Leserartikel

TraditionBeschneidungen passen nicht in eine moderne Gesellschaft

Seit Generationen werden fast alle Männer in der Familie von Leser Avi Steinberg beschnitten. Er hält diese Tradition für nicht mehr zeitgemäß. von 

In unserer Familienchronik genießt mein Ur-Ur-Ur-Großvater, der 1762 in Frankfurt am Main geborene Rabbiner Moses Schreiber, besonderes Renommee. Er war zu seiner Zeit die bedeutendste Instanz des orthodoxen Judentums in Europa und ein entschiedener Gegner der Reformbewegung, die das Judentum im Geist der Aufklärung modernisieren wollte. Er setzte sich gegen jene zur Wehr, die unter anderem eine Abkehr von der Beschneidung propagierten.

Vor Kurzem berichtete mir eine Verwandte mit Stolz: "Weißt Du, dass Moses Schreiber kurz vor seinem Tod als letztes Kind noch seinen Enkel, also unseren Urgroßvater, beschnitten hat?" Drei Wochen später starb der Rabbiner im Alter von 77 Jahren. Donnerwetter, dachte ich, der Mann hat sich in dem Alter noch an das Glied eines Babys gewagt! Offensichtlich schützt Gott die Kinder unserer Familie.

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Ich bin in Israel geboren, wo meine Familie seit zwei Generationen lebt. Schon als Kind brachte mir meine Mutter wiederholt bei, dass als Jude gilt, wer Sohn einer jüdischen Mutter ist – egal ob beschnitten oder nicht. Warum sie dies so oft betonte, wurde mir klar, als sie mir auf ihrem Sterbebett mitteilte, dass mein Vater unbeschnitten ist. Seine Eltern waren deutsche Freidenker und Atheisten jüdischer Abstammung, die das Ritual ablehnten. Offensichtlich wollte meine Mutter sicherstellen, dass mir keine Zweifel an meiner Glaubenszugehörigkeit oder der meines Vaters kommen, falls ich eines Tages davon erfahren würde. 

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Ich selbst wurde natürlich beschnitten. Auch mir erschien diese Tradition zunächst selbstverständlich, als ich meinen Sohn vor 24 Jahren beschneiden ließ. Kurz vor dem Eingriff kamen mir aber Zweifel: Dem Beschneider war etwas schwindelig, er war auf den Treppen gestolpert. Es werde schon gut gehen, meinte er aber. Wir ließen ihn nur zögernd an unseren Sohn heran. Das Glück sorgte wie schon bei meinem Urgroßvater dafür, dass nichts schlimmeres passierte.

Dennoch hatte ich anschließend Probleme, diese Entscheidung mit meiner Vernunft und meinem Gewissen zu vereinbaren. Die in Deutschland entflammte Diskussion zwang mich nun, meine Gedanken darüber zusammenzufassen und eine klare Position einzunehmen: Mich stört nicht nur die Leichtfertigkeit, mit der viele religiöse Beschneidungen vorgenommen werden. Es geht mir allgemein darum, dass ohne medizinischen Grund ein Eingriff am Körper Neugeborener vollzogen wird, nur weil die Tradition es so will. In einer aufgeklärten Gesellschaft, in der die Menschenwürde das höchste Gebot ist, ist diese Tradition moralisch nicht vertretbar und sollte strafbar sein. Die Beschneidung verstößt zudem gegen das hohe Gebot der Nächstenliebe, das ja gerade im Judentum betont wird.

Ähnliche Gedanken hatte meine Tochter, als sie ihren Sohn zur Welt brachte. Wie andere israelische Eltern heutzutage hat sie erwogen, ihn nicht beschneiden zu lassen. Schließlich entschied sie, den Eingriff von einem Arzt vornehmen zu lassen, ohne eine religiöse Zeremonie. Sie wollte nicht, dass ihr Kind später von der Gesellschaft als "anders" gebrandmarkt würde. Sie sagte mir: "Hätte ich in Deutschland gelebt, hätte ich es nicht gemacht."

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Leserkommentare
  1. Danke für diesen Artikel, er beschreibt sehr treffend das unsinnige Traditionen nicht unbedingt fortgeführt werden müssen. Und mein Wissenstand ist der, das die Beschneidung medizinisch unsinnig ist.

