Flüchtlinge"Schickt mich zurück nach Somalia, aber nicht nach Italien!"

In Somalia war Mustaf Harun Journalist, bis er vor den Islamisten fliehen musste. Die wahre Hölle aber erlebte er erst als Flüchtling in Europa. von 

Mustaf Harun vor dem Reichstag in Berlin

Mustaf Harun vor dem Reichstag in Berlin  |  © Fabio Ghelli

"Können Sie bitte die Kamera für mich bedienen?", fragt Mustaf Harun und stellt sich lächelnd vor das Brandenburger Tor in Berlin . Mit professioneller Moderatorenmimik beginnt der junge Journalist, auf Somali etwas über die Geschichte der Bundesrepublik zu erzählen. Die kleine Amateur-Kamera folgt ihm.

Später wird er seinen Beitrag auf das Portal des somalischen Senders Universal TV hochladen. Tausende Somalier von Borama im Norden des Landes bis nach Kismayo im Süden werden seinen Film aus Deutschland sehen können. "Für mich ist Berlin ein Symbol des Wiederaufbaus", sagt Mustaf Harun. "Deshalb bin ich hier: Um meinen Mitbürgern zu zeigen, dass, ebenso wie Deutschland nach dem Krieg, auch Somalia neu aufgebaut werden kann."

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Der Beitrag ist fertig. Doch die Kamera läuft noch. "Es war genau so eine kleine Kamera, die mein Leben für immer verändert hat", sagt Harun. Er kann sich an jenen Tag vor sechs Jahren noch sehr gut erinnern. Damals arbeitete er für den Fernsehsender Horn Afrik in Mogadischu . Die Lage in Somalia war äußerst  angespannt, eben erst hatten die Islamisten der Islamic Courts Union (ICU) die Übergangsregierung gezwungen, die Hauptstadt zu verlassen. Doch Mustaf Harun war mit anderen Dingen beschäftigt: Seine Frau hatte kurz zuvor ihre zweite Tochter zur Welt gebracht.

Eines Tages, erzählt Harun, lief er mit einem Arbeitskollegen über den Bakara-Platz in Mogadischu. Plötzlich sehen die zwei jungen Journalisten, wie einige ICU-Milizionäre ein kleines Mädchen in eine Ruine zerren. Harun und der Kollege schleichen in das Gebäude und beobachten, dass die Milizionäre das Mädchen mehrmals vergewaltigen. "Wir waren wie versteinert", sagt Harun, "wir wollten etwas tun, aber die Männer waren schwer bewaffnet." Dann aber holt der Kollege eine kleine Videokamera hervor und beginnt zu filmen.

Als die Milizionäre endlich gehen, sehen sie, dass das Mädchen in einer Blutlache liegt. Sie bringen es zu einem naheliegenden Krankenhaus, doch es ist zu spät. Das Mädchen stirbt einige Stunden später. Das Video übergeben sie der Nachrichtenredaktion. Es läuft in den 22-Uhr-Nachrichten. Wenige Minuten später gehen die ersten Drohanrufe ein.

Tag und Nacht in der Redaktion

Das ist der Moment, in dem Haruns Welt, wie er sie kannte, unwiederbringlich verschwindet. Ein paar Monate später ermorden Unbekannte den Direktor seines Senders. Während des darauf folgenden Trauerzuges sterben mehrere Mitarbeiter des Medienunternehmens durch eine Bombe. Die Redaktion verwandelt sich in eine Festung, in der die Journalisten Tag und Nacht verbringen.

Irgendwann im Jahr 2008 kann Harun nicht mehr. Er flieht zusammen mit seiner Frau aus dem Land. Die Kinder sollen bei den Großeltern bleiben, bis ein neues Zuhause gefunden ist. Harun wird sie nie wiedersehen.

Sie reisen nach Dschibuti , dann weiter in den Sudan . Mit einer Karawane erreichen sie Libyen , wo sie von der Polizei festgenommen und im Lager von Kufra eingesperrt wurden. "Wir kamen einfach von einer Hölle in die nächste", sagt Harun. In Kufra werden die Häftlinge, Flüchtlinge aus Somalia, Äthiopien oder Eritrea , täglich geschlagen und gedemütigt. Als eine Gruppe Eritreer die Flucht ergreift, klettern auch Mustaf Harun und seine Frau über den Zaun.

Einige Monate leben sie in der somalischen Botschaft in Tripolis , bis sie angezeigt werden. Wieder gelingt ihnen die Flucht: Mustaf Harun und seine Frau kommen auf einem Flüchtlingsboot nach Italien unter. "Als wir nach drei Tagen von der italienischen Küstenwache in der Nähe von Lampedusa abgefangen wurden, dachten wir, dass wir nun endlich in Sicherheit waren. Doch das Schlimmste sollte noch kommen."

