Tibetische Mönche"Selbstverbrennungen sind frei von Hass"

In Westchina verbrennen sich Tibeter aus Protest gegen Peking. Tibets Exilführung versucht die Toten zu rechtfertigen, dem Land droht eine Radikalisierung. von Imke Vidal

Der erste öffentliche Selbstmord eines Tibeters durch Verbrennung geschah im südwestchinesischen Sichuan . Der Norden dieser Provinz ist tibetisch geprägt, 2009 entzündete sich hier ein Tibeter aus Protest gegen die Unterdrückung seines Volkes und starb. Er löste damit eine Welle der Nachahmungen aus, seitdem setzten sich mehr als 60 Menschen selbst in Brand, die meisten davon Mönche und Nonnen. In den letzten Tagen waren es allein sechs Tibeter, darunter eine junge Mutter. Inzwischen sind in Westchina zudem Unruhen ausgebrochen. Tausende Tibeter, darunter viele Jugendliche, demonstrierten am Freitag im Kreis Tongren in der Provinz Qinghai. In Tongren waren zwei der letzten Selbstverbrennungen passiert.

Der Dalai Lama und die tibetische Exilregierung in Indien zeigen sich angesichts der öffentlichen Selbsttötungen tief betroffen. "Wir beten für die Verstorbenen. Wenigstens das kann man im Exil für sie tun", sagt Tempa Tsering, der Vertreter des Dalai Lama in Delhi . Auch der noch junge Karmapa Lama , das religiöse Erbe des Dalai Lama, verlangt Verständnis für die Selbstverbrennungen. Der wichtigste tibetische Heilige nach dem Dalai Lama spricht von der Verzweiflung, die einen Menschen zu einer solchen Tat dränge.

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China hingegen verhält sich gewohnt distanziert zu den Ereignissen. Zum Parteitag der Kommunisten in Peking betonen die staatlich dominierten Medien die zweistelligen Wachstumsraten in Tibet und sprechen vor allem von der vielversprechenden wirtschaftlichen Entwicklung. Politisch weicht man keinen Millimeter von der bisherigen Linie ab, die Selbstverbrennungen bleiben unerwähnt. Etwas anderes ist auch nach dem geplanten Führungswechsel in Peking nicht zu erwarten.

Sind Selbstmorde Ausdruck von Fanatismus?

Unterdessen spitzt sich laut der tibetischen Exilregierung die Lage in Tibet zu. Für die Exilregierung belegen die Selbstverbrennungen, dass Chinesen und Tibeter keine "harmonische Gesellschaft" ergeben, so wie sie die Parteipropaganda in Peking verordnet. Auch deshalb hält die Führung in Peking den Dalai Lama für einen Aufwiegler . Tibets geistige und exilpolitische Führung aber gibt die Schuldzuweisung ebenso vehement zurück. Der Verzweiflung der Tibeter, so gibt Dalai-Lama-Botschafter Tsering zu verstehen, könne nur die chinesische Regierung ein Ende bereiten.

Doch sind die Selbstmorde wirklich allein auf Verzweiflung zurück zuführen? Oder sind sie nicht auch Ausdruck von patriotischem und religiösem Fanatismus? Eine unbequeme Frage, die zu stellen man nicht gewohnt ist, wenn es um die sonst so friedlichen Tibeter geht.

Tsering geht ihr nicht aus dem Weg. Er ist zwar kein Mönch, aber auch er spricht wie ein tibetischer Heiliger. Stets freundlich, ruhig und lächelnd. 1959 floh er wie der Dalai Lama aus Tibet. Er sei damals 11 oder 12 gewesen. Genaue Erinnerungen an Tibet habe er kaum, berichtet er. Tsering trägt eine dunkelgraue Hose, ein ungebleichtes weißes Hemd und eine schlichte Brille, die einen Teil der buschigen Augenbrauen verdeckt. Gefragt nach dem Grund für die Selbstverbrennungen der Tibeter, schildert er die Lage in Tibet und Chinas aus seiner Sicht starrköpfige Haltung. Jahrzehntelange Unterdrückung und ein offensichtliches Scheitern friedlicher Proteste seien Auslöser für die Taten. Man könne die Selbstverbrennungen nicht gutheißen, aber man müsse Verständnis für die Opfer haben.

