Rituale : "Die jüdische Gemeinde muss über Beschneidung reden"

Das Thema Beschneidung darf im Judentum kein Tabu sein. Im Interview spricht sich Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden, für eine offene Debatte aus.

ZEIT ONLINE: Herr Kramer, inzwischen hat das Bundeskabinett einem Entwurf zugestimmt , der Beschneidungen in Deutschland künftig unter bestimmten Bedingungen möglich macht. Haben Sie gewonnen?

Stephan Kramer: Triumphgeheul verkneife ich mir. Wir sind einen wichtigen Schritt weiter, aber der Weg ist noch lang. Trotzdem: Das Gesetz ist eine Verschlechterung des bisherigen Zustands und die Diskussion ist ja keineswegs mit dem Gesetzentwurf erledigt.

Erstens müssen jetzt die Abgeordneten des Deutschen Bundestags sich in Ruhe ihre Meinung bilden, und ich bin keineswegs sicher, wie die sich entscheiden werden, auch wenn wir viel Unterstützung aus der Politik erhalten haben. Aber nicht immer ist das Meinungsbild der Parteibasis identisch mit der Position der Parteiführung.

Zweitens geht es neben der Rechtssicherheit darum, für mehr gesellschaftliche Akzeptanz und Verständnis zu werben. Was angesichts der hochemotionalen Debatte schwierig, aber nicht unmöglich ist.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie den bisherigen Verlauf der Debatte wahrgenommen?

Kramer: Die Situation ist nicht so schwarz-weiß wie viele glauben. Die Beschneidung ist objektiv eine Körperverletzung, wie übrigens jede Blutabnahme oder Impfung beim Arzt auch. Es ist auch idiotisch, Kritik daran mit dem Argument abzutun, es täte nicht weh. Es tut weh. Es ist auch dummes Zeug, die Sache damit zu bagatellisieren, dass Mann diese paar Zentimeter Haut doch nicht braucht.

Wir müssen auch begründen wie wir rechtfertigen, dass die körperliche Züchtigung eines Kindes – zu Recht – verboten ist, aber ihm ein Stück von der Vorhaut abzuschneiden soll in Ordnung sein.

ZEIT ONLINE: Verblüffend, wie weit Sie den Gegnern der Beschneidung entgegenkommen. Warum wollen Sie die Beschneidung dann überhaupt noch verteidigen?

Kramer: Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Die Beschneidung ist für mich ein religiös konstitutives, körperlich sichtbares Siegel des Bundes mit Gott, dessen ritueller Vollzug am achten Tag nach der Geburt für einen männlichen Juden nicht zur Disposition steht. Und trotzdem muss ich doch zumindest auf die sachlichen Argumente der Kritiker eine Antwort finden und mich auch selbst vergewissern.

Ich habe mehrere Rabbiner gefragt: Wir haben so vieles abgeschafft, was in der Thora steht, warum nicht auch das? Die meisten Argumente überzeugen mich nicht wirklich: Es sei identitätsstiftend, und man hat es seit 5.000 Jahren so gemacht. Das allein kann noch keine Begründung sein, die mich zufrieden stellt. Natürlich heißt es, ein Jude, der nicht beschnitten ist, kann nicht heiraten, nicht aus der Thora lesen und auch nicht an einem Seder-Abend teilnehmen. Aber ich habe noch nie erlebt, dass am Eingang der Synagoge das Geschlechtsteil kontrolliert wird.

Nein, im Ernst: Ich finde, wir können, ja wir müssen über vieles reden. Insofern könnte man der Debatte sogar etwas Positives abgewinnen, weil noch nie so viel über das Thema Beschneidung – auch in der jüdischen Gemeinschaft – gesprochen wurde. Aber wir kommen ja gar nicht dazu, darüber in Ruhe miteinander zu diskutieren, auch in der jüdischen Gemeinde, weil ständig Leute mit dem Finger auf uns zeigen und uns schulmeisterlich als Kinderschänder beschimpfen, oder die Beschneidung mit Folter und Verstümmelung gleichsetzen und von blutigen Ritualen schwadronieren, was mit der geübten Beschneidungspraxis nichts zu tun hat.

Wir Juden brauchen auch keinen Nachhilfeunterricht in Sachen Kindesliebe. So ein aggressiv aufgeladenes Klima schafft bestimmt keine Freiräume, in denen die eigenen Traditionen überdacht werden können. Und es ist dieses Klima, das mir Sorgen macht. Die Aggressivität und Intoleranz nimmt zu.

