der Beschneidungsdebatte deutlich. Das zeigte sich erneut im Unverständnis im Westen darüber, dass Mitglieder der russischen Frauen-Punk-Gruppe Pussy Riot wegen ihres provokativen Protestes in einer orthodoxen Kirche verurteilt wurden, der hierzulande selbst bei Christen allenfalls noch ein Kopfschütteln hervorrufen würde, während in Russland das harte Urteil von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung begrüßt wurde. Und das zeigt auch jetzt die aufgeregte Diskussion über ein Verbot des antimuslimischen Videomachwerks eines Islamhassers.

Dürfen Juden und Muslime aufgebracht sein, wenn ihnen die Ausübung eines alten religiösen Brauchs – der Beschneidung von Jungen – aus Gründen des Kinderschutzes von einem Gericht und vielen Kommentatoren als Straftat ausgelegt wird? Dürfen Musikerinnen die Gefühle von Gläubigen selbst in Gotteshäusern verletzen? Müssen wir hinnehmen, dass ein billig gemachtes, nur auf Provokation ausgelegtes Amateurfilmchen, das Millionen von Muslimen in aller Welt in den Zorn und zu gewaltsamen Protesten auf die Straße treibt, im Internet zu sehen ist und in Deutschland vorgeführt wird? Ist es sinnvoll, dass ein französisches Satireblatt den Konflikt jetzt noch anheizt, indem es Mohammed-Karikaturen veröffentlicht, wie vor Jahren schon eine dänische Zeitung?

Für viele scheinen die Antworten auf diese Fragen klar und einfach: nein, ja, ja, warum nicht?

Freiheit hat Grenzen

Doch die Meinungsfreiheit, die jetzt von manchen so hoch gehalten wird wie zuvor das Recht von Kindern auf körperliche Unversehrtheit und die Kunstfreiheit in Russland, gelten nicht unbeschränkt. Auch in unserer pluralen Gesellschaft und im liberalen Rechtsstaat nicht. Die Meinungsfreiheit endet zum Beispiel dort, wo andere beleidigt werden. Die Kunstfreiheit, wo Gefühle und Rechte von Betroffenen in unerträglicher Weise verletzt werden. Und der Kinderschutz muss abgewogen werden mit der Religionsfreiheit und dem Erziehungsrecht der Eltern.

Nur die Menschenwürde ist unverletzlich. Auch die Würde von Millionen Muslimen.

Natürlich darf Gewalt nicht Freiheit und Recht verdrängen. Aber darum geht es nicht. Auch nicht um den Schutz der inneren Sicherheit, so wichtig die ist. Es geht um die innere Verfasstheit einer sich als aufgeklärt und tolerant verstehenden Gesellschaft und ihre Haltung gegenüber denjenigen, die anders denken, fühlen, handeln.

Selbstbewusste Toleranz statt Engstirnigkeit

Früher nannte man das Rücksichtnahme: der freiwillige, großmütige, souveräne Verzicht auf die unbedingte Durchsetzung eigener Wünsche, Interessen und Ansprüche, aus Empathie mit anderen, erst recht, wenn die in einer schwächeren Position sind. Man könnte es auch selbstbewusste Toleranz nennen. Nicht das, was heute beinahe zum Kampfbegriff geworden ist. Denn wenn heute "Toleranz" gefordert wird, dann heißt das meist aus Sicht einer Gruppe, dass sich eine andere Gruppe ihren Ansichten unterordnen soll. Zum Beispiel der, dass Religion überholt und unaufgeklärt ist. Wahre Toleranz bedeutet Freimütigkeit selbst denen gegenüber, die keine Toleranz zeigen – solange es nicht die Freiheit zerstört. Anders ausgedrückt: Respekt gegenüber (Anders-)Gläubigen.

Doch Respekt und Rücksichtnahme, die tieferen Form einer bloß oberflächlichen Toleranz, sind den meisten verloren gegangen. Respekt würde bedeuten, Verständnis auch und gerade für die zu zeigen, die man nicht versteht, weil sie sich zum Beispiel – aufgehetzt durch islamistische Prediger und Ideologen – von einem lächerlichen Video provoziert fühlen.

Rücksicht auf religiöse Gefühle

Aufklärung bedeutete im ursprünglichen Sinne: Jeder soll nach seiner Façon glücklich werden, ob er an einen Gott glaubt oder nicht. Die Stärke einer aufgeklärten Gesellschaft kann gerade darin liegen, selbstbewusst, nicht verbohrt mit den voraufklärerischen Haltungen in Ländern im Umbruch wie in der arabischen und islamischen Welt umzugehen. Und unnötige Provokationen zu vermeiden und zu verhindern.

Stattdessen herrscht heute gerade in Deutschland bei vielen eine engstirnige Geisteshaltung, die bedeutet: An meinem Wesen soll die Welt genesen. Das ist das Gegenteil von Toleranz, gar von Respekt. Die Freiheitlichkeit der Gesellschaft könnte sich im aktuellen Fall darin erweisen, nicht auf der "Freiheit" für einen Film zu beharren, der nicht der Rede wert ist. Sondern in vollem Bewusstsein eigener innerer Stärke und in Abwägung mit anderen schutzwürdigen Interessen der Rücksicht auf religiöse Gefühle Vorrang zu geben. Das würde mehr zum Religionsfrieden zwischen Gläubigen und Ungläubigen und zur Aufklärung beitragen als Proteste vor einem Saal, in dem rechte Brandstifter den Film vorführen.

Provokationen, selbst Blasphemie, dürfen sein, wenn sie aufklärerisch wirken. Sie sind aber kein Wert für sich. Wenn sie nur andere verletzen sollen, findet die Meinungsfreiheit ihre Grenze. Besonders die von Scharfmachern, die selber alles andere als Freiheit im Sinn haben.