MissbrauchsskandalBBC-Nachrichtenchefs lassen Ämter ruhen

Die Krise der BBC weitet sich aus: Nach Senderchef Entwistle ziehen sich nun die Nachrichtenchefin samt Stellvertreter aus den Ämtern zurück. Kritikern reicht das nicht.

Die renommierte britische Sendeanstalt BBC rutscht immer tiefer in die Krise: Zwei weitere ranghohe Journalisten – Nachrichtenchefin Helen Boaden und ihr Stellvertreter Stephen Mitchell – übernehmen die Verantwortung für fragwürdige Berichterstattung über Kindesmissbrauch und lassen ihre Ämter ruhen. Zuvor hatte bereits Generaldirektor George Entwistle nach nur zwei Monaten im Amt seinen Posten zur Verfügung gestellt.

Die Sendung Newsnight – seit Jahrzehnten ein Flaggschiff des investigativen britischen Nachrichtenjournalismus – hatte in den vergangenen Tagen über Steve M. berichtet, der in den siebziger Jahren in einem Kinderheim in Wales missbraucht worden war. Der Tat beschuldigt wurde ein Politiker der britischen Konservativen. Der Tory wurde in der Sendung zwar nicht namentlich genannt, kurz darauf kursierte aber im Internet das Gerücht, es handele sich dabei um den früheren Schatzmeister Alistair McAlpine.

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Entwistle begründete seinen Schritt mit den "inakzeptablen journalistischen Standards" der Ausstrahlung am 2. November. Zugleich räumte er ein, dass er den Bericht im Vorfeld weder kannte noch sich vor der Ausstrahlung nach der Identität des Beschuldigten erkundigt hatte.

Patten fordert "gründliche" BBC-Reform

Der Vorfall steht im engen Zusammenhang mit Fehlern der BBC im Umgang mit dem Skandal um Jimmy Savile, einer ihrer ehemals bekanntesten Moderatoren. Dieser soll über Jahre hinweg Hunderte Kinder sexuell missbraucht haben – teils auf dem Sendergelände. Auch das Team von Newsnight hatte dazu recherchiert, die entsprechende Sendung wurde jedoch 2011 kurz vor der Ausstrahlung auf Geheiß der Senderführung nicht ausgestrahlt. So erfuhr die Öffentlichkeit erst vor wenigen Wochen von den pädophilen Neigungen des BBC-Stars – durch den privaten Konkurrenzsender ITV.

Alles in allem steckt "die alte Tante" BBC damit in einer ihrer größten Glaubwürdigkeitskrisen ihrer Geschichte. Zunächst soll eine unabhängige Kommission klären, warum die BBC die Berichterstattung unterlassen hat. Das reicht Kritikern – allen voran BBC-Verwaltungsratschef Chris Patten – bei weitem nicht. "Wenn Sie mich fragen, ob die BBC eine gründliche Überprüfung ihrer Organisation braucht, dann ja, sie braucht sie unbedingt", sagte er am Sonntag im Gespräch mit Moderator Andrew Marr im Fernsehprogramm BBC 1. "Und das werden wir tun müssen."

Allerdings werden auch Zweifel gegenüber dem Chefaufseher selbst laut. So forderte der konservative Parlamentsabgeordnete Philip Davies Pattens Rücktritt. Er sei unhaltbar geworden, sagte der Abgeordnete und kritisierte zugleich die Pläne des Rundfunkrats, dem zurückgetretenen Entwistle eine Abfindung von 450.000 Pfund (umgerechnet etwa 563.000 Euro) zu zahlen.

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Leserkommentare
    • JaneO.
    • 12. November 2012 13:21 Uhr

    gibt es genug mutige und unabhängige Journalisten, die an der Sache Savile dran bleiben.

    JaneO.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, dapd, AFP, Reuters, kg
  • Schlagworte BBC | Chris Patten | Abfindung | Berichterstattung | Moderator | Sendung
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