GedenktagFür Deutsche ist es Pflicht, gegen Judenhass einzutreten

Zum 9. November 1938: Antisemitismus ist menschenverachtend. Wer in Deutschland lebt, muss diesen gesellschaftlichen Grundkonsens akzeptieren, kommentiert C. Böhme. von Christian Böhme

Manchmal darf es einen beruhigen, wenn ein freudiges Ereignis, eines sogar von welthistorischer Bedeutung, kaum noch ein Nachdenken wert ist. Der Mauerfall am 9. November 1989 gehört wohl inzwischen in diese Kategorie. Deutschland durfte damals über seine wiedererlangte Einheit jubeln und tat dies zu Recht ausgiebig. Heute, 23 Jahre später, ist das Ende der DDR und der Beginn der neuen Bundesrepublik eine Selbstverständlichkeit. Warum auch nicht?

Das Deutschland der Gegenwart ist ein moderner Staat. Einer, der seinen Platz in Europa und der Welt gefunden hat; einer, der respektiert und als krisenresistent bewundert wird. Das Einwanderungsland, das im Fremden keine Bedrohung mehr sieht. Und in dem ein Bundespräsident anlässlich der Einheitsfeiern sagen konnte: Der Islam gehört inzwischen zu Deutschland.

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Ein großer Fortschritt, zumal bei dieser Vergangenheit. Denn auch das ist der 9. November: Der Tag, an dem 1938 Synagogen brannten, "fremdrassige" Menschen verschleppt und erschlagen wurden. Das Fanal für einen bis dahin als unvorstellbar geltenden antisemitischen Wahn, der bis zum mörderischen Ende ausgelebt wurde. Der Holocaust – aus ihm leitet sich eine bleibende Verantwortung ab, das ist Staatsräson.

Nun wird man jedoch nicht behaupten können, die Bundesrepublik sei sich dieser Verantwortung stets bewusst und handle dementsprechend. So konnte ein rechtsextremes Terrortrio jahrelang unbemerkt und unbehelligt eine mörderische Spur durch Deutschland ziehen. Und es war eine zutiefst deutsche Debatte, in der die religiös motivierte Beschneidung nur als barbarisches, Kinder verstümmelndes Ritual diffamiert wurde. Eine Diskussion, die teilweise mit kaum verhülltem antisemitischem, antiislamischem, antireligiösem Furor einherging und die hier lebenden Juden verständlicherweise daran zweifeln ließ, ob sie sich noch dazugehörig fühlen können.

Auch Muslime müssen Antisemitismus bekämpfen

Verbietet es sich deshalb, als Deutscher anderen deutlich zu machen, dass Judenfeindschaft und Judenhass verdammenswert sind? Im Gegenteil. Es ist geradezu unsere Pflicht, die sich folgerichtig aus der Nazi-Vergangenheit ableitet. Und aus der Gegenwart eines selbstbewussten Staats. Also gilt für jeden: Antisemitismus ist eine Grenzüberschreitung . Wer hier lebt, muss diesen gesellschaftlichen Grundkonsens akzeptieren. Tut er es nicht, dürfen wir, müssen wir ihn einfordern.

Deshalb darf man auch von den hier lebenden Muslimen erwarten, dass sie mehr als bisher den aggressiven Antisemitismus in den eigenen Reihen bekämpfen. Denn Ressentiments gegenüber Juden sind unter Muslimen weit verbreitet. Doch dieser Missstand wird zu häufig – und auch von offizieller Seite – vernachlässigt, verdrängt, bagatellisiert statt gerade jungen Muslimen klarzumachen, dass keine noch so gut gemeinte Solidarität mit den Palästinensern Anlass zu antisemitischen Verhalten geben darf.

Stattdessen ist oft von bedauernswertem Frust sozial Ausgegrenzter, von nachvollziehbarer Wut auf weit entfernte Politik, von kulturellen Eigenheiten die Rede. So, als müsse man auf derartige Befindlichkeiten Rücksicht nehmen. Aber diese Abwehrhaltung ist unangemessen und unangebracht, auch wenn sie vergangenheitspolitisch korrekt klingt, weil multikulturell geschult.