Leserkommentare
  1. hat einen Namen:

    Religiosität.

  2. mit religiösen Menschen, mit Menschen, die an einen Gott oder viele Götter glauben.

    Ich habe Probleme mit dem Bodenpersonal dieser Götter - die sehr oft über die Religiosität ihrer Schäfchen zu Macht, Ansehen und Wohlstand gelangen.

    Und zwar in jeder Religion, die ich kenne.

    Im Falle Tibets handelt es sich imho einwandfrei um eine religiös motivierte Bewegung, und der freundliche alte Herr in Dunkelrot spielt absolut virtuos auf dieser Klaviatur.

  3. Die Motive der Menschen die sich der Selbstverbrennung weihen
    kann ich persönlich nicht nachvollziehen da ich selbst die Erziehung zum Glauben des Buddhismus nicht durchlaufen habe.
    Möglicherweise programmieren sie sich über Jahre und oder lebenslang geistig so, dass auch ein Teil der Selbstvernichtung oder Opferung für ihren Glauben darin vorkommt. Wer sich da seelenruhig verbrennt hat sicherlich kein Hass mehr in sich. ...... Für die Chinesen ist das der gefährlichste Widerstand ohne Waffen.

  4. Diesen Protest als Selbstmord zu bezeichnen, ist reichlich schnell aus der Hüfte geschossen.

    • Chaled
    • 10. November 2012 10:01 Uhr

    Der Dalai Lama profitierte weder von der Tätigkeit der CIA noch von der der Attentätern gegen China. Ganz im Gegenteil, er lehnte jede nicht gewaltfreie Aktion ab.

    Die „gewaltlose“ Darstellung ist nicht mit der Realität gleichzusetzen. Tibet wurde gewaltsam erobert, alle tibetanischen Soldaten wurden sofort hingerichtet oder in Arbeitslager verschleppt in denen sie dann starben.

    Tibet wird seitdem von China ausgebeutet, geplündert und als „neuen Lebensraum“ missbraucht. China tötete sehr viele tibetanischer Mönche und siedelt massenhafte Chinesen an. Es betreibt extensiven Abbau von Rohstoffen mit der chinaübliche Kontaminierung und Verschandelung der Umwelt in unaussprechlichem Masse.

    Zum Status Tibets:

    Tibet war nie Teil von China und wurde vor 1950 nie von Han-Chinesen regiert. War Tibet von China besetzt, war China ebenfalls besetzt z.B. von den Mongolen.

    China war immer Besatzungsmacht in Tibet. Tibeter halten sich so wenig für Chinesen wie sich Franzosen für Deutsche halten.

    China hat keine Souveränität über Tibet. Die Effektivität tatsächlicher Herrschaftsgewalt über ein Gebiet vermag völkerrechtlich keinen Gebietserwerb zu bewirken.

    Westliche und im besonderen deutsche Medien Stellen durch ihre China-freundliche Berichterstattung die schweren Menschenrechtsverletzungen, Umweltzerstörungen sowie die massiven wirtschaftlichen, soziale, rechtlichen und politischen Benachteiligungen der tibetischen Bevölkerung nicht korrekt dar.

    Antwort auf "Nunmal halblang!"
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    Zustände nach dem Einmarsch der chinesischen Armee vergessen zu erwähnen, dass die chinesischen Soldaten alle Hörner und einen Pferdefuß hatten.

    Und Ihre völkerrechtliche Beurteilung des Status Quo in Tibet wird die UN sicher zum soforigen Eingreifen gegen die unrechtmäßige Besetzung, die für so lange Zeit niemand bemerkt hat, veranlassen.

  5. Jede andere Form des Widerstands führt auf dem Dach der Welt nur erneut zu ungezählten, "präventiven" Verhaftungen und somit zu Folter, Mord und Totschlag. Viele Tibeter wählen einen grausamen Freitod, um ihren Verwandten, Nachbarn und Freunden nicht zu schaden. Sie hoffen zudem, dass die endlosen Lügen der chin. Propaganda-Maschinerie enttarnt werden und die Lage in Tibet mehr Aufmerksamkeit bekommt.