    Schön, das diese Diskussion nun sachlich geführt werden kann, abseits aller antisemitischer und antimuslimischer Vorwürfe.

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    "Schön, dass diese Diskussion nun sachlich geführt werden kann, abseits aller antisemitischer und antimuslmischer Vorwürfe"

    ... u n d aller Rassismus-Vorwürfe ...

    Es ist schoen zu hoeren wie Deutsche ueber "Tradition" reden.
    Wer bestimmt eigentlich was Eine Tradition ist?
    Der Screiber, wie ich von der gleichen Familie stammend, sehen das eben anders, und so soll es bleiben. Jeder soll nach seiner Art tun wie er / sie es fuer richtig halten. Die Deutschen haben uns allen schon einmal gezeigt was eine "Meinung" bringt: 1933-45 soll als ewies Mahnmal bleiben.
    Oder soll doch diese "Tradition" wieder belebt werden?

  2. Selbst die Argumenatation aus der Tradition heraus ist unsinnig. Einerseits verbieten und verabscheuen wir Beschneidungen aus der Tradition heraus bei Mädchen. Jedoch die Tradition, die wir bei Mädchen ablehnen, führen wir bei Jungs an - das Ganze zeigt schon wie haltlos diese Diskussion ist - wie unsachlich - wie unaufgeklärt - wie wenig uns am Ende unsere eigenen Errungenschaften, die wir in unseren Verfassungen hochhalten, wert sind.
    Und das ist der Kern, der mich an jeglicher Befürwortung von Jungsbeschneidungen aus Tradition und "geschichtlicher Schuld" abstösst - wir lassen jegliche Vernunft vor der Tür.

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    Die Tradition des Judaismus ist schon fraglich und steht auf wankendem Boden.

    Der älteste Nachweis einer Beschneidung stammt im Jahr 2420 v. Chr. aus Ägypten. Die Israeliten beschnitten sich laut AT wie ihre Nachbarvölker auch und aus nichtreligiösen Gründen. Die religiöse Begründung entstand erst im babylonischen Exil, weil sich Israeliten von Babyloniern durch die Beschneidung unterschieden. Beschneidung ist also ein archaischer Brauch, der nicht von Juden erfunden wurde.

    Der Widerstand gegen das bestehende Verbot religiöser Beschneidung entspringt also der Assimilationsangst aus dem babylonischen Exil im 5. Jh. v. Chr.. Dabei wird die Bedeutung der Beschneidung von Jungen überschätzt! Zwar erkennt die jüdische Frau im Exil an der Beschneidung einen jüdischen Sexualpartner, aber das ist für sie irrelevant, weil jedes Kind einer jüdischen Frau jüdisch ist. Da jüdische Männer jüdische Kinder aber nur mit jüdischen Frauen haben können, wäre es wichtiger, dass jüdische Frauen ein körperliches Unterscheidungsmerkmal trügen. Die Beschneidung von Mädchen wurde aber nicht praktiziert.

    In hellenistischer Zeit im 4. Jh. v. Chr. gab es laut AT Juden, die versuchten ihre Beschneidung rückgängig zu machen. Sie waren also mit ihrer Beschneidung nicht zufrieden.

    Für den Fortbestand des Volkes im Exil war die gemeinsame Religionsausübung und die Organisation in Familien viel wichtiger als die Beschneidung der Jungen, weil sich so junge, jüdische Paare bilden konnten. Und für den Fortbestand der Religion war die Ausbildung von Traditionen wie die Erzvätererzählung, die Schöpfung-, die Exodus- und die Sabbattradition entscheidend (s. a.: www.wibilex.de/stichwort/..., Kapitel 5.2.).

    Die Tora ist etwa seit 440 v. Chr. schriftlich fixiert. Seitdem ist es den Rabbinern gelungen, die praktische Religionsausübung an neue Gegebenheiten anzupassen, ohne die Schriften zu verändern. Ob es reicht, wie gewohnt die Tora so auszulegen, dass die religiösen Gesetze dem Leben dienen, oder ob aus der Tora ein Recht auf körperliche Unversehrtheit abgeleitet werden muss, ist Aufgabe der Rabbiner als religiöse Autoritäten. Man muss sogar erwarten, dass manche Rabbiner dazu nicht bereit sind.