Der 9. November ist ein passender Tag, sich auch diesen neuen Herausforderungen zu stellen.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
    • cafbad
    • 09. November 2012 18:11 Uhr

    "Im Übrigen: „Für Deutsche ist es Pflicht, gegen Judenhass einzutreten“; „Wer in Deutschland lebt, muss diesen gesellschaftlichen Grundkonsens akzeptieren“; „Staatsräson“ - tut mir leid, das sind mir etwas zu preußisch-obrigkeitsstaatliche Töne. Als es die DDR noch gab, wurde so etwas durchaus zu recht als hohler, „verordneter Antifaschismus“ verspottet."

    Ja, mir stößt die Wortwahl öffentlicher Verlautbarungen zu dem Thema gelegentlich auch sauer auf. Das erscheint oft arg routiniert und inhaltsleer.

    Aber: Daraus leitet sich ja nicht ab, dass die Sache als solche inhaltsleer wäre. Ich denke, es ist durchaus zu erwarten, dass Menschen sich ihre eigenen Gedanken abseits der Wortwahl der öffentlichen Verlautbarungen machen.

    Und dann sehe ich durchaus eine "deutsche Verpflichtung" und empfinde es als richtig, dass der Staat Deutschland, das gesicherte Fortbestehen Israels als "Staatsräson" betrachtet, in dem Sinne, dass Deutschland aufgrund seiner Geschichte ein besonderes Augenmerk darauf richtet, dass Israel und die Menschen dort weiter existieren kann. Und in dem Sinne dass Deutsche sich eher verpflichtet sehen, sensibel zu sein gegen die Ausgrenzung Anderer. Wir wissen schließlich nur allzu gut, wohin Ausgrenzung führen kann.

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    Zunächst zum Begriff „Staatsräson“: Damit wird üblicherweise ein Sachverhalt legitimiert, der eigentlich nicht zu legitimieren wäre, aber aus übergeordneten Kosten-Nutzen-Erwägungen heraus vermeintlich doch legitimiert werden muss. In diesem Sinne hat Merkel der israelischen Regierung einen ziemlichen Bärendienst erwiesen, indem Sie Ihre Unterstützung mit diesem Begriff begründet hat. Hätte Merkel nicht ein Redetalent, neben dem sich noch ein Helmut Kohl wie ein Obama ausnehmen würde - man könnte glatt ein vergiftetes Kompliment darin vermuten.

    In dieser Zeitung standen dazu treffende Worte:
    „Angela Merkel hat [...] gesagt, die Sicherheit Israels sei deutsche Staatsräson. Diese Aussage von ihr ist, um das Mindeste zu sagen, vielschichtig. Denn, was soll das heißen? Dass Deutschland die israelische Politik unterstützt, soweit sie angemessen, vernünftig und gerecht ist? Das würde eine deutsche Regierung auch ganz ohne Staatsräson tun. Dass sie eine israelische Politik unterstützt, die nicht angemessen, vernünftig und gerecht ist? Das kann ja wohl nicht sein.“
    http://www.zeit.de/politi...

    „... dass Deutsche sich eher verpflichtet sehen, sensibel zu sein gegen die Ausgrenzung Anderer.“

    Selbstverständlich darf sich jeder zu allem möglichen verpflichtet fühlen. Er darf nur nicht anderen abverlangen, das gleiche zu fühlen. Gerade diese Einstellung scheint mir aus dem Artikel jedoch zu triefen.

  1. hat an sich die Pflicht; hat auch keine besondere Pflicht. Alle Menschen zugleich haben sie.
    Ich wurde etliche Jahrzehnte nach Kriegsende geboren und habe also andere Pflichten als Nichtdeutsche? Weil ich deutsch spreche, wofür ich nichts kann, weil ich in Deutschland geboren wurde, wofür ich nichts konnte: Daraus ergibt sich eine besondere Pflicht?
    Nun, die ist Welt doch geteilt, es gibt Menschen die qua Geburt immer und für alle Zeiten einen besondere Pflicht haben, und die Anderen.
    Ich bin weder Rassist, Chauvinist noch sonstiges; habe nie gegen Ausländer gehetzt, sie zusammengeschlagen oder sonstiges; warum habe ich eine besondere Pflicht?
    Wer das fordert, negiert die Universalität der Menschen und hat anscheinend keine Geschichtskenntnisse: Unmenschlichkeit, Rassismus, Völkermord; all´ das ist kulturunabhängig, sprachunabhängig et cetera.
    Wer die Welt immer noch in schwarz und weiß sieht, Deutsche und die Anderen, der lebt noch immer in das von ihm gehasste Raster. Kein Mensch ist per se besser als ein anderer, aber keiner ist auch per se schlechter....

