9. November : Baut die Mauer wieder auf!

Vor 23 Jahren fiel die Mauer, kaum etwas von ihr ist geblieben. Das kommt davon, wenn Erinnerung und Gedenken privatisiert wird, kommentiert Markus Horeld.
Ein Rest der Berliner Mauer © Philipp Guelland/ddp/dapd

Man kann Mitleid mit Berlins Touristen haben: Millionen kommen jedes Jahr in die Hauptstadt, viele von ihnen dürften enttäuscht nach Hause fahren. Nicht wegen der Museen, nicht wegen der Ausstellungen und der Clubs.

Enttäuscht wird, wer die Stadt wegen ihrer unglaublichen Geschichte besucht. Die Mauer – sie ist verschwunden. Abgerissen. Wie die Wachtürme, die Grenzübergänge, die Abfertigungsgebäude, alles. Dass diese Stadt 28 Jahre lang geteilt war, ja dass es möglich war, eine fast undurchdringliche Mauer durch eine Stadt zu bauen, ist unsichtbar gemacht worden. Der Berliner Senat , die Bürger haben es zugelassen, vielleicht sogar forciert. Man wollte ja zusammenwachsen. Die Teilung hinter sich lassen. Die Geschichte hat man dabei gleich mitentsorgt.

Stehen wir gerade im Westen oder im Osten? Das ist eine der häufigsten Fragen, die Berlin-Reisende stellen. Wo verlief die Mauer? Wie sah es damals aus? Das wollen die Menschen wissen, auch deshalb sind sie hier.

Anschauliche Antworten bekommen sie nicht.

Es gibt zwar diesen dünnen Pflastersteinstreifen, der sich durch die Stadt zieht und den Verlauf der Mauer darstellt, wenn man sehr genau hinschaut. Und es gibt die offizielle Gedenkstätte an der Bernauer Straße . Doch so gut die Ausstellung dort ist, so wenig taugen sie und der wiederaufgebaute Mini-Grenzstreifen dazu, um begreifbar zu machen, wie es ist, wenn sich eine Diktatur mit einer Mauer mitten durch die Stadt abschottet. Wenn Straßen zu Sackgassen und Fassaden zur Grenze werden. All dies sieht man nicht auf dem weiten, leergeräumten Feld an der Bernauer Straße.

Sowjetorden und Pelzmützen

Aber sonst gibt es nur noch die Rummelplätze. Zum einen die East-Side-Gallery, die zwar tolle Graffiti-Kunst zeigt, aber nicht den Wahnsinn einer geteilten Stadt.

Zum anderen, und das ist das eigentliche Berliner Drama, ist da der Checkpoint Charlie. Wenn es einen Ort gibt, der zeigt, was passiert, wenn Gedenken und Erinnerung privatisiert werden, dann ist es diese Straßenkreuzung. An dem ehemaligen Grenzübergang zwischen West-Berlin und der Hauptstadt der DDR, an dem Ort, wo sich 1961 amerikanische und sowjetische Panzer gegenüberstanden, dort wo sich die Teilung der Stadt so unmittelbar manifestierte, dort bieten heute fliegende Händler Sowjetorden und Pelzmützen feil, dort kann man Trabbi fahren und für zwei Euro Studenten fotografieren, die sich als US-Soldaten verkleidet haben .

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Kommentare

102 Kommentare Seite 1 von 14 Kommentieren

Ich erinnere mich noch...

... an die Grenzkontrollen, an den Zwangsumtausch von Geld, das man weder ausgeben konnte noch wiederausführen durfte, an den Todesstreifen, an Schüsse in der Nacht, an das beklemmende Gefühl, das einen bei der Transitfahrt stundenlang nicht losließ, an die Angst, als mein Vater, zeitlebens kein Feigling, einfach mal die Autobahn in der Nähe von Leipzig verließ.

Wenigstens 100 Meter Mauer an einer Stelle mitten in der Stadt erzeugen zwar nicht dasselbe Gefühl wie damals. Sie würden aber eine gewisse Anschaulichkeit erzeugen für die Generationen, die das alles nicht mehr kennen und zum Teil auch gar nicht mehr glauben.

Re: War und ist nicht mehr!

So dachte ich auch, bevor 2004/05 die Hildebrandtsche Mauer in der Zimmerstraße stand. Doch als ich die sah, wurde mir klar: Erinnern und Sehen gehören oft zusammen, gerade bei Themen, die kaum zu vermitteln sind. Zum Beispiel eine eingemauerte Stadt. Die 2004er Mauer hatte kaum etwas mit der "Originalen" zu tun, zumal die Zimmerstraße vor '89 ja weitgehend ohne Gebäude war. Doch als man dieses Bauwerk zwischen den Fassaden sah, konnte man ein wenig besser nachempfinden, wie das damals war in Berlin.
Grüße, Markus Horeld

Wieso sollte man sie wieder aufbauen?

Ein solches Hindernis abgebaut zu haben, ist doch der beste Beweis, dass man die Teilung überwinden kann. Und wenn der Autor nicht weiß, wo er sich dann nun befindet, dann sage ich mir, hat sich doch gelophnt, dass sie nicht mehrr steht. Die Ununterscheidbarkeit der Teile an gewissen Orten ist für mich bedeutungsvoller, als ein ständiges Bollwerk zu bestaunen, was seine Karriere schon hinter sich hat.

Solche Leute, wie den Kommentar von Nr.2, die wird es halt immer geben, aber was juckt es den Elefanten, wenn der Floh ihn piekst.

