"Können Sie bitte die Kamera für mich bedienen?", fragt Mustaf Harun und stellt sich lächelnd vor das Brandenburger Tor in Berlin . Mit professioneller Moderatorenmimik beginnt der junge Journalist, auf Somali etwas über die Geschichte der Bundesrepublik zu erzählen. Die kleine Amateur-Kamera folgt ihm.

Später wird er seinen Beitrag auf das Portal des somalischen Senders Universal TV hochladen. Tausende Somalier von Borama im Norden des Landes bis nach Kismayo im Süden werden seinen Film aus Deutschland sehen können. "Für mich ist Berlin ein Symbol des Wiederaufbaus", sagt Mustaf Harun. "Deshalb bin ich hier: Um meinen Mitbürgern zu zeigen, dass, ebenso wie Deutschland nach dem Krieg, auch Somalia neu aufgebaut werden kann."

Der Beitrag ist fertig. Doch die Kamera läuft noch. "Es war genau so eine kleine Kamera, die mein Leben für immer verändert hat", sagt Harun. Er kann sich an jenen Tag vor sechs Jahren noch sehr gut erinnern. Damals arbeitete er für den Fernsehsender Horn Afrik in Mogadischu . Die Lage in Somalia war äußerst  angespannt, eben erst hatten die Islamisten der Islamic Courts Union (ICU) die Übergangsregierung gezwungen, die Hauptstadt zu verlassen. Doch Mustaf Harun war mit anderen Dingen beschäftigt: Seine Frau hatte kurz zuvor ihre zweite Tochter zur Welt gebracht.

Eines Tages, erzählt Harun, lief er mit einem Arbeitskollegen über den Bakara-Platz in Mogadischu. Plötzlich sehen die zwei jungen Journalisten, wie einige ICU-Milizionäre ein kleines Mädchen in eine Ruine zerren. Harun und der Kollege schleichen in das Gebäude und beobachten, dass die Milizionäre das Mädchen mehrmals vergewaltigen. "Wir waren wie versteinert", sagt Harun, "wir wollten etwas tun, aber die Männer waren schwer bewaffnet." Dann aber holt der Kollege eine kleine Videokamera hervor und beginnt zu filmen.

Als die Milizionäre endlich gehen, sehen sie, dass das Mädchen in einer Blutlache liegt. Sie bringen es zu einem naheliegenden Krankenhaus, doch es ist zu spät. Das Mädchen stirbt einige Stunden später. Das Video übergeben sie der Nachrichtenredaktion. Es läuft in den 22-Uhr-Nachrichten. Wenige Minuten später gehen die ersten Drohanrufe ein.

Tag und Nacht in der Redaktion

Das ist der Moment, in dem Haruns Welt, wie er sie kannte, unwiederbringlich verschwindet. Ein paar Monate später ermorden Unbekannte den Direktor seines Senders. Während des darauf folgenden Trauerzuges sterben mehrere Mitarbeiter des Medienunternehmens durch eine Bombe. Die Redaktion verwandelt sich in eine Festung, in der die Journalisten Tag und Nacht verbringen.

Irgendwann im Jahr 2008 kann Harun nicht mehr. Er flieht zusammen mit seiner Frau aus dem Land. Die Kinder sollen bei den Großeltern bleiben, bis ein neues Zuhause gefunden ist. Harun wird sie nie wiedersehen.

Sie reisen nach Dschibuti , dann weiter in den Sudan . Mit einer Karawane erreichen sie Libyen , wo sie von der Polizei festgenommen und im Lager von Kufra eingesperrt wurden. "Wir kamen einfach von einer Hölle in die nächste", sagt Harun. In Kufra werden die Häftlinge, Flüchtlinge aus Somalia, Äthiopien oder Eritrea , täglich geschlagen und gedemütigt. Als eine Gruppe Eritreer die Flucht ergreift, klettern auch Mustaf Harun und seine Frau über den Zaun.

Einige Monate leben sie in der somalischen Botschaft in Tripolis , bis sie angezeigt werden. Wieder gelingt ihnen die Flucht: Mustaf Harun und seine Frau kommen auf einem Flüchtlingsboot nach Italien unter. "Als wir nach drei Tagen von der italienischen Küstenwache in der Nähe von Lampedusa abgefangen wurden, dachten wir, dass wir nun endlich in Sicherheit waren. Doch das Schlimmste sollte noch kommen."

