Sprachunterricht für MigrantenDeutsch lernen ohne Integrationskurs

96.000 Zuwanderer lernen jährlich Deutsch in Integrationskursen. Aber viele bleiben außen vor und müssen Alternativen suchen. von Josefine Janert

Im Unterricht bei "Offene Tür". Die Teilnehmer möchten anonym bleiben.

Im Unterricht bei "Offene Tür". Die Teilnehmer möchten anonym bleiben.  |  © Josefine Janert

Eine Tomate, vier Tomaten, klar. Doch wie lautet die Mehrzahl von Paprika? „Papriken?“ Die Spanierin überlegt. Grammatik fällt ihr schwer. Die vier Schwarzafrikaner aus ihrer Gruppe wissen die Antwort auch nicht. "Paprikanten", witzelt Martin Koch. Der hagere Mann mit der dunklen Brille setzt seinen Unterricht fort. "Ein Sofa – drei Sofas, eine Paprika – fünf Paprika." Die Schüler sollen die Zahl nennen, die Koch mit den Fingern anzeigt. Außerdem sollen sie sich den Plural merken.

Die Spanierin ist wegen der Krise in ihrem Land vor ein paar Wochen nach Berlin gekommen. 35 Jahre ist sie alt. Ihren Namen will sie nicht nennen. Sie sucht Arbeit im sozialen Bereich. So eine Stelle hatte sie früher schon in ihrer Heimat. "Doch ich kann kaum Deutsch und bin erst einmal mit fast jedem anderen Job zufrieden", sagt sie auf Englisch. Ein Freund gab ihr den Tipp, sich an den Verein Offene Tür zu wenden. "Kein Geld, keine Arbeit – wo soll ich sonst hin?", fragt sie.

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Zwar zahlt der Staat Unterricht für Zuwanderer, die nicht richtig Deutsch sprechen . Rund 96.000 Personen nahmen dieses Angebot nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge 2011 wahr. Rund 218 Millionen Euro kostete das. 2006 hatte der Staat 141 Millionen Euro in die Kurse investiert. Doch die Integrationskurse erreichen längst nicht alle Menschen, die sich in Deutschland niedergelassen haben oder es wollen.

Bundesweit bieten deshalb verschiedene Initiativen Hilfe an. Zu ihnen zählt der Verein Offene Tür in Berlin . In den Räumen des afrikanischen Cafés Mandé unterrichtet ein gutes Dutzend Lehrer rund 45 Schüler. Die Lehrer sind ehrenamtlich tätig. Die Schüler zahlen 15 Euro pro Monat und erhalten dafür noch ein Lehrbuch aus dem Hueber Verlag. Mittellose Schüler zahlen noch weniger. "Das ist Verhandlungssache", sagt Christiane Teichner-Diabaté. Sie hat den Verein vor drei Jahren mitbegründet.

Nicht jeder bekommt einen Platz im Integrationskurs

Den ehrenamtlichen Deutschunterricht gibt es, weil nicht alle Interessenten einen Platz in einem Integrationskurs bekommen: Die Spanierin hat als EU-Bürgerin keinen Rechtsanspruch darauf. Sie kann dafür zugelassen werden, doch nur, wenn es freie Plätze gibt und sie "besonders integrationsbedürftig" ist, so die Regel. Andere Schüler von Offene Tür stecken in einem Asylverfahren – auch ihnen steht von Rechts wegen kein Platz zu. Denn sie müssen möglicherweise die Bundesrepublik wieder verlassen. Wieder andere Schüler leben illegal in Deutschland – und bekommen natürlich auch keinen staatlich finanzierten Unterricht. "Sie sind die Schwächsten in unserer Gesellschaft", begründet Christiane Teichner-Diabaté ihr Engagement für diese Schüler. Die 52-Jährige ist Sozialpädagogin, arbeitet aber seit Längerem als freiberufliche Sprachlehrerin an mehreren Schulen.

Ihre Kolleginnen und Kollegen kommen zum Teil ebenfalls aus sozialen Berufen. Manche studieren, manche sind arbeitslos wie Martin Koch. Einige haben auch Deutsch als Fremdsprache studiert. Sie sind Lehrer im Hauptberuf und möchten in ihrer Freizeit noch etwas für andere Menschen tun. "Das macht Spaß, vor allem, weil die Schüler so dankbar sind", erklärt Teichner-Diabaté. Sie akzeptiert auch Neueinsteiger, die nicht als Lehrer gearbeitet haben. Diese müssten erst einmal im Unterricht der Kollegen hospitieren und mithelfen. Erst nach einiger Zeit könnten sie selbst eine Gruppe übernehmen.
Christiane Teichner-Diabaté sagt, dass sie regelmäßig den Unterricht ihrer Kollegen anschaue, auch um die Qualität zu überprüfen. Eine Qualitätskontrolle von einer Instanz außerhalb des Vereins gibt es jedoch nicht. Die Ehrenamtlichen halten jedoch einmal im Monat eine Teamsitzung ab, tauschen sich auch sonst über Fachliches aus. Gesponsert wird Offene Tür zurzeit nur von einem Berliner Kulturveranstalter.