Ich denke, es wird schon noch eine Menge Möglichkeiten geben,um sich das anschauen zu können. Und wenn hier und da privatisiert wird, mein Gott....ich kann damit leben.

ein schloss für den palast der republik

ganz recht, stimme dem kommentar voll zu.
die ddr wird als kitsch verkauft – natürlich und leider in unzähligen privaten museen, wozu das mauermuseum aber als allererstes gezählt werden muss. das einzige, was man hildebrandt zugutehalten kann, ist – zumindest nach außen – das gedenken der maueropfer, deren zahl bis heute zerstritten statt aufgearbeitet wird.
und was kommt an die stelle von erichs lampenladen? bloß schnell abreißen das olle ding und statt eines sinnvollen konstruktes, das alle historisch relevanten aspekte des ortes aufarbeitet, das alte schloss aufbauen. aber ja auch nur hinsichtlich der fassade...

Vorschlagsarm

Verehrter Lampenladenabreissgegner.
Was hätten Sie denn als Nutzung empfohlen ?
Diese asbestverseuchte Hütte hätte denn wozu gedient ?
Schon die Asbestentsorgung hat den Senat an den Rand seiner Möglichkeiten gebracht.
Der Erhalt dieses Hauses hätte über die Jahre Millionen gekostet.
Interessant und unabhängig aller Finanzprobleme wäre es schön Sie würden Alternativen anführen.
Die wurden über Jahre ergebnislos diskutiert.
Jedes billige Einfamilienhaus war energetisch auf einem höheren Stand

Erinnere ich mich richtig war sogar der Bund "Vorschlagsarm"

schloss/palast-platz

es ging mir nicht darum, dem abriss des "palastes der republik" hinterherzutrauern, sondern darum, dass mit der (teil)rekonstruktion des alten schlosses (also mit einem noch älteren unterdrückungsrelikt als es der ddr-palast war) die jüngere deutsch-deutsche geschichte eingestampft und zugebaut wird, damit auch die teilung deutschlands und vieler orte, es war ja nicht nur berlin betroffen. den ultimativen vorschlag für die nutzung des "Schloßplatzes" habe ich auch nicht, aber er zeigt, dass man die ddr-vergangenheit genauso ungern an deutschland kleben hat wie die ns-zeit. es ist eben hässlich, und das schlimme ist: die alten funktionäre sind noch da, in anderen anzügen und uniformen auf posten, die heute anders heißen. und weil das alles unschön ist, ziehen wir lieber eine hübsche schlossmaske auf und schwelgen in der guten alten zeit.

die ddr-vergangenheit gehört aber nicht nur zu ostdeutschland, sondern durch die wende zur heutigen bundesrepublik. nur gekümmert wird sich darum viel zu wenig! (stichpunkt lohnunterschiede - packt keiner an) die nutzung der fläche als ort für freiluft-ausstellungen/veranstatungen wie jetzt zum 775. geburtstag oder auck die aktion poetry rain vor ein paar jahren fand ich zB gut.

Wo verlief die Mauer?

Tatächlich war das (auch bei mir) eine der heißesten Fragen. Ich finde die Restmengen an Mauer zu wenig. Allerdings hat der Autor das Mauerstück am Potsdamer Platz nicht erwähnt. Das ist immerhin wichtig. Noch etwas: Besucher machen sich keine Vorstellung davon, dass das ganze Stadzentrum früher eigentlich "Ost" war, oder wie die Grenze sonst gar nicht Nord-Süd verläuft.

Mauer wieder aufbauen? Nun, es ist wahnsinnig viel wiederaufgebaut in den Osten, und eines der Höhepunkte die Frauenkirche. Aber etwas wiederaufgebaut was hässlich ist? Schwer vorstellbar.

Nach 19 Jahren...

... in der Hälfte der Stadt, wo die Mauer nicht "hübsch" aussah, komme ich nun seit 23 Jahren gut ohne ihren Anblick aus...

@Markus Horeld

Die Mauer als Touristen-Attraktion bringt weder den Touris noch der Generation meiner Söhne die Perversion, die Angst, die Sprachlosigkeit, die Resignation und die Hilflosigkeit rüber, die diesen Staat ausgemacht hat. Dieses Land brachte Schlimmeres als eingesperrt sein oder besser gesagt, aus der echten Welt ausgesperrt sein...

@Vote Saxon

Genau darum geht es. Solche Erfahrungen wie die Ihren verschwinden langsam. Viele Jugendliche in Deutschland können sich eine Diktatur überhaupt nicht vorstellen. Es geht mir nicht um eine Touristen-Attraktion (vielleicht hätte ich die Touristen aus dem Text besser weggelassen, aber deren Beispiel veranschaulicht es so gut), es geht um Erinnerung. Und die ist, glaube ich, begreifbarer, wenn man den Irrsinn einer solchen Mauer sieht. Natürlich muss dennoch erklärt und beschrieben werden. Das Bauwerk allein bringt nichts.
Grüße, Markus Horeld

Re: Wo verlief die Mauer?

Wo verlief die Mauer? - Das ist für mich als im Ostteil der Stadt gebornener Berliner eine interessante Frage. Mit Hilfe einer Art Intuition, kann ich immer sagen, ob ich mich gerade im Ost- oder Westteil befinde. Die Stadtteile sehen irgendwie verschieden aus. Es sind die Häuser, Straßen, Geschäfte und Menschen, die anders aussehen. Im Westen wirkt alles älter, Fassaden und Bahnhöfe, im Osten ist es oft etwas trostloser, leere Geschäfte, einsame Kneipen. Pauschalisieren kann man das nicht, denn einerseits werden die Stadtteile immer ähnlicher und andererseits sind die genannten Punkte nur von kleiner Bedeutung. Man kann die Unterschiede nur schwer erkennen, aber irgendwie sind sie da.