ZEIT ONLINE: Sie sind ja selbst kürzlich angegriffen worden.

Kramer: Nicht nur ich, es häufen sich die Vorfälle. Die Aggressionen richten sich nicht nur gegen Juden, auch gegen Muslime und gegen die Religion schlechthin.

ZEIT ONLINE: Also wie geht es jetzt weiter in Sachen Beschneidung?

Stephan J. Kramer

ist Generalsekretär des Zentralrats der Juden.

Kramer: Die bisherige jüdische Beschneidungspraxis widerspricht weder dem Gesetzentwurf noch dem Schutz des Kindeswohls generell, welches übrigens auch für jüdische Eltern seit Jahrtausenden nie in Frage gestanden hat. Das werden wir mit sachlichen Argumenten und Transparenz versuchen weiter deutlich zu machen. Es gibt im Gesetzentwurf ein paar interpretationsfähige Punkte, über die man jetzt einfach intensiv miteinander reden muss.

Wir haben vorgeschlagen, die schon bestehende religionsrechtliche und medizinische Ausbildung der jüdischen Beschneider (Mohalim) nicht nur transparenter zu machen, sondern auch für Deutschland zu zertifizieren und damit hohe Ausbildungsstandards zu garantieren. Dabei wollen wir auch die Ärzteverbände einbeziehen und von der Seriosität des Verfahrens überzeugen. Das gilt auch für die Kinderärzte, die zu den schärfsten Kritikern gehören.

Wir haben Gesprächsbereitschaft signalisiert, dass die Beschneidung nach den ersten sechs Monaten des Kindes beispielsweise in einem Krankenhaus durchgeführt werden muss. Dass ein Arzt auch vorher dabei ist, wenn der Mohel die Bescheidung durchführt. Über all das diskutiere und verhandele ich sehr gerne mit Leuten, denen das Kindeswohl wirklich am Herzen liegt und die eine sachliche und respektvolle Debatte führen wollen. Nur mit Demagogen ist diese Diskussion zwecklos.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

598 Kommentare Seite 1 von 34
Der Kommentarbereich dieses Artikels ist geschlossen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Lieber Gott??.. Egal welche Motive??..

Ich bin auf gegen die Beschneidung von Kindern.
Aber ihre Argumentation ist doch vollkommener Unsinn.
Erstens würde ich die existenz des "lieben Gottes" sehr in frage stellen, und zweitens gibt es sehr wohl Motive warum man an kleinen Kindern "herumschnippeln" sollte.
Bsp. Kind kommt mit Hirntumor auf die Welt und kann nur durch die Entfernung des Turmors weiterleben.

Endlich...

...einmal ein Beitrag, dem ich Aufgeklärtheit und Vernunft ansehen kann. Bis jetzt war vieles, was ich aus der Befürworter-Riege gehört habe, ähnlich fruchtbar wie die die Antworten, die der Interviewpartner bekommen hat, und meist hysterisch. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das in einer aufgeklärten Religion Mehrheitsmeinung ist.

Naja - nicht wirklich offen

Tatsächlich räumt Kramer eine Menge Kritikpunkte ein. Wenn er dann aber sagt

"Die Beschneidung ist für mich ein religiös konstitutives, körperlich sichtbares Siegel des Bundes mit Gott, dessen ritueller Vollzug am achten Tag nach der Geburt für einen männlichen Juden nicht zur Disposition steht. Und trotzdem muss ich doch zumindest auf die sachlichen Argumente der Kritiker eine Antwort finden und mich auch selbst vergewissern.",

dann frage ich mich schon, was das für eine Auffassung von Diskussion ist, wenn sie nicht ergebnisoffen sein soll. Wenn das Ergebnis schon feststeht aber die Argumente noch gefunden werden müssen, läuft irgendwas schief. Dann werden nämlich Argumente für das gewünschte Ergebnis gesucht statt nach Sichtung der Argumente zu einem Ergebnis zu kommen.

weiter sagt er
"Die bisherige jüdische Beschneidungspraxis widerspricht weder dem Gesetzentwurf noch dem Schutz des Kindeswohls generell, welches übrigens auch für jüdische Eltern seit Jahrtausenden nie in Frage gestanden hat."

