Ein Rest der Berliner Mauer © Philipp Guelland/ddp/dapd

Man kann Mitleid mit Berlins Touristen haben: Millionen kommen jedes Jahr in die Hauptstadt, viele von ihnen dürften enttäuscht nach Hause fahren. Nicht wegen der Museen, nicht wegen der Ausstellungen und der Clubs.

Enttäuscht wird, wer die Stadt wegen ihrer unglaublichen Geschichte besucht. Die Mauer – sie ist verschwunden. Abgerissen. Wie die Wachtürme, die Grenzübergänge, die Abfertigungsgebäude, alles. Dass diese Stadt 28 Jahre lang geteilt war, ja dass es möglich war, eine fast undurchdringliche Mauer durch eine Stadt zu bauen, ist unsichtbar gemacht worden. Der Berliner Senat , die Bürger haben es zugelassen, vielleicht sogar forciert. Man wollte ja zusammenwachsen. Die Teilung hinter sich lassen. Die Geschichte hat man dabei gleich mitentsorgt.

Stehen wir gerade im Westen oder im Osten? Das ist eine der häufigsten Fragen, die Berlin-Reisende stellen. Wo verlief die Mauer? Wie sah es damals aus? Das wollen die Menschen wissen, auch deshalb sind sie hier.

Anschauliche Antworten bekommen sie nicht.

Es gibt zwar diesen dünnen Pflastersteinstreifen, der sich durch die Stadt zieht und den Verlauf der Mauer darstellt, wenn man sehr genau hinschaut. Und es gibt die offizielle Gedenkstätte an der Bernauer Straße . Doch so gut die Ausstellung dort ist, so wenig taugen sie und der wiederaufgebaute Mini-Grenzstreifen dazu, um begreifbar zu machen, wie es ist, wenn sich eine Diktatur mit einer Mauer mitten durch die Stadt abschottet. Wenn Straßen zu Sackgassen und Fassaden zur Grenze werden. All dies sieht man nicht auf dem weiten, leergeräumten Feld an der Bernauer Straße.

Sowjetorden und Pelzmützen

Aber sonst gibt es nur noch die Rummelplätze. Zum einen die East-Side-Gallery, die zwar tolle Graffiti-Kunst zeigt, aber nicht den Wahnsinn einer geteilten Stadt.

Zum anderen, und das ist das eigentliche Berliner Drama, ist da der Checkpoint Charlie. Wenn es einen Ort gibt, der zeigt, was passiert, wenn Gedenken und Erinnerung privatisiert werden, dann ist es diese Straßenkreuzung. An dem ehemaligen Grenzübergang zwischen West-Berlin und der Hauptstadt der DDR, an dem Ort, wo sich 1961 amerikanische und sowjetische Panzer gegenüberstanden, dort wo sich die Teilung der Stadt so unmittelbar manifestierte, dort bieten heute fliegende Händler Sowjetorden und Pelzmützen feil, dort kann man Trabbi fahren und für zwei Euro Studenten fotografieren, die sich als US-Soldaten verkleidet haben .

Menschen brauchen Anschauung

Selbst die geschichtswissenschaftliche Aufklärung hat die Stadt anderen überlassen. Das Museum Haus am Checkpoint Charlie tut so, als sei es die offizielle Erinnerungsstätte am Ort. In Wahrheit ist es die überwiegend konzeptlose, vom kalten Krieg ideologisch geprägte Privatveranstaltung der Museums-Chefin Alexandra Hildebrandt. Welcher Tourist weiß das?

Wer kann sich vorstellen, dass genau hier, in der Zimmerstraße, die Mauer verlief? Man kann Erinnerung auf einem riesigen Rundum-Foto zeigen, wie es das Panorama von Yadegar Asisi derzeit tut . Oder auf dem Computer, wie beispielsweise das Cultural Institute von Google . Virtuell aber berührt Geschichte kaum. Menschen brauchen Anschauung, gerade wenn sie die Geschichte nicht selbst erlebt haben.

Deutlich gezeigt hat sich das vor ein paar Jahren. Da nämlich hatte besagte Alexandra Hildebrandt die Idee, ein Stück der Mauer am Checkpoint Charlie wieder aufzubauen. Was wurde im Vorfeld darüber gezetert ! Der Senat versuchte das Projekt zu verhindern, die Berliner Medien schimpften fast unisono: Skandal, die Mauer wird wieder aufgebaut!

Wow-Effekt

Doch als das Mauerstück in der Zimmerstraße stand, war man schwer beeindruckt von der trennenden Wucht dieses Bauwerks. Was kümmerte es da, dass es aus geschichtswissenschaftlicher Sicht nicht alles stimmte. Dass Hildebrand den ehemaligen Todesstreifen gleichzeitig mit furchtbar plakativen Holzkreuzen hatte zupflastern lassen. Alles egal. Was zählte, war die Ansicht einer meterhohen Mauer mitten in der Stadt. Es war ein Wow-Effekt. 2005 wurde das Mauerstück schließlich weggeklagt .

Berlin sollte aufhören, Erinnerung wie billigen Tand zu verkaufen. Immerhin gibt es Überlegungen, auf einer von zwei Brachen am Checkpoint Charlie ein staatliches Museum zum Kalten Krieg einzurichten. Wenn die Stadt es ernst meint, baut sie genau dort die Mauer wieder auf.