Im Flüchtlingslager von Saatari nahe der nord-jordanischen Stadt Mafraq © Ali Jarekji/Reuters

Ismail wirkt etwas verwirrt in seiner neuen Umgebung. Der Sechsjährige aus einem Vorort von Damaskus musste vor einer Woche aus seiner Heimat fliehen. Jetzt lebt er im Norden von Jordanien im Flüchtlingslager von Saatari in der Nähe der Stadt Mafraq. "Ich bin hier wegen der Raketen und der Bomben. Mein Haus ist kaputt. Ich habe gar nicht geglaubt, dass es unser Haus ist – ich konnte es nicht mehr wiedererkennen. In Syrien habe ich so viele Raketen gesehen. Sie sind hoch in den Himmel geflogen und dann explodiert", erzählt Ismail in dem staubigen, heißen Zelt, in dem er zwischen seinen Geschwistern sitzt.

Der junge syrische Flüchtling erinnert sich auch, wie ihr Haus beschossen wurde: "Viele Kugeln sind durch das Fenster gekommen. Ich habe sie aufgehoben. Sie waren das Einzige, was ich mitgenommen habe von zu Hause." Als sie über die Grenze kamen, sagte seine Mutter Hafa ihm, dass er die Patronenhülsen wegwerfen muss. Ismail vermisst sein Zuhause. Jeden Tag betet er zu Gott, wieder dort zu sein.

Er ist einer von mehr als 30.000 Syrern in Saatari, über die Hälfte aller Flüchtlinge in Jordanien sind Kinder. Das Lager von Saatari liegt in der Wüste, unweit der syrischen Grenze. Es sind 40 Grad, die heiße Luft ist voll feinem Staub, der alles in dem Lager unter sich bedeckt. Es gibt keine Vegetation – weder Bäume noch Büsche – und keinen Schatten, nur Zelte und ein paar Container internationaler Hilfsorganisationen. Die Mehrzahl der bis zu 200.000 Syrer in Jordanien lebt außerhalb solcher Camps. Viele sind bei Familie und Freunden untergekommen oder mieten Zimmer und Wohnungen mit dem Geld, das ihnen geblieben ist.

Traumata bekämpfen

Weil die Familien oft wirtschaftliche Not leiden, nimmt die Sorge vor der Ausbeutung von Kindern zu. Gerüchte um Zwangsehen und sexuellen Misshandlungen von Flüchtlingsmädchen kommen auf, die UNICEF bestätigt zudem einen Anstieg der Kinderarbeit. Manche der Kinder, die außerhalb der Lager leben, haben bereits die Schule verlassen und angefangen in Cafés zu arbeiten. Häufig ist dies die einzige Überlebensmöglichkeit für die Familien, da in vielen Fällen nur die Frauen mit den Kindern nach Jordanien gekommen sind. Frauen, die arbeiten, werden aus kulturellen Gründen oft gesellschaftlich geächtet.

Die Familie der vierjährigen Rama hat eine kleine Wohnung in Amman gemietet. Sie ist sauber und aufgeräumt. Ramas Vater hatte Geld gespart, bevor ein Panzer sein Geschäft in Damaskus zerstörte, in dem er Heizungen verkaufte. Rama und ihre sechs Jahre alte Schwester sind einheitlich angezogen, weiße Schuhe mit Blumen darauf, rosa Hosen und ein weißes Kleid. In Syrien hatte Rama einen imaginären Freund: Tamim. Sie erzählte ihm alles. Seit Rama in Jordanien ist, hat sie nicht mehr mit ihm gesprochen. Sie sagt: "Jetzt ist Tamim tot."