Leserkommentare
  1. die der somalische Autor auch nicht auflösen will. Vielleicht gibt es Filmbeiträge für seine somalischen Mitbürger, die das Flüchtlingselend dokumentieren. Wenn nicht, dann lässt er diese ebenso in dem Glauben, sie würden hier sofort und unbesehen in den Frieden ziehen. Warum wissen so viele Menschen in Afrika nicht, wie es den Flüchtlingen hier wirklich geht? Es gibt eine Exil-Journalistengruppe, die die deutsche Geschichte erklärt - zeigt sie auch die Demonstration der Flüchtlinge vor dem Brandenburger Tor?
    Den Menschen wird eine Illusion vorgespielt. Die Schleuserbanden leben von dieser wolkigen Illusion.

    Das ist ein verdammtes Problem, ein ernsthaftes, es gibt dafür keine einfache Lösung. Weder ist es richtig, alle Flüchtlinge abzuweisen, die Grenzen dicht zu machen, aber richtig ist es meines Erachtens auch nicht, ihnen ein Paradies vorzugaukeln, alle bekämen jeden Tag die umfängliche Grundversorgung.
    Es ist ein Drama ohnegleichen. Furchtbar.

    Antwort auf "Was davon"
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    Ich hätte kein Problem damit, allen die umfängliche Grundversorgung an sich zu geben. Dazu müsste sich aber, so denke ich, mehr die Flüchtlingspolitik reformiert werden. Das System, die Gesellschaft müsste umfassender umgebaut werden. Es ist doch auch nicht nur eine Frage der physischen Grundversorgung, sondern auch sozialer Koordination, Fragen des Arbeitsmarktes, Wohnungsmarkt usw. Man kann das Flüchtlingsproblem nicht isoliert betrachten und es reicht auch nicht, zu sagen, Deutschland usw. wären reich. Es ist ein Gesamtkonzept, welches nicht 'nur' die Flüchtlinge betrifft.

  2. Deutschland, das Sozialamt der Welt?

    Das würde implementieren, dass Flüchtlinge wie Harun nicht selbstständig zurecht kommen würden - wenn man sie denn ließe.
    Aber sieh da, er kann und will offenbar arbeiten und sich damit selbst und seine Familie versorgen. Und so wie ihm geht es mit Sicherheit vielen, die sich in den Asylheimen die Füße platt stehen - sie wollten und könnten arbeiten, dürfen aber nicht. DA liegt das Problem!

    Antwort auf "Der Leidensweg "
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    die wollten und könnten arbeiten, bekommen kein Job und sind keine Flüchtlinge. Das Problem beschränkt sich nicht auf Flüchtlinge. Die Frage oder Problematik löst sich nicht allein damit, zu sagen, gebt ihnen Arbeit, damit sie sich selbst versorgen können. Die Frage fängt doch damit an, welche Arbeit, zu welchem Lohn und wie wirkt sich das auf die derzeitige Arbeitsmarktsituation aus? Warum bekommt Harun den Job und nicht Fassad, Gabriele oder Yahimba, Ikotu oder Klaus?

    • jojocw
    • 30. Oktober 2012 21:35 Uhr

    Können Sie ihm die Arbeit geben, die er erwartet, und dann auch den dazu erwarteten Lohn?

    • bmark
    • 30. Oktober 2012 21:10 Uhr

    Da stimme ich Ihnen durchaus zu. Natürlich wäre den Menschen in Somalia (als Beispiel) besser geholfen, wenn sie Regierungen wählen könnten die in ihrem Interesse handeln oder den nötigen Bildungsstand besässen, um "richtige" Familienplanung zu betreiben. Aber kann man es den Menschan verübeln viele Kinder zu bekommen, die einem im Alter vielleicht versorgen können, im Angesicht nicht existierender Sozialsysteme?
    Ich möchte keineswegs den "Westen" als alleinigen Verursacher der Probleme benennen, sondern nur aufzeigen, dass wir genauso unseren (grossen) Teil zu den dortigen Problemen beitragen.

  3. Ich hätte kein Problem damit, allen die umfängliche Grundversorgung an sich zu geben. Dazu müsste sich aber, so denke ich, mehr die Flüchtlingspolitik reformiert werden. Das System, die Gesellschaft müsste umfassender umgebaut werden. Es ist doch auch nicht nur eine Frage der physischen Grundversorgung, sondern auch sozialer Koordination, Fragen des Arbeitsmarktes, Wohnungsmarkt usw. Man kann das Flüchtlingsproblem nicht isoliert betrachten und es reicht auch nicht, zu sagen, Deutschland usw. wären reich. Es ist ein Gesamtkonzept, welches nicht 'nur' die Flüchtlinge betrifft.

  4. die wollten und könnten arbeiten, bekommen kein Job und sind keine Flüchtlinge. Das Problem beschränkt sich nicht auf Flüchtlinge. Die Frage oder Problematik löst sich nicht allein damit, zu sagen, gebt ihnen Arbeit, damit sie sich selbst versorgen können. Die Frage fängt doch damit an, welche Arbeit, zu welchem Lohn und wie wirkt sich das auf die derzeitige Arbeitsmarktsituation aus? Warum bekommt Harun den Job und nicht Fassad, Gabriele oder Yahimba, Ikotu oder Klaus?

