Dass der Friedensnobelpreisträger, der Dalai Lama, aus dem Exil etwas beitragen könne, um Nachahmer der Selbstverbrennung aufzuhalten, glaubt Tsering nicht. Aber heiligt der Buddhismus nicht das Leben? Und müsste ein tibetischer Geistlicher von der Prominenz des Dalai Lama nicht dafür einstehen, dass es grundsätzlich gegen die buddhistische Lehre ist, Leben zu nehmen und sei es das eigene? Tsering blinzelt hinter seiner Brille. Er hat hierauf eine Antwort. Auch Buddha habe, so die Überlieferung, einst einen Menschen getötet, um 100 weitere zu retten; im Buddhismus seien die Beweggründe wichtiger als die Taten, erklärt er. Mehr noch: "Sie verletzten sich selbst, nicht aber die Chinesen. Sie wollen China nicht schaden. Ihre Taten sind frei von Hass."

Tsering gibt die offizielle Haltung der Exilregierung wieder. Die meisten Exiltibeter würden ihm sicher zustimmen. Aber heiligt der Zweck die Mittel? Läuft das friedliebende Tibet so nicht Gefahr, einer Radikalisierung zum Opfer zu fallen?

Andeutung von Selbstzweifel beim Karmapa Lama

Das indische Friedensforschungsinstitut Foundation for Non Violent Alternatives (FNVA) befasst sich seit Längerem mit der Problematik in Tibet. Indien kann im Tibet-Konflikt leicht zwischen die Fronten geraten. Das Interesse an einer gewaltfreien Lösung des Problems ist daher groß. Die indische Tibet-Expertin Rebon Banerjee von FNVA und ihr Assistent, der junge Tibeter Chok Tsering, können sich die Selbstmorde der Tibeter deshalb nicht so einfach erklären. Ihrer Vermutung nach hat sich die Lage in Tibet seit dem Olympiajahr 2008 in Folge der weltweiten Anti-China-Proteste und der gewaltsamen Ausschreitungen in Tibet zugespitzt. Heute sei vor allem die Frustration unter jungen Tibetern groß. Und überwiegend jung seien auch die, die sich verbrennen.

Doch auch Banerjee und Tsering wagen es nicht, sich von den Selbstmordtätern zu distanzieren. "Sie sind für uns Märtyrer und Helden", sagen beide wie aus einem Munde. Der Tod durch Verbrennung hat etwas von Aufopferung. Auch Botschafter Tsering bezeichnet die Taten als Opfer. Doch ein Selbstmörder ist eben auch Täter. Trotzdem wagt sich niemand so recht an diese Fragen heran. Darf es im Buddhismus überhaupt Märtyrertum geben? Und wo verläuft eigentlich die Grenze, wenn der Zweck wirklich die Mittel heiligt?

Eine Andeutung von Selbstzweifeln lässt allenfalls der Karmapa Lama erkennen. Er betont immer wieder, dass der Konflikt zwischen China und Tibet im Dialog gelöst werden müsse. Beide Seiten müssten kompromissbereiter werden. Dass die Selbstverbrennung auf diesem Weg nicht weiterführen, würde er nicht sagen. Aber es lässt sich von seinen Lippen ablesen.