    Andere Gemeindemitglieder werden im Beschneidungsverbot keinen willkürlichen Akt des Antisemitismus erkennen, sondern vielmehr die konsequente Auslegung des Grundgesetzes in einem Rechtsstaat. Manche haben sich schon vorher aus eigener Überlegung gegen die Beschneidung gewandt (s. a.: http://www.hagalil.com/be...). Und solange es jüdische Gemeindemitglieder in Deutschland gibt, wird es Rabbiner geben, die ihre Aufgaben wahrnehmen.

    nachdenken.

    Wenn Eltern ihr Elternrecht dazu (miss)brauchen, um das abgeschnittene Vorhäutchen des Säuglings in den Organhandel zu bringen, ist das eine Misshandlung des Säuglings oder doch gar nicht so schlimm und auch nicht sein Eigentum, das man ihm nimmt und verkauft zum guten Zweck? Bei Brandverletzungen braucht man Hautverpflanzungen!?? In der Kosmetikindustrie soll es auch ein Geldwert sein.

    Vielleicht begreift der Gesetzgeber doch noch, dass es um das Menschenrecht des Kindes geht und nicht um irgend eine fremde, merkwürdige Motivation.

  3. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Vielen Dank. Die Redaktion/kvk

  4. macht eben nicht, wie die Kanzlerin es formulierte, unser Land zu einem Komikerstaat, sondern stärkt denjenigen den Rücken, die langsam Zweifel an der Tradition der Penisverstümmelung bekommen.

    Ich wünsche mir, dass dieser Diskurs ein Umdenken initiiert und viele Babies vor dieser irreversiblen schmerzhaften Prozedur bewahrt.

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    Liebe/r Capricia,

    Da die Kanzlerin als Pastorentochter vermutlich nicht beschnitten ist (es gibt ja auch Frauenbeschneidung in verschiedenen Kukturen) und als kinderlos auch nicht vor der Entscheidung stand einen Sohn "im Namen Gottes" zu mutilieren findet sie die ganze Debatte peinlich. Ich wurde mich nicht wundern wenn sie keine Ahnung hat um was es geht und dann empfiehlt schweigen um nicht als etwas weltfremd dazustehen....

    Anmerkung: Bitte bleiben Sie sachlich und vermeiden Sie Unterstellungen. Danke, die Redaktion/ds

  5. endlich wird mal angesprochen, dass es auch innerhalb dieser Glaubensrichtung durchaus andere Standpunkte gibt.

  6. 6. mutig

    Sehr geehrter Herr Steinberg,

    Sie haben viel Mut. In eine Diskussion, die weithin in vergifteter Atmosphaere stattfand, durch ein offenes Selbstbekenntnis einzugreifen, erfordert Mut und Vertrauen in die demokratische Kultur des Umfeldes.

    Fuer das so ausgedrueckte Vertrauen moechte ich mich auch herzlich bedanken.

    Ihr persoenlicher Standpunkt, der Ihnen wie jedem anderen selbstverstanedlich zusteht, ist klar zum Ausdruck gebracht worden.

    Er kann aber meines Erachtens nicht etwa dazu herangezogen werden, ein gesetzliches Verbot der Saeuglingsbeschneidung in Deutschland zu begruenden.

    Nach meiner Ueberzeugung entspricht das von Ihnen geaeusserte Verstaendnis eines Gegensatzes von Beschneidung und Menschenwuerde nicht demjenigen verstaendnis von Menschenwuerde, das unserem Grundgesetz als normierende Norm zugrunde liegt.

    Wenn auch Sie und Ihre Tochter die Beschneidung fuer sich und weitere maennliche Nachkommen ablehnen, ist es doch, soweit ich Ihrem text entnehmen konnte, nicht etwa so, dass Sie etwa auch ein verbot der Beschneidung in Israel fordern wuerden, um etwa auch alle Nachbarn davon abzuhalten, ihre maennlichen Nachkommen zu beschneiden.

    Warum also sollte dies in Deutschland gefordert werden?

