Das Urteil im Verfahren gegen den Papstdiener Paolo Gabriele, der Geheimdokumente aus dem Arbeitszimmer von Benedikt XVI. entwand und dann der Presse auslieferte, war in vieler Hinsicht überraschend.

Der vatikanische Staatsanwalt Nicola Picardi hatte für Gabriele drei Jahre Haftstrafe wegen schweren Diebstahls gefordert. Zu Beginn des Prozesses sah es so aus, als ob es vier bis sechs Jahre hätten werden können. Nun wurde Gabriele zu 18 Monaten Haft verurteilt. Eine relativ milde Strafe angesichts des Imageschadens, den der Vatikan im Jahr 2012 infolge des sogenannten VatiLeaks-Skandals erlitten hat – zum Beispiel durch die Veröffentlichung der medizinischen Gutachten über den Gesundheitszustand des Papstes. Noch ist unklar, ob Gabriele die Strafe wirklich antreten muss, eine Begnadigung durch Benedikt XVI. ist immer noch möglich.

Sowohl Gabriele als auch seine Anwältin Cristiana Arru zeigten sich am Ende des Verfahrens zufrieden. Für sie fiel das Urteil positiv aus. Entscheidend dafür war die Tatsache, dass Gabriele nicht vorbestraft war und dass er lange im Vatikan gedient hatte. Wichtig war auch sein Geständnis und die offenkundige Reue, das Vertrauen des Papstes missbraucht zu haben. So meldete sich Gabriele am Ende der Plädoyers der Anklage und der Verteidigung zu Wort und erklärte, dass er "aus reiner, hingebungsvoller Liebe für die christliche Kirche und ihren weltlichen Anführer" gehandelt habe. Er fühle sich außerdem nicht "wie ein Dieb". Das Urteil fiel nach einer relativ kurzen Beratung zwischen dem Richter Giuseppe della Torre und seinen zwei Kollegen.

Konzentration auf katholische Feierlichkeiten

Es scheint, als beabsichtige der Vatikan mit diesem Urteil, den Fall möglichst schnell und glimpflich zu beenden. In der kommenden Woche beginnt nämlich in der katholischen Kirche das "Jahr des Glaubens". Bald wird auch das 50-jährige Jubiläum des Zweiten Vatikanischen Konzils gefeiert. So soll dieses unschöne Kapitel wohl abgeschlossen werden, damit man sich auf angenehmere Ereignisse konzentrieren kann.

Dennoch meinen viele Vatikan-Beobachter, dass die wirkliche Auseinandersetzung mit VatiLeaks erst jetzt beginnen könnte. Denn der Mediendruck auf den Kammerdiener war bis jetzt zu stark, als dass er offen über die Welt des Vatikans hätte sprechen können. Auch lässt die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit nicht nach.