  5. Im Ernst? Natürlich ist das ein schlimmes Schicksal was das Paar in Italien erlebt hat, aber zurück nach Somalia? Bitte!

    "Plötzlich sehen die zwei jungen Journalisten, wie einige ICU-Milizionäre ein kleines Mädchen in eine Ruine zerren. Harun und der Kollege schleichen in das Gebäude und beobachten, dass die Milizionäre das Mädchen mehrmals vergewaltigen. "Wir waren wie versteinert", sagt Harun, "wir wollten etwas tun, aber die Männer waren schwer bewaffnet."

    Und: "Ein paar Monate später ermorden Unbekannte den Direktor seines Senders. Während des darauf folgenden Trauerzuges sterben mehrere Mitarbeiter des Medienunternehmens durch eine Bombe. Die Redaktion verwandelt sich in eine Festung, in der die Journalisten Tag und Nacht verbringen."

    Und: "...dass seine ganze Familie in Somalia bei einem Bombenanschlag getötet wurde."

    Dann lieber Obdachlos in Italien!

    Eine Leserempfehlung
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    In Somalia hat der Mann Freunde, Verwandte, Bekannte und ist mehr oder weniger in die Gesellschaft integriert. In Italien war er ein Nichts. Es ging ihm dreckig, er wusste manchmal nicht was es zu essen geben soll, er war obdachlos und befand sich obendrein in einer Gesellschaft, die lieber auf ihn spucken würde als ihm zu helfen. Niemanden zum reden, niemanden, um sich auszuheulen, nicht der geringste moralische Beistand.

    Für mich ergibt die Aussage durchaus einen Sinn.

    Die Asyl- und Flüchtlingspolitik und das Verhältnis vieler Deutscher zu Ausländern bzw. Flüchtlingen mag krasse Ecken und Kanten haben, aber wir werden von Italien noch in den Schatten gestellt. Das ist übrigens kein Grund, sich in Deutschland zurückzulehnen und nichts mehr zu verändern!

    • Fabiana
    • 31. Oktober 2012 10:37 Uhr

    Mir scheint dieser Artikel eher ins derzeit beliebte Italien-Bashing zu passen (PIIGS-Staat!). Ich will nicht in Abrede stellen, dass die Auffanglager schlimm sind – sie sind von Amnesty International zu Recht kritisiert worden. Aber dass die italienische Gesellschaft nicht großzügig mit Asylsuchenden umgeht, stimmt in dieser Form gewiss nicht. Falls man nicht immer nur mit dem eigenen PKW reist oder per Flugzeug ankommt, sondern z.B. mal den Regionalzug z.B. zwischen Mailand und Turin nimmt, wird man feststellen, dass er voller Menschen afrikanischer Herkunft ist, die gut angezogen sind und nicht so aussehen, als ob sie nicht wüssten, wo sie die nächste Nacht verbringen oder die nächste Mahlzeit zu sich nehmen können. Das erfolgreiche Buch „Im Meer schwimmen Krokodile“ von Fabio Geda erzählt eine ganz andere Geschichte.

    • sioux
    • 30. Oktober 2012 21:29 Uhr

    Dieser Begriff von Geissler ist in diesem Kontext vollkommen unangemessen. Harun ist offensichtlich ein sehr engagierter Journalist und, soweit ich das dem Bericht entnehmen kann, wäre er eine gewaltige Bereicherung für die Informationslandschaft in Schland.
    Was erleben wir denn vom derzeitigen hiesigen Journalismus? Merkel sagt "Ich fordere..." und "Wir sind grundsätzlich bereit...", aber nicht, was sie als Regierungschefin tut. Außer wenn sie gerade den Wendehals gibt, weil ihre Partei nach jahrzehntelangen massiven Beschimpfungen derjenigen, die die neuen Positionen schon vorher vertraten, in die Defensive gerät. Diese beliebige Küchentisch-Politik wird regelmäßig als wichtige "Gipfel"-Politik veröffentlicht. Ich würde mir in Deutschland Journalisten wünschen, die diesseits der offiziellen Verlautbarungen etwas zu berichten haben. Und dieser Mann hat was zu berichten, und zwar nicht nur jetzt, sondern aufgrund seines Engagements auch noch imn zwanzig Jahren.

    Antwort auf "Der Leidensweg "
    • jojocw
    • 30. Oktober 2012 21:35 Uhr

    Können Sie ihm die Arbeit geben, die er erwartet, und dann auch den dazu erwarteten Lohn?

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    • sioux
    • 30. Oktober 2012 21:51 Uhr

    ... durch jemanden, der was zu sagen hat. Das Wetter kann auch der Nachrichtensprecher kundtun. Das wäre ein Beispiel.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Caritas | Italien | Abschiebung | Aufenthaltserlaubnis | Somalia | Arbeitskollege
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