Neun Angeklagte hatten sich bereits zu Wort gemeldet, den Richter um ein gerechtes Urteil gebeten, von Hunger, Angst und Armut im Krieg in Somalia berichtet. "Mein Heimatland ist zusammengebrochen. Ich bitte den Herrn Vorsitzenden: Seien Sie gerecht", sagte einer von ihnen.

Endlich, nach zwei Jahren, sollte der Piraten-Prozess in Hamburg , eines der längsten Verfahren in der Hamburger Rechtsgeschichte , zu Ende gehen. Die Plädoyers der Ankläger und Verteidiger waren gehalten, dann passierte wieder einmal etwas Unerwartetes in dem Prozess gegen die zehn Somalier.

Einer der Männer, die sich im fernen Deutschland wegen schweren Eingriffs in den Seeverkehr und erpresserischen Menschenraubs vor der somalischen Küste verantworten mussten, belastete einen seiner Mitangeklagten, nannte einen neuen Zeugen.

Das große Finale schien geplatzt zu sein

An diesem Mittwochnachmittag, Mitte Oktober, schien der Piratenprozess erneut einfach kein Ende zu finden. Die Gesichter der meisten Angeklagten zeigten Ratlosigkeit und Resignation. Sie befürchteten wohl, dass ihnen weitere Wochen des Wartens bevorstehen würden. Das große Finale, für diesen Freitag angesetzt, schien geplatzt zu sein.

Die große Strafkammer aber lehnte einen weiteren Beweisantrag ab. Richter Bernd Steinmetz begann nach der Mittagspause mit der Urteilsverlesung. Die zehn Angeklagten seien schuldig, sie hätten das Schiff Taipan an Ostern 2010 angegriffen, stellte er fest. Daran hatte seit zweieinhalb Jahren allerdings auch kaum jemand gezweifelt.

Der eigentliche Fall war aber in diesem Verfahren fast zur Nebensache geraten. Die Angeklagten schwiegen, dafür redeten die Rechtsanwälte. Der Ablauf wurde immer zögerlicher und quälender, es ging um die Auslegung der Strafprozessordnung, Fragen zum Jugendstrafrecht und generell um die Rechtmäßigkeit des Verfahrens.

Angeklagt waren die Somalier, weil sie die Taipan vor zweieinhalb Jahren mit Panzerfäusten und Kalaschnikows beschossen, das Schiff enterten, dann aber mit der Entführung scheiterten. Niederländische Soldaten befreiten die Crew und nahmen die Piraten fest.

Die Seeräuber wurden in die Niederlande gebracht und nach einigen Wochen an die Bundesrepublik überstellt. Das angegriffene Schiff gehört der Hamburger Reederei Komrowski, zwei Besatzungsmitglieder kamen aus Deutschland. In Hamburg, wo vor mehr als 600 Jahren dem legendären Piraten Störtebeker der kurze Prozess gemacht wurde, musste die Justiz ein Verfahren führen, das es in der deutschen Nachkriegsgeschichte noch nicht gegeben hat.