Der Opferbeauftragte des Landes Berlin Roland Weber © picture alliance / dpa

ZEIT ONLINE: Herr Weber, Anfang Oktober ernannte der Berliner Justizsenator Thomas Heilmann Sie zum ersten landesweiten Opferbeauftragten in Deutschland. Warum braucht Berlin einen Opferbeauftragten?

Roland Weber: Sicher nicht, weil es hier so schrecklich ist, sondern um den Opferschutz zu verbessern.

ZEIT ONLINE: Aber ist Berlin wirklich so sicher? Die Anzahl der Straftaten ist im vergangenen Jahr gestiegen. Außer in Bremen gibt es nirgendwo in Deutschland mehr Gewaltverbrechen pro Einwohner.

Weber: Man sollte diesen kurzfristigen Trend nicht überbewerten. Genau wie im bundesweiten Durchschnitt sind die Kriminalitätsraten auch in Berlin jahrelang gesunken.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie sich dann den Anstieg der Kriminalität im vergangenen Jahr? Vor allem Diebstähle haben in hohem Maße zugenommen.

Weber: Genau weiß ich das nicht. Ein Grund könnten reisende Tätergruppen aus Osteuropa sein, die auf Taschendiebstähle bei Touristen oder auf Wohnungseinbrüche spezialisiert sind. Solche Banden werden in Berlin zunehmend zum Problem. Eine weitere Entwicklung, die ich mit Sorge beobachte, betrifft Berlins Außenbezirke. Die steigenden Mieten haben viele sozial schwache Familien dorthin vertrieben. So entstehen vielerorts neue soziale Brennpunkte. Ich frage mich, in welcher anderen deutschen Stadt es so trostlose Bezirke wie Hellersdorf und Marzahn gibt.

ZEIT ONLINE: Sind die sozialen Probleme in Berlin größer als in anderen Großstädten?

Weber: Das würde ich so nicht sagen. Die Lage in Berlin wird allerdings durch die leeren Stadtkassen verschärft. Reicheren Städten steht viel mehr Geld für Präventionsmaßnahmen zur Verfügung. Hier schreiben die Bezirke gerade wieder Brandbriefe, weil es demnächst noch weniger Geld für Jugendarbeit geben soll. Wenn ich so etwas höre, sträuben sich mir die Nackenhaare.

ZEIT ONLINE: Warum?

Weber: Natürlich muss Berlin sparen, aber ich halte es für keine gute Idee, ausgerechnet bei der Jugendarbeit zu kürzen. Denn darin sehe ich eine wichtige Präventionsmaßnahme. Jugendliche werden von der Straße geholt und geraten weniger schnell auf die schiefe Bahn.

ZEIT ONLINE: Sie, als Opferbeauftragter, fordern also mehr Geld für Problemjugendliche, also potenzielle Täter?

Weber: Ja, genau das fordere ich.

ZEIT ONLINE: Bräuchte die Opferhilfe das Geld nicht genauso dringend?

Weber: Wenn die Opferhilfe aktiv wird, ist es in gewisser Weise schon zu spät. Als Opferbeauftragter sehe ich es auch als meine Aufgabe, mich für Gewaltprävention einzusetzen. Natürlich gilt mein Hauptaugenmerk den Opfern, doch an Hilfsangeboten für Opfer mangelt es in Berlin eher nicht. Der Opferschutz benötigt also nicht zwangsläufig mehr Geld, sondern bessere Koordinierung und einen höheren Bekanntheitsgrad.

ZEIT ONLINE: Was können Sie für Opfer bedeuten?

Weber: Ich agiere als Lotse zwischen Justiz, Polizei und Opfern. Der Opferschutz soll durch meine Ernennung politisch ein stärkeres Gewicht bekommen. Außerdem befasse ich mich mit Schwachstellen.

ZEIT ONLINE: Was für Schwachstellen?

Weber: Oft sind es vermeintliche Kleinigkeiten, die für Opfer jedoch von großer Bedeutung sind. Ein Beispiel: Wenn Sie Anzeige bei der Polizei erstatten wollen, erhalten Sie ein Merkblatt über die Opferrechte. In seiner heutigen Form ist es für 80 Prozent der Betroffenen jedoch völlig unverständlich. Ich habe die Polizei schon früher darauf hingewiesen, aber damals war ich eben nur der "Anwalt Weber" und es änderte sich nichts. Jetzt mache ich den gleichen Vorschlag als Opferbeauftragter und, siehe da, die Angelegenheit kommt ins Rollen.

Ein anderes Beispiel: In jeder Ermittlungsakte steht auch die Adresse des Geschädigten. Und plötzlich haben Sie einen Entschuldigungsbrief des Täters im Briefkasten. "Woher hat der Typ meine Adresse?", wollen Sie dann wissen. Ich verstehe solche Ängste und setze mich dafür ein, dass Anschriften künftig in der Akte geschwärzt werden und dass die Kommunikation ausschließlich über den zuständigen Anwalt läuft.