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf rein spekulative Beiträge. Danke, die Redaktion/jz

    Antwort auf "Die Deutschen..."
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    • cafbad
    • 09. November 2012 18:47 Uhr

    Entfernt. Bitte beachten Sie, dass der Kommentarteil, auf den Sie sich beziehen, mittlerweile entfernt wurde. Danke, die Redaktion/jz

    • cafbad
    • 09. November 2012 19:04 Uhr

    Ich möchte der Aussage widersprechen, dass die Shoa sich nicht unterscheide von anderen Völkermorden wie dem an den Armeniern. Anders als andere Genozide in der Geschichte ist die Shoa davon gekennzeichnet, dass ein Staat mit beispielloser Systematik und bürokratischer Nüchternheit beinahe ein ganzes Volk ausrottete. In Anlagen, die einzig zu diesem Zweck errichtet wurden. Fabrikmäßig. Dass dieser Völkermord von Menschen begangen wurde, die sich ob der "Mühen und Anstrengungen", die sie dabei hatten, auch noch selbst bemitleideten. Dass ein ganzes Volk mehrheitlich so tat als bekäme es von all dem nichts mit und dieses auch nach dem Krieg noch behauptete (und manche es auch heute noch behaupten).

    Das alles macht die Shoa so einzigartig im schlechtesten Sinne des Wortes. Freilich mindert dies die Scheußlichkeit anderer Völkermorde um kein Jota. Es zeigt nur auf, dass Völkermord unterschiedliche Formen annehmen kann und dass wir gut beraten sind, diese Unterschiede nicht zu ignorieren, weil wir sonst Gefahr laufen, eine neuerliche Shoa nicht rechtzeitig zu verhindern.

    Was die Verpflichtung der Deutschen angeht, habe ich meine Sicht bereits in #109 dargelegt und möchte sie nicht wiederholen.

  2. "Für Deutsche ist es Pflicht, gegen Judenhass einzutreten"?
    Nein. Für uns Alle ist es Pflicht gegen JEDEN Hass und JEDE
    Intoleranz einzutreten. Für uns Alle ist es Pflicht für unsere Verfassung einzutreten. Bei Forderungen bezuglich bestimmter Verhaltensweisen muss keinerlei Religion, Hautfarbe, Herkunft oder politische Richtung genannt werden,
    es gilt einfach für Alle.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • cafbad
    • 09. November 2012 18:50 Uhr

    Die Forderung lautet, dass es für alle Deutschen Pflicht sei, gegen Judenhass einzutreten. Sie lautet nicht, nur gegen Judenhass einzutreten. Und diese Verpflichtung bedeutet auch nicht, dass es keine anderen Verpflichtungen gäbe.

    • cafbad
    • 09. November 2012 18:47 Uhr
    132. [...]

    Entfernt. Bitte beachten Sie, dass der Kommentarteil, auf den Sie sich beziehen, mittlerweile entfernt wurde. Danke, die Redaktion/jz

    Antwort auf "Kein Deutscher..."
    • cafbad
    • 09. November 2012 18:50 Uhr

    Die Forderung lautet, dass es für alle Deutschen Pflicht sei, gegen Judenhass einzutreten. Sie lautet nicht, nur gegen Judenhass einzutreten. Und diese Verpflichtung bedeutet auch nicht, dass es keine anderen Verpflichtungen gäbe.

  3. ... nur die Kommentare, genauer gesagt einige.

    • yellowT
    • 09. November 2012 18:54 Uhr

    Ich, als ein Kind der Nachkriegsgenaration. stehe zwar nicht in der Schuld, sondern in der Verantwortung.

  4. 136. [...]

    Entfernt. Bitte beachten Sie, dass der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, mittlerweile entfernt wurde. Danke, die Redaktion/jz

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  • Schlagworte Antisemitismus | Bundespräsident | DDR | Debatte | Holocaust | Islam
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