    Mit den neueren bestrebung zur gesetzlichen Regelung inDeutschland bin ich persoenlich einverstanden. Peinlich ist mir nur, dass diese Gesetzesinitiative durch nach meiner Ueberzeugung unbedachtes und juristisch zu kurzsichtiges Handeln eines Gerichtes noetig wurde

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Dieterf
    • 19. Oktober 2012 11:24 Uhr

    @Kommentar 6: Ich habe den Eindruck, dass Sie den Leserartikel gründllich missverstanden haben. Es heisst dort ganz klar: "Es geht mir allgemein darum, dass ohne medizinischen Grund ein Eingriff am Körper Neugeborener vollzogen wird, nur weil die Tradition es so will. In einer aufgeklärten Gesellschaft, in der die Menschenwürde das höchste Gebot ist, ist diese Tradition moralisch nicht vertretbar und sollte strafbar sein. Die Beschneidung verstößt zudem gegen das hohe Gebot der Nächstenliebe, das ja gerade im Judentum betont wird."

    Ich kann beim besten Willen nicht sehen, wieso das nicht nur auf Deutschland, sondern ebenso auf Israel zutrifft und auch so gemeint ist.

    • GDH
    • 19. Oktober 2012 13:15 Uhr

    "Peinlich ist mir nur, dass diese Gesetzesinitiative durch nach meiner Ueberzeugung unbedachtes und juristisch zu kurzsichtiges Handeln eines Gerichtes noetig wurde"

    Was soll an der Entscheidung denn kurzsichtig gewesen sein?
    Wäre die Gerichtsentscheidung falsch gewesen, hätten andere Gerichte ja anders urteilen und insbesondere ein Gericht höherer Instanz das Urteil aufheben können. Ein Gericht hat sich nicht um die öffentliche Meinung zu kümmern sondern um die Gesetzes- und Faktenlage.

    Kurzsichtig erscheint mir die Gesetzesinitiative an sich, denn hier wird praktisch eine Ausnahme von einem allgemeinen Gesetz gemacht, das in allen anderen vergleichbaren Fällen (also irgendwie mit Brauchtum begründeten anderen Körpervereltzungen an Kindern) weiter gelten soll und damit die Gleichheit vor dem Gesetz ausgehöhlt.

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

    Lieber Be Root,

    Danke fuer Ihr Kommentar auf meinen Artikel.
    Ich habe den Artikel als Mensch geschrieben der Koerperverstuemellung an einem anderen Menschen aus jeglichem Grund als Menschenunwuerdig haelt (fuer Taeter und Opfer)und daher meint das sie in einem Rechtsstaat verboten werden muss.Deutschland behauptet so ein Staat zu sein und hat es mit dem Koelner Urteil bewiesen. Die Angelegneit sollte zum Verfassungsgericht gelangen (am besten auf Europaebene)und duerfte nicht den Politikern ueberlassen werden. Ich habe mich in die Debatte in Deutschland eingeschaltet weil ich auch deutscher Staatsbuerger bin . In Israel haben wir leider krassere und dringendere Themen von Menschenrechtsverletzung die es zu bekaempfen gilt.
    Avi Steinberg

    Ihre Arguentation laeuft doch hier voellig ins Leere, denn offensichtlich haben Sie Text des Autors nicht gelesen oder nicht verstanden. Dort steht:"In einer aufgeklärten Gesellschaft, in der die Menschenwürde das höchste Gebot ist, ist diese Tradition moralisch nicht vertretbar und sollte strafbar sein. Die Beschneidung verstößt zudem gegen das hohe Gebot der Nächstenliebe, das ja gerade im Judentum betont wird." Wie kommen Sie also zu der These, der Autor wuerde die Strafbarkeit der Beschneidung in DE befuerworten, in Israel aber nicht?

    • sharia
    • 19. Oktober 2012 10:48 Uhr

    ob die redaktion das bild mit siddur und besteck wohl so drehen könnte, dass der siddur (das gebetbuch) nicht mehr auf dem kopf steht?

  7. Entfernt. Nutzen Sie den Kommentarbereich bitte, um sich sachlich über den konkreten Artikelinhalt auszutauschen. Danke. Die Redaktion/kvk

  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Alter | Arzt | Aufklärung | Baby | Beschneidung | Eltern
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