 Verelendung mitten in Europa

Zwei Monate verbringen sie in einem Aufnahmelager auf Sizilien , bis sie eine vorläufige Aufenthaltserlaubnis erhalten – und auf die Straße gesetzt werden. Ein paar Tage übernachten sie in einer Kirche. Dann drückt der Pfarrer ihnen zwei Fahrkarten nach Rom in die Hand.

In der italienischen Hauptstadt schließen sie sich anderen Flüchtlingen an. Die Nächte verbringen sie in der Nähe des Bahnhofs oder in der Ruine der ehemaligen somalischen Botschaft, die Tage in den Suppenküchen der Caritas .

Das Paar, das den Bürgerkrieg in Somalia, Menschenschmuggler, Flüchtlingstrecks und die Überfahrt übers Mittelmeer überlebt hat, sieht sich nun, mitten in Europa , mit einer nicht gekannten Verelendung konfrontiert. "Als ich in Somalia war", erzählt Harun, "war das Leben hart. Doch ich hatte immer die Hoffnung, dass sich etwas ändern würde. In Italien war ich dagegen von einem einzigen Gedanken besessen: Wo werden wir schlafen? Werden wir morgen etwas zu essen haben?"

Um Nahrung und Kleidung zu finden, reist Harun durchs Land: Florenz , Turin , Mailand. Manchmal dauert es Tage, bis er zurückkommt. Oft mit leeren Händen. Die Ehe geht darüber in die Brüche. 

Ein Gericht stoppt seine Abschiebung nach Italien

Harun will weg aus Italien. Er reist nach Holland , von dort weiter nach Deutschland, wo er in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge im hessischen Gießen unterkommt. Doch gemäß der Dublin-Verordnung, die regelt, wer in Europa für Asylsuchende zuständig ist, muss Harun dorthin zurückgeschickt werden, wo er zuerst seinen Antrag gestellt hat. Also nach Italien.

In den folgenden zwei Jahren lebt Harun wie in einem Limbus. Zwar stoppt das Verwaltungsgericht in Gießen seine Abschiebung nach Italien, nachdem er die dortigen Lebensbedingungen geschildert hat. Doch wird diese Entscheidung später durch das Bundesamt für Migration widerrufen. Seitdem geht Harun jeden Abend ins Bett, ohne zu wissen, ob er am nächsten Tag noch in Deutschland bleiben darf. "Schickt mich zurück nach Somalia, aber bitte nicht nach Italien", sagte er dem Anwalt, der ihm half, gegen das Abschiebungsverfahren Widerspruch einzulegen.

Als er in Deutschland ankam, war sein Leben ein Scherbenhaufen. Kurz nach seiner Ankunft in Gießen hatte ihn die Nachricht erreicht, dass seine ganze Familie in Somalia bei einem Bombenanschlag getötet wurde. Trotzdem schafft er es, sich langsam ein neues Leben aufzubauen. Er nimmt mit Universal TV Kontakt auf, arbeitet wieder als Journalist. Er findet eine neue Lebenspartnerin, mit der er jetzt ein Kind hat.

Europa als Lebensmodell

Schließlich gründet er gemeinsam mit anderen somalischen Journalisten, die in Deutschland leben, den Verband der somalischen Journalisten im Exil. Ihr Ziel: den Menschen in Somalia einen hoffnungsvollen Blick in die Welt zu verschaffen. "Man kann den Einfluss der somalischen Al-Shabaab Milizen schwächen, wenn man den Somaliern zeigt, wie hier Menschen mit unterschiedlichen kulturellen und religiösen Hintergründen friedlich miteinander leben", sagt Harun.

Die kleine Amateur-Kamera filmt noch immer das bunte Treiben vor dem Brandenburger Tor. Der junge Journalist zündet sich eine Zigarette an. Europa, dessen Lebensmodell er für sein somalisches Publikum propagiert, hat ihm oft übel mitgespielt. "Auf meiner Reise habe ich auch die Schattenseite Europas kennengelernt: die Diskriminierung, die Abgrenzung", sagt Harun. "Wenn man auf der Straße lebt", fährt er fort, "hat man oft das Gefühl, dass sich eine Mauer zwischen dir und dem Rest der Welt erhebt. Man versucht, so wenig wie möglich aufzufallen. Bei den Schaffnern im Zug, bei der Polizei auf der Straße. Wenn man überleben will, muss man ein Nichts werden."