In der Pause zwischen den Kursen sitzt Christiane Teichner-Diabaté vor dem Café. Sie begrüßt einen 31-jährigen Mann von der Elfenbeinküste . Er spricht Französisch und leidlich Englisch. Der Bauarbeiter flüchtete vor Armut und Gewalt in Afrika . Zunächst landete er in Italien . Dort hat er seine Papiere, wie er sagt. Doch er wollte weiter, nach Deutschland, in ein Land, von dem er sich eine bessere Zukunft verspricht. Das Abkommen von Schengen gestattet es ihm, sich hier ohne Visum bis zu 90 Tage innerhalb eines halben Jahres aufzuhalten. Wie es weitergeht? Die Zukunft des Mannes ist ungewiss. Doch er ist sich sicher, dass ihm in jedem Fall ein paar Brocken Deutsch nützlich sein werden. "Guten Tag" und "Wie geht’s?" kann er sagen und sich beim Einkaufen verständigen.

Leserkommentare
  1. Ich fände es begrüßenswert, wenn sich mehr Europäer der Tatsache bewusst wären, dass es keinen Staat namens "Afrika" gibt und somit keine Nationalität wie "Afrikaner" oder "Schwarzafrikaner".

    Was diese Kurse betrifft, ich glaube man kann nicht auf Teufel komm raus eine neue Sprache lernen, es sei denn, man ist sprachbegabt, was wohl nicht auf den Großteil der Zuwanderer zutrifft.

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    "Ich fände es begrüßenswert, wenn sich mehr Europäer der Tatsache bewusst wären, dass es keinen Staat namens "Afrika" gibt und somit keine Nationalität wie "Afrikaner" oder "Schwarzafrikaner"."

    Was wollen Sie damit sagen? Man sagt doch auch "Nordamerikaner", "Südamerikaner" oder "Südostasiaten". Oder jemand kommt aus dem "Mittleren Osten". Eben dann, wenn man nicht explizit die Bewohner eines Landes, sondern einer Region nennen will. Und Schwarzafrika nennen mal viele die Region, südlich der Sahara. Auch wenn Subsahara ( wie heisst das auf deutsch? l'afrique subsaharienne? Subsaharaafrika?) besser ist.
    So wie ich die Leute gerade aus "Schwarzafrika" kenne, sind die sehr sprachbegabt. Fast jeder lernt dort mindestens seine afrikanische Sprache ( oft 2 oder mehr) plus englisch oder französisch fliessend. Also weitaus mehr Sprachen als der normale Deutsche, nicht selten bis zu fünf verschiedenen Sprachen. Und meiner Erfahrung nach sind sie auch bei den Schnellsten, hier gut deutsch zu lernen.

  2. Das Niveau mancher (oder womöglich vieler) Integrationskurse ist sehr niedrig, schlecht ausgebildete Lehrer, (Beispiel aus Frankfurt: Studentischer Sprachlehrer (ohne entsprechenden Hintergrund) kennt nicht die Bezeichnung Präteritum, kann Zeiten nicht erklären), die Gruppen sind meist sehr heterogen - von Menschen, die kaum die Schule besucht haben bis Akademiker.
    Das ist zu schlecht organisiert und es wird viel Geld zum Fenster herausgeworfen. Zu viele brechen ab oder profitieren zu wenig, eine Qualiätskontrolle scheint es kaum zu gegebn.

  3. "Ich fände es begrüßenswert, wenn sich mehr Europäer der Tatsache bewusst wären, dass es keinen Staat namens "Afrika" gibt und somit keine Nationalität wie "Afrikaner" oder "Schwarzafrikaner"."

    Was wollen Sie damit sagen? Man sagt doch auch "Nordamerikaner", "Südamerikaner" oder "Südostasiaten". Oder jemand kommt aus dem "Mittleren Osten". Eben dann, wenn man nicht explizit die Bewohner eines Landes, sondern einer Region nennen will. Und Schwarzafrika nennen mal viele die Region, südlich der Sahara. Auch wenn Subsahara ( wie heisst das auf deutsch? l'afrique subsaharienne? Subsaharaafrika?) besser ist.
    So wie ich die Leute gerade aus "Schwarzafrika" kenne, sind die sehr sprachbegabt. Fast jeder lernt dort mindestens seine afrikanische Sprache ( oft 2 oder mehr) plus englisch oder französisch fliessend. Also weitaus mehr Sprachen als der normale Deutsche, nicht selten bis zu fünf verschiedenen Sprachen. Und meiner Erfahrung nach sind sie auch bei den Schnellsten, hier gut deutsch zu lernen.