    Die Zustände in Tibet sind kaum vorstellbar. Abseits der Städte sind die Leute noch immer bettelarm. Sie haben keine Hoffnung mehr, ihre Situation irgendwie verbessern zu können. Fast täglich werden Tibeter "präventiv" verhaftet. Verwandte, Nachbarn und Freunde verschwinden. Gefangene werden halbtot ihren Angehörigen übergeben, damit nirgendwo "in Haft verstorben" vermerkt werden muss.

    Das ist leider die Realität in Tibet:
    http://www.abc.net.au/7.3...
    http://tibetfocus.com/201...

    Für billigen, chinesischen Plunder und für Geld haben viele westliche Staaten die Menschenrechte verkauft und verscherbelt.

  6. Zustände nach dem Einmarsch der chinesischen Armee vergessen zu erwähnen, dass die chinesischen Soldaten alle Hörner und einen Pferdefuß hatten.

    Und Ihre völkerrechtliche Beurteilung des Status Quo in Tibet wird die UN sicher zum soforigen Eingreifen gegen die unrechtmäßige Besetzung, die für so lange Zeit niemand bemerkt hat, veranlassen.

    • mick08
    • 10. November 2012 12:14 Uhr

    Wenn sie sagen: "Wenn Tibet die Freiheit erlangt, was wird aus China?"

    Ich würde mal so fragen: Was hat es China bisher gekostet Tibet zu besetzen und besetzt zu halten?
    - sehr viele Menschenleben – auf beiden Seiten, besonders aber auf Seiten der Tibeter (für deren angebliches Wohl das ja alles sein soll)
    - sehr viel Geld, auch durch den massiven Polizei und Militäreinsatz der die Tibeter kontrollieren soll und der ignoranten Idee, dass allein materielles Wohl Tibeter zufrieden machen würde
    - internationaler Verlust an Ansehen, Misstrauen, Heuchelei (China hat nicht die Herzen der Tibeter gewonnen – ganz im Gegenteil – und die Tibeter entziehen mittlerweile China sogar durch die Selbstverbrennung die Kontrolle über ihre Körper)
    - Tibet bindet viele Ressourcen von China ohne die Herzen der Menschen zu gewinnen (Harmonie kann man nicht mit Waffen und Geld erzwingen)

    Sie können auch fragen, was hat die Freiheit den Ostdeutschen gebracht? Was wurde aus Russland? Russland konnte seine Ressourcen abziehen und kann sie für den Aufbau des eigenen Landes verwenden. Freiheit bringt Verlust an Macht für die Mächtigen, deshalb wird sie von Despoten gefürchtet.

    Antwort auf "Nunmal halblang!"
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    • ST_T
    • 10. November 2012 19:02 Uhr

    "- sehr viel Geld, auch durch den massiven Polizei und Militäreinsatz der die Tibeter kontrollieren soll und der ignoranten Idee, dass allein materielles Wohl Tibeter zufrieden machen würde"

    Schauen Sie sich doch Tibet vorher und nachher an. Ich wette wenn es in Tibet keine Menschenrechtsverletzungen gäbe, dann wären die Tibeter weitaus glücklicher - übrigens gerade wegen dem von Ihnen genannten "materielles Wohl"

    "- internationaler Verlust an Ansehen, Misstrauen, Heuchelei (China hat nicht die Herzen der Tibeter gewonnen – ganz im Gegenteil – und die Tibeter entziehen mittlerweile China sogar durch die Selbstverbrennung die Kontrolle über ihre Körper)"

    Und wenns nicht Tibet ist dann heißt es die Han-Chinesen...Hongkong...die chinesische Mauer...Taiwan...was auch immer.
    Westliche Medien picken seit Jahren komischerweise "nur" Menschenrechtsverletzungen heraus. Das es auf der anderen Seite für hunderte Millionen Menschen bessere Lebensbedingungen gibt wird gerne unterschlagen.
    Aber offensichtlich möchte man von Gegebenheiten in den Herkunftsländern dieser Medien ablenken und propagiert so ein unrealistisches Bild.

    Natürlich gibt es Menschenrechtsverletzungen, aber leider nur gibt es die überall.
    Es ist scheinheilig zu behaupten, China wäre nur das einzige Land mit solchen Problemen. Schauen Sie in die Türkei, da gibt es die PKK und die Kurden...

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Tibet | Brille | Buddhismus | China | Lama | Exil
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