9. November : Baut die Mauer wieder auf!
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Menschen brauchen Anschauung

Selbst die geschichtswissenschaftliche Aufklärung hat die Stadt anderen überlassen. Das Museum Haus am Checkpoint Charlie tut so, als sei es die offizielle Erinnerungsstätte am Ort. In Wahrheit ist es die überwiegend konzeptlose, vom kalten Krieg ideologisch geprägte Privatveranstaltung der Museums-Chefin Alexandra Hildebrandt. Welcher Tourist weiß das?

Markus Horeld

Markus Horeld leitet die Ressorts Politik, Meinung und Gesellschaft bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Wer kann sich vorstellen, dass genau hier, in der Zimmerstraße, die Mauer verlief? Man kann Erinnerung auf einem riesigen Rundum-Foto zeigen, wie es das Panorama von Yadegar Asisi derzeit tut . Oder auf dem Computer, wie beispielsweise das Cultural Institute von Google . Virtuell aber berührt Geschichte kaum. Menschen brauchen Anschauung, gerade wenn sie die Geschichte nicht selbst erlebt haben.

Deutlich gezeigt hat sich das vor ein paar Jahren. Da nämlich hatte besagte Alexandra Hildebrandt die Idee, ein Stück der Mauer am Checkpoint Charlie wieder aufzubauen. Was wurde im Vorfeld darüber gezetert ! Der Senat versuchte das Projekt zu verhindern, die Berliner Medien schimpften fast unisono: Skandal, die Mauer wird wieder aufgebaut!

Wow-Effekt

Doch als das Mauerstück in der Zimmerstraße stand, war man schwer beeindruckt von der trennenden Wucht dieses Bauwerks. Was kümmerte es da, dass es aus geschichtswissenschaftlicher Sicht nicht alles stimmte. Dass Hildebrand den ehemaligen Todesstreifen gleichzeitig mit furchtbar plakativen Holzkreuzen hatte zupflastern lassen. Alles egal. Was zählte, war die Ansicht einer meterhohen Mauer mitten in der Stadt. Es war ein Wow-Effekt. 2005 wurde das Mauerstück schließlich weggeklagt .

Berlin sollte aufhören, Erinnerung wie billigen Tand zu verkaufen. Immerhin gibt es Überlegungen, auf einer von zwei Brachen am Checkpoint Charlie ein staatliches Museum zum Kalten Krieg einzurichten. Wenn die Stadt es ernst meint, baut sie genau dort die Mauer wieder auf.

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Kommentare

102 Kommentare Seite 1 von 14 Kommentieren

Ich erinnere mich noch...

... an die Grenzkontrollen, an den Zwangsumtausch von Geld, das man weder ausgeben konnte noch wiederausführen durfte, an den Todesstreifen, an Schüsse in der Nacht, an das beklemmende Gefühl, das einen bei der Transitfahrt stundenlang nicht losließ, an die Angst, als mein Vater, zeitlebens kein Feigling, einfach mal die Autobahn in der Nähe von Leipzig verließ.

Wenigstens 100 Meter Mauer an einer Stelle mitten in der Stadt erzeugen zwar nicht dasselbe Gefühl wie damals. Sie würden aber eine gewisse Anschaulichkeit erzeugen für die Generationen, die das alles nicht mehr kennen und zum Teil auch gar nicht mehr glauben.

Re: War und ist nicht mehr!

So dachte ich auch, bevor 2004/05 die Hildebrandtsche Mauer in der Zimmerstraße stand. Doch als ich die sah, wurde mir klar: Erinnern und Sehen gehören oft zusammen, gerade bei Themen, die kaum zu vermitteln sind. Zum Beispiel eine eingemauerte Stadt. Die 2004er Mauer hatte kaum etwas mit der "Originalen" zu tun, zumal die Zimmerstraße vor '89 ja weitgehend ohne Gebäude war. Doch als man dieses Bauwerk zwischen den Fassaden sah, konnte man ein wenig besser nachempfinden, wie das damals war in Berlin.
Grüße, Markus Horeld

Wieso sollte man sie wieder aufbauen?

Ein solches Hindernis abgebaut zu haben, ist doch der beste Beweis, dass man die Teilung überwinden kann. Und wenn der Autor nicht weiß, wo er sich dann nun befindet, dann sage ich mir, hat sich doch gelophnt, dass sie nicht mehrr steht. Die Ununterscheidbarkeit der Teile an gewissen Orten ist für mich bedeutungsvoller, als ein ständiges Bollwerk zu bestaunen, was seine Karriere schon hinter sich hat.

Solche Leute, wie den Kommentar von Nr.2, die wird es halt immer geben, aber was juckt es den Elefanten, wenn der Floh ihn piekst.

Ich denke, es wird schon noch eine Menge Möglichkeiten geben,um sich das anschauen zu können. Und wenn hier und da privatisiert wird, mein Gott....ich kann damit leben.

ein schloss für den palast der republik

ganz recht, stimme dem kommentar voll zu.
die ddr wird als kitsch verkauft – natürlich und leider in unzähligen privaten museen, wozu das mauermuseum aber als allererstes gezählt werden muss. das einzige, was man hildebrandt zugutehalten kann, ist – zumindest nach außen – das gedenken der maueropfer, deren zahl bis heute zerstritten statt aufgearbeitet wird.
und was kommt an die stelle von erichs lampenladen? bloß schnell abreißen das olle ding und statt eines sinnvollen konstruktes, das alle historisch relevanten aspekte des ortes aufarbeitet, das alte schloss aufbauen. aber ja auch nur hinsichtlich der fassade...