    Antwort auf "Schwarzafrikaner"
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    Mein Kommentar bezog sich auf die Tatsache, dass viele hier im Westen Afrika als einen Staat auffassen, wo alle Menschen sowieso schwarz sind und daher dieselben Fähigkeiten und Eigenschaften aufweisen. Im Absatz wird zuerst von einer Spanierin gesprochen (ziemlich konkrete Zuordnung zu einem Staat/Nation) und dann von Schwarzafrikanern.

  4. Mein Kommentar bezog sich auf die Tatsache, dass viele hier im Westen Afrika als einen Staat auffassen, wo alle Menschen sowieso schwarz sind und daher dieselben Fähigkeiten und Eigenschaften aufweisen. Im Absatz wird zuerst von einer Spanierin gesprochen (ziemlich konkrete Zuordnung zu einem Staat/Nation) und dann von Schwarzafrikanern.

    Antwort auf "Afrikaner"
  5. In den Integrationskursen werden Menschen mit sehr verschiedenen Voraussetzungen gemeinsam im gleichen Tempo unterrichtet. Es macht aber keinen Sinn einen jungen Spanier
    mit Hochschulbildung, der von seiner Muttersprache her einen ähnlichen Sprachaufbau und ähnliche Grammatik gewohnt ist, zusammen mit einem älteren Türken, der nur 5 Jahre Grundschule absolviert hat und dessen Muttersprache völlig anders aufgebaut ist, im selben Kurs im gleichen Tempo gemeinsam zu unterrichten. Dies führt nur dazu, dass diejenigen, die mehr Zeit bräuchten, entmutigt werden und für sich zu dem Ergebnis kommen, dass sie nicht in der Lage sind, die deutsche Sprache zu lernen. Unter Umständen richtet der Integrationskurs damit mehr Schaden als Nutzen an. Fatal ist dabei, dass die einzelnen der 6 Module erst am Ende wiederholt werden können. Wenn man aber den Stoff von Modul 2 nicht verstanden hat, dann macht es keinen Sinn in Modul 3 einzusteigen. Wäre besser wenn dann Modul 2 direkt wiederholt werden könnte.

  6. Wo sind Ihnen diese Menschen begegnet, die Afrika "als einen Staat auffassen, wo alle Menschen sowieso schwarz sind".
    Mir ist bisher noch niemand begegnet, der Afrika als einen Staat begreift und nicht wüsste, dass es in Afrika auch arabische Staaten gibt. Und ich halte mich wirklich nicht nur in besonders gebildeten Kreisen auf.

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    Natürlich fassen diese Menschen Afrika nicht als einen Staat auf, sie tun das aber implizit. Neulich hat ein Theaterunternehmen aus meiner Stadt ein Projekt ins Leben gerufen, dessen Name "Rettet einen Afrikaner" meinen Eindruck untermauert. Es geht nicht darum, einem Algerier oder einem weißen Südafrikaner zu helfen, sondern einem Schwarzen aus Afrika.

  7. Natürlich fassen diese Menschen Afrika nicht als einen Staat auf, sie tun das aber implizit. Neulich hat ein Theaterunternehmen aus meiner Stadt ein Projekt ins Leben gerufen, dessen Name "Rettet einen Afrikaner" meinen Eindruck untermauert. Es geht nicht darum, einem Algerier oder einem weißen Südafrikaner zu helfen, sondern einem Schwarzen aus Afrika.

    • S.X.
    • 01. Dezember 2012 11:30 Uhr

    Ich habe die gegenteilige Erfahrung gemacht:
    Ich habe mich immer für die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern interessiert, habe dann aber immer erlebt, dass Menschen aus Kenia, Ghana, Kamerun, Südafrika usw. sich gemeinsam als "Afrikaner" ansehen und dies auch permanent so in Deutschland kommunizieren. Sie reden von "afrikanischer" Mentalität, "afrikanischer" Erziehung und Bildung, "afrikanischer" Kultur und Tradition, ...
    Als Uruguay bei der Fußball-WM gegen "das letzte afrikanische Land" im Turnier gewann, war "Afrika" ausgeschieden. Welches Land? Das war zweitrangig.
    Ich habe meine Bekannten immer gefragt, warum sie sich in erster Linie als "afrikanisch" ansehen und nicht als "Ostafrikaner"/Kenianer und uns gleichzeitig immer kritisieren und uns vorwerfen, dass wir "Europäer" so pauschal über ihren Kontinent reden und nicht die Vielfalt sehen.
    Ich kann mir nicht vorstellen, dass alle in Brasilien lebenden "Europäer" sich an erster Stelle als solche sehen würden.
    Die Antwort war immer, es ist eben doch eine gemeinsame Identität der "Afrikaner", die auf anderen Kontinenten leben, und wir könnten das sowieso nicht verstehen.
    Also, diese Vorstellung von Afrika ist definitiv nicht nur von uns "Europäern" gemacht.

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