Eine Tomate, vier Tomaten, klar. Doch wie lautet die Mehrzahl von Paprika? „Papriken?“ Die Spanierin überlegt. Grammatik fällt ihr schwer. Die vier Schwarzafrikaner aus ihrer Gruppe wissen die Antwort auch nicht. "Paprikanten", witzelt Martin Koch. Der hagere Mann mit der dunklen Brille setzt seinen Unterricht fort. "Ein Sofa – drei Sofas, eine Paprika – fünf Paprika." Die Schüler sollen die Zahl nennen, die Koch mit den Fingern anzeigt. Außerdem sollen sie sich den Plural merken.

Die Spanierin ist wegen der Krise in ihrem Land vor ein paar Wochen nach Berlin gekommen. 35 Jahre ist sie alt. Ihren Namen will sie nicht nennen. Sie sucht Arbeit im sozialen Bereich. So eine Stelle hatte sie früher schon in ihrer Heimat. "Doch ich kann kaum Deutsch und bin erst einmal mit fast jedem anderen Job zufrieden", sagt sie auf Englisch. Ein Freund gab ihr den Tipp, sich an den Verein Offene Tür zu wenden. "Kein Geld, keine Arbeit – wo soll ich sonst hin?", fragt sie.

Zwar zahlt der Staat Unterricht für Zuwanderer, die nicht richtig Deutsch sprechen . Rund 96.000 Personen nahmen dieses Angebot nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge 2011 wahr. Rund 218 Millionen Euro kostete das. 2006 hatte der Staat 141 Millionen Euro in die Kurse investiert. Doch die Integrationskurse erreichen längst nicht alle Menschen, die sich in Deutschland niedergelassen haben oder es wollen.

Bundesweit bieten deshalb verschiedene Initiativen Hilfe an. Zu ihnen zählt der Verein Offene Tür in Berlin . In den Räumen des afrikanischen Cafés Mandé unterrichtet ein gutes Dutzend Lehrer rund 45 Schüler. Die Lehrer sind ehrenamtlich tätig. Die Schüler zahlen 15 Euro pro Monat und erhalten dafür noch ein Lehrbuch aus dem Hueber Verlag. Mittellose Schüler zahlen noch weniger. "Das ist Verhandlungssache", sagt Christiane Teichner-Diabaté. Sie hat den Verein vor drei Jahren mitbegründet.

Nicht jeder bekommt einen Platz im Integrationskurs

Den ehrenamtlichen Deutschunterricht gibt es, weil nicht alle Interessenten einen Platz in einem Integrationskurs bekommen: Die Spanierin hat als EU-Bürgerin keinen Rechtsanspruch darauf. Sie kann dafür zugelassen werden, doch nur, wenn es freie Plätze gibt und sie "besonders integrationsbedürftig" ist, so die Regel. Andere Schüler von Offene Tür stecken in einem Asylverfahren – auch ihnen steht von Rechts wegen kein Platz zu. Denn sie müssen möglicherweise die Bundesrepublik wieder verlassen. Wieder andere Schüler leben illegal in Deutschland – und bekommen natürlich auch keinen staatlich finanzierten Unterricht. "Sie sind die Schwächsten in unserer Gesellschaft", begründet Christiane Teichner-Diabaté ihr Engagement für diese Schüler. Die 52-Jährige ist Sozialpädagogin, arbeitet aber seit Längerem als freiberufliche Sprachlehrerin an mehreren Schulen.

Ihre Kolleginnen und Kollegen kommen zum Teil ebenfalls aus sozialen Berufen. Manche studieren, manche sind arbeitslos wie Martin Koch. Einige haben auch Deutsch als Fremdsprache studiert. Sie sind Lehrer im Hauptberuf und möchten in ihrer Freizeit noch etwas für andere Menschen tun. "Das macht Spaß, vor allem, weil die Schüler so dankbar sind", erklärt Teichner-Diabaté. Sie akzeptiert auch Neueinsteiger, die nicht als Lehrer gearbeitet haben. Diese müssten erst einmal im Unterricht der Kollegen hospitieren und mithelfen. Erst nach einiger Zeit könnten sie selbst eine Gruppe übernehmen.
Christiane Teichner-Diabaté sagt, dass sie regelmäßig den Unterricht ihrer Kollegen anschaue, auch um die Qualität zu überprüfen. Eine Qualitätskontrolle von einer Instanz außerhalb des Vereins gibt es jedoch nicht. Die Ehrenamtlichen halten jedoch einmal im Monat eine Teamsitzung ab, tauschen sich auch sonst über Fachliches aus. Gesponsert wird Offene Tür zurzeit nur von einem Berliner Kulturveranstalter.

In der Pause zwischen den Kursen sitzt Christiane Teichner-Diabaté vor dem Café. Sie begrüßt einen 31-jährigen Mann von der Elfenbeinküste . Er spricht Französisch und leidlich Englisch. Der Bauarbeiter flüchtete vor Armut und Gewalt in Afrika . Zunächst landete er in Italien . Dort hat er seine Papiere, wie er sagt. Doch er wollte weiter, nach Deutschland, in ein Land, von dem er sich eine bessere Zukunft verspricht. Das Abkommen von Schengen gestattet es ihm, sich hier ohne Visum bis zu 90 Tage innerhalb eines halben Jahres aufzuhalten. Wie es weitergeht? Die Zukunft des Mannes ist ungewiss. Doch er ist sich sicher, dass ihm in jedem Fall ein paar Brocken Deutsch nützlich sein werden. "Guten Tag" und "Wie geht’s?" kann er sagen und sich beim Einkaufen verständigen.