Vorschlagsarm

Verehrter Lampenladenabreissgegner.
Was hätten Sie denn als Nutzung empfohlen ?
Diese asbestverseuchte Hütte hätte denn wozu gedient ?
Schon die Asbestentsorgung hat den Senat an den Rand seiner Möglichkeiten gebracht.
Der Erhalt dieses Hauses hätte über die Jahre Millionen gekostet.
Interessant und unabhängig aller Finanzprobleme wäre es schön Sie würden Alternativen anführen.
Die wurden über Jahre ergebnislos diskutiert.
Jedes billige Einfamilienhaus war energetisch auf einem höheren Stand

Erinnere ich mich richtig war sogar der Bund "Vorschlagsarm"

schloss/palast-platz

es ging mir nicht darum, dem abriss des "palastes der republik" hinterherzutrauern, sondern darum, dass mit der (teil)rekonstruktion des alten schlosses (also mit einem noch älteren unterdrückungsrelikt als es der ddr-palast war) die jüngere deutsch-deutsche geschichte eingestampft und zugebaut wird, damit auch die teilung deutschlands und vieler orte, es war ja nicht nur berlin betroffen. den ultimativen vorschlag für die nutzung des "Schloßplatzes" habe ich auch nicht, aber er zeigt, dass man die ddr-vergangenheit genauso ungern an deutschland kleben hat wie die ns-zeit. es ist eben hässlich, und das schlimme ist: die alten funktionäre sind noch da, in anderen anzügen und uniformen auf posten, die heute anders heißen. und weil das alles unschön ist, ziehen wir lieber eine hübsche schlossmaske auf und schwelgen in der guten alten zeit.

die ddr-vergangenheit gehört aber nicht nur zu ostdeutschland, sondern durch die wende zur heutigen bundesrepublik. nur gekümmert wird sich darum viel zu wenig! (stichpunkt lohnunterschiede - packt keiner an) die nutzung der fläche als ort für freiluft-ausstellungen/veranstatungen wie jetzt zum 775. geburtstag oder auck die aktion poetry rain vor ein paar jahren fand ich zB gut.

Wo verlief die Mauer?

Tatächlich war das (auch bei mir) eine der heißesten Fragen. Ich finde die Restmengen an Mauer zu wenig. Allerdings hat der Autor das Mauerstück am Potsdamer Platz nicht erwähnt. Das ist immerhin wichtig. Noch etwas: Besucher machen sich keine Vorstellung davon, dass das ganze Stadzentrum früher eigentlich "Ost" war, oder wie die Grenze sonst gar nicht Nord-Süd verläuft.

Mauer wieder aufbauen? Nun, es ist wahnsinnig viel wiederaufgebaut in den Osten, und eines der Höhepunkte die Frauenkirche. Aber etwas wiederaufgebaut was hässlich ist? Schwer vorstellbar.

Nach 19 Jahren...

... in der Hälfte der Stadt, wo die Mauer nicht "hübsch" aussah, komme ich nun seit 23 Jahren gut ohne ihren Anblick aus...

@Markus Horeld

Die Mauer als Touristen-Attraktion bringt weder den Touris noch der Generation meiner Söhne die Perversion, die Angst, die Sprachlosigkeit, die Resignation und die Hilflosigkeit rüber, die diesen Staat ausgemacht hat. Dieses Land brachte Schlimmeres als eingesperrt sein oder besser gesagt, aus der echten Welt ausgesperrt sein...

@Vote Saxon

Genau darum geht es. Solche Erfahrungen wie die Ihren verschwinden langsam. Viele Jugendliche in Deutschland können sich eine Diktatur überhaupt nicht vorstellen. Es geht mir nicht um eine Touristen-Attraktion (vielleicht hätte ich die Touristen aus dem Text besser weggelassen, aber deren Beispiel veranschaulicht es so gut), es geht um Erinnerung. Und die ist, glaube ich, begreifbarer, wenn man den Irrsinn einer solchen Mauer sieht. Natürlich muss dennoch erklärt und beschrieben werden. Das Bauwerk allein bringt nichts.
Grüße, Markus Horeld

Re: Wo verlief die Mauer?

Wo verlief die Mauer? - Das ist für mich als im Ostteil der Stadt gebornener Berliner eine interessante Frage. Mit Hilfe einer Art Intuition, kann ich immer sagen, ob ich mich gerade im Ost- oder Westteil befinde. Die Stadtteile sehen irgendwie verschieden aus. Es sind die Häuser, Straßen, Geschäfte und Menschen, die anders aussehen. Im Westen wirkt alles älter, Fassaden und Bahnhöfe, im Osten ist es oft etwas trostloser, leere Geschäfte, einsame Kneipen. Pauschalisieren kann man das nicht, denn einerseits werden die Stadtteile immer ähnlicher und andererseits sind die genannten Punkte nur von kleiner Bedeutung. Man kann die Unterschiede nur schwer erkennen, aber irgendwie sind sie da.