Naja, ein Kinderschutzniveau, von dem man sagen kann, dass es (egal in welcher Gesellschaft) seit Jahrtausenden besteht, kann kein allzu hohes Niveau sein. Schließlich war es bis ins letzte Jahrhundert hinein in den meisten Kulturkreisen (auch jüdischen und muslimischen) z.B. akzeptiert, Kinder körperlich zu züchtigen oder zur Teilnahme an religiösen Ritualen zu zwingen (selbst bei einem schon älteren Kind, das erklärtermaßen nicht wollte).

Sie verwechseln Ergebnissoffenheit mit Nachgeben

ZITAT: "dann frage ich mich schon, was das für eine Auffassung von Diskussion ist"

Und ich frage mich, was für eine Auffassung von Diskussion es sein soll, seinen Diskussionspartner selektiv zu zitieren. Im Anschluss an das von Ihnen gebrachte Zitat, hat der Mann nämlich gesagt:

"Ich habe mehrere Rabbiner gefragt: Wir haben so vieles abgeschafft, was in der Thora steht, warum nicht auch das? Die meisten Argumente überzeugen mich nicht wirklich: Es sei identitätsstiftend, und man hat es seit 5.000 Jahren so gemacht. Das allein kann noch keine Begründung sein, die mich zufrieden stellt. Natürlich heißt es, ein Jude, der nicht beschnitten ist, kann nicht heiraten, nicht aus der Thora lesen und auch nicht an einem Seder-Abend teilnehmen. Aber ich habe noch nie erlebt, dass am Eingang der Synagoge das Geschlechtsteil kontrolliert wird."

Ich erkenne hierin einen Juden, der an seine Religion und auch an die Traditionen glaubt, sie aber dennoch vollständig insgesamt zur Debatte stellt. Er hat sich an die Führer seiner Religion gewandt und angefangen nachzuhaken.

Dafür, dass diese Tradition 5000 Jahre existiert ist das eine sehr schnelle Bereitschaft sich kritisch damit auseinanderzusetzen.

Was Sie jedoch erwarten ist, dass man sofort sagt "Jep, wir machen es so wie ihr es wollt."

Wo ist denn Ihre Ergebnisoffenheit? Auf welchen Kompromiss lassen Sie sich ein, wenn Sie verlangen, dass Ihren Vorstellungen entsprechend die Tradition ohne Widerworte aufgegeben wird?

Was ändert das?

"Und ich frage mich, was für eine Auffassung von Diskussion es sein soll, seinen Diskussionspartner selektiv zu zitieren."

Den gesamten Artikel hier als Kommentar zu wiederholen erscheint mir nicht sinnvoll (und wäre dann auch kein Zitat mehr). Den Satz mit "nicht verhandelbar" hat Herr Kramer im ganzen Interview nicht relativiert und genau darauf habe ich mich bezogen.

"Auf welchen Kompromiss lassen Sie sich ein, wenn Sie verlangen, dass Ihren Vorstellungen entsprechend die Tradition ohne Widerworte aufgegeben wird?"

Wo habe ich das bitte gefordert?

Ich wehre mich vorwiegend dagegen, dass etwas WEGEN EINER RELIGION ODER TRADITION erlaubt sein soll. Wir können allgemein (und von meiner Seite ernsthaft ergebnisoffen) diskutieren, welche Art von Eingriffen an nicht einwilligungsfähigen Kindern erlaubt sein sollen. Im Ergebnis wird dann festgelegt, was erlaubt ist und was nicht. Dabei sollte Eltern unabhängig von ihrer Religion das gleiche erlaubt und verboten sein. Wer nach Idealen wie Schönheit, Gesundheit, Sauberkeit, Gleicheit, Erkenntnisgewinn oder was auch immer strebt, sollte grundsätzlich das Gleiche dürfen, wie ein religiöser Mensch zur Besiegelung des Bundes mit seinem Gott.

Den Nachweis des Geeignetheit eines Verfahren kann man bei einem religiösen Ritual nicht erbringen. Soweit Eingriffe also ohne Indikation zulässig sein sollen, muss dies entsprechend für Alle gelten (und auch für alle Eingriffe vergleichbarer Schwere).

Der Kommentarbereich dieses Artikels ist geschlossen. Wir bitten um Ihr Verständnis.