Am 15. Oktober 2011 geschah etwas Besonderes mit mir: Ich war unter Menschen, die ernste Slogans auf Bettlaken geschrieben hatten, die Parolen skandierten, doch zum ersten Mal in meinem Leben war mir dabei nicht unwohl. Auf der ersten Occupy-Großdemonstration in Frankfurt hielten Hausfrauen Schilder hoch, Steuerberater riefen die spiegelnden Bankentürme an – und Tausende liefen wie ich einfach nur still mit. Ich als Reporter. Sie, weil sie ein simples Anliegen hierher getrieben hatte: "Präsenz zeigen". Sie waren anders als all die selbstgewissen Profi-Aktivisten und Schubladen-Ideologen, die mir bisher noch jede Demonstration vergrault hatten – ob zu Bildungsreform, Afghanistankrieg, Irakkrieg, Hartz IV oder G8. Diesen Menschen hier ging es angesichts der offensichtlichen Übermacht der Finanzmärkte wie mir: Sie hatten nicht mehr als ihre diffuse Unzufriedenheit. Aber damit meinten sie es verdammt ernst.

Heute, genau ein Jahr später, ist Occupy längst wieder unsichtbar geworden, quasi verschwunden. Es ist deshalb Zeit für eine Bilanz, für einen persönlichen Abschied. Reihenweise Demonstrationen und Diskussionen haben die Aktivisten auf die Beine gestellt, sie haben mitgemischt in der Debatte um die Krise. Und doch ist die Bewegung mittlerweile klinisch tot. Ein Camp nach dem anderen verschwand – durch Winterkälte, erlahmendes Engagement, Streitereien mit Behörden oder untereinander. Was also war Occupy nun? Ein Medienphänomen? Ein Erfolg oder ein Rohrkrepierer? Und was hat das mit mir zu tun, der wie so viele mit ihnen sympathisierte?

Doch zuerst muss ich kurz über den Journalismus reden und mit einem Missverständnis aufräumen. Es gibt darin, zumindest jenseits der reinen Nachrichtenmeldungen, keine wirkliche Objektivität. Sprache transportiert Wertungen, ebenso wie die Auswahl von Fakten, Beobachtungen, Zitaten. Das ist nicht weiter schlimm. Denn Journalismus muss es nicht um Objektivität gehen, sondern um Wahrheit . Wer ein Ereignis oder eine Person begleitet, entwickelt eine Haltung dazu , einen Standpunkt, von dem aus er schreibt. Das zu verbergen, macht Texte nicht besser, sondern schlechter.

87 Prozent Zustimmung für Occupy

Dass ich persönlich Occupy wohlwollend gegenüberstand, wäre völlig uninteressant, wenn es nur mir allein so gegangen wäre. Doch Umfragen in den folgenden Tagen und Wochen zeigten, dass die Mehrheit der Bevölkerung hinter den Protesten stand, 87 Prozent Zustimmung ermittelte das Meinungsforschungsinstitut Emnid . Ganz offensichtlich hatten die Demonstranten einen Nerv getroffen und vor allem einen Ton, mit dem sich viele identifizieren konnten. Das kleine Camp vor der EZB wurde zum Symbol, auf das eine irgendwie frustrierte Mehrheit ihre diffusen Hoffnungen projizierte.

Auf der Rückfahrt von der ersten Demonstration schrieb ich im Zug einen mindestens wohlwollenden Kommentar mit dem Titel "Der Zauber des Anfangs" . Abends dann der erste kleine Rückschlag: Ich saß mit Freunden in einer Kneipe und erzählte ihnen von meinem Tag mit Occupy und von meinem Gefühl, bei etwas Richtigem dabei gewesen zu sein. Vielleicht war mein Blick etwas zu beseelt, so richtig anstecken ließen sie sich jedenfalls nicht von meiner Begeisterung. Auf dem Heimweg in Köln kam ich am örtlichen Solidaritätscamp für die spanischen Indignados vorbei, einem der vielen Vorläufer von Occupy. Zwei kleine Zelte auf einem asphaltierten Platz neben einer Kreuzung. Ich hatte keine große Lust mich dazuzulegen.