Zwei Monate verbringen sie in einem Aufnahmelager auf Sizilien , bis sie eine vorläufige Aufenthaltserlaubnis erhalten – und auf die Straße gesetzt werden. Ein paar Tage übernachten sie in einer Kirche. Dann drückt der Pfarrer ihnen zwei Fahrkarten nach Rom in die Hand.

In der italienischen Hauptstadt schließen sie sich anderen Flüchtlingen an. Die Nächte verbringen sie in der Nähe des Bahnhofs oder in der Ruine der ehemaligen somalischen Botschaft, die Tage in den Suppenküchen der Caritas .

Das Paar, das den Bürgerkrieg in Somalia, Menschenschmuggler, Flüchtlingstrecks und die Überfahrt übers Mittelmeer überlebt hat, sieht sich nun, mitten in Europa , mit einer nicht gekannten Verelendung konfrontiert. "Als ich in Somalia war", erzählt Harun, "war das Leben hart. Doch ich hatte immer die Hoffnung, dass sich etwas ändern würde. In Italien war ich dagegen von einem einzigen Gedanken besessen: Wo werden wir schlafen? Werden wir morgen etwas zu essen haben?"

Um Nahrung und Kleidung zu finden, reist Harun durchs Land: Florenz , Turin , Mailand. Manchmal dauert es Tage, bis er zurückkommt. Oft mit leeren Händen. Die Ehe geht darüber in die Brüche. 

Ein Gericht stoppt seine Abschiebung nach Italien

Harun will weg aus Italien. Er reist nach Holland , von dort weiter nach Deutschland, wo er in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge im hessischen Gießen unterkommt. Doch gemäß der Dublin-Verordnung, die regelt, wer in Europa für Asylsuchende zuständig ist, muss Harun dorthin zurückgeschickt werden, wo er zuerst seinen Antrag gestellt hat. Also nach Italien.

In den folgenden zwei Jahren lebt Harun wie in einem Limbus. Zwar stoppt das Verwaltungsgericht in Gießen seine Abschiebung nach Italien, nachdem er die dortigen Lebensbedingungen geschildert hat. Doch wird diese Entscheidung später durch das Bundesamt für Migration widerrufen. Seitdem geht Harun jeden Abend ins Bett, ohne zu wissen, ob er am nächsten Tag noch in Deutschland bleiben darf. "Schickt mich zurück nach Somalia, aber bitte nicht nach Italien", sagte er dem Anwalt, der ihm half, gegen das Abschiebungsverfahren Widerspruch einzulegen.

Als er in Deutschland ankam, war sein Leben ein Scherbenhaufen. Kurz nach seiner Ankunft in Gießen hatte ihn die Nachricht erreicht, dass seine ganze Familie in Somalia bei einem Bombenanschlag getötet wurde. Trotzdem schafft er es, sich langsam ein neues Leben aufzubauen. Er nimmt mit Universal TV Kontakt auf, arbeitet wieder als Journalist. Er findet eine neue Lebenspartnerin, mit der er jetzt ein Kind hat.

Europa als Lebensmodell

Schließlich gründet er gemeinsam mit anderen somalischen Journalisten, die in Deutschland leben, den Verband der somalischen Journalisten im Exil. Ihr Ziel: den Menschen in Somalia einen hoffnungsvollen Blick in die Welt zu verschaffen. "Man kann den Einfluss der somalischen Al-Shabaab Milizen schwächen, wenn man den Somaliern zeigt, wie hier Menschen mit unterschiedlichen kulturellen und religiösen Hintergründen friedlich miteinander leben", sagt Harun.

Die kleine Amateur-Kamera filmt noch immer das bunte Treiben vor dem Brandenburger Tor. Der junge Journalist zündet sich eine Zigarette an. Europa, dessen Lebensmodell er für sein somalisches Publikum propagiert, hat ihm oft übel mitgespielt. "Auf meiner Reise habe ich auch die Schattenseite Europas kennengelernt: die Diskriminierung, die Abgrenzung", sagt Harun. "Wenn man auf der Straße lebt", fährt er fort, "hat man oft das Gefühl, dass sich eine Mauer zwischen dir und dem Rest der Welt erhebt. Man versucht, so wenig wie möglich aufzufallen. Bei den Schaffnern im Zug, bei der Polizei auf der Straße. Wenn man überleben will, muss